01.10.2011

POPDer Anonyme Musiker

Countrysänger, Schriftsteller, Schauspieler: Der Texaner Steve Earle, Geschichtenerzähler des amerikanischen Niedergangs, glaubt, dass sein Land nur eine Chance habe - es muss in Therapie.
Es klingt merkwürdig, vor allem aus dem Mund dieses Mannes. Steve Earle sieht nicht gerade aus wie der Typ, bei dem ein Land sich Rat holen würde. Aber möglicherweise hat er recht: Vielleicht liegt Amerikas letzte Hoffnung wirklich im Drogenentzug.
Earle sitzt in einem schäbigen Raum hinter der Bühne des Molson Amphitheatre von Toronto und trinkt Tee aus einem Pappbecher. Er hat einen langen grauen Bart, trägt ein schwarzes T-Shirt, ausgebeulte Jeans und dicke Stiefel. Wenn er seine Brille aufsetzt, wirkt er wie ein Professor. Er ist einer der bekanntesten amerikanischen Countrysänger und jetzt 56 Jahre alt, die meiste Zeit seines Lebens war er Junkie, seit 17 Jahren ist er clean, und er hat inzwischen eine geradezu unheimliche Produktivität entwickelt, Platten gemacht, als Schauspieler gearbeitet, Bücher geschrieben, sich mit den amerikanischen Konservativen angelegt. Steve Earle ist eine der großen Figuren der amerikanischen Musik. Ein Songwriter, Künstler, Intellektueller.
"Schau dir die USA an", sagt Steve Earle. "Dieses Land fällt auseinander. Rechts und links, niemand hört auf den anderen, den Reichen ist es egal, wie es den Armen geht. Und mir geht es genauso: Ich will auch nichts von den Republikanern wissen. Aber dann gibt es diese Treffen, bei dem die Süchtigen miteinander reden. Jeder kennt den anderen nur mit dem Vornamen. Und auf einmal ist es gleichgültig, wie viel Geld jemand hat oder was jemand politisch glaubt. Für eine Stunde sitzen wir zusammen, weil es für uns alle eine Frage von Leben und Tod ist."
Später am Abend wird Earle zusammen mit seiner Band auftreten, vor mehr als 10 000 Zuschauern, er wird seine Musik spielen, die eigentlich für viel kleinere Bühnen gemacht ist als diese Freiluftarena direkt am Ontariosee und die trotzdem bejubelt wird. Alternative Country nennt man die Musik, die Earle spielt. Das sei, sagen Spötter, Country für Leute, die keinen Country mögen, näher am Rock als am Rodeo. Earle hat dieses Genre Mitte der Achtziger miterfunden. Damals war er ein heroinspritzender Musiker-Rebell, berüchtigt für seine Launen, selbstzerstörerisch und aufsässig. Jetzt ist er im Tourbus mit Frau, Kind, Babysitter und Hund unterwegs. Seine Songs sind besser als je zuvor.
Steve Earle hat ein Lied geschrieben über diese Treffen, die ihm das Leben gerettet haben und von denen die Amerikaner lernen könnten, einander wieder zuzuhören. "God Is God" heißt es, und eigentlich war es für Joan Baez gedacht. Earle spielt es auch an diesem Abend in Toronto. Es klingt wie eine religiöse Hymne oder wie ein Liebeslied. Tatsächlich aber hat Steve Earle, der ehemalige Junkie, der Songwriter, der linke Polit-Aktivist und die Country-Ikone, einen Song über die Anonymen Alkoholiker und der ihnen verbundenen Anonymen Narkotiker komponiert.
Seit über 70 Jahren gibt es die Organisation nun schon, ohne sichtbare Leitung, eine Bewegung, die an der Basis entsteht und an der Basis wirkt, damals von einem Arzt und einem Börsenmakler ins Leben gerufen. Das sogenannte Twelve-Step Program bildet das Zentrum: zwölf einfache Glaubenssätze, sie sind das wahrscheinlich erfolgreichste Suchtbekämpfungsprogramm der Welt.
Der Süchtige soll anerkennen, dass er ein Problem hat, das größer ist als er selbst und das er nur mit Hilfe einer höheren Macht besiegen kann. Zusammen mit bereits Geläuterten soll er seine Fehler analysieren, die Verantwortung dafür übernehmen und sich entschuldigen. Er soll sein Leben ändern, und wenn er es geschafft hat, soll er anderen dabei helfen, ebenfalls ihr Leben zu ändern.
Steve Earle steht auf der Bühne, um ihn herum seine Band, er hat die Akustikgitarre im Arm und singt: "God, in my little understanding, don't care what name I call, whether or not I believe doesn't matter at all. I receive the blessings, that everyday on Earth is another chance to get it right." Gott ist es egal, wie ich ihn nenne, seinen Segen gibt er, damit wir unsere Fehler korrigieren.
Es ist eine seltsame Mischung aus Spiritualität und Gesprächstherapie und eine der großen amerikanischen Erfindungen des 20. Jahrhunderts. Denn dieser Gott, der dem Süchtigen helfen soll, ist kein alttestamentarischer Donnergott und auch kein lieber Kirchentagspapa - es ist ein pragmatischer, uramerikanischer Selbstverbesserungsassistent. Er hat den Menschen nicht erschaffen, er hilft ihm dabei, sich selbst zu erschaffen.
Wie ein dichtes Netz überziehen heute die Gruppen der Anonymen Alkoholiker und der Anonymen Narkotiker die Vereinigten Staaten. Für so manchen Amerikaner sind sie eine zweite Heimat, ein Ort, an dem sie "ich" sagen können, eine Gemeinschaft, die jeden so akzeptiert, wie er ist, solange er bekennt, süchtig zu sein.
Für Steve Earle war es die letzte Rettung.
Er redet ungern über die Therapie, auch das ist Teil der Therapie. Dafür aber kann man ihn in der legendären Fernsehserie "The Wire" sehen, in der er den ehemaligen Junkie Walon spielt, der zu einer Gruppe von Anonymen Narkotikern gehört. Die Serie selbst erzählt den Niedergang der ehemals florierenden Ostküstenstadt Baltimore, die schon lange beherrscht wird von den Drogen-Gangs und in der nur eins noch zu funktionieren scheint: der Handel mit Heroin und Crack. Eigentlich spielt Earle in diesen Folgen sich selbst - wie er redet, in diesem eigenartig hippiehaft gedehnten und verschluckenden Südstaatenakzent, wie er sich mit seinem massigen Körper hinter das Rednerpult schwingt, mit diesen Bewegungen, die gleichzeitig ungelenk sind und doch fließen, wie er erzählt, was er durch die Sucht verlor und durch die Therapie gewann.
"Ich mache Kunst", sagt Earle, "weil ich damals beinahe gestorben wäre. Ich habe mich missbraucht, habe dafür bezahlt, ich habe alles verloren und musste neu starten. Und deswegen habe ich angefangen zu schreiben, weil auch das zur Therapie gehört."
Am Anfang war es ein Tagebuch. Aber wie viele ehemals drogenabhängige Künstler hat auch Earle das Gefühl, er müsste die verlorenen Jahre aufholen. So wurde aus den Notizen ein Roman: "I'll Never Get out of This World Alive" heißt er, und wie in Earles ganzem Schaffen geht es auch hier um Countrymusik, Politik und Drogen(*).
Ein von Gewissensbissen gequälter Abtreibungsarzt kümmert sich im Rotlichtviertel des texanischen San Antonio in den frühen Sechzigern um jene Frauen, die kein Geld für einen regulären Arzt haben. Sprechstunde ist im Hinterzimmer einer Kneipe, das Geld gibt er für Drogen aus. Aber sobald er sich einen Schuss gesetzt hat, erscheint ihm der Geist von Hank Williams, denn Doc fühlt sich für dessen Tod verantwortlich. Hank Williams ist der Säulenheilige aller Country-Rebellen, ein singender Tunichtgut, der 1953 starb, sein letzter Song hieß "I'll Never Get out of This World Alive". Und tatsächlich gab es auch im Leben des echten Hank Williams einen Arzt, einen Quacksalber, der behauptete, Alkoholiker mit ein paar geheimen Mittelchen heilen zu können.
Vor allem aber geht es in Earles Roman um die Schönheit und den Schrecken der Drogen. Es beschreibt das Elend, beim Dealer um einen Schuss zu betteln; die warme Ruhe, die der Rausch erzeugt; das Glücksspiel, sich die richtige Dosis zu geben; den Tanz am Abgrund, wenn es einmal beinahe zu viel ist; die Härte des Entzugs und die Schwierigkeiten, danach nicht wieder rückfällig zu werden. Fast neun Jahre hat Earle daran geschrieben.
Earle ist ein Spätzünder. Er war es schon immer. Erst mit 31 veröffentlichte
er seine erste Platte. Sein Programm war einfach: Er wollte die Countrymusik, die früher einmal der Blues des weißen Mannes war, aber längst zu einer lieblich-schwülstigen Anpassermusik verkommen ist, mit der Rebellenpose des Rock'n'Roll verschmelzen. Die Symbiose gelang ihm perfekt, vermutlich zu perfekt, es endete mit dem Totalabsturz 1994.
Heute, nach dem Entzug, ist er ein besserer Sänger, Musiker und vor allem Songwriter als jemals zuvor. Country, Rock, Irish Folk, Bluegrass: Earles Musik beruht auf den musikalischen Formen, die die Einwanderer einst mitbrachten und die die Verlierer dann weiter kultivierten, der Sound, der die Große Depression begleitete.
Gleichzeitig ist Earles Art von Country heute die Musik amerikanischer Bildungsbürger. Die Unterschicht Amerikas hört HipHop. Earle versucht, diese Musik lebendig zu halten, sie zu aktualisieren, die widerständigen Kräfte, die in ihr stecken, neu zu aktivieren.
In "John Walker's Blues" erzählt Earle die Geschichte von John Walker Lindh, dem sogenannten amerikanischen Taliban, der in einem amerikanischen Gefängnis sitzt, verurteilt zu 20 Jahren wegen Landesverrats. In "Over Yonder (Jonathan's Song)" singt er über das Schicksal des Doppelmörders Jonathan Nobles, mit dem Earle einen langen Briefwechsel hatte. Earle ist erbitterter Gegner der Todesstrafe und begleitete Nobles bis zur Hinrichtung.
Earle ist in San Antonio aufgewachsen, der Stadt, in der auch sein Roman spielt. Mit elf Jahren bekam er seine erste Gitarre, mit dreizehn Jahren begann er mit den Drogen, erst Marihuana und LSD, dann Heroin. Das war 1968, und den Stoff brachten die Piloten der US-Armee aus Vietnam mit, die auf einem Flughafen dort stationiert waren. "Ich war ein Hippie", sagt Steve Earle. "Ich habe die Drogen nicht aus Verzweiflung genommen, sondern weil ich was erleben wollte. Mir sind die Leute, die nie in ihrem Leben LSD genommen haben, auch heute immer noch ein wenig suspekt."
Mit 17 ging er nach Houston und geriet bald in den Dunstkreis des Songwriters Townes Van Zandt, eines Außenseiters der Pop-Geschichte, der ein zweiter Bob Dylan hätte werden können, wenn er nicht dem Alkohol und dem Heroin verfallen gewesen wäre. Van Zandt starb ausgezehrt 1997.
Mitte der Siebziger waren die beiden nach Nashville gezogen, der amerikanischen Countrymusik-Metropole, dort versuchte Earle sich als Songwriter durchzuschlagen. Beinahe hätte sogar Elvis Presley einen seiner Songs gesungen, alles war vorbereitet, die Begleitband wartete im Studio, aber dann tauchte Elvis nicht auf.
Das Heroin war immer mit dabei. "Aber ich hatte lange Zeit Glück", sagt Earle, "weil ich ziemlich wenig Geld verdiente. Es reichte nie, um all die Drogen zu kaufen, die ich wollte."
Mitte der achtziger Jahre kam dann endlich der Ruhm, und der Abstieg begann. Immer mehr Drogen, immer mehr Ehefrauen, immer weniger Kontrolle über sein Leben.
1992 verschwand er für zwei Jahre in den Crackhäusern von Nashville. Heute nennt er die Zeit seinen "Ghetto-Urlaub". Er wurde wegen Drogenbesitzes verhaftet und kam auf Bewährung frei, verstieß gegen die Auflagen und wurde in Abwesenheit zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.
Er war 39 Jahre alt und am Ende.
Er beschloss, sich zu stellen. Er kaufte ein letztes Mal Crack und ging dann zur Polizei. Im Staatsgefängnis von Tennessee machte Steve Earle einen kalten Entzug, nach ein paar Wochen wurde er auf eine Therapiestation verlegt.
17 Jahre ist das jetzt her, "aber ich gehe immer noch zu den Meetings, egal, in welcher Stadt ich gerade bin. Ich mache diese ganzen Twelve-Steps-Dinge, es ist immer noch das Zentrum meines Lebens. Es ist eine große Community".
So hat Earle Hunderte Leute getroffen, von ihren Geheimnissen, Fehlern, Süchten erfahren. Nie weiß er, wer sie wirklich sind, er weiß nur, wie sie mit Vornamen heißen. Er weiß so viel von ihnen und kennt sie trotzdem nicht. Aber diese Treffen erfüllen Earles Sehnsucht nach einer Gesellschaft, in der die Menschen einander helfen und miteinander sprechen, es ist so etwas wie ein Gegenprogramm in einem therapiebedürftigen Land.
Und auch das ist eine Lehre der Anonymen Süchtigen: Die Vergangenheit ist nie vorbei.
Earles Sohn Justin Townes, benannt nach dem alten Musikerfreund, wurde 1982 geboren, es waren die wilden Zeiten. Wie sein Vater hat er nie das College besucht, und wie sein Vater ist auch er heute ein Musiker. Vor einem Jahr musste Justin Townes das erste Mal in eine Entzugsklinik.
(*) Steve Earle: "I'll Never Get out of This World Alive". Aus dem amerikanischen Englisch von Gunnar Kwisinski. Blessing Verlag, München; 384 Seiten; 19,95 Euro.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 40/2011
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