10.10.2011

TUNESIENDer lächelnde Islamist

In dem Land, in dem die erste arabische Revolution stattfand, gibt es Ende kommender Woche auch die ersten freien Wahlen. Die Islamisten um den aus dem Londoner Exil zurückgekehrten Rachid al-Ghannouchi könnten dabei zur stärksten Partei werden.
Aus dem älteren pausbäckigen Herrn mit dem weißen Bart wird in diesem Leben kein großer Redner mehr, und trotzdem sind seine Anhänger auch heute wieder zu Tausenden gekommen. Seine Helfer karren ihn seit Monaten von Amphitheater zu Turnhalle, und die Massen bejubeln seine bleiernen Vorträge, seine steifen Gesten, als ob er der Charismatiker wäre, der er nicht ist.
Rachid al-Ghannouchi, 70, Anführer der Islamistenpartei al-Nahda, spricht an diesem Tag zu den Menschen von Sidi Bouzid, wo im Dezember vergangenen Jahres die tunesische Revolution ihren Anfang nahm. Er preist die Märtyrer des Aufstands, er spricht vom Islam und der Freiheit und lächelt sein großväterliches Lächeln, während die Bodyguards düster in die Menge blicken. Es ist der vorvergangene Samstag, der offizielle Beginn des tunesischen Wahlkampfs.
Ghannouchi ist die politische Attraktion Tunesiens, seit er zu Beginn des Jahres aus dem Londoner Exil in seine Heimat zurückkehrte. Warum dieser professoral wirkende Mann so viele Menschen bewegt, warum er solche Verehrung hervorruft und solchen Hass, ist schwer zu verstehen, wenn man ihn reden hört. Aber wenn die Tunesier am 23. Oktober zum ersten Mal frei wählen, wird sich fast alles um ihn drehen. Es geht an diesem Tag um die Seele und die Zukunft Tunesiens.
Das Land, das in diesem Jahr als erstes in der arabischen Welt seinen Diktator stürzte, den korrupten Zine el-Abidine Ben Ali, lässt seine Bürger auch als erstes frei wählen, eine verfassunggebende Versammlung. Deshalb ist der Ausgang der Wahlen auch ein Signal für die ganze arabische Welt.
Natürlich ist Tunesien diesen freien Wahlen nicht gewachsen, weder der Staat noch die Medien, noch die Bürger sind es. Aus der rohen Wucht einer Revolution entwickelt sich so schnell kein staatsbürgerliches Bewusstsein, ein repressiver Staat wird nicht über Nacht liberal. Und eine Presse, die lange über gar nichts berichten durfte, muss auch erst lernen, dass das wilde Verbreiten von Gerüchten kein Journalismus ist.
Dennoch sind die Aussichten auf einen erfolgreichen demokratischen Prozess in keinem anderen arabischen Land so gut wie hier. Die Überreste des alten Regimes sind, anders als in Ägypten, nicht besonders mächtig. Und im Vergleich zu Libyen verfügt Tunesien über eine gutgebildete, homogene Bevölkerung.
Ghannouchi ist nach Sidi Bouzid gekommen, wo sich vor zehn Monaten ein Früchtehändler selbst anzündete und damit Feuer im ganzen Land legte. Er kehrt symbolisch dahin zurück, wo alles begann, ins konservative Landesinnere, wo soziale Proteste die Revolution erst auslösten. Hier hofft seine Partei auf einen überwältigenden Sieg.
Es sind 6000 Menschen gekommen, um ihn zu sehen, so viele waren es oft in den vergangenen Monaten. In den kommenden Tagen, wenn er durch das Landesinnere tourt, wird er eine Massenveranstaltung nach der anderen absolvieren.
Er schärft bei seinen Auftritten die Botschaft, die er und seine Sprecher seit seiner Rückkehr verkünden: Al-Nahda sei eine gemäßigte Partei, vergleichbar der AKP in der Türkei oder den Christdemokraten in Deutschland. Die Antwort auf die Frage, ob das wirklich stimmt, weiß niemand mit Sicherheit.
Ghannouchi wurde in den sechziger Jahren in Syrien politisiert, er steht der Muslimbruderschaft nahe und hat in der Vergangenheit die Selbstmordattentäter der Hamas gepriesen. 1991 verübten radikale Anhänger seiner Bewegung einen Säureanschlag auf Mitglieder der Regierungspartei, in den Achtzigern legten sie Bomben in Hotels. In seinen Schriften lässt sich nachlesen, dass eine islamische Demokratie undenkbar sei, in der die Scharia nicht über allem stehe.
Vieles davon liegt lange zurück, und wer sich seit dem Sieg der Revolution mit ihm unterhält, bekommt zu hören, dass er ein Moderater sei, der niemandem seine Religiosität aufzwinge und für die Gleichberechtigung der Frau einstehe, seine beiden Töchter arbeiteten als Anwältin und Journalistin, beide tragen Kopftuch. Gern spricht er von den türkischen Islamisten, denen er sich nahe sieht.
Ghannouchis Gegner bezichtigen ihn der Doppelzüngigkeit, sie glauben nicht, dass der Mann sich in seinem Londoner Exil so sehr verändert haben soll.
Als er am 30. Januar, zwei Wochen nach Ben Alis Sturz, mit einem British-Airways-Flug in Tunis landete, verglichen manche dieses Ereignis mit der Rückkehr Ajatollah Chomeinis nach Teheran aus dem Exil im Jahr 1979. Die tunesischen Behörden waren so nervös, dass sie am Flughafen von Tunis versuchten, Bilder zu verhindern, die Ghannouchi beim Aussteigen aus dem Flugzeug zeigten.
Tausende Anhänger erwarteten ihn, vor lauter Ekstase erdrückten sie Ghannouchi fast, als er sich den Weg aus dem Flughafengebäude bahnte, und der Mann, der an diesem Tag aus der Vertrautheit seiner Londoner Studierstube gerissen worden war, sah in der Menschenmenge nicht glücklich aus, sondern hatte angstgeweitete Augen. Für die islamistische Bewegung in Tunesien war seine Heimkehr ein Triumph. Noch nie hatte man sie in dieser Stärke gesehen. Jahrzehntelang hatten die Machthaber sie verfolgt.
Auf dem Flug von London nach Tunis begleiteten ihn Dutzende exilierte Mitglieder seiner Partei, er selbst saß ungeheuer zufrieden auf seinem Platz und beteuerte im Interview, dass er keinem Mädchen ein Kopftuch aufzwingen werde, dass er ein Demokrat sei. Er gab den lächelnden Opa, vor dem sich niemand zu fürchten braucht. Abends empfing er seine Anhänger im Haus seines Bruders, im Stadtteil Menzah VI, und der Mann, den sie Scheich nennen, war umschwärmt von seinen engsten Getreuen. Sie spürten, dass jetzt alles möglich war.
Und viele säkulare Tunesier im Land bekamen es mit der Angst zu tun. Sie fragten sich: War das der Preis für die Revolution?
Tunesien ist das liberalste Land der arabischen Welt. Die Gleichberechtigung der Frauen ist in der bisherigen Verfassung verankert. Frauen genießen gesellschaftliche, berufliche und sexuelle Freiheiten wie in keinem anderen islamisch geprägten Land. Alkohol ist im ganzen Land verfügbar, westliche Touristinnen, die barbusig am Strand liegen, werden toleriert.
Der Mann, der diese Weltlichkeit begründete, war Tunesiens erster Präsident Habib Bourguiba. Nach dem Abzug der französischen Kolonialmacht im Jahr 1956 gestaltete er einen Staat nach französischem Vorbild. Bourguiba war kein religiöser Mensch, er forderte seine Bürger auf, lieber die Unterentwicklung des Landes zu bekämpfen, als den Ramadan zu befolgen, und ließ sich sogar filmen, wie er trotz des Fastengebots am helllichten Tag einen Orangensaft trank.
Es ist eine französisch geprägte und oft auch in Frankreich ausgebildete Elite aus den Städten der Küsten, die dem Land ihren Stempel aufgedrückt hat. Wer gebildet ist, spricht Französisch und lässt gern ganze Sätze in sein Arabisch einfließen. Die Wirtschaftsbeziehungen zu Frankreich machen rund ein Drittel der Wirtschaftsleistung aus. Der Journalist Mongi Khadraoui von der Tageszeitung "al-Chourouk" sagt: "Wir Tunesier sind Araber, die gern Europäer wären."
Es ist diese Elite, die Rachid al-Ghannouchi verachtet, und es sind ihre Werte, denen er den Kampf angesagt hat. Der säkulare Präsident Bourguiba war sein Widersacher, er ließ Ghannouchi wegen islamistischer Umtriebe zu elf Jahren Gefängnis, zu Zwangsarbeit und zur Todesstrafe verurteilen. Was auch immer seine konkreten politischen Ziele sind, der Kulturkampf, den er führt, ist jahrzehntealt. Es ist auch ein Kampf gegen die Folgen des Kolonialismus und für die Rückkehr zu den arabisch-islamischen Wurzeln.
Im Juni, auf einer Wahlkampfreise nach Bizerte, im Norden des Landes, wird Ghannouchi von seinem Sohn Moadh begleitet, der in London aufgewachsen ist, er drückt es so aus: "Die Franzosen haben in diesem Land eine Elite geschaffen, die sein will wie sie, die sich unwohl fühlt mit ihrer arabischen Identität und dies überträgt auf ihr Volk." Al-Nahda hingegen wolle eine Modernität schaffen, die aus der tunesischen Kultur komme.
Ghannouchi sitzt an diesem Tag im Amphitheater von Bizerte unter einem Sonnenschirm, es warten 8000 Menschen auf ihn, eine hübsche junge Frau, die ihren Hidschab so streng trägt wie in den TV-Serien vom Golf, hebt ein lautes Klagelied auf das palästinensische Volk an, bei dem sich ihre Stimme dramatisch überschlägt. Dann erst spricht Ghannouchi. "Ich grüße die Frauen, die Säule der Familie", sagt er, "sie sind es, die unsere Bewegung gestützt haben." Er fügt hinzu: "Der Hidschab ist eine Grundlage des Islam, aber wir grüßen alle revolutionären Frauen. In Tunesien haben wir jene, die beten, und jene, die es nicht tun. Die werden es hoffentlich morgen tun."
Es wird ihm bei diesem Ausflug nach Bizerte auch vor Augen geführt, dass Tunesien alles andere als ein islamisches Musterland ist. Als er an jenem Tag eine Gruppe von Geschäftsleuten trifft, die er vom sozial ausgerichteten Kapitalismus seiner Partei überzeugen will, betrinken sich in der Bar des Konferenzhotels schon seit dem Morgen die Stammgäste. Es ist ein absurdes Bild, als die Betrunkenen an den Islamisten vorbeitorkeln.
Will er Alkohol verbieten? Will er noch Badeurlauber zulassen? Ghannouchi sagt, man müsse die Tunesier fragen, ob sie diese Dinge wollten, es gebe ja noch andere Arten von Tourismus als Badeurlaub. Er lächelt wieder, eine Sphinx.
Al-Nahda wird aus den Wahlen gestärkt hervorgehen, daran bestehen keine Zweifel. Es gibt Umfragen, nach denen Ghannouchis Partei mit einem Anteil von 20 bis 30 Prozent stärkste Partei würde. Wie verlässlich solche Umfragen sind, kann niemand sagen.
Al-Nahda ist von allen Parteien die am besten organisierte, sie verfügt offensichtlich über gewaltige Geldmittel, deren Herkunft ungeklärt ist, sie hat Hunderte Orts- und Jugendgruppen, die seit Monaten aktiv sind. Und obwohl die Islamisten zur Revolution wenig beigetragen haben, genießen ihre Politiker eine hohe Glaubwürdigkeit, weil viele von ihnen verfolgt und gefoltert wurden.
Doch selbst wenn al-Nahda die Wahlen gewinnen würde, könnte eine Koalition säkularer Parteien die neue verfassunggebende Versammlung dominieren. In den Umfragen folgen knapp hinter den Islamisten zwei liberale Parteien, darunter die PDP von Ghannouchis wohl größtem Gegenspieler Ahmed Néjib Chebbi, einem Mitglied der säkularen Elite.
Trotz aller Aufregung wird der Kulturkampf zwischen Islamisten und Säkularen die Wahlen wohl nicht allein entscheiden, sondern das Thema Wirtschaft. Die schweren sozialen Probleme, die zur Revolution führten, haben sich in diesem Jahr massiv verschärft, das Wachstum ist von durchschnittlich 4,5 Prozent jährlich auf 0,3 Prozent eingebrochen, die Einnahmen aus dem Tourismus sind um 40 Prozent gefallen, die hohe Arbeitslosigkeit weiter angestiegen.
Die größte Gefahr ist nun, dass die Menschen sich um die Früchte ihrer Revolution betrogen fühlen und es zu neuen Unruhen kommt.
Rachid al-Ghannouchi hat seinen Wählern bei einem Wahlsieg einen Boom versprochen wie in der Türkei, seinem großen Vorbild. Auch dort regieren schließlich Islamisten.
Von Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 41/2011
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