10.10.2011

INTELLEKTUELLENoch eine zweite Flasche

Der britisch-amerikanische Autor Christopher Hitchens hat sich mit allen angelegt: mit Henry Kissinger und Bill Clinton, mit den Linken und sogar mit dem lieben Gott. Nun ist er sterbenskrank.
Der Agent Danny Baror ist ein Schwergewicht im amerikanischen Literaturgeschäft, einer, der am Telefon gern mal brüllt, einer, der ein "Nein" nicht akzeptiert.
An diesem Nachmittag aber klingt Barors Stimme traurig und klein. Er hat Nachrichten von Christopher Hitchens, einem seiner Starautoren, und die Nachrichten sind nicht gut.
"Christopher stirbt", sagt Baror. "So wie es aussieht, wird er das Krankenhaus nicht mehr verlassen." Einige Tage noch, Wochen vielleicht. "Es scheint, als wolle der Tod sich Christopher jung holen."
Hitchens ist kein junger Mann mehr, 62 Jahre alt, aber lange schrieb und lebte er wie ein junger Bursche. Der Krebs packte ihn auf einer Lesereise im Sommer vergangenen Jahres, als er in einem Hotel in New York aufwachte und dachte, dies sei ein besonders schlimmer Kater.
Ein Kater, der sein Herz nur noch langsam schlagen ließ. Einer, der sich anfühlte, als hätte jemand seinen Brustkasten mit Zement gefüllt. Hitchens hatte am Abend vorher seine Autobiografie vorgestellt. Ein Buch, das unter dem Titel "The Hitch", seinem Spitznamen, gerade auch auf Deutsch erschienen ist.
Es ist die Geschichte eines rastlosen Lebens, der Sturmlauf eines angelsächsischen Starintellektuellen, der als Kind im Internat lernte, Worte wie Waffen einzusetzen. Die Geschichte eines Dandys, der sich an der Elite-Universität Oxford den Trotzkisten anschloss und registrierte: "Wenn du eine ordentliche öffentliche Rede halten oder eine einigermaßen gute Figur auf dem Podium abgeben kannst, dann brauchst du nie allein zu dinieren oder zu schlafen."
Hitchens avancierte zum Pyrotechniker des politischen Essays. Er konnte angreifen wie ein britischer Bullterrier und behielt trotzdem einen Sinn für die elegante Ironie eines Oscar Wilde. Niemals langweilen, das ist sein Motto, das war das Motto seiner Mutter, Hitchens bekam es so regelmäßig serviert wie andere Engländer den Porridge.
Seine Mutter hatte aber auch die Vorstellung: "Wenn es in diesem Land eine Upperclass gibt, dann wird Christopher dazugehören." Stattdessen arbeitete er für kleine radikale Zeitschriften, die zwar schlecht zahlten, aber trotzdem etwas boten: eine Heimat und die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen. Auch wenn Hitchens die in seinem Leben immer mal wieder wechselte.
Heute schreibt er für "Vanity Fair", "Atlantic Monthly", für das Online-Magazin "Slate". Er hat mehr als 20 Bücher veröffentlicht, die meisten von ihnen sind Tiraden. Tiraden gegen Henry Kissinger, Mutter Teresa, Bill Clinton und den lieben Gott, seinen größten Feind. Aber er hat auch viel über Literatur geschrieben, über George Orwell, Graham Greene, Somerset Maugham und auch über Harry Potter.
Bill Keller, der ehemalige Chefredakteur der "New York Times" - nicht immer, möglicherweise fast nie Hitchens Meinung -, lobte ihn als einen Autor, dessen Texte man nicht vergisst, egal was man von ihnen hält. Hitchens schreibt über die Zehn Gebote genauso wie über Fellatio, über Baader-Meinhof genauso wie über Heinrich VIII. Und auch darüber, warum Frauen keinen Humor haben.
Er war ein klassischer Linker, unterstützte den Kampf der Unterdrückten in der Dritten Welt. Aber als sein Freund Salman Rushdie 1989 Opfer einer Fatwa wurde, änderte sich sein Weltbild, und nach den Anschlägen im September 2001 schließlich betrieb er in Washington eine Kampagne für einen Einsatz im Irak. "The Hitch", das ist die Biografie eines Renegaten mit Prinzipien: gegen jeden Totalitarismus, für die Freiheit. Gegen den Glauben, für die Vernunft.
Ende vergangenen Jahres konnte man ihn noch besuchen in seiner Dachwohnung in Washington. Er stand im Flur, gerade wie ein Soldat, die oberen drei Knöpfe seines Hemds geöffnet. Es war 17 Uhr, Hitchens fragte, was man trinken wolle.
Einen Tee, vielleicht?
Sein Gesicht wird starr. Was das denn solle, fragt er. Später Nachmittag, Zeit für etwas Ordentliches. "Den Whisky mit Eis oder Wasser oder Ginger Ale?"
Nach seiner Erkrankung bekam er viel Post, vor allem von seinen Feinden, die seine Krankheit als gerechte Strafe Gottes bejubelten. Post, in der ihm seine Gegner einen qualvollen Tod wünschten. Fahr zur Hölle, Hitch.
Reue aber gehört nicht zu Hitchens' Repertoire. "Keine Chance", sagt er.
Keinerlei Reue für seine ätzende Religionskritik.
Keine Reue für sein Kriegsgetrommel.
Keine Reue auch für seinen Lebensstil. "Ich habe die Kerze immer von beiden Seiten brennen lassen, ein besonders schönes Licht. Und selbst, wenn meine Stimme wegbleibt, werde ich weiterhin gegen die Religion polemisieren. Wobei ich nicht ausschließe, dass ich irgend-wann, verängstigt, halbbewusst und dem Schwachsinn nahe, nach einem Priester rufen werde. Aber hier und jetzt, im Zustand absoluter Geistesgegenwärtigkeit, sage ich, dass ich mit diesem Wesen, das sich derart erniedrigt, nichts zu tun hätte."
Hitchens geht auf die Dachterrasse, unten liegt Washington, er nippt an seinem Johnnie Walker und zündet sich eine Zigarette an. Er bittet, dies nicht zu erwähnen, er hasse die Tabakindustrie. Früher hat er sich gerühmt, sogar unter der Dusche zu rauchen. "Und es war mir immer klar, dass mein Boheme-Leben eine Gefahr für meine Zellen ist", sagt Hitchens. "Eine Wette, die ich verlieren könnte. Das ist jetzt passiert, und ich habe kein Recht, deshalb überrascht zu sein." Nichts würde er anders machen. Nicht den Tabak, nicht den Alkohol. Immer noch eine zweite Flasche Wein bestellen beim Abendessen mit einem Freund.
Hitchens hat trotzdem nie eine Deadline verpasst. Er arbeitete viel, gut und hart. Morgens las er, ab Mittag schrieb er an Büchern und Artikeln, und wenn dann abends noch jemand aus London anrief, um tausend Worte zu bestellen, dann war eben immer noch Zeit für eine "schnelle, kurze Sache". Im "New Yorker" stand einmal, Hitchens schreibe in dem Tempo, in dem normale Menschen lesen.
Im Gegensatz zu vielen Kollegen, die ihre Ansichten über die Welt vom sicheren Schreibtisch aus formulieren, ist Hitchens gern und viel gereist. Kuba, Simbabwe, Nicaragua, Bosnien, Polen, Rumänien, Irak, meist war Hitchens in den vergangenen 40 Jahren vor Ort, wenn Unterdrückte ihre Peiniger abschütteln wollten.
Es gebe nichts Berauschenderes, als in dieser großen Dampflokomotive namens Geschichte mitzufahren, sagt Hitchens, "keinen fröhlicheren Moment im Leben, als frei gewählte Führungspersönlichkeiten zu umarmen, die du kennengelernt hast, als sie sich im Untergrund verstecken mussten".
Für viele Kritiker des Irak-Kriegs war Hitchens "ein nützlicher Idiot Bushs". Doch selbst nach 100 000 Toten im Irak, einer langen, erfolglosen Suche nach Massenvernichtungswaffen, einem Krieg, der auch nach acht Jahren keinen Frieden gebracht hat, glaubt er immer noch, damals die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Obwohl er nie Sympathien für Bush hatte. "Ich habe", sagt Hitchens, "wahrscheinlich mehr Bücher geschrieben, als Bush gelesen hat. Aber wenn es nach den Pazifisten gegangen wäre, wäre MiloŠević immer noch an der Regierung, hätten die Taliban immer noch die absolute Macht in Afghanistan, wäre Saddam immer noch in Kuwait und inzwischen im Besitz von Nuklearwaffen."
Hitchens ist längst das, was man hierzulande einen Bellizisten nennt, und das hat möglicherweise mit seiner Herkunft zu tun. Sein Vater kommandierte im Zweiten Weltkrieg ein Schiff der britischen Marine, das im Dezember 1943 beteiligt war an der Versenkung des deutschen Schlachtschiffs "Scharnhorst". Jedes Weihnachten erhob die Familie Hitchens ein Glas auf diese Tat. Später zweifelte der Sohn gelegentlich, ob er es jemals mit den Leistungen seines Vaters würde aufnehmen können.
Während seines Studiums in Oxford, der Vietnam-Krieg mobilisierte die Jugend, zerbrach Hitchens' Glaube an die traditionelle Politik.
Der große Gegner hieß nun Amerika, protzig, neureich, gewissensfrei. Sein größtes Feindbild wurde Henry Kissinger, über den Hitchens noch 2001 ein Buch veröffentlichte, in dem er forderte, ihm als Kriegsverbrecher den Prozess zu machen.
1981 ging Hitchens trotzdem in die USA, ein paar Besuche dort hatten ihn umgestimmt und vor allem eine Affäre mit der legendären Journalistin Anna Wintour, die heute Chefredakteurin der amerikanischen "Vogue" ist. Nun drosch er für das linke Wochenmagazin "The Nation" auf Ronald Reagan ein. Nachdem Chomeini 1989 schließlich die Fatwa gegen Rushdie verhängt hatte, sagte der: "Für Christopher war das mehr als nur der Versuch des radikalen Islam, einen Freund umzubringen. Es bedeutete für ihn die Bedrohung der Welt, in der er leben wollte."
Hitchens hatte aber auch auf mehreren Reisen den Irak von innen kennengelernt und den Kampf der kurdischen Minderheit unterstützt.
Den ersten Golfkrieg hielt er damals noch für falsch, aber das änderte sich nach einer neuerlichen Reise. Er sah, was er heute Saddams "unstillbaren Durst nach Zerstörung" nennt: gesprengte Dörfer, Massengräber. "Jeder, der sich wirklich um das Wohlergehen und Überleben der Iraker sorgte", so Hitchens in seinen Memoiren, musste "die Beseitigung dieser wahnsinnigen Despotie fordern, die das Land gerade bei lebendigem Leib auffraß".
Mit ein paar linken Gesinnungsgenossen plante Hitchens den "Regime Change" in Bagdad. Man kam erst mal nicht weit, blieb unter sich. Am 11. September 2001 hielt Hitchens an einer Universität im Staat Washington eine Vorlesung über Kissinger und René Schneider, den chilenischen Militärchef, der 1970 vermut-lich von der CIA ermordet worden ist. Dieser 11. September änderte alles. Für Hitchens war es, als sei eine schwere Tür ins Schloss gefallen.
Im Herbst 2002 lud ihn Paul Wolfowitz, stellvertretender Verteidigungsminister und einer der führenden Köpfe der amerikanischen Neo-Konservativen, zum Lunch ins Pentagon. Wolfowitz zeigte ihm ein Foto des Kabinetts von Reagan, aufgenommen an jenem Tag, als die amerikanische Führung beschlossen hatte, den Wahlsieg von Corazon Aquino auf den Philippinen anzuerkennen und den
Diktator Marcos zu kippen. "Es war das Gegenteil einer Kissinger-Politik", sagte Wolfowitz stolz. Und er sagte auch, es sei riskanter, Diktatoren zu stützen, als Demokratien aufzubauen. Hitchens war beeindruckt.
Im Juli 2003 flog der ehemalige Trotzkist Hitchens mit einem der Hauptverantwortlichen des Irak-Kriegs nach Bagdad, um den vermeintlichen Sieg Amerikas zu bestaunen. "Die Art, wie die amerikanischen Soldaten willkommen geheißen werden, ist ziemlich außerordentlich", sagte Hitchens in die Kameras des konservativen Fernsehsenders Fox News.
Es war der größte und peinlichste Irrtum seines Lebens, eines Lebens, in dem einer gern seine Angst besiegte, auch seine Angst vor Irrtümern.
Es wird nun dunkel auf der Dachterrasse in Washington. Hitchens gießt sich einen dritten Whisky ein. Er kennt die Vorhaltungen. Seit Jahren wird er verhöhnt, beschimpft, als neokonservativer Schuft, als jüdischer Spion, als Nutznießer des militärisch-industriellen Komplexes. Er kennt das alles. Und er hat immer jede Gelegenheit genutzt zurückzuschießen. Seine Kritiker beschrieb er einmal als diese Sorte Menschen, die, nachdem sie eine giftige Schlange im Bett ihres Kindes entdeckt haben, erst mal die Leute vom Tierschutz anrufen.
Er sagt aber auch, dass er dafür ist, die Verantwortlichen der Bush-Regierung gerichtlich zu verfolgen, für die Nachlässigkeit, mit der sie den Krieg im Irak führten, und die Schamlosigkeit, mit der sie ihn instrumentalisierten. Für einen Artikel in "Vanity Fair" im August 2008 ließ er sich waterboarden, detailliert beschrieb er die Todesangst, die ihn dabei packte. Doch sein Image als Kriegstreiber, als Verbündeter skrupelloser Geschäftemacher, ist ihm geblieben.
Gewisse Dinge könne man nicht ändern. "Die Frage ist doch", sagt er, "ob dieser Krieg aus heutiger Sicht dennoch notwendig war. Und die Antwort ist: ja!"
Wegen Saddam. Wegen der Möglichkeit eines anderen, demokratischen Irak. Vor allem aber wegen der Kurden.
"Mein Gebrauchswert für die Bush-Regierung war ungefähr gleich null", sagt Hitchens. Mit dem Nordirak sei es an-ders. Dort hätten sich die Menschen vor 20 Jahren in Höhlen versteckt und seien mit Gas getötet worden. Heute sei es eine der erfolgreichsten Regionen des Nahen Ostens.
"Sich für diese Menschen einzusetzen", sagt Hitchens, "das war meine Verantwortung als Sozialist."
Es ist acht Uhr abends, früher hätte er jetzt die erste Flasche Wein geöffnet.
Zum Abschied sagt Hitchens, es sei unwahrscheinlich, dass man sich wiedersehe. Der Krebs arbeite schnell und gründlich.
(*) Bei einem Selbstversuch in North Carolina 2008.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 41/2011
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