10.10.2011

LEBENSLÄUFEDie enthüllte Frau

Sie war einst das berühmteste Model der Welt. Heute arbeitet „Veruschka“ als Künstlerin. In einer Autobiografie erzählt sie vom Glanz und vom Schmerz ihres Lebens.
Festakt im Berliner Abgeordnetenhaus. Der Bundespräsident wird an diesem Morgen reden, der polnische Staatschef, die Kulturminister. Gefeiert wird die Eröffnung einer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, die die Geschichte beider Länder in den vergangenen tausend Jahren zeigt.
Vera Lehndorff ist eingeladen. Ihre Bilder hängen in der Ausstellung. Doch im Strom der Gäste ist sie nicht zu erblicken. Dabei ist sie eine auffallende Erscheinung mit ihrem langen Körper, mit ihrem Gesicht, das so oft fotografiert worden ist. Und dann diese Füße, Größe 45, über die sie als junge Frau so unglücklich war, dass sie die Zehen hat verkleinern lassen.
Die Türen werden schon geschlossen, als Vera Lehndorff doch noch erscheint. Sie läuft schnell, zieht dabei das Tuch fest, das sie wie beiläufig um ihre langen grauen Haare gewickelt hat. Sie sieht müde aus, ihre schwarze Strickhose schlabbert an den Beinen. Sie trägt schwere Männerturnschuhe, die ihre Füße betonen. Nun, mit 72, scheint ihr das nichts mehr auszumachen.
Und so, wie Vera Lehndorff an diesem Morgen aussieht, nicht gerade ausgeschlafen, nicht gerade tipptopp, hat sie immer gewirkt. Sie war - unter dem Namen "Veruschka"- das berühmteste Fotomodell der Welt, ohne je tipptopp zu sein. Sie hat verkörpert, dass etwas hinzukommen muss zur Schönheit, etwas Fremdes, Undurchdringliches.
Und so kam sie Anfang der Sechziger auf die Titelseiten der Magazine. Ihre wilde Ausstrahlung schien den Geist der Zeit einzufangen. Alle wollten sich mit ihr schmücken: Künstler wie Salvador Dalí und Andy Warhol, Regisseure wie Michelangelo Antonioni. Die Schauspielerin Audrey Hepburn - ausgerechnet die elegante Hepburn - flehte den Starfotografen Richard Avedon an: "Lass mich aussehen wie sie."
Was war das Besondere an dieser Veruschka? Sah man ihr an, dass sie nicht ganz hineinpasste in die Glamourwelt? Aus Masuren stammt sie, von einem Schloss. Ihr Vater war Heinrich Graf von Lehndorff-Steinort, der das missglückte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 mitgeplant hatte und hingerichtet wurde.
Nun veröffentlicht seine Tochter ihre Autobiografie. Das Buch erscheint am Mittwoch dieser Woche. Es wurde Zeit. Denn wer sich selbst selten äußert, wird von anderen gedeutet. Oft geht das schief. Manchmal sind es große Missverständnisse, manchmal Nuancen - an so einer Nuance hat sich Vera Lehndorff bei der Ausstellungseröffnung gestört.
Sie war hinübergegangen in den Martin-Gropius-Bau, eilte durch die Säle und damit durch die Jahrhunderte. In den hinteren Räumen kommt die zeitgenössische Kunst, hängen ihre eigenen Bilder. Es sind Fotografien aus den siebziger Jahren. Auf einem Zyklus ist sie selbst zu sehen, vor einer Wand, nackt. Von Bild zu Bild nimmt ihr bemalter Körper mehr und mehr die Farbe der Wand an, bis er in der Wand zu verschwinden scheint.
Vera Lehndorff las den Text auf den erläuternden Tafeln. Da wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen dem Motiv des Verschwindens und der Tatsache, dass ihr Vater früh starb und ihre Kindheit "jäh unterbrochen" wurde.
Vera Lehndorff findet das zu einfach: das Zusammenziehen einer Biografie auf einen Begriff. Die Interpretation eines Lebens über den Begriff des Verschwindens.
Mit ihrem Buch versucht sie das Gegenteil: sich zeigen. "Veruschka" ist eine Autobiografie in Interviewform. Diese Form hat sie gewählt, weil sie sich das Schreiben allein nicht zutraute. "Mein eigenes Leben aber von einem Ghostwriter erzählen zu lassen, das wäre doch etwas komisch gewesen", sagt sie und lacht ihr dunkles Lachen. Also ein Interview - auch weil es einfacher für sie war, auf Fragen zu antworten, als unaufgefordert zu sagen, dass sie oft im Leben am Rande des Todes war.
Für die Leser ist diese Form nicht ideal. Viele Fragen gerieten zu lang, auch ist die Stimmung zwischen dem Fragesteller - dem Publizisten Jörn Jacob Rohwer - und Vera Lehndorff kaum zu erspüren. Doch auch wenn ein echter, schöner Dialog nicht entstanden ist, hat sich das alles gelohnt. Das, was Vera Lehndorff erzählt, ist sehr bewegend.
Sie wurde am 14. Mai 1939 geboren, im September desselben Jahres brach der Zweite Weltkrieg aus. Vera ist die zweite Tochter von Heinrich Graf von Lehndorff und seiner Frau Gottliebe, einem Paar, das in die Ehe eher hineingeschlittert war. Gottliebe war schwanger, sie heirateten schnell und kamen dann offenbar gut miteinander zurecht. Und sie waren vollkommen einig darin, sich dem Hitler-Regime zu widersetzen.
Die ersten Lebensjahre von Vera waren voller äußerer Spannungen. Steinort, das Schloss der Lehndorffs, stand nur 14 Kilometer entfernt vom "Führerhauptquartier" Wolfschanze - hier wurde das Attentat auf den Diktator am 20. Juli 1944 verübt. Wegen der Nähe zur Wolfschanze hatte sich der NS-Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop im Schloss Steinort einquartiert, er spielte gern mit den Töchtern des Hauses und ließ sich mit ihnen fotografieren.
Während Ribbentrop in dem einen Flügel lebte, überlegten Lehndorff und seine Vertrauten in anderen Ecken des Schlosses, wie das NS-Regime zu stürzen sei. Nachdem am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler misslungen war, fuhren am Tag darauf Wagen der SS die Auffahrt hinauf. Graf Lehndorff, 35 Jahre alt, wusste, dass er festgenommen werden sollte.
In der Haft wurde er schwer misshandelt und in Berlin-Plötzensee erhängt.
Zurück blieb Ehefrau Gottliebe mit drei Töchtern und hochschwanger mit einem vierten Kind. Schloss Steinort wurde beschlagnahmt. Gottliebe Lehndorff kam ins Gefängnis, entband, wurde entlassen und später, blutend und schwach, mit dem neugeborenen Kind im Arm, in ein Arbeitslager gebracht. Ihre drei älteren Töchter wurden in ein NS-Kinderheim in Bad Sachsa gesteckt, zusammen mit anderen Kindern von Eltern aus dem Widerstand. Sie bekamen neue Namen.
Die drei Monate im Heim reichten aus, um die Kinder für lange Zeit zu verschrecken. Vera, damals fünf Jahre alt, versuchte, sich um ihre kleinere Schwester Gabriele zu kümmern, die außer sich war und nur rief: "Mami rück, Hunger, Angst, Mami rück, Hunger, Angst."
Nach dem Krieg begann die Suche nach einem Zuhause. Mutter und Kinder waren wieder zusammen, es ging von Ort zu Ort. Veras Patentante Marion Gräfin Dönhoff war keine große Hilfe - Vera Lehndorff beschreibt sie als desinteressiert und kalt. Marion Dönhoff habe Gottliebe Lehndorff abgelehnt und über sie gesagt, sie habe "schlechtes Blut" in die lehndorffsche Familie gebracht. "Schlechtes Blut" ist ein Begriff aus NS-Zeiten.
Mit diesem "schlechten Blut" waren offenbar die Depressionen gemeint, von denen Gottliebe bald heimgesucht wurde. Sie lag im Bett, starrte an die Decke und konnte sich nicht um ihre Kinder kümmern. Die Phasen der Teilnahmslosigkeit wechselten mit Phasen der Rastlosigkeit, plötzlich wollte sie alles ändern, alles besser machen. Auch deswegen zog die Familie immer wieder um.
Vera Lehndorff wechselte oft die Schulen, nicht nur wegen der Umzüge, sondern auch, weil sie nicht gut zurechtkam. Das Lernen fiel ihr so schwer, dass sie sich krank stellte, immer wieder. "Den Wunsch, am nächsten Tag nicht mehr zu sein, den kannte ich schon als Kind", erzählt Vera Lehndorff in ihrem Buch. In der Schule zeigte eine Lehrerin vor der ganzen Klasse auf sie und behauptete, dass sie die Tochter eines Mörders sei.
Ihre Mutter beruhigte sie: "Es ist ganz anders. Dein Vater ist ein Held, aber das ist eine lange Geschichte, die ich dir erst erzählen kann, wenn du größer bist." In der Pubertät merkte Vera Lehndorff, dass Männer auf sie reagierten. In Hamburg besuchte sie eine Modeschule, wurde fotografiert und stellte fest, dass sie tatsächlich strahlend aussah auf diesen Fotos.
Sie ging nach Paris und New York. "Wenn ich aus der Masse der Models herausstechen wollte, musste ich mich beim Vorstellen oder bei einem Fototermin unvergesslich machen. Ich wollte auftreten wie keine andere, aussehen, wie keine aussah."
Sie zog nun enganliegende Einteiler an, die bedruckt waren mit Tierfellmustern, breite Gürtel, kurze Röcke. Keine Frau lief so herum Anfang der Sechziger, doch bald wurde all das Mode. "Veruschka" war erfunden. Vera wählte die russische Variante ihres Namens - kleine Vera -, auch weil es damals kaum Models aus Osteuropa gab: "Veruschka klang fremd und ungewöhnlich."
Und Veruschka wurde der Liebling der Fotografen: Richard Avedon, Irving Penn, Helmut Newton, alle wollten mit ihr arbeiten. Veruschka bekam auch eine Rolle in Antonionis Film "Blow up". Sie küsste Peter Fonda und Roger Vadim.
Eine große Liebe war der italienische Fotograf Franco Rubartelli. Mit ihm reiste sie, aus den Fotos wurden künstlerische Experimente. Sie fingen an, Körper so zu bemalen, dass sie auf den Bildern fast in der Umgebung verschwanden.
Die Liebe zu Rubartelli zerbrach, bald kam Holger Trülzsch, der gar nichts zu tun hatte mit der Modewelt, der ein Künstler, ein Intellektueller war. Mit ihm machte sie weiter mit Fotos, mit Körperbemalungen - Galeristen begannen, sich für diese Arbeiten zu interessieren.
Doch es war kein gerader Weg durch die Welt der Mode, hinein in die Welt der Kunst. Es gab Abstürze. Vera Lehndorff musste immer wieder in Kliniken gebracht werden, auch in geschlossene Abteilungen. Sie versuchte, sich umzubringen. Einmal, am Meer, stürzte sie sich von einem Felsen: "Endlich befreit, das war mein letzter Gedanke." Vera hatte sich ihre Souveränität, das Strahlende von ihrem Alter Ego Veruschka
geliehen. Geliehene Kraft reicht nicht immer aus.
Seit 2005 lebt Vera Lehndorff, nachdem sie Deutschland jahrzehntelang gemieden hatte, in Berlin. Es ist nicht immer einfach, dort zu sein, wo ihr Vater gefoltert und erhängt wurde, und doch fühlt sie sich in dieser vom Krieg verwundeten Stadt wohl: "Berlin ist heute international, überall hört man fremde Sprachen. Die Stadt ist ein fruchtbares Terrain für künstlerische Arbeit. Die Menschen sind neugierig und offen", sagt sie auf der Terrasse eines Berliner Hotels. Sie erzählt, dass sie auch nach Deutschland gekommen sei, um sich um das Vermächtnis ihrer Familie zu kümmern. Ihr Buch hat sie ihren Eltern gewidmet.
Es ist ja kein Zufall, dass im Mittelpunkt des Bildes vom Widerstand die Moltkes und Stauffenbergs stehen. Denn bei diesen Familien gab es Witwen, Töchter, Söhne, die das Andenken pflegten. Heinrich und Gottliebe Lehndorff rückten erst vergangenes Jahr durch die Biografie der Politikerin Antje Vollmer wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein(*).
Was kann werden aus dem Schloss der Lehndorffs? Es gehört inzwischen der Deutsch-Polnischen Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz. Vera Lehndorff möchte gern, dass es eine Begegnungsstätte wird zum Gedenken an die Widerstandsbewegungen in der ganzen Welt. Aber trägt so ein Konzept? Es gibt schon Kreisau, das Gut der Moltkes, als deutsch-polnische Begegnungsstätte.
Doch Vera Lehndorff kämpft um das schöne, marode Schloss. "Neulich habe ich den Architekten David Chipperfield, dessen Gestaltung des Neuen Museums in Berlin ich sehr bewundere, angesprochen, ob er bereit sei, ein Sanierungskonzept zu erarbeiten. Er war interessiert." Sie kämpft auch um die Rückgabe von Kunstwerken. Ziemlich viel Kampf, ziemlich viel Sichtbarkeit für jemanden, der so lange mit dem Verschwinden beschäftigt war.
Wer sie reden hört und merkt, wie gelassen sie wirkt, oft witzig, kann auf den Gedanken kommen, dass Vera, die Verletzte, und Veruschka, die Starke, zu einer Person verschmolzen sind.
Sie führt es vor, in einem Spiel. Zum Gespräch war sie ungeschminkt erschienen, bemalte aber währenddessen ihre Lippen und Lider. Dann zog sie eine durchsichtige Plastiktüte aus der Tasche und schlug vor, sich fürs Foto dahinter halb zu verstecken. Ihr Gesicht, sagte sie, wolle sie auf Fotos nicht mehr zeigen, einfach so.
Und da steht nun diese nicht mehr junge Frau in perfekter Modelpose auf einer Hotelterrasse und lässt sich fotografieren. Plastik knistert im Wind. Performance-Kunst: Vera-Veruschka, verschwunden und sichtbar.
(*) Antje Vollmer: "Doppelleben. Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop". Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 416 Seiten; 24,95 Euro.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 41/2011
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