17.10.2011

ENERGIE„Vernunft braucht Zeit“

ExxonMobil-Deutschland-Chef Gernot Kalkoffen verteidigt die Gewinnung von Erdgas mit Hilfe des Fracking-Verfahrens.
Kalkoffen, 61, ist Deutschland-Chef des weltgrößten privaten Öl- und Gaskonzerns ExxonMobil. Das Unternehmen ist hierzulande führend bei der Produktion von Erdgas. Die Industrie sieht große Potentiale bei der Ausbeutung auch unkonventioneller Lagerstätten, in denen Erdgas etwa in Schiefergestein eingeschlossen ist. Dieses sogenannte Fracking ist aber umstritten: Unter Hochdruck wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst, es entstehen Risse im Gestein, die das Gas lösen. Umweltschützer fürchten Grundwasserverseuchung. An vielen Orten wehren sich nun Bürgerinitiativen.
SPIEGEL: Herr Kalkoffen, wie gefährlich ist Fracking?
Kalkoffen: Wir haben viel Erfahrung mit dem Verfahren. In Deutschland nutzen wir es seit den sechziger Jahren bei der Förderung aus konventionellen Lagerstätten. Wir haben seitdem rund 180-mal gefrackt, es ist noch nie etwas passiert. Bei Erdgas aus unkonventionellen Vorkommen stehen wir noch am Anfang. Es gibt dort gewiss jede Menge Gas, die Frage ist nur, ob es so konzentriert vorhanden ist, dass sich eine Förderung lohnt.
SPIEGEL: Das Umweltbundesamt warnt vor "erheblichen Risiken", manche fürchten, die Risse könnten das Grundwasser erreichen.
Kalkoffen: Das ist technisch unmöglich, zwischen der Zielformation und dem Trinkwasser liegen mitunter mehrere tausend Meter. Um so lange Risse zu erzeugen, reicht die Energie nicht aus. Unser Unternehmen ist über hundert Jahre im Öl- und Gasgeschäft tätig. Wir machen nichts, was nicht sicher und sauber ist.
SPIEGEL: Die Bilder von brennenden Wasserhähnen in den Fracking-Regionen der USA erwecken einen anderen Eindruck.
Kalkoffen: Da gibt es keinerlei Zusammenhang. Ich vermute eine andere Ursache: Wo Kohlevorkommen bis zur Erdoberfläche reichen, kann Methan ins Grundwasser ausgasen. Eine weitere Ursache kann eine bakterielle Entstehung von Methan dicht unter der Erdoberfläche sein. So etwas könnte auch im Münsterland passieren. Mit Fracking hat das nichts zu tun.
SPIEGEL: Nach einer Studie der Universität Manchester geben 58 von 260 Substanzen in der Frack-Flüssigkeit Anlass zu Besorgnis, 8 seien gar krebserzeugend.
Kalkoffen: Der größte Teil der Flüssigkeit besteht aus Wasser und Sand, die Menge an Chemikalien ist vergleichsweise gering. Wir veröffentlichen im Internet Listen aller Substanzen, inzwischen sind nur noch vier als giftig klassifiziert. Darunter ist Borsäure; sie ist nötig, damit der Sand nicht absinkt. Borsäure nutzt man auch zum Verarbeiten von Kaviar, vier Gramm pro Kilo sind laut Lebensmittelgesetz zulässig. Unsere Konzentration ist geringer.
SPIEGEL: Das klingt so harmlos, als würden Sie die Brühe auch trinken.
Kalkoffen: Wenn es um den Anteil an Borsäure geht, warum nicht? Aber ernsthaft: Unser Ziel ist es, alle giftigen Stoffe durch weniger gefährliche zu ersetzen.
SPIEGEL: Kritiker fordern für Fracking-Projekte eine Umweltverträglichkeitsprüfung. Was halten Sie davon?
Kalkoffen: Wir hätten nichts dagegen. Ich finde es allerdings nicht sinnvoll, eine solche Prüfung schon in einem Stadium vorzuschreiben, in dem wir nur Gesteinsproben ziehen. Dann müsste dies für jede Probebohrung gelten, selbst für wissenschaftliche Projekte. Der behördliche Aufwand wäre immens.
SPIEGEL: Für Bundesumweltminister Norbert Röttgen kommt Fracking nur in Frage, wenn Risiken auszuschließen sind. Können Sie das denn gewährleisten?
Kalkoffen: Fracking ist sicher. Aber: Wo Menschen arbeiten, geschehen Fehler. Deshalb bauen wir unsere Systeme so auf, dass die Auswirkungen möglichst gering sind. Unsere Bohrungen bestehen aus mehreren Rohren ineinander, die Zwischenräume werden überwacht. Passiert etwas in der ersten Barriere, können wir bereits eingreifen.
SPIEGEL: Dennoch kommt es zu Zwischenfällen. Im Februar explodierte in den USA eine Schiefergasquelle, im Mai löste eine Bohrung in Großbritannien möglicherweise ein kleines Erdbeben aus.
Kalkoffen: In Deutschland existieren hohe technische Standards. Mir ist kein Land bekannt, in dem sie ähnlich anspruchsvoll sind. Wir haben zudem einen unabhängigen Expertenkreis organisiert. Bis März 2012 soll er prüfen, ob zusätzliche Maßnahmen ratsam sind.
SPIEGEL: Der Umweltminister will ein ähnliches Gremium einrichten, noch aber hat es sich nicht einmal konstituiert.
Kalkoffen: Als Naturwissenschaftler setze ich darauf, dass sich die Vernunft durchsetzt. Aber manchmal braucht die Vernunft etwas Zeit.
SPIEGEL: Frankreich hat das Fracking verboten. Woher rührt Ihr Optimismus, dass es in Deutschland eine Zukunft hat?
Kalkoffen: Die Deutschen haben sich, anders als die Franzosen, für den Ausstieg aus der Kernenergie entschieden. Im künftigen Energiemix muss also Erdgas eine größere Rolle spielen. Wenn es aus heimischen Quellen stammt, umso besser.
Von Alexander Jung

DER SPIEGEL 42/2011
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