17.10.2011

WAFFEN„Botschafter des Todes“

Weil sie kaum zu entdecken, tödlich und billig sind, droht ein weltweiter Rüstungswettlauf um die stärkste Drohnenflotte. Die Erfolge der USA beim juristisch fragwürdigen Einsatz der unbemannten Flugkörper gegen Terroristen heizen das Geschäft an, Israel und China drängen auf den Markt.
Steven Zaloga hat die Plastikmodelle alter Panzer eng an seinen Schreibtisch herangerollt, Mini-Nachbauten von Kampffliegern stehen daneben, im Regal stapeln sich Bücher über den Zweiten Weltkrieg. Krieg ist Zalogas Expertise, aber vor allem ist er sein Geschäft: Seit 36 Jahren analysiert der Historiker globale Waffentrends, inzwischen für die Teal Group, eine renommierte Rüstungsberatungsfirma in Fairfax, Virginia, einem Vorort von Washington.
Zaloga weiß genau, wie und wo sich Krieg gerade lohnt. Und wenn er darüber redet, mit welchen Waffen künftig das große Geschäft zu machen sei, verschwendet er keinen Blick auf seine Modelle von Panzern oder Kampfjets, solche Waffen sind Geschichte.
Die Zukunft gehört der Drohne, dem ferngelenkten, unbemannten Flugkörper, ausgestattet mit sensibler Aufklärungselektronik und schlagkräftigen Präzisionswaffen. Drohnen sind ein Waffensystem, wie es sich Strategen schon immer gewünscht haben: Mit ihnen können sie Macht ausüben, aber das eigene Risiko minimieren, präzise und tödlich zuschlagen, ohne die eigenen Soldaten in Gefahr zu bringen.
Dass Drohnen auch noch vergleichsweise billig sind, macht die Fluggeräte bei den Amerikanern so beliebt. Mehr als 2300 Menschen haben die USA bereits mit Drohnenschlägen exekutiert, vornehmlich bei der Jagd auf Taliban, die sich im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan versteckt halten. Aber auch der Qaida-Verbündete Anwar al-Awlaki,
ein gebürtiger Amerikaner, wurde - ohne dass ihn ein Gericht verurteilt hätte - mit einer Fernlenkwaffe hingerichtet.
Zaloga weist auf eine Tabelle mit Budgetzahlen des Pentagon: 2002 haben US-Militärs für Drohnen rund 550 Millionen Dollar ausgegeben, 2011 waren es fast fünf Milliarden.
Und die Nachfrage steigt weltweit. "Der ganze Nahe Osten wird ein wichtiger Absatzmarkt für Drohnen werden", glaubt Zaloga. "Oman, Saudi-Arabien, Ägypten. Und dann Asien natürlich: Malaysia, Indien, Australien. Und Europa: Türkei, Italien, Polen etwa."
Auf 94 Milliarden Dollar schätzt der Analyst den Umsatz im globalen Drohnengeschäft für das kommende Jahrzehnt. Während des Sommers hat Zaloga die großen Flugschauen in Paris und Moskau besucht, es seien immer die angriffsfähigen Drohnen gewesen, die die größte Aufmerksamkeit hervorriefen. Wenn sie nur wollen, haben die Amerikaner derzeit einen echten Exportschlager im Angebot. Höchstens das iPhone ist noch beliebter. Es drohe, schrieb die "New York Times", ein neuer weltweiter "Rüstungswettlauf für Drohnen".
Bislang beschränkten die USA den Export der Zukunftstechnologie, um ihren Vorsprung nicht zu gefährden. Das Außenministerium kontrolliert die Exporte, Verkäufe bewaffneter Drohnen werden grundsätzlich nicht gestattet, nur bei ganz engen Verbündeten gibt es schon mal eine Ausnahme. Doch die Technologie "lässt sich nicht einfach eindämmen", sagt der Berater David Deptula, bis vor kurzem der Luftwaffengeneral, der für das Drohnenprogramm zuständig war.
Eingesetzt haben die USA die Waffen in immer kürzeren Abständen. Vor allem in Vizepräsident Joe Biden haben sie einen wirkungsvollen Advokaten. Er war es, der seinen Chef drängte, den Krieg in Afghanistan zu beenden und den Kampf gegen die Taliban mit Drohnenschlägen auf ihre Verstecke in Pakistan zu führen. So lässt der Friedensnobelpreisträger Barack Obama inzwischen durchschnittlich jeden vierten Tag eine raketenbestückte Drohne aufsteigen, Vorgänger George W. Bush schickte dagegen nur an jedem 47. Tag eine Drohne los. Obama hat Gefallen am Krieg per Fernsteuerung gefunden, er bringt schnellere Ergebnisse und ist unkomplizierter als jedes Guantanamo-Verfahren.
Die Flotte der unbemannten Raketenträger ist inzwischen auf 230 Drohnen angewachsen. Die US-Luftwaffe trainiert mehr Piloten für Drohneneinsätze als für Kampfflieger, vorigen Monat wurden geheime Startbasen bekannt: in Äthiopien, auf den Seychellen, in Dschibuti.
Nun wollen Amerikas Produzenten wie Northrop Grumman und General Atomics auch den Rest der Welt versorgen, ihre Vertreter sind die Cheerleader für immer neue Drohnen. "Andere Länder haben unstillbaren Appetit auf Drohnen", sagt James Pitts vom Rüstungsgiganten Northrop der "Financial Times". Vertreter seiner Firma absolvierten vor kurzem eine Japan-Tour. Im Gepäck: ein 1:1-Modell der Riesendrohne "Global Hawk". Diese wird, in anderer Konfiguration und unter dem Namen "Euro Hawk", demnächst auch die Bundeswehr auf dem Fliegerhorst Jagel stationieren.
Die Vereinten Nationen haben in einem Bericht gezählt, dass zwar mehr als 40 Staaten schon ferngelenkte Fluggeräte gekauft haben. Die allermeisten dienen jedoch der Luftaufklärung, für die die Drohnen eigentlich konzipiert waren, Kampfeinsätze sind neben den Amerikanern bislang nur Israelis und Briten geflogen.
Das könnte sich rasch ändern. Die Interessenten können aus einer immer breiter werdenden Produktpalette wählen: Der US-Klassiker heißt einstweilen noch "Predator", Raubtier, erprobt über den Bergen Afghanistans und Pakistans; bis zu 36 Stunden lang kann die Drohne in der Luft bleiben und ihre Ziele mit "Hellfire"-Präzisionsraketen bekämpfen.
Aber der "Predator" ist ein Auslaufmodell, US-Rüstungsproduzenten bauen bereits am Nachfolger, der "Avenger" heißen soll, Rächer. Er kann deutlich mehr Raketen laden. Eine weitere Angriffsdrohne ist der "Reaper", der Sensenmann, ebenfalls eine Weiterentwicklung des "Predator".
Die Angriffsdrohnen werden ergänzt von ausgeklügelten Überwachungsmodellen wie etwa dem "Biest von Kandahar", einer gewaltigen "RQ-170-Sentinel", die vor der Exekution Osama Bin Ladens dessen Versteck ausspähte, aus großer Höhe und unentdeckbar für jedes Radarsystem.
Es werden aber nicht nur Amerikaner sein, die am Drohnenboom verdienen. Einer der erfahrensten Produzenten ist Israel.
"Lächeln Sie, wenn Sie in den Himmel gucken", sagt Avi Bleser. "Irgendwer schaut immer zu." Bleser ist Direktor für Marketing und Verkauf bei Israel Aerospace Industries (IAI), der Firma, die schon heute die Welt mit Drohnen versorgt. Vor allem aber versorgt IAI Israel, ein Land, über dem mehr Drohnen schweben als irgendwo sonst. Keine Firma hat so viele Drohnen verkauft wie IAI, Israel ist nach den USA der weltweit zweitgrößte Exporteur, und während andere Armeen erst anfangen, mit den ferngelenkten Flugkörpern zu experimentieren, feierte die israelische Luftwaffe gerade das 40-jährige Bestehen ihrer ersten Drohnen-staffel.
IAI betreibt am Rande des Tel Aviver Flughafens eine eigene kleine Stadt mit Werkstätten, Hangars und Landebahnen, insgesamt 17 000 Menschen arbeiten dort.
Inzwischen hat der Konzern ein ganzes Sortiment von unbemannten Flugsystemen im Angebot. Da sind Mikrodrohnen wie der "Moskito", der nur 250 Gramm wiegt, das "Vogelauge", das zwei Soldaten im Rucksack tragen können, und der "Panther", der von Panzern transportiert wird und bis zu 60 Kilometer hinter feindliche Linien fliegen kann, von wo er Livebilder sendet.
Das wichtigste Produkt von IAI aber ist der "Reiher". Eine Drohne, deren neueste Version "Heron-TP" fünf Tonnen wiegt und Waffen tragen kann. Als der israelische Luftwaffenchef die neue "Heron-TP"-Flotte im vorigen Jahr präsentierte, sagt er, sie könne auch für "neue Missionen" eingesetzt werden. Viele verstanden das als Andeutung, dass die "Heron- TP" auch für einen Angriff auf die iranischen Nuklearanlagen entwickelt wurde.
Derzeit ist die Drohne über Afghanistan im Dauereinsatz, wo Kanada, Austra-lien, Spanien und die deutsche Bundeswehr sie nutzen. Allein für Deutschland ist der "Reiher" bereits 5000 Stunden lang geflogen, in nur einem Jahr. Und wenn die Bundeswehr den Leasingvertrag für ihre drei "Herons" demnächst verlängert, dann könnte es vielleicht auch die "TP"-Version einsetzen.
Das israelische Erfolgsmodell ist allgegenwärtig. Es fliegt über Libyen, wo Frankreich den Aufklärer im Rahmen der Nato-Operation einsetzt. Der "Heron" überwacht die indische Grenze im Himalaya und liefert der türkischen Luftwaffe die Zielkoordinaten von PKK-Trainingslagern. Die Kunden kommen aus 30 Ländern, darunter sind auch Indien, Sri Lanka, Thailand und Südkorea. Brasilien und Ecuador gehören dazu, denn auch Südamerika rüstet derzeit im Segment Drohnen auf - vor allem gegen den Drogenschmuggel.
Und die Abnehmer stehen Schlange. "Wer mit einer Drohne einmal angefangen hat, kann nicht mehr aufhören", sagt Avi Bleser. Er führt in eine Halle, in der mehrere "Herons" stehen, hier werden Radarsysteme und Kameras installiert. Bleser führt die Motoren vor, aus Österreich, und zeigt stolz die Kommandozentrale, eine grüne Box, halb so groß wie ein Frachtcontainer, darin acht Bildschirme. "Sie können sogar in Ihrem Wohnzimmer sitzen und die Drohnen steuern", sagt er.
20 Prozent des Umsatzes von IAI kommen bereits aus dem Geschäft mit unbemannten Flugkörpern. Weil die Angriffsdrohnen die "operative Antwort auf alle Anforderungen" seien, glaubt Tommy Silberring, der Geschäftsführer der Drohnensparte des Unternehmens, "will jedes Land Drohnen haben". In der Zukunft, wie er sie ausmalt, fliegen nur noch unbemannte Fluggeräte herum, Frachtflugzeuge zuerst, und vielleicht irgendwann auch zivile Flugzeuge. "Automatisierte Systeme sind besser als Menschen, Computer können nicht krank werden und keine schlechte Laune haben."
"Die Zukunft der Kriege wird in zwei Stufen verlaufen", glaubt Silberring. "Zuerst wird die Kriegsführung automatisiert. Dann wird sie autonom." Der Befehl zum Feuern werde dann nicht mehr vom Kommandeur gegeben, sondern von einem Algorithmus.
Auch die Regierung in Peking versucht aggressiv, in das globale Geschäft mit den leisen Killern einzusteigen. Stolz werben die Chinesen für ihre Drohnen, sie heißen "Soaring Dragon", aufsteigender Drache, oder "Dark Sword", dunkles Schwert.
Gleich 25 neue Modelle unbemannter Flugkörper präsentierten chinesische Rüstungsfirmen vor einem Jahr bei der letzten Luftfahrtschau von Zhuhai, der wichtigsten Verkaufsmesse Asiens. Einige wirkten kurios, etwa eine Drohne von der Größe einer Ente, die auch so fliegen soll - mit schlagenden Flügeln.
Andere erschienen schon auf den ersten Blick gefährlich: Die "WJ-600" zum Beispiel, die je nach Flugbedingungen ihre Tragflächen verstellen und Raketen abschießen kann. Ein Werbevideo zeigte, wie die "WJ-600" Kurs auf einen amerikanischen Flugzeugträger-Verband nimmt.
Nach Ansicht von Militärexperten ist die Technik der chinesischen Drohnen jedoch noch nicht so ausgereift wie die der amerikanischen oder israelischen Konkurrenz. Doch es gibt keinen Zweifel daran, dass Chinas Ingenieure schnell aufholen. Weil die USA den Export militärisch nutzbarer Technologie nach China verboten haben, kaufen die Chinesen auf der ganzen Welt ein, was sie bekommen können. Auch aus Deutschland kamen Motoren für chinesische Drohnen, verriet ein Aussteller auf der Flugschau von Zhuhai.
Größter Hersteller ist die ASN Technology Group. Ihr Modell "ASN-229A" kann zwei Raketen rund 2000 Kilometer weit befördern. Ausländische Experten sind überzeugt, dass die Chinesen sich nicht mehr ausschließlich an den amerikanischen Vorbildern orientieren, sondern längst auch eigene Erfindungen vorantreiben.
Zhang Qiaoliang vom Chengdu Aircraft Design and Research Institute sagte der "Washington Post" selbstbewusst: "Die USA exportieren kaum bewaffnete Drohnen, wir versuchen diese Lücke zu füllen."
Die neuen Anbieter sind auch in der Auswahl ihrer Kunden weniger zimperlich als die Amerikaner. Die Israelis handeln schon mit den Russen, Peking umwirbt Pakistan als Kunden. Die US-Rüstungslobby würde daher am liebsten alle Exportschranken einreißen. James Pitts von Northrop Grumman warnt: "Wenn wir die strengen Beschränkungen nicht ändern, stehen wir in fünf Jahren mal wieder da und fragen uns, wie wir unseren Absatzvorsprung einfach verspielen konnten."
Gerade für Zeiten knapper Kassen scheinen Drohnen eine ideale Anschaffung. Eine Billion Dollar soll allein das Pentagon im nächsten Jahrzehnt einsparen, die Forschungsetats schmelzen rapide, für teure Neuentwicklungen wie Kampfjets ist kaum noch Geld da.
Eine "Reaper"-Drohne hingegen kostet nur 10,5 Millionen Dollar, 14-mal weniger als ein "F-22-Raptor"-Kampfflugzeug.
Doch viele Militärexperten sehen die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. David Ignatius, Kolumnist bei der "Washington Post", hat erfolgreiche und realistische Thriller über die Arbeit amerikanischer Geheimdienste verfasst. Er zeigt durchaus Verständnis für den Drohnenkurs der Obama-Regierung und für die Exportwünsche der Rüstungsindustrie.
Aber ihm graut vor einer Welt, in der es viele Kampfdrohnen und wenige Regeln gibt - und Amerika durch seine Exekutionen per Fernsteuerung mit schlechtem Beispiel vorangegangen ist. "Wie sollen wir protestieren, wenn etwa die Russen diese Maschinen kaufen, um angebliche Terroristen in Tschetschenien gezielt zu töten?", fragt Ignatius. "Oder die Türken PKK-Vertreter im Irak? Oder die Chinesen Aufständische in Teilen ihres Landes?" Er sagt: "Eine Welt, in der Drohnen ständig über den Köpfen surren, ist eine Welt mit noch mehr Chaos."
Zudem sind die Präzisionswaffen untauglich, um sie etwa gegen große Streitkräfteverbände einzusetzen. Sie eignen sich aber durchaus für sogenannte chirurgische Schläge selbst in bevölkerungsreichen Gegenden. Wie heute schon in Pakistan, werden in künftigen Drohnenkriegen auch Zivilisten zu leiden haben.
Der amerikanische Terrorexperte Peter Bergen hat ausgerechnet, dass in Pakistan Drohnen siebenmal so viele Mitläufer töteten wie hochkarätige Terroristen. 20 Prozent der Getöteten sollen dort Schätzungen zufolge Zivilisten sein, aller Präzisionsfernsteuerung zum Trotz.
Doch für Obama sind die Drohnen Wunderwaffen, mit denen sich der Sieg im "Krieg gegen den Terror" herbeibomben lässt, der seinem Vorgänger verwehrt blieb. "Obama könnte abhängig von ihnen werden", fürchtet Kolumnist Ignatius - und sich noch mächtig wundern, wenn das Exportgeschäft und die Geschäfte der Konkurrenz richtig in Gang kommen.
Schließlich werden dann Amerikas Gegner, egal ob Staaten oder Terroristen, auch über diese Waffen verfügen. "Botschafter des Todes" nennt Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad das erste rein iranische Drohnenmodell. Allerdings wird dessen Tauglichkeit von Experten bezweifelt.
"Es ist unsere nächste große Herausforderung, damit umzugehen, dass auch unsere Gegner die Technologie besitzen", sagt Ex-Luftwaffenmann Deptula.
Klare internationale Abmachungen könnten helfen, den Einsatz von Drohnen zu regeln. Aber die Administration von Obama verschanzt sich hinter den Rechtsexpertisen von Vorgänger George W. Bush, nach denen die Verantwortlichen der Terroranschläge überall gejagt werden dürfen, auf jede Weise. Aus der Pflicht zur Selbstverteidigung leitet der Präsident das Recht auf den Drohneneinsatz ab.
Doch selbst eigenen Regierungsmitgliedern ist diese Legitimation angesichts der Zahl heutiger Drohnenschläge zu dünn geworden. Im September kam es zu offenem Streit zwischen Amerikas Außenministerium, das Drohnenschläge nur noch gegen direkte, unmittelbar bevorstehende Terrorangriffe zulassen wollte - und Falken im Pentagon, die sich alle Optionen offenhalten wollen, überall.
Obamas oberster Anti-Terror-Berater John Brennan reiste eigens an die berühmte Rechtsfakultät von Harvard in Cambridge, Massachusetts, um eine Grundsatzrede zu den juristischen Grundregeln im Kampf gegen den Terror zu halten.
Was Brennan sagte, bekräftigte die eingeschlagene harte Linie: Drohnenschläge gegen Terroristen seien auch in Regionen wie dem Jemen oder Somalia erlaubt, so Brennan, wo anders als in Afghanistan kein Kriegszustand herrsche. Al-Qaida-Anhänger hätten sich dort verschanzt, um weitere Angriffe auf die Vereinigten Staaten zu planen.
Diese Argumentation stößt selbst bei einigen Republikanern auf Bedenken. Der Präsidentschaftsbewerber Ron Paul fragte, wo es hinführen solle, "wenn der Präsident nach Gutdünken Leute umbringen lässt, die er für Bösewichte hält". Drohnengegner sprechen von "außergerichtlichen Morden".
Die Risiken des Drohnenbooms blendet das Weiße Haus bislang konsequent aus, etwa eine mögliche Kaperung durch Terroristen. Erst vor wenigen Wochen wurde in Boston ein 26 Jahre alter Mann verhaftet, er hatte angeblich geplant, Modellflugzeuge mit Sprengstoff zu beladen und sie ins Pentagon fliegen zu lassen. Die US-Armee entwickelt bereits tödliche Drohnen, die Soldaten im Marschgepäck mit sich führen sollen. Ein solches Modell wäre ideal für Terroristen, sollte es ihnen in die Hände fallen.
Peter Singer, Experte für moderne Kriegsführung bei der Brookings Institution, ist nicht überrascht, dass die ursprünglich einmal unbewaffneten Fluggeräte sich in so kurzer Zeit zu einer tödlichen Erfolgswaffe entwickelt haben. Das sei in der Geschichte oft so gewesen, sagt er, etwa bei Flugzeugen. Er sei aber überrascht, "wie wenig wir auf eine Welt mit vielen Drohnenstaaten vorbereitet sind - und auf die besonderen neuen Herausforderungen dieser Technologie".
Die sind nämlich noch gar nicht zu überblicken. Singer spricht über die Arbeit von Rüstungsexperten, die - wie die Israelis - längst daran arbeiten, dass die unbemannten Fluggeräte per Sensor selbständig ihre Ziele aussuchen könnten, also nicht mal mehr auf Fernsteuerung durch den Menschen angewiesen sind.
Auf einem US-Luftwaffenstützpunkt in Georgia ist die automatische Zielsuche bereits erfolgreich durchgespielt worden. Mit den Folgen eines solchen Krieges auf Autopilot hat sich bislang noch kaum jemand beschäftigt. Singer sagt: "Juristen oder Ethikexperten können nur schwer dagegenhalten, weil sie bei dem Tempo der Drohnentechnologie einfach nicht mithalten."
Und sie könnten wieder einmal zu spät kommen. Schon bald will die US-Regierung eine auf den neuesten Stand gebrachte Rüstungsexportliste veröffentlichen. Die Lobbyisten der Drohnenhersteller hoffen, dass sie dann ihre Waren viel leichter an den Mann bringen können.
In Fairfax in Virginia sitzt der Analyst Steven Zaloga vor seinen Panzermodellen und Flugzeugnachbauten und freut sich schon: "Die bisherigen Exportbeschränkungen waren oft zu extrem."
Von Andreas Lorenz, Juliane von Mittelstaedt und Gregor Peter Schmitz

DER SPIEGEL 42/2011
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