17.10.2011

RAUMFAHRTVernunftehe im Kosmos

Erstmals soll diese Woche eine russische Sojus-Rakete vom europäischen Weltraumbahnhof in Kourou abheben. Die äquatornahe Abschussrampe ermöglicht es, größere Satelliten ins All zu schießen. Doch technische Probleme und kulturelle Unterschiede belasten die Partnerschaft.
Die Russen kommen. Sie wollen eine Rakete abfeuern. Der alte Herr muss deshalb die Flucht ergreifen. Er freut sich schon darauf.
"So ein Raketenstart ist beinahe so, als ob eine zweite Sonne aufginge", schwärmt Serge Colin. Über 60-mal hat er das Schauspiel bereits genossen. "Aber diesmal wird es ein ganz besonderer Tag sein."
Der Herr mit dem scharfen Oberlippenbart ist achtzig Jahre alt, wirkt aber deutlich jünger. Früher fuhr der Franzose als Kapitän über die Weltmeere. Seit seiner Pensionierung ist er Museumsführer auf der Insel Ile Royale, Zentrum der berüchtigten Strafkolonie vor der Küste von Französisch-Guayana. Berühmtheit erlangten die Zuchthausruinen durch den Filmklassiker "Papillon".
In der Ferne flimmert die Küste, dahinter dampft ein Dschungel von der Größe Österreichs, in dem aber nur 200 000 Menschen leben. Französisch-Guayana, nördlich von Brasilien gelegen, gehört zum Hoheitsgebiet Frankreichs - ein tropischer Außenposten der EU.
An klaren Tagen sieht Colin in der Ferne die Startrampen des Weltraumbahnhofs in Kourou, von wo aus die europäische Raumfahrtagentur Esa seit über 30 Jahren ihre Ariane-Raketen ins All schießt. Vor jedem Start werden die rund 20 Inselbewohner evakuiert, weil sie direkt unterhalb der Flugbahn wohnen.
Am Donnerstag dieser Woche soll nun erstmals auch eine russische Sojus-Rakete im Tropenparadies abheben. Wenn alles gutgeht, wird das 46 Meter hohe Ungetüm auf einem Feuerschweif gen Himmel rasen, um zwei Satelliten in der Erdumlaufbahn auszusetzen. Die künstlichen Erdtrabanten sollen den Grundstein legen für das europäische Navigationssystem Galileo - als Konkurrenz zu den amerikanischen GPS-Satelliten.
Die neue Raketenabschussbasis der Russen liegt 13 Kilometer von den europäischen Startrampen entfernt, abgeriegelt durch drei Lagen Nato-Stacheldraht, Checkpoints, Wachmannschaften, Videokameras, Elektrozäune. "No details!", blafft Jean-Claude Garreau auf dem Gelände eine Gruppe Journalisten an, "keine Detailfotos, das hier ist streng vertraulich!"
Der Esa-Manager steht im Schatten der fast startbereiten Sojus-Rakete - einer stählernen Cohiba, die über 60 Tonnen Kerosin fasst, aufgebahrt in einer vollklimatisierten Industriehalle. Ringsum wuseln russische Mannschaften in Khaki-Uniform und schweren Stiefeln durch das hermetisch abgeriegelte Gebäude.
Die beiden Chefs erkennt man an ihrer tropischen Eleganz mit weißer Hose und Lederschühchen. Garreau plaudert mit Dmitrij Baranow vom russischen Raumfahrtzentrum Samara. Jahrelang arbeitete er in Baikonur; nun soll der 31-Jährige dafür sorgen, dass nichts schiefgeht in Kourou. Mitten im Satz wechseln die Männer vom Französischen ins Russische und weiter ins Raumfahrtkauderwelsch mit seinen kryptischen Akronymen: Mais bien sûr, njet, Geo, Leo, Mik.
Der Sojus-Start in der südamerikanischen Savanne ist ein Großereignis. Die Hotels sind ausgebucht, ein Tross von Politikern, Diplomaten und Managern, Journalisten und Lobbyisten wird erwartet, darunter Russlands Premierminister Wladimir Putin und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy.
Das telegene Feuerwerk bildet die perfekte Kulisse für Händeschütteln und Schulterklopfen. Doch die Raketenshow lenkt von einem Drama im Hintergrund ab: Die drei Weltraummächte USA, Russland und Europa wetteifern um die Vorherrschaft beim Satellitentransport - und führen zugleich einen Abwehrkampf gegen die Emporkömmlinge im Orbit, Niedriglohnländer wie China und Indien.
Die europäische Ariane hat dabei einen ungewöhnlichen Nachteil: Sie ist zu stark. Mit ihrem modernen Wasserstoffantrieb kann sie über zehn Tonnen Nutzlast in Richtung geostationäre Umlaufbahn wuchten. Die meisten Satelliten wiegen aber nicht einmal halb so viel; folglich müssen die ungeduldigen Auftraggeber häufig lange warten, bis sich ein weiterer Satellit für einen kostensparenden Tandemflug findet. Die russische Sojus-Rakete hat das umgekehrte Problem: Wenn sie vom kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur startet, ist sie für viele Telekommunikationssatelliten zu schubschwach.
Der Weltraumbahnhof in den Tropen bietet nun einen eleganten Ausweg: Nur fünf Grad nördlich des Äquators gelegen, bewegt sich die Erdoberfläche in Kourou schneller als in Baikonur (46 Grad nördlicher Breite) - vergleichbar einem Karussell, das sich nahe der Achse langsamer bewegt als am Rand. Mit diesem Schubs an zusätzlicher Tangentialgeschwindigkeit in Äquatornähe steigt die Leistungsfähigkeit der Rakete. Während die Sojus von Baikonur aus nur 1,7 Tonnen schwere Lasten in Richtung geostationäre Umlaufbahn zu hieven vermag, sind es am Äquator drei Tonnen.
So sind die Konkurrenten aufeinander angewiesen: Die Russen haben die passende Rakete, die Europäer den passenden Startplatz. Von dem Geschäft profitieren beide. Als Gegenleistung für die Nutzung der äquatornahen Abschussrampe lockte Russland unter anderem mit der Bestellung von Airbus-Flugzeugen.
Doch es ist eine schwierige Partnerschaft, eine Vernunftehe. Tatsächlich verlief die Zusammenarbeit bislang alles andere als reibungslos. Der erste Sojus-Start erfolgt jetzt zwei Jahre später als geplant.
Unter anderem bereitete der exakte Nachbau der Baikonur-Startrampe Probleme. Die Anlage wirkt archaisch: vier stählerne Greifarme, in die das Geschoss eingehängt wird, um es über einer Riesenwanne aus Beton schweben zu lassen. Das Becken dient dazu, den Feuerschwall seitlich abzuleiten.
Alles sollte so sein wie gewohnt. Die Sojus ist nicht irgendeine Rakete, sondern der Stolz Russlands und mit über 1700 Starts die erfolgreichste der Welt. Seit 1957 fliegt sie in ähnlicher Form ins All; ein Vorläufermodell trug vor 50 Jahren schon Jurij Gagarin als ersten Menschen in eine Erdumlaufbahn.
Im Laufe der Zeit haben die Ingenieure ihre Sojus optimal an das knochentrockene Klima der kasachischen Steppe angepasst. Der tropische Regen und die heiße, salzige Luft in Kourou gefährdeten die Rakete schon vor dem Start. Um Raketen-Rost zu verhindern, thront über der Startrampe eine eigens entwickelte Abdeckhaube: eine achtstöckige, fahrbare Industriehalle.
Ungewohnt für die Russen waren auch die deutlich höheren Sicherheitsanforderungen der Europäer. "In der Steppe ist es relativ egal, wenn eine Rakete nach einem Fehlstart unkontrolliert runterkommt", sagt Thomas Ruwwe vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Während in Baikonur der Abbruch bei einem Fehlstart vollautomatisch erfolgt, wurde die Sojus für Kourou mit einer Fernsteuerung nachgerüstet, um sie notfalls per Knopfdruck zu stoppen.
Rund 300 Russen arbeiten in dem Raumfahrtzentrum in Südamerika, sie haben den verschlafenen Ort Sinnamary zu ihrem neuen Sternenstädtchen ernannt, ein ärmliches Dorf an einer schlammigen Flussmündung. Am Straßenrand wuchern Vanille und Bananen wie Unkraut.
Abends ergießt sich ein Strom von Bussen mit uniformierten Ingenieuren von der Sojus-Rampe zum Hotel du Fleuve. Der Pool ist voll mit bärbeißigen Männern, im Garten kreisen Rumflaschen. Journalisten werden meist mit einem nervösen "Njet" abgefertigt. Im tropischen Sternenstädtchen herrschen Kasernenton und höchste Geheimhaltungsstufe.
Ein junger Ingenieur erzählt in stockendem Englisch über seine Zeit in Baikonur. Er genießt seine drei Monate in den Tropen. Aber er versteht die Europäer nicht, weder sprachlich noch kulturell. Über ihren Ökofimmel etwa kann er nur den Kopf schütteln: Die Esa-Leute überwachen jeden Ariane-Start mit 600 Messstationen, um sicherzustellen, dass Flora und Fauna nicht darunter leiden. Gleichzeitig brennen in Kourou die Müllkippen oft wochenlang; und im Dschungel vergiften illegale Goldsuchercamps über 5000 Flusskilometer mit Quecksilber.
Vor allem die französische Vorliebe für Streiks findet er skurril. Einmal musste sogar ein Ariane-Start verschoben werden, weil Arbeiter die Zugänge zur Basis blockierten. In Baikonur wäre derlei Disziplinlosigkeit undenkbar.
Plötzlich sieht der russische Ingenieur einen Vorgesetzten und verabschiedet sich hastig. Offiziell dürfen nur die Chefs mit der Presse sprechen, die Herren in der weißen Hose und den Lederschühchen.
Wenn sich die dampfende Nacht herabsenkt, sieht man Trupps von Russen entlang der Landstraße ins Dorf spazieren. Später sitzen sie im Restaurant Kafrine, essen Haifischfilet an Vanillesauce und singen abwechselnd mit den europäischen Konkurrenten-Kollegen Karaoke. Die Dorfjugend lungert draußen auf der Straße, um einen Blick auf die Fremden zu erhaschen.
Die Wände sind mit Rubel-Noten und Raketen dekoriert. An der rosa gestrichenen Wand prangt das Porträt eines jungen Offiziers in weißer Uniform: Jurij Gagarin. Der erste Mann im All besitzt bei den Russen so etwas wie Heiligenstatus.
Um Mitternacht dröhnt kreolischer Jazzfunk aus der Bar L'Alternative im Hafenviertel von Kourou, wo Dealer und Prostituierte aus Brasilien herumlungern. Später stehen die Musiker an der Bar und diskutieren, wo am Strand der Blick am besten ist. Raketenstarts sind hier ein gesellschaftliches Ereignis.
Am Abend vor dem Start wird der Katamaran "Royal Ti' Punch" zur ehemaligen Gefängnisinsel segeln, um den Museumsführer Colin und die anderen in Sicherheit zu bringen. Zwei Messtechniker bleiben in einem Bunker zurück, um die Flugbahn der Sojus zu verfolgen.
Schwerbewaffnete Soldaten der Fremdenlegion werden derweil die Raketenbasis abriegeln, um Sabotageakte zu verhindern. Auch werden sicherheitshalber die Stromleitungen zur Außenwelt gekappt. Die Versorgung läuft dann über eigene Diesel-Generatoren.
Erst wenige Stunden vor dem Start wird die Sojus betankt. 60 Meter hohe Blitzableiter schützen sie, falls ein Gewitter aufzieht. Dann rollt die gigantische Garage auf Schienen zur Seite, damit sie nicht vom Schalldruck der losdonnernden Rakete zerfetzt wird.
Der Countdown erfolgt auf Russisch und Französisch. Das Team aus Baikonur verschanzt sich in seinem eigenen Betonbunker. 13 Kilometer weiter überwachen die Europäer den Luftraum.
Die Quote erfolgreicher Missionen liegt bei 98,2 Prozent. Die Sojus gilt als das Arbeitspferd der Raumfahrt schlechthin. "Der Start ist Routine", versichert Dmitrij Baranow und schaut fast zärtlich auf die riesige Rakete hinter ihm in der Halle. Was ist für ihn hier die größte Herausforderung?
Der russische Manager grinst und zeigt auf seinen Hautausschlag am Hals, ausgelöst durch einen haarigen Falter: "Glauben Sie mir, die Schmetterlinge hier sind der größte Risikofaktor."
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 42/2011
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