24.10.2011

VERBRAUCHERSCHUTZTeddybären unter Folter

Wie gefährlich sind Schadstoffe in Spielzeugen? Unternehmer klagen über sachfremde EU-Vorschriften und alarmistische Testberichte. Wissenschaftler mahnen zur Besonnenheit.
Ein Mann wie Michael Hopf muss schon mal damit rechnen, als "Kinderschänder" oder "Schwerverbrecher" beschimpft zu werden. Auch dass er am Telefon von fremden Menschen bedroht wird, kommt zuweilen vor.
Hopf ist Mitglied der Geschäftsleitung des bayerischen Spielzeugherstellers Haba und entwickelt zum Beispiel Puppen für Babys, Kinderzimmermöbel und Puzzles aus Holz; ein in heutiger Zeit erstaunlich riskanter Job.
Zuletzt wurden er und seine Kollegen Ende vergangenen Jahres als gewissenlose Unmenschen beschimpft, nachdem die Stiftung Warentest sogenannte Erkundungssteine für Kleinkinder aus dem Hause Haba als "deutlich" mit Schadstoffen belastet identifiziert hatte.
Die Prüfer hatten unter anderem zinn-organische Verbindungen aufgespürt, die in einem Kleber im Inneren der Steine steckten. Ein Kleinkind wäre mit ihm wohl nur in Kontakt geraten, wenn es in etwa das Gleiche getan hätte wie die Warentest-Prüfer: Es hätte das Spielzeug zum Beispiel schreddern müssen.
"Man denkt als Unternehmen, man macht alles richtig, und dann steht man ganz schnell am Pranger", klagt Hopf. Der Druck auf Haba und andere Spielwarenhersteller und -großhändler sei so groß wie nie. Sie fühlen sich in einer Art Zangengriff. Auf der einen Seite sind es die Verbraucherschützer, etwa von Stiftung Warentest oder dem Magazin "Öko-Test", die sich immer detailliertere Kontrollen ausdenken, um Giftstoffe zu finden. Auf der anderen Seite sind es Vorschriften der EU.
Welche Eigenschaften ein Spielzeug haben darf, steht unter anderem auf den 130 Seiten der europäischen DIN-Norm EN 71 - 1. Die jüngsten Vorschriften darin sind seit Juli in Kraft und regeln unter anderem, wie stoßfest ein Spielzeug sein muss und welche Lautstärke es höchstens entwickeln darf.
Viele der Gebote sind fraglos sinnvoll und dienen dem Schutz der Kinder. Insbesondere aus China kommen immer wieder hochbelastete Spielwaren. Doch manche muten in ihrem Regelungseifer grotesk an. Dass ein Karnevalskostüm zum Beispiel nicht als gewöhnliches Textil angesehen wird, sondern unters Spielzeugrecht fällt, hat weitreichende Konsequenzen.
Bei Faschings-Outfits, in die Kinder an ein paar Tagen im Jahr schlüpfen, dürfen sich Flammen pro Sekunde nicht mehr als drei Zentimeter ausbreiten. Normale Kleidungsstücke, ob Babystrampler oder Pullis, dürfen viel schneller in Flammen stehen.
Wie schwer es ist, solcher EU-Bürokratie gerecht zu werden, weiß neuerdings auch die Firma Ostheimer aus Zell bei Stuttgart. Sie stellt seit Jahrzehnten hochwertiges Spielzeug aus Holz her. Verkaufsschlager waren etwa Autos mit Püppchen, für die das Unternehmen viele Auszeichnungen erhielt. Dann entschieden Vertreter der Behörden, dass die Männchen hinterm Steuer zu klein seien und durch klobigere Figuren ersetzt werden müssten.
Ärger droht Ostheimer nun auch wegen einer Baureihe aus Traktoren und Lastwagen, die 2009 noch das Gütesiegel "spiel gut" erhielt. Im neuesten Heft der Stiftung Warentest, das in dieser Woche erscheint, steht das Spielzeug jetzt am Pranger. Eine Kupplung aus einem Faden und einer Holzkugel, die Motorwagen und Anhänger verbindet, geriet in die Kritik. Der Vorwurf: Erstickungsgefahr für Kinder unter drei Jahren.
Die Frage, die sich nicht nur Hersteller wie Ostheimer stellen, lautet indes: Prüfen die Warentester reale Gefahren? Und kann ein klobiger Holzklotz in der gleichen Weise Kreativität und Feinmotorik fördern, wie es Pädagogen von gutem Spielzeug verlangen?
Die Warnungen und Befunde der Produktinspekteure verfangen bei Eltern naturgemäß leicht. Über das Ausmaß der Verunsicherung weiß Andreas Luch zu berichten, er ist beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin Leiter der Abteilung "Sicherheit von verbrauchernahen Produkten". Die teils panischen Reaktionen von Müttern und Vätern seien nur zu verständlich - schließlich würden Medien, Lobbyisten und Politiker zum Teil sehr überzogen reagieren, wenn es um Risiken durch Schadstoffe in Spielzeug gehe.
Da wird von der "Giftmülldeponie" im Spielzeugschrank gesprochen und vom "BSE-Skandal im Kinderzimmer". Die Stiftung Warentest warnte vor dem Kauf mancher Kinderlaufräder unter anderem, weil in den Reifen Schadstoffe steckten. Diese könnten über Kontakt mit Haut und Mund in den Körper gelangen.
Andreas Luch öffnet ein Paket mit einem Plastikpüppchen, das dem BfR zugeschickt wurde. Ihre Tochter habe das Ding geschenkt bekommen, schreibt die Absenderin. Das Mädchen dürfe mit der Puppe aber erst spielen, wenn diese chemisch genau analysiert worden sei.
Für Aufregung unter Eltern sorgt auch regelmäßig die Zeitschrift "Öko-Test". Vor einiger Zeit schürte sie zum Beispiel die Angst vor Spaziergängen bei schlechtem Wetter, weil manche Regenjacken Schadstoffe enthielten. Außerdem riet sie, Kinder wegen belasteter Schuhe so oft wie möglich barfuß laufen zu lassen. BfR-Mann Luch bekam in der Folge Kinderpantoffeln zugesandt. Er sollte untersuchen, ob irgendwas Giftiges über den Schweißfuß ins Blut gelangen könnte.
Wissenschaftler mahnen zu mehr Besonnenheit. Heute würden Schadstoffgehalte teilweise als hochgefährlich gebrandmarkt, die man noch vor wenigen Jahren aufgrund nicht vorhandener Analysemethoden gar nicht hätte nachweisen können. Ein Beispiel seien polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Einige wenige der weit über hundert PAK-Einzelverbindungen haben bei Tierversuchen Krebs ausgelöst und sollten daher sicherheitshalber gar nicht in Spielzeug vorkommen, fordert das BfR. Bei Werten knapp über der sogenannten Nachweisgrenze, wie sie bei vielen Spielzeugtests festgestellt wurden, müsse man nun aber "nicht in Panik ausbrechen und sämtliche Puppen oder Autos wegwerfen", sagt Luch. Oft lagen die Werte im Bereich dessen, was etwa in Druckerzeugnissen wie "Öko-Test" oder dem Magazin der Stiftung Warentest vorkommt.
Für übertrieben hält das BfR besonders die Angst vor Bisphenol A. Der Stoff gilt in Internetforen für Eltern als Werk des Teufels, sollte den Menschen aber ungefähr so große Sorgen bereiten wie Salz und Pfeffer. Selbst für Kinder sei ein gesundheitliches Risiko aus wissenschaftlicher Sicht nicht abzuleiten, urteilt BfR-Präsident Andreas Hensel.
Weil sie wissen, wie sensibel Eltern heutzutage sind, gehen manche Unternehmer inzwischen in die Offensive - und führen wie der schwäbische Spielzeug-Großhändler Ulrich B. selbst aufwendige Untersuchungen durch, die stets mit der Frage beginnen, ob es sich bei dem zu testenden Produkt überhaupt um ein Spielzeug handelt. Seinen vollen Namen will B., der 130 Leute beschäftigt, nicht nennen. Zu groß ist ihm die Gefahr, als leiser Kritiker der EU-Richtlinien bei Eltern und anderen Kunden durchzufallen.
Ulrich B. greift nach einem Fußball. Kein Spielzeug, sondern ein Sportgerät, sagt er, "den muss ich nicht testen". Aber wenn eine Comic-Figur darauf wäre, dann schon. Dann erfüllt es laut Spielzeugverordnung den Zweck eines "Produkts, das von Personen unter 14 Jahren zum Spielen verwendet" wird und muss durch die Analyse-Maschinerie.
Für die hat B. eigens Nicole Schweiger eingestellt, eine Fachkraft für Spielzeugsicherheit. Sie hat einen Koffer voll mit Schablonen, Messgeräten und einer Röhre aus Plastik: "Alles, was durchpasst, kann von Kleinkindern verschluckt werden", erklärt Schweiger. Auf der Suche nach potentiell verschluckbaren Teilen unterzieht sie beispielsweise Teddybären einer Art Folter. Sie zerrt an Knopfaugen, Ohren und Puschelschwänzen, um zu sehen, was sich abreißen lässt. Das wird dann in das Rohr gesteckt. Passt es durch, ist der Teddy durchgefallen.
Das neueste Hilfsmittel zur Erforschung von Gefahren hat Ulrich B. nach der Katastrophe von Fukushima angeschafft: einen Geigerzähler. Strahlungstests sind zwar noch nicht vorgeschrieben, aber der Spielzeugimporteur will jedes Risiko ausschließen. "Alle Container aus Japan werden nun getestet", sagt der Großhändler, "sicher ist sicher."
Von Rafael Binkowski, Guido Kleinhubbert und Udo Ludwig

DER SPIEGEL 43/2011
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