31.10.2011

KORRUPTIONNull Toleranz

Ein Bestechungsverdacht erschüttert die deutsche Industrie. Ein Vermittler in Korea erhielt viele Millionen Euro von Tognum und HDW. War es Schmiergeld?
Die fünftägige Ausbildung für die Offiziere der südkoreanischen Armee gestaltete sich angenehm. Am ersten Tag wurden die Militärs noch über den Umgang mit Ersatzteilen für U-Boote informiert. Dann konnten sie am Strand der thailändischen Ferieninsel Phuket entspannen oder Golf spielen. Die Ausrüstung dazu wurde ihnen geschenkt. Anschließend vergnügten sie sich im Rotlichtviertel von Bangkok.
Geld spielte keine Rolle. Bezahlt hat Veranstaltungen dieser Art, genannt "on the job training", sieben Jahre lang der Motoren- und Turbinenhersteller Tognum, der bis 2006 noch MTU hieß.
Ein klarer Fall von Korruption, urteilten die Aufsichtsräte des Unternehmens, als ihnen am Donnerstag vergangener Woche ein Bericht der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young vorgetragen wurde. Tognum-Vorstand Peter Kneipp, der von 2004 bis 2010 das Asien-Geschäft leitete, wurde beurlaubt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts der Bestechung und der Untreue. Kneipp sagt, er werde die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft voll unterstützen.
Die Affäre versetzt auch den Autokonzern Daimler in Alarmstimmung, denn die Stuttgarter halten zusammen mit dem Triebwerkhersteller Rolls-Royce rund 98 Prozent der Tognum-Aktien. Es ist damit auch ein Fall Daimler. Das schwäbische Weltunternehmen musste wegen anderer Schmiergeldzahlungen bereits 185 Millionen Dollar Strafe in den USA zahlen und steht unter strenger Beobachtung der US-Börsenaufsicht SEC. Wenn Daimler die Korruption nicht konsequent bekämpft, droht eine weitere, sehr viel höhere Strafe. Bei Tognum gelte deshalb "null Toleranz", so ein Daimler-Manager.
Die Furcht ist groß, dass sich die Affäre ausweiten könnte. Ernst & Young listet auf, dass Tognum insgesamt 14,5 Millionen Euro verdächtige Provisionen an den südkoreanischen Geschäftsmann Chung Eui Sung überwiesen hat. Das Geld floss in Steueroasen auf sogenannte Offshore-Konten. Nur um Steuern zu sparen? Oder um zu schmieren?
Als Chung von Ernst & Young befragt wurde, bezeichnete er die Provisionen als normale Geschäftsvorgänge. Die Zahlungen auf Offshore-Konten seien aus steuerlichen Gründen erfolgt.
Aufgeschreckt ist auch ThyssenKrupp. HDW, Tochterfirma des Unternehmens, zahlte seit dem Jahr 2000 mehr als 90 Millionen Euro an denselben koreanischen Handelsvertreter: Chung Eui Sung.
Ausgangspunkt für die mögliche Korruptionsaffäre war eine SPIEGEL-Anfrage im Januar dieses Jahres. Tognum wurde nach verdächtigen Zahlungen im Zusammenhang mit U-Boot-Geschäften in Südkorea gefragt. Es gebe keine Hinweise auf Korruption, teilte die Firma mit - startete aber trotzdem eigene Untersuchungen. Jetzt übergab man die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft.
Den Recherchen der Wirtschaftsprüfer zufolge ist Chung die zentrale Figur. Der Koreaner war zu Beginn seiner Laufbahn beim koreanischen Militär aktiv, von 1977 bis 1987 dann bei MTU. Seither arbeitet er als Handelsvertreter in Südkorea.
Chung kennt beide Seiten des Rüstungsgeschäfts, Käufer wie Verkäufer - und er besetzt eine Sonderrolle. Das südkoreanische Militär bestellt U-Boote und andere Rüstungsgüter nicht direkt bei den Herstellern im Ausland, sondern über zugelassene Vermittler, Männer wie Chung.
"Er war Mister Deutsches U-Boot in Korea", sagte HDW-Chef Walter Freitag. Mit seinem Fachwissen und seiner Kenntnis der koreanischen Marine sei Chung enorm wichtig für HDW gewesen.
Bis zum Jahr 2018 wollte HDW ihm zusätzlich zu den bereits gezahlten 90 Millionen Euro noch weitere 20 Millionen überweisen. Das Geld soll dem Koreaner zustehen, weil er HDW geholfen habe, zwei U-Boot-Aufträge über rund 2,5 Milliarden Euro an Land zu ziehen.
In Kiel störte sich niemand daran, dass Chung einen Teil des Geldes, insgesamt 27,5 Millionen Euro, an eine Offshore-Firma in Hongkong überweisen ließ. Aber Steuerbehörden wurden stutzig. Die Staatsanwaltschaft Kiel ermittelte wegen Schmiergeldverdachts, doch die Spur des Geldes endete auf den British Virgin Islands. Das Verfahren wurde eingestellt.
HDW versuchte offenbar, den Millionen-Deal mit Chung auch gegenüber der Konzernmutter ThyssenKrupp geheim zu halten. Als diese im vergangenen Jahr nach Geschäften mit Chung fragte, beteuerten HDW-Manager, man kenne ihn nicht. Nun rudert die HDW-Führung zurück. Ja, es gab Verträge mit Chung, in denen stehe aber, dass er sich keiner unlauteren Mittel bedienen dürfe.
Die Konzernmutter bleibt skeptisch. Am 7. November fliegen Wirtschaftsprüfer und Anwälte nach Seoul: "Wir schauen uns das Südkorea-Geschäft jetzt selber noch mal ganz genau an", sagt ein ThyssenKrupp-Vorstand. "Wenn wir einen unserer Leute erwischen sollten, der geschmiert hat, dann fliegt er."
Auch Tognum bohrt weiter. Ernst & Young soll das komplette Asien-Geschäft des Unternehmens untersuchen.
Beide Konzerne zeigen heute ein Misstrauen, das schon früher angebracht gewesen wäre - etwa als Chung 1993 zu einer hohen Geldstrafe verurteilt wurde, weil er Militärs geschmiert haben soll.
Dass sie dies als Job-Empfehlung empfanden, kann man den Firmen nicht unterstellen. Aber abgebrochen haben sie die Beziehungen deshalb auch nicht. HDW-Managern gegenüber soll Chung versichert haben, er sei religiös geworden und ein "ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft".
Von Dietmar Hawranek und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 44/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KORRUPTION:
Null Toleranz