31.10.2011

THEATERWeibsteufel

Eine Diva, die behauptet, keine zu sein, ist natürlich erst recht eine: Die österreichische Starschauspielerin Birgit Minichmayr steht seit dieser Woche in München auf der Bühne. Zwei Theatermänner haben erbittert um sie gerungen. Von Philipp Oehmke
Die vier Männer können ja nicht ahnen, dass sie in ein paar Minuten von einem Güterzug überfahren werden. Sie haben erfolgreiche Immobiliengeschäfte gemacht an diesem Tag, gutgelaunt sitzen sie draußen auf der Terrasse eines berühmten Münchner Lokals. Sie haben ein bisschen getrunken. Sie sind laut und selbstgewiss.
Aber da gibt es diese junge Frau am Nebentisch. Leicht rothaarig, sexy irgendwie, nicht hübsch, aber doch schön. Sie ist Österreicherin, man kommt ins Gespräch. Es geht hin, und es geht her, österreichischer Schmäh, bayerische Derbheit, die Männer haben Lust, die Frau ein bisschen in die Ecke zu treiben. Da schreckt eine nicht vor ihnen zurück? Dann wird sie härter angefasst.
Bald sind die Immobilienmänner irritiert: Werden sie laut, wird die Frau lauter, werden sie hämisch, wird sie hämischer, werden die Männer anzüglich, wird die Frau noch anzüglicher. Fünf Minuten dauert es, und die Frau hat die vier Männer im Griff. Sie macht jeden einzelnen zu einem Bedürftigen ihrer Aufmerksamkeit.
"Das ist Wahnsinn", sagt der eine, der Hubert heißt, und weiß nicht, was das war, das da über ihn gekommen ist, und ob er es geil findet oder skandalös.
Birgit Minichmayr, die Frau vom Nebentisch, verabschiedet sich. Der Spuk hat ein Ende.
Die Schauspielerin Birgit Minichmayr ist jetzt in München. Sie ist über diese Stadt gekommen wie über diese Männer.
Sie läuft an diesem noch frühen Samstagabend durch die Straßen, trägt hohe Schuhe, Rock und halterlose Spitzenstrümpfe von Agent Provocateur und redet vor sich hin, eher laut als leise. Sie zitiert Ernst Jünger, "Der Arbeiter", ein protofaschistisches Pamphlet von 1932. Die Menschen auf Münchens Maximilianstraße, die aus den Escada-Boutiquen kommen, sehen sie an wie eine Verrückte.
Aber was soll sie machen? Sie muss ja diesen Text auswendig lernen, für ihr erstes Stück, das sie in München spielt. Am Nachmittag hat sie angefangen, inzwischen kann sie drei engbedruckte Seiten Jünger ziemlich fehlerfrei aufsagen. Sie sagt: "Ich gelte immer als die Verrückte, die Wilde. Aber das Ding ist: Ich bin absolut zuverlässig. Ich bin immer vorbereitet und kann immer meinen Text."
Ja, warum gilt sie als Verrückte? Vielleicht weil sie überall und sofort eine Bühne auftut, und sei es auf dem Gehsteig der Maximilianstraße. Vielleicht weil sie gerade in Wien die Rolle der Lulu hingeschmissen hat und damit die Produktion platzen ließ. Oder weil sie keine Angst hat, die Kontrolle zu verlieren, und auf Premierenfeiern in High Heels torkelnd, die roten Haare im Gesicht, plötzlich auf der Tanzfläche hinsegelt.
Birgit Minichmayr ist jetzt 34 Jahre alt, sie war die Buhlschaft im "Jedermann" der Salzburger Festspiele und damit in diesem Sommer die Königin des deutschsprachigen Theaters. Sie ist der Star des Wiener Burgtheaters, sie hat den Silbernen Bären der Berlinale für ihre Rolle in dem Kinofilm "Alle Anderen" gewonnen, sie, die künstlerische Ziehtochter des großen Klaus Maria Brandauer. Der Regisseur Luc Bondy hat sie einst "überbegabt" genannt, und überhaupt gibt es wenige
Regisseure, die sie nicht für genial halten. Deswegen hat der Regisseur Martin Kušej, der als neuer Intendant des Münchner Residenztheaters soeben seine erste Spielzeit eröffnet hat, Minichmayr aus Wien geholt. Sie war die Diva dort, der Star des Burgtheaters, sie sollte sich mit der Lulu verabschieden, doch dann konnte sie sich mit dem Regisseur nicht einigen.
Das Burgtheater sagte daraufhin die Inszenierung ab. Ohne Minichmayr keine Lulu. Dann rauschte sie ab nach München. In Wien blieb Matthias Hartmann zurück. Er ist Direktor des Burgtheaters und damit so etwas wie der mächtigste Mann im deutschsprachigen Theater. Martin Kušej gilt als einer der wirkungsmächtigsten Regisseure. Hartmann und Kušej mögen sich nicht besonders, und jetzt hat der Kušej dem Hartmann die Diva weggenommen.
Das Theater ist eine Welt des Dramas, auf der Bühne und dahinter. Es ist ein Spiel um große Kunst, es ist aber auch ein Spiel um Ruhm und Gunst, Geltung und Intrige, um Glanz und große Bühnenstars wie Minichmayr.
Vor ein paar Jahren hat Kušej ein sehr gutes Theaterstück inszeniert. Minichmayr spielte die Hauptrolle, das Stück gewann fast alle Preise, Kušej bekam den Nestroy-Preis, den österreichischen Theater-Oscar, Minichmayr wurde Schauspielerin des Jahres.
Das Stück heißt "Der Weibsteufel", und es erzählt eine Dreiecksgeschichte, einen strategisch-erotischen Kampf zweier Männer, eines Schmugglers und eines Grenzjägers. Beide wollen die Frau des Schmugglers dabei für ihre Zwecke nutzen. Am Ende hat das Weib unter Einsatz all seiner Möglichkeiten dafür gesorgt, dass der Ehemann tot ist und der andere ins Gefängnis geht. Sie aber erbt alles.
Minichmayr spielt das "Weib" mit klirrender Anziehungskraft, tänzelnd, in Sekunden umschaltend zwischen Naivität und Gerissenheit. Sie ist der Weibsteufel, und sie ist perfekt in der Rolle.
Kušej erzählt in dem Stück die Geschichte einer Emanzipation, und es wäre leicht gewesen, diese Rolle als das naive Weib zu interpretieren, das sich langsam in den Teufel verwandelt. Die Kunst Minichmayrs aber besteht darin, ansatzlos zwischen den Polen, - dem Teufel und dem Weib, dem Guten und dem Bösen - hin- und herzuspringen. Wie sie sich verbiegt, wie sie die Beine spreizt, die nackten Arme in die Höhe streckt, in High Heels über die Baumstämme auf der Bühne tanzt, dann wieder zurückfällt in Sanftheit und Selbstzweifel - das gehörte zum Besten, was man in den letzten Jahren im Theater sehen konnte.
Bei der Nestroy-Preisverleihung schließlich, das Fernsehen übertrug live, erzählte Minichmayr vom Weibsteufel: "Der Mann, das ist der Kušej, der Jäger ist der Hartmann - und die streiten, wem der Weibsteufel gehört."
Martin Kušej sagt, als er das im Fernsehen gesehen habe, sei er "fast in das Gerät gesprungen". Wie kann sie so etwas sagen? Sie bezeichnet sich als Weibsteufel? Und heißt das, dass die beiden Regisseure, Hartmann und Kušej, an ihr scheitern wie der "Jäger" und der "Mann"?
Aber es gibt diesen Kampf ja tatsächlich. Er reicht zurück bis in das Jahr 2006, als das Burgtheater in Wien sich für Hartmann entschied, einen Deutschen, Intendant in Bochum und Zürich, ein Macher, kein Künstler. Kušej wäre eine naheliegende Lösung gewesen, ein Kärntner mit slowenischen Wurzeln. Er steht für einen reduzierten, wuchtigen Regiestil und hat Opern in Salzburg inszeniert, er ist berühmt dafür, aus Schauspielern Dinge herauszubekommen, von denen sie nicht wussten, dass sie da sind. Kušej verkündete, das Burgtheater nie wieder betreten zu wollen und überhaupt, wenn es geht, nicht mehr in Österreich zu inszenieren.
Zwei Jahre später wurde in Wien die nächste Runde ausgetragen: Hartmann
kam auf die Idee, den "Weibsteufel" mit Minichmayr in Zürich zu inszenieren. Minichmayr machte es dann aber lieber mit Kušej am Burgtheater. Sie hatte mal schnell den Regisseur ausgetauscht. Als Hartmann im Jahr darauf die Burg übernahm, nahm er das Stück des Konkurrenten vom Spielplan. Es war dem Kampf der beiden Männer zum Opfer gefallen.
Minichmayr war sauer. "Ich lebe davon aufzutreten, man wollte mir das nehmen", sagt sie heute. "Außerdem hat sich das Stück ja wirklich in der Realität wiederholt. Es ging um Besitzanspruch: wer mich und das Stück haben darf."
Nun also dritte Runde. Martin Kušej soll dem Residenztheater einen Neustart verpassen und hat einige der größten Burg-Schauspieler aus Wien engagiert: Tobias Moretti, Nicholas Ofczarek und natürlich Birgit Minichmayr. "Die Birgit und ich", sagt Kušej, "wir kommen beide ganz bodenständig von irgendeinem Misthaufen, für den wir uns nicht schämen."
Birgit Minichmayr wuchs auf einem Bauernhof auf in der Nähe von Linz, Gemüse und Getreide, Tiere nur zum Eigenbedarf. Die Kartoffelernte mit der Oma, daran erinnert sie sich, das Schweineschlachten, das Gedärmblasen.
Als Kind hat sie sich ihre Tage zugeknallt mit Tanzen, Singen, Theater. Sie bekam Magersucht, später Bulimie. Wenn sie innerlich wieder in ein Ungleichgewicht geriet, erzählt Minichmayr, habe sie angefangen, eine neue Handschrift auszuprobieren. In manchen Heften hatte sie fünf verschiedene Handschriften, je nachdem wie es ihr gerade ging. "Die ganze Nacht lang habe ich dann die Schulhefte neu abgeschrieben, damit da wieder eine Ordnung reinkam. Weil ich alles wieder so sauber haben musste." Sie musste in Therapie und ist es bis heute. Sie sagt, sie könne damit leben, das sei die zerstörerische Energie, die sie bis heute in sich trage.
Die Rothaarige mit dem vollen Mund. Die Propere mit der tiefen Stimme. Die Wilde, die Laute, die Sexuelle: Sie sagt, sie habe diese Einordnung nicht verstanden, diese Eindeutigkeiten. Am Anfang, sagt sie, habe sie immer versucht, der Welt zu sagen, sie sei doch ganz schüchtern und still. Das hat sie aufgegeben, vielleicht auch, weil es nicht wirklich haltbar war. Eine Diva will sie trotzdem nicht sein. Aber eine Diva, die sagt, sie sei eine Diva, wäre ja auch keine.
Am nächsten Tag kommt Birgit Minichmayr mit einem Kater zur Probe. Sie nimmt sich eine große Flasche Sprudel. In der Probenhalle hinter einem Tisch sitzt mit verschränkten Armen Frank Castorf. Castorf hat in den neunziger Jahren an der Volksbühne das deutschsprachige Theater neu erfunden, er wurde berühmt dafür, dass er die Probleme und Konflikte seiner Schauspieler mit in die Stücke einwob. Minichmayr liebt das, sie hat sich schon dreimal von ihm inszenieren lassen. Eigentlich haben in letzter Zeit nur noch wenige an Castorf geglaubt. Doch Kušej hat ihn als Gastregisseur geholt, und Castorf hat sich Minichmayr als Darstellerin gewünscht. Jetzt spielt sie die Karoline in dem Ödön-von-Horváth-Stück "Kasimir und Karoline". Ihr Partner ist wie auch im "Weibsteufel" oder im "Jedermann" Nicholas Ofczarek.
In dem Stück gehen Kasimir und Karoline am Vorabend des Börsencrashs von 1929 aufs Oktoberfest, um sich dort, getrieben von Überschwang und Unmoral, für immer zu verlieren. Wieder ist eine laszive Rolle von Minichmayr gefordert, sie hat sich nun umgezogen. Im kurzen silbernen Kleid und in High Heels klackert sie durch die Probenhalle, später muss sie auf einen Schimmel steigen und sieht aus wie Bianca Jagger im Studio 54.
Castorf redet sich warm, über das Fernsehprogramm vom Vorabend, über Ernst Jünger, Olaf Scholz, Claus Peymann und die NPD. Irgendwann geht er dazu über, den Text für die Schauspieler aus dem Stegreif zu erfinden und ihnen vorzusagen. Minichmayr muss jetzt ihre Kollegin Bibiana Beglau, die einen fremden Mann spielt, küssen. Wie in alles stürzt Minichmayr sich in diesen Kuss mit allem hinein.
Castorf sagt: "Macht es doch nicht so vulgär. Der Kuss muss sich absetzen von dem Rummel."
Dann zu Minichmayr: "Birgit, moderne Bescheidenheit."
"Was?"
"Das heißt: Du bist auch in der zweiten Reihe toll."
Da lacht Minichmayr ihr heiseres, verkatertes Lachen. Nach der Probe geht sie in das Münchner Lokal, wo sie ihr nächstes Publikum findet: die vier Männer aus dem Immobiliengeschäft. ◆
(*1) Als Buhlschaft im "Jedermann" in Salzburg, in "Der Weibsteufel" in Wien 2008.
(*2) Bei den Proben zu "Kasimir und Karoline" in München.
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 44/2011
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