07.11.2011

BESTATTUNGSKULTUR„Leichen sind harmlos“

Der Bestatter Peter Wilhelm, 52, über die Gesetze des Todes
SPIEGEL: Ihr Ratgeber hat den Titel "Darf ich meine Oma selbst verbrennen?". Darf ich das?
Wilhelm: Nein, dürfen Sie nicht. Die Landesbestattungsgesetze verbieten es, dass Sie eine Leiche zu Hause verbrennen. Über kaum etwas haben sich deutsche Bürokraten mehr Gedanken gemacht als über Bestattungen. Die tote Oma gehört laut Gesetz in die Hände eines Bestatters.
SPIEGEL: Muss ich die Beerdigung meiner Oma bezahlen, obwohl ich meine Oma gehasst habe?
Wilhelm: Die Beerdigung ist Ihre Pflicht, das ist ähnlich wie beim Erbrecht, nur dass Sie bei einer Beerdigung zahlen müssen. Aber Sie dürfen dann auch bestimmen, wie die Beerdigung abläuft.
SPIEGEL: Darf ich Möhrchen auf das Grab meiner Oma pflanzen?
Wilhelm: Das hängt von der Friedhofssatzung ab. Normalerweise nicht.
SPIEGEL: Machen Sie sich in Ihrem Buch über den Tod lustig?
Wilhelm: Eigentlich nicht, ich gehe mit dem Thema ja pietätvoll um. Wenn die Menschen über den Tod lachen, beschäftigen sie sich endlich damit. Sie werden an das Tabu Tod herangeführt.
SPIEGEL: Ist der Tod tatsächlich so ein Tabu?
Wilhelm: Ich glaube schon. Die Menschen wollen sich nicht mit ihrer Vergänglichkeit beschäftigen. Der Staat hat unser Verhältnis zum Tod beeinflusst. Die Behörden nehmen uns den Umgang mit Leichen aus der Hand.
SPIEGEL: Das ist doch gut.
Wilhelm: Früher konnten Sie die Leiche noch zu Hause waschen, schön herrichten und dann persönlich zum Friedhof tragen. Heute muss der Verstorbene 36 Stunden nach dem Todeszeitpunkt in der Kühlung einer Leichenhalle liegen. Wenn jemand in einer Tiefkühltruhe liegt, sind die persönliche Betreuung und das Abschiednehmen schwierig.
SPIEGEL: Wieso sind die Gesetze so streng?
Wilhelm: Ich glaube, das liegt am übertriebenen Hygienedenken der Deutschen. Die Menschen haben Angst vor etwas, das sie Leichengift nennen. Es gibt aber gar kein Leichengift. Leichen sind harmlos, aber sie werden so behandelt wie Giftmüll.
SPIEGEL: Wieso sollten sich Menschen überhaupt mit dem Tod beschäftigen, solange sie leben?
Wilhelm: Wenn sie sich damit beschäftigen, sind sie vorbereitet. Sie können selbst entscheiden, ob sie verbrannt oder in der Erde oder in der See bestattet werden. Und sie können in Ruhe die Preise der Bestatter vergleichen. Das macht man meistens nicht, wenn ein geliebter Angehöriger stirbt.
Peter Wilhelm: "Darf ich meine Oma selbst verbrennen? … und andere skurrile Fragen an Deutschlands bekanntesten Bestatter". Knaur Taschenbuch Verlag, München; 224 Seiten; 8,99 Euro.

DER SPIEGEL 45/2011
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