14.11.2011

BriefeDunkler Glorienschein

Nr. 45/2011, Friedrich der Größte. Triumph und Tragödie eines Preußenkönigs
Ich empfehle Friedrichs "Geschichte des Siebenjährigen Krieges". Er schreibt, drei Faktoren hätten den Untergang Preußens verhindert: die Zerstrittenheit der gegnerischen Koalition, die Abhängigkeit ihrer Generale von höfischer "Staatsklugheit" und der Tod der russischen Zarin. Kann man es nüchterner sehen?
Berlin,
Werner Kliess
Sehr gut finde ich, dass Preußens Glorienschein ein wenig abgedunkelt wird.
Crailsheim (Bad.-Württ.) Achim Kupka
Unter der Last der väterlichen Unterdrückung hat Kronprinz Friedrich vermutlich schon mit 18 Jahren, vielleicht unbewusst, einen Weg gefunden, um sich für seine späteren Aufgaben zu stärken. Er erkannte die Bedeutung des Exerzierens als tägliche Übung. Es handelte sich nicht einfach um ein Paradieren, sondern um das "Exercitium ad integrum", eine Übung, die vor allem im Jesuitenorden und Zen-Buddhismus betrieben wird und welche das Durchhaltevermögen zum obersten Ziel setzt.
Ascona (Schweiz)
Prof. Dr. Wolfgang Oppenheimer
Die Widersprüchlichkeit Friedrichs II. sollte jede Generation aufs Neue beschäftigen: Ein aufgeklärter und musisch begabter Monarch war zugleich ein rücksichtsloser Feldherr. Unter ihm stieg das allmählich vom Polizeistaat zum Rechts- und Wohlfahrtsstaat mutierende Preußen durch mehrere Präventivkriege zur fünften Großmacht in Europa auf. Ein erstes Selbstbewusstsein und Nationalgefühl der Deutschen konnte sich entwickeln. Unglücklicherweise wurde Friedrichs obrigkeitsstaatlich geprägte Vorstellung "nichts durch das Volk, alles für das Volk" später entsetzlich pervertiert. Heute sind wir das Volk, das sich bemerkbar machen kann.
München Anit van Hercke
Als Kronprinz, unter seinem despotischen Vater leidend, verfasste Friedrich II. den "Antimachiavell". Später verhielt er sich wie ein lupenreiner Machiavellist. In diesem Licht erklären sich seine Reformen. Er tat stets, was ihm opportun erschien. Und so kann man die Regentschaft Friedrichs II. wohl eher als "aufgeklärten Despotismus" denn als "aufgeklärten Absolutismus" bezeichnen.
Grebenstein (Hessen),
Rainer Degethoff
Bei aller Anerkennung der kritischen Würdigung fehlt ein Eingehen darauf, dass in Friedrichs Staat entscheidende Grundlagen für das Preußen des 19. Jahrhunderts als Bildungs- und als Rechtsstaat gelegt wurden, hinter denen die aufgeklärten westlichen Staaten zurückblieben. Friedrich war schon zu Lebzeiten sehr populär und stellte weithin eine Art Idol dar.
Leer (Nieders.),
Dr. Enno Eimers
Friedrich II. war von Anfang an entschlossen, seinem Land eine herausragende Stellung zu verschaffen. Da die Armut steuerpolitisch nicht zu überwinden war, blieb als Ausweg nur die Expansionspolitik übrig.
Fürstenzell (Bayern)Walter Berchtold
Friedrich II. schrieb 1781 an den französischen Naturwissenschaftler d'Alembert einen Brief, der die andere Seite des Preußenkönigs zeigt: "Weit davon entfernt, mich über mein nahes Ende zu beklagen, muss ich mich vielmehr bei dem Publikum entschuldigen, weil ich die Unverschämtheit besaß, so lange zu leben, es gelangweilt und belästigt zu haben und ihm dreiviertel Jahrhundert hindurch beschwerlich gefallen zu sein, was zu weit geht."
Frankenberg (Hessen)Karl-Heinz Hartmann

DER SPIEGEL 46/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Briefe:
Dunkler Glorienschein