14.11.2011

CDUMelancholie ohne Manieren

In einem Berliner Salon beklagen die letzten Aufrechten den Untergang des Abendlands, verursacht durch Angela Merkel.
Fünf Tage vor dem Parteitag in Leipzig, an dessen Ende die CDU mal wieder einen Hauch moderner sein wird, steht der Verleger Andreas Krause Landt in einem Berliner Salon, hinter ihm ein Kamin, Ölgemälde an den Wänden, und hält ein Büchlein in der Hand, der Titel: "Schluss mit dem Ausverkauf!" Ein solches Buch sei immer schwierig zu platzieren, sagt Krause Landt. "Schwierig, weil man nicht weiß, ob die Welle, auf der man zu surfen versucht, die richtige ist." Das ist ein seltsamer Auftakt für die Präsentation eines Buchs, dessen Autoren nichts fürchterlicher finden als die Surferei auf irgendwelchen Wellen.
Schon der Untertitel ist so sperrig, dass man ihm keine Anbiederung an die Mechanismen der Moderne vorwerfen kann: "Den traurigen Niedergang der Union, ihre bedingungslose Kapitulation vor dem Zeitgeist und den allgemeinen Verfall unserer Parteiendemokratie erörtern, obwohl sie niemand darum gebeten hat, Arnulf Baring, Josef Kraus, Mechthild Löhr, Jörg Schönbohm". Ein 128 Seiten langes Klagelied.
Die Autoren sitzen in gelben Ledersesseln und Sofas neben ihrem Verleger, hinter ihnen leuchtet die Quadriga des Brandenburger Tors, auf der Fensterbank eine Büste Bismarcks. Nur 15 Gäste sind gekommen.
Es steht nicht gut um den deutschen Konservativen. Deutet man die Zeichen richtig, dann ist er vom Aussterben bedroht. Sein Lebensraum wurde mit den Jahren immer widriger, seine natürlichen Feinde heißen Globalisierung, Zeitgeist, Frauenbewegung und Angela Merkel. So hat sich der Konservative in sein letztes Rückzugsgebiet verkrümelt, in die heile Welt kleiner Salons. Er veröffentlicht jetzt wütende Protestbücher in Kleinverlagen, mit Kapiteln, die "Wie man die Familie zerstört" heißen oder "Wie man das Abendland entsorgt".
Aus den gelben Sesseln erklingen nun die Schlagworte zur Entsorgung des Abendlands, sie lauten Bundeswehrreform, Frauenquote, Atomausstieg, Homo-Ehe, Libyen-Politik, Gender Mainstreaming, Abschaffung der Hauptschule und Mindestlohn. Es sind die Verlustmeldungen der letzten Jahre, fast alles, woran man einst glaubte, scheint plötzlich zerstört.
"Ist das alles Frau Merkel zu verdanken, oder haben wir es mit einem breiteren gesellschaftlichen Phänomen zu tun?", fragt der Moderator. "Oder anders: Vergewaltigt eine Frau ihre Partei und anschließend die Gesellschaft? Oder gibt es für die Positionen, die hier vertreten werden, einfach keine Mehrheit mehr?"
"Vielleicht kann es uns gelingen, die Union aufzuwecken", sagt Jörg Schönbohm. In der Union hatte er einige Jahre den Posten des Quoten-Konservativen inne. Nach seinem Rückzug fand sich leider keine Neubesetzung. Die Partei habe sich unter Angela Merkel "zum rein akklamatorischen Instrument entwickelt", schreibt Schönbohm. "Pepita passt zu Pepita. Man möchte es kleinkariert, personell wie intellektuell."
Neben ihm sitzt Mechthild Löhr, sie ist Vorsitzende der Initiative Christdemokraten für das Leben und Herausgeberin des Buchs "Homo-Ehe. Nein zum Ja-Wort aus christlicher Sicht". Aktuell beklagt sie die CDU-Politik der "Krippenbeglückung", bei der "selbst Margot Honecker staunen" würde. Aber darüber könne man ja heute nicht mehr offen reden. Es gebe "keinen Diskurs, sondern Dekrete", "Politik par ordre de Mutti" nennt Löhr das. Sie sei der festen Überzeugung, dass die meisten Menschen eigentlich konservativ seien, sagt Löhr. "Weil sie etwas bewahren wollen, über das wir in den letzten Jahrzehnten gelernt haben, dass es kostbar und wertvoll ist." Löhr glaubt an eine Rettung, an eine Zeit nach Angela Merkel, daran, dass ihre Stunde, die Vergangenheit, noch einmal kommen wird.
So sitzen sie in ihren Ledersesseln und träumen eine gute Stunde lang von der guten alten Zeit, als wäre es noch einmal 1955 oder wenigstens 1985. Als der Feind und Angela Merkel hinter der Mauer standen, die Frauen am Herd und die Schwulen nicht vor dem Standesamt. "Zu Adenauers Zeiten war das anders", schreibt Baring im Buch.
Sie befinden sich in derselben Lage, in der sich der linke Sozialdemokrat Ottmar Schreiner vor ein paar Jahren befand, als er die Politik seiner Schröder-Regierung verfluchte. Während Schreiners Partei in der Regierung immer neue Pakte mit der Wirklichkeit schließen musste, wurde er selbst immer trauriger. Es war die Trauer um etwas, das einst als Wesenskern galt. Aber auch Kerne ändern sich, wenn ihre Umgebung es tut.
Arnulf Baring schnellt aus der Tiefe seines Sessels hervor. Er trägt einen pinkfarbenen Schlips und ein Einstecktuch in Lila. Ein Blick durch den Salon verrät, dass Konservative generell zu grellen Accessoires neigen. "Adolf Hitler!", sagt Baring, "Adolf Hitler dachte noch im Frühjahr 1945, er sei auf der Siegerstraße." Auch der letzte deutsche Kaiser und Erich Honecker hätten bis kurz vor dem Zusammen-bruch ihrer Regime den Untergang nicht für möglich gehalten. Die Apokalypse ist bei Baring immer nur eine Kurzstrecke entfernt.
Sein Kopf läuft rot an, die Empörung trägt ihn fort. Nach der Frage, ob man von Angela Merkel "vergewaltigt" worden sei, und dem Verweis auf Adolf Hitler und Erich Honecker beklagt Arnulf Baring nun also die "politische Gedankenlosigkeit" bei gleichzeitiger "minderwertiger Auswahl des Führungspersonals", und auf einmal, kurz bevor der Champagner gereicht wird, wird man selbst etwas wehmütig. Und man denkt an jene gute alte Zeit, als Konservative neben der Melancholie noch etwas anderes auszeichnete. Das waren Manieren.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 46/2011
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