14.11.2011

KRIMINALITÄTDas Böse unter der Sonne

Der Deutschen liebste Ferieninsel zieht nicht nur Urlauber an: Mallorca ist auch ein Eldorado für Glücksritter, Gangster und Gauner - und dient prominenten Ex-Betrügern als Ort der Ruhe.
Ein Spätsommernachmittag auf Mallorca, das elegante Restaurant Riskal an der Hafenpromenade von Port d'Andratx. Auf der Terrasse, in einem großzügigen Korbsessel, hat ein dezent gebräunter Mann Platz genommen. Er trägt eine goldgefasste Sonnenbrille, zieht genüsslich an einer Zigarre und wirkt alles in allem entspannt.
Der korpulente Herr kann Erholung gut gebrauchen - nach siebeneinhalb Jahren in der Justizvollzugsanstalt Freiburg. Denn früher war Manfred Schmider, 62, ein Schwergewicht in Sachen Wirtschaftsbetrug. Als Chef des FlowTex-Konzerns lebte er einst prächtig vom Handel mit sogenannten Horizontalbohrsystemen. Einziges Problem: Die meisten der teuren Maschinen existierten nur auf dem Papier - ein Schönheitsfehler, der Schmiders Gläubiger mehr als zwei Milliarden Euro kostete und "Big Manni" einen Spitzenplatz in der deutschen Kriminalgeschichte sicherte. Zu elfeinhalb Jahren verurteilt, zeichnete er sich im Knast durch gute Führung aus.
Und auch jetzt, nachdem ihm die Justiz seine Reststrafe erlassen hat, scheint sich Schmiders Lebensführung nicht wesentlich verschlechtert zu haben: Häufig wird der gestrauchelte Unternehmer auf Mallorca gesichtet, meist in exklusivem Ambiente und in Begleitung seiner Ex-Gattin, die offenbar einiges Vermögen aus besseren Zeiten herüberretten konnte. Gern kutschiert Schmider im nachtblauen Range Rover umher, lässt sich auf schicken Yachten blicken oder resozialisiert am Pool eines luxuriösen Anwesens.
Doch Big Manni ist nicht der einzige Delinquent, der den mallorquinischen Dauersommer den unwirtlichen Gefilden des deutschen Rechtsstaats vorzieht. Neben Betrügern im Ruhestand scheint die Sonneninsel lichtempfindliche Klientel aus der Bundesrepublik geradezu magnetisch anzuziehen. Denn ein Wohnsitz auf den Balearen ist - dank eines äußerst liberalen Meldewesens - auch bestens als Ort der Zuflucht vor Gläubigern, lästigen Steuerfahndern oder diensteifrigen deutschen Staatsanwälten geeignet.
Das One-Way-Ticket ins rund zwei Flugstunden entfernte Urlaubsparadies ist bereits für ein paar Euro zu haben, Fremdsprachenkenntnisse sind kaum erforderlich. So ist im Dunstkreis der geschätzt rund 27 000 deutschen Mallorca-Residenten ein sumpfiges Biotop erblüht, das schillernden Gestalten aller Art beste Entfaltungsmöglichkeiten verspricht. Das Spektrum reicht vom gescheiterten Gebrauchtwagenhändler aus Bottrop bis zum Lamborghini-fahrenden Hochstapler, vom Callcenter-Abzocker bis zum Glücksritter mit fragwürdigem Adelstitel und monogrammierter Garderobe.
"Die deutschen Verbrecher mögen Mallorca ebenso wie der Rest der Deutschen", seufzt Comisario Toni Cerdà von der Policía Nacional in Palma. Der Kriminalbeamte hat in einem schmucklosen Dienstzimmer eine Tabelle vor sich ausgebreitet. Im vorigen Jahr, so erzählt er, musste seine Behörde insgesamt 22 Rechtshilfeersuchen aus Deutschland bearbeiten und 18 Bundesbürger festnehmen. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres gab es bereits 14 Ersuchen und 11 Festnahmen. "Wir haben fast täglich Kontakt mit den deutschen Kollegen", sagt Cerdà, "die Zusammenarbeit funktioniert flüssiger und freundlicher als mit anderen Ländern."
Erst im Juni, so Cerdà, habe man bei der "Operación kino.to" kooperiert, einer großangelegten Razzia gegen eine mutmaßliche Bande von Filmpiraten. Die Truppe steht im Verdacht, in großem Stil Links zu raubkopierten Filmen im Internet angeboten und damit Millionen umgesetzt zu haben. Als Drahtzieher gilt Dirk B., ein gelernter Bodenleger aus Leipzig, der inzwischen in deutscher Untersuchungshaft sitzt und dessen Anwälte für eine Stellungnahme nicht zu erreichen waren. Das Netzwerk soll unter anderem von Mallorca aus gesteuert worden sein: In Calvià stand den Verdächtigen nach Erkenntnissen der Ermittler eine imposante Villa zur Verfügung; eine Briefkastenfirma residierte im Herzen von Palma, direkt neben dem Rathaus.
Generell scheinen deutsche Mallorca-Kriminelle eine Vorliebe für Vermögensdelikte zu haben. "Jede Nationalität hat eine Spezialisierung", sagt Bartolomé del Amor von der Guardia Civil. Rumänische und algerische Banden konzentrierten sich hauptsächlich auf Hoteleinbrüche, während ihre bulgarischen Kollegen Marktführer im Knacken von Luxusautos seien. "Und die Deutschen", so del Amor, "fallen meistens durch Betrug auf." Lebhaft in Erinnerung ist dem Capitán die Sache mit dem norddeutschen Immobilienhändler, der, offenbar mit reichlich Fremdkapital ausgestattet, auf der Insel durch einen spektakulären Lebenswandel auffiel. Bisweilen kreuzte der Kaufmann in einem Rolls-Royce über die Insel.
Das noble Gefährt wurde allerdings bald zum Versicherungsfall - nachdem eine Handgranate russischen Fabrikats unter der geparkten Karosse detoniert war. Ob der Anschlag wirklich eine Warnung osteuropäischer Bekannter war, die die Regelung einer Kreditangelegenheit beschleunigen wollten, konnte damals ebenso wenig geklärt werden wie das zeitnahe Auftauchen zweier Männer namens Jurij und Gennadij. Als die Guardia Civil bei Santa Ponsa den gemieteten Opel Corsa der Herren stoppte, fanden sich in ihrem Urlaubsgepäck, neben Bermudashorts, eine schallgedämpfte Pistole sowie 600 Gramm Plastiksprengstoff. Konkrete Anschlagspläne konnten damals jedoch nicht nachgewiesen werden, die Beweise reichten lediglich für ein Verfahren wegen unerlaubten Waffenbesitzes.
Weniger explosiv ist der Fall eines mutmaßlichen Hochstaplers, der als "falscher Arzt vom Ballermann" ("Bild") in die Schlagzeilen geriet und aktuell mallorquinische wie deutsche Ermittlungsbehörden beschäftigt. Wiederholt soll sich Marc K. auf der Insel als Mediziner ausgegeben haben - wahlweise als "Dr. med.", "Unfallchirurg" oder "Leitender Direktor" einer Tagesklinik.
Offenbar verfügte der Mittvierziger, der früher als Gastronom an der berüchtigten "Schinkenstraße" von El Arenal gewirkt haben soll, tatsächlich über Führungsqualitäten - wenn auch auf anderem Gebiet: Auf der Website eines Travestie-Kabaretts in El Arenal war Marc K. als "Künstlerischer Leiter" aufgeführt. Dass er im Nachtleben an der Playa de Palma auch mal die Notarztjacke überstreifte, Touristen behandelte und sich dabei gar von einem ZDF-Team filmen ließ, brachte ihm nun juristischen Ärger ein. Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe hat ein Verfahren gegen K. eingeleitet. Nach Angaben eines Sprechers steht er im Verdacht, auch als Patient illegal bei einer Reiseversicherung abgerechnet zu haben. K. selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Unweit von K.s Operationsgebiet am Ballermann hat sich derweil ein Verein festgesetzt, dessen Mitglieder - echten - Unfallchirurgen mitunter reichlich Arbeit bescheren: Seit März 2010 existiert hier ein Clubhaus der Rockergang Hells Angels. Ende vorigen Jahres kontrollierte die Guardia Civil den deutschen Rocker Christopher R. und entdeckte in seinem Mercedes milieutypisches Arbeitsgerät, darunter einen Schlagring, eine Machete und eine Pistole. R. gab an, den Wagen nur geliehen und von dem Waffenarsenal nichts gewusst zu haben.
Eindrucksvoll konfrontiert mit der Hochrüstung der teutonischen Motorradszene wurden die mallorquinischen Sicherheitsbehörden schon im August 2010. Anlässlich einer Massenkeilerei zwischen Hells Angels und dem konkurrierenden Gremium MC stellten sie Stahlruten, Eisenstangen sowie mit Billardkugeln gefüllte Socken sicher. Angeblich soll vor dem Schlagabtausch eigens ein größeres Rockerkontingent aus dem Bundesgebiet eingeflogen sein.
Das Gros der rund drei Millionen deutschen Urlauber, die jährlich auf die Ferieninsel jetten, dürfte mit Kriminalität jedoch allenfalls als Opfer in Berührung kommen. Berauscht von der Urlaubsstimmung, lassen sie sich oft auf zwielichtige Geschäfte ein - ein besonders dreister Fall flog 2009 auf. Als Hauptverdächtige wurden damals zwei deutsche Kaufleute identifiziert, die vorwiegend von Mallorca aus ihre Kunden mit dubiosen Gewinnversprechen geködert haben sollen. Es ging um eine russische Goldmine, die atemberaubende Profite abwerfen sollte. Doch der vermeintliche Schatzort entpuppte sich als Luftnummer, der verantwortliche "Projektleiter" als Fernfahrer.
Echte Renditen hingegen generierte offenbar ein Kollege aus Paderborn, der mit Telefongewinnspielen Millionen verdient haben soll und als "Mallorca-Thorsten" inselweit Bekanntheit erlangte. Das lag nicht zuletzt an seiner offensiv ausgelebten Vorliebe für Sportwagen der Marke Ferrari und einer pompösen Hochzeitsparty am Strand bei Puerto Portals.
Im Jahr darauf tauchte der Geschäftsmann abrupt unter und blieb verschwunden, bis ihn Zielfahnder des Bundeskriminalamts in Zürich aufspürten. Inzwischen steht Mallorca-Thorsten gemeinsam mit seiner Gattin und einem mutmaßlichen Komplizen vor dem Landgericht Bielefeld - und schweigt zu den Vorwürfen in der 4713 Seiten starken Anklageschrift. Das Konvolut führt 139 711 Geprellte auf, der Schaden liegt nach Rechnung der Ermittler bei rund 19 Millionen Euro.
Derartige Summen hätten einem anderen Mallorca-Residenten früher wohl nur ein müdes Lächeln entlockt. Der einstige Anlagebetrüger Jürgen Harksen, 2008 aus der Haft entlassen, hatte in seinen besten Zeiten mit bis zu 50 Millionen Euro jongliert und seinen Investoren Gewinnmargen von bis zu 1300 Prozent in Aussicht gestellt. Die Schönheit seiner neuen Heimat wirkt sich auf den Ex-Häftling offenbar beruhigend aus. Nach eigenen Angaben widmet sich Harksen, dessen Karriere als Vorbild für einen Film ("Gier", 2010) diente, in seinem neuen Leben hauptsächlich der Hege von Weinspezialitäten.
Von Sven Röbel und Barbara Schwarzwälder

DER SPIEGEL 46/2011
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