14.11.2011

PARTNERSCHAFTMehr Wölfe als Fleisch

Der Wettbewerb auf Chinas Heiratsmarkt ist hart, der Druck enorm, die Eltern mischen grundsätzlich mit. Wenn die neue Weltmacht liebt, geht es immer um das Dreiecksverhältnis von Romantik, Konfuzius und Geld. Von Sandra Schulz
An einem Sonntag im Regen bricht Xin Yunyue zum 15. Mal auf, um die Frau seines Lebens zu finden. Er steigt in seinen alten Chevrolet, kein Auto, das es einem leichtmacht bei den Mädchen in China, er rast durch die Vorstadt, eilt an einem Springbrunnen mit goldenen Fröschen vorbei und kommt gerade noch rechtzeitig in den Saal, um die Worte des Liebesengels zu hören. Der Liebesengel sagt: "Wir haben heute mehr Wölfe als Fleisch." Das klingt nicht gut.
Doch Xin lässt sich nicht verrückt machen, nicht von einem Liebesengel mit Bürstenhaarschnitt. Natürlich gibt es wieder einmal mehr Männer als Frauen, das ist in seiner Firma so und in ganz China und eben auch hier, bei dieser Singleparty in Shanghai, wo die Gastgeber Liebesengel heißen und für einen Veranstalter namens "Blitzheirat" tätig sind.
Xin mustert seine Konkurrenten, da sitzen sie, die anderen Wölfe mit ihren rosarot glänzenden Seidenbändchen, die ihnen Glück bringen sollen. Die Lässigen haben es sich ums Hosenbein geschlungen oder um den Bizeps. Die Braven tragen es ums Handgelenk, mit Schleife, so wie er selbst. Sie sind 80 junge Chinesen, die an ein Märchen aus der Tang-Dynastie glauben wollen. Daran, dass ein rotes Seil jene verbindet, die füreinander bestimmt sind. Nur einer will nicht, er hat das Band um seinen Regenschirm gewickelt. Aber er schläft ohnehin ständig auf seinem Stuhl ein.
Xin will heiraten, schnell, dann kann er endlich wieder in Ruhe essen. Immer beim Abendbrot fängt seine Mutter damit an: Du bist bald 30. Du musst aufholen. Die Söhne unserer Freunde haben es längst geschafft. Manchmal schlingt Xin, 29 Jahre alt, den Reis hinunter, nur damit er den Klagen entkommt.
"Wie gelingt es, dass die übrig gebliebenen Jungs und Mädchen nicht länger übrig bleiben?" Das haben die Leute von "Blitzheirat" auf ein Plakat neben dem Buffet geschrieben. Ja, wie? Sie geben sich ja Mühe, Xin und die anderen, und deshalb ruft ständig irgendein Liebesengel zum Applaus. Applaus, weil sie sich morgens aus dem Bett gequält haben. Applaus für ihre Hartnäckigkeit im Streben nach Liebe. Sie beklatschen sich selbst, lahm, lustlos, müde. Die Suche nach dem Glück ist ihnen zur Last geworden.
Xin probiert es noch einmal, macht mit beim Suchspiel, soll jetzt Bill Clinton sein. Er muss im Saal eine Hillary finden, am Ende steht er vor zweien und lächelt traurig. Die erste ist ihm zu groß, die zweite auch. Xin hört noch, wie der Liebesengel mahnt: "Geht jetzt nicht zueinander nach Hause. Ihr seid doch gebildet, habt Manieren. Geht zusammen in die Karaoke-Bar." Dann fährt er. Er lässt den Höhepunkt sausen, die Polonaise der Einsamen, bei der sie einander den Rücken massieren, trippelnd und kichernd, die fremde Hand auf der Schulter.
Xin ist einer von 260 Millionen Chinesen, die besessen sind von dem Gedanken, den Richtigen oder die Richtige zu finden. 180 Millionen Singles und 80 Millionen besorgte Eltern hat der "Untersuchungsbericht zu Ehe und Beziehung 2010" gezählt. Sogar einen Tag des Single feiert China im November.
Xin sagt: "Liebe ist, wenn sie immer in meinen Gedanken ist."
Xin sagt: "Heiraten ist, wenn aus zwei Familien eine Familie wird."
Natürlich will er die Wünsche seiner Eltern respektieren, jedes gute chinesische Kind muss das wollen seit Konfuzius, und darum ist es erfreulich, dass sein Vater und er sich oft einig sind. Eine Frau aus Nord- oder Westchina kommt nicht ins Haus, finden beide. Sie setzen auf eine Braut aus Shanghai. Shanghai aber, glaubt Xin, ist das härteste Pflaster für die Liebe in China. "Die Shanghaier Mädchen sind besonders materialistisch", sagt er. "In solch einer Stadt wird man so."
Shanghai ist Glanz, Erfolg, Geld, wer es hier schafft, schafft es überall im Land. Shanghai ist ein Versprechen, glamouröser als die Hauptstadt mit ihrem biederen Protz. Die Frauen hier wollen Gewinner, schon weil sie selbst gut sind, gutausgebildet an den besten Schulen, den besten Universitäten des Landes. Sie wollen ein gutes Leben heiraten. Schöner Mann, schöne Wohnung, schönes Auto.
Zur Diagnose einer ganzen Gesellschaft wurde der Dialog in einer Dating-Show im Fernsehen. "Willst du mit mir Fahrrad fahren?", fragte ein Kandidat, und die Frau antwortete: "Lieber würde ich in einem BMW sitzen und heulen." Daraufhin erließ die zuständige Behörde neue Regeln, in denen es heißt: "Inkorrekte soziale Werte wie die Verehrung von Geld sollten nicht in den Shows gezeigt werden." Ein bisschen schämt sich die Kommunistische Partei dafür, was der Wirtschaftsboom aus den Chinesen gemacht hat.
Über eine Baustelle im Zentrum von Shanghai stakst die hübsche Shan Lina, sie weiß gar nicht, wohin sie gucken soll, zu den Pfützen, zum Neubau oder zu den Männern. Sie darf sich jetzt nicht die Plateauschuhe im Schlamm ruinieren, sie muss gut aussehen, sie ist 27 Jahre alt und kurz davor, als "lao guniang" zu enden. Ende zwanzig und unverheiratet, das nennt man in China ein "altes Mädchen".
"Gebt der Liebe ein Zuhause" heißt die Veranstaltung, deswegen ist Shan hier, sie will der Liebe eine Eigentumswohnung geben. Zum Glück wird sie heute nur Männer treffen, die gut verdienen, also mindestens 100 000 Yuan, rund 11 500 Euro, im Jahr. Und die ein Apartment kaufen wollen. Andere hat die Partnervermittlung "Glückliche Fügung" gar nicht eingeladen. Die Sache ist einfach: Eine chinesische Braut sagt nicht ja ohne Immobilie. Ein chinesischer Bräutigam muss mit Quadratmetern beeindrucken. Also besorgt "Glückliche Fügung" die Heiratswilligen, und die Siedlung "Hongqiao Nummer eins" bezahlt die Singleparty.
Für die Unternehmen ist es eine glückliche Geschäftsbeziehung, für die anderen ein effektiver Samstag. "120 bis 150 Quadratmeter", sagt Shan. "Vier Zimmer." Das wäre der Traum. Aber das hier? Shan mustert die glänzende Bettdecke, die Gardinen. "Sieht aus wie ein Hotelzimmer. Kategorie Standard." Zu wenig Schubladen im Schrank. Der Esstisch: zu klein, wo sollen die Verwandten sitzen? Das Einzige, was stimmt, ist der Abstand zwischen Flachbildschirm und Sofa. Shan geht.
Bei Shan lief es schon den ganzen Tag nicht gut, schon im Festsaal nicht, bevor sie zum Neubau aufbrachen. Die einen Kandidaten stolperten über die Luftballon-Dekoration am Boden, die anderen vermasselten die Begrüßung. Dabei war die Anweisung an die Männer klar: Erst Augenkontakt. Dann die rechte Hand ausstrecken. Dann sagen: "Es ist schön, dich kennenzulernen." So hat es die Moderatorin befohlen. Doch nicht einmal die Hälfte der Kerle, die an Shan vorbeizogen, sahen sie an.
Shan seufzt. "Es wird immer schlimmer", sagt sie. Immer schüchterner, unsicherer wird der junge Chinese beim Anblick einer Frau, der junge männliche Teil der Weltmacht hat sich in einen Haufen Angsthasen verwandelt. Seit die chinesischen Eltern, gezwungen durch die Ein-Kind-Politik, sich auch über Töchter freuen müssen, seit die Töchter zur Konkurrenz werden an den Unis und bei der Arbeit, wissen die Söhne nicht mehr genau, wie sie Mann sein sollen.
In Shans Büro traute sich einer sechs Monate lang nicht, nach der Telefonnummer einer netten Kollegin zu fragen. Und auch hier war sie es, Shan, die dem Typen alles aus der Nase ziehen musste beim Spiel namens "Acht Minuten Freunde Machen". Er hatte noch nicht einmal seinen Bewerberzettel ordentlich ausgefüllt. Seinen Online-Namen, den hat er hingeschrieben: "Beide Hände in den Hosentaschen". Sollte wohl lässig klingen. Aber die wichtigsten Felder, "Beruf" und "Jahresgehalt", ließ er frei. Trotzdem war er der Einzige, den Shan attraktiv fand.
Natürlich hat sie so ihre Vorstellungen. Die Kleinen, Dicken, Glatzköpfigen scheiden gleich aus. Irgendwie "sauber" soll er aussehen, am Körper unbehaart, wie die Jungs aus den koreanischen Seifenopern. Bloß nicht wie ein Uigure, mit buschigen Augenbrauen und so, Shan lacht und schlägt die Hand vor den Mund. Ein bisschen Gesichtsfarbe könne er haben, sagt sie, nur nicht zu gelb, sonst sehe er ja aus wie ein Hepatitis-B-Kranker.
"Beide Hände in den Hosentaschen" wäre ihr Typ gewesen, auch wenn sie in der Eile nicht seine Blutgruppe herausbekam. Die A-ler seien zu dickköpfig, findet sie, die B-ler zu emotional, die AB-ler zu kompliziert. Shan hätte, wenn es ginge, gern einen Nuller.
Leider verschwand "Beide Hände in den Hosentaschen" von ihrem Tisch, und sie musste sich mit diesem Typen abgeben, der ständig Frauenbeine mit seinem Handy fotografierte. Der glaubte, er könne sich alles leisten, nur weil er Anwalt ist und ein Riese, bestimmt 1,78 Meter groß. Der es sogar wagte, ihre Hand zu nehmen, als sie die Stufen zur Wohnung emporstieg. Wollte nur helfen, sagte er. Da ist ein Geländer, zischte sie.
Sie sind zurück im Festsaal, die letzte halbe Stunde Hoffnung ist angebrochen. Zeit für ein Quiz, ein Quiz zur Musterwohnung. "Wie viele Kissen lagen auf dem Bett?" Arme schießen in die Luft, ein junger Mann steht auf: "Vier!" "Welche Marke ist der Kühlschrank?" "Siemens!" Und die letzte Frage: "Wie hoch ist der Quadratmeterpreis?" Da gibt es kein Halten mehr, sie winken mit ausgestrecktem Arm, lassen die Finger tanzen, ein paar rufen sogar dazwischen, strahlende Gesichter überall. Es gewinnt ein Brillenträger im weißen Hemd. Er klettert auf die Bühne, sagt: "18 500 Yuan", und bekommt einen Plastikhasen geschenkt. Wegen des Hasen-Jahres, hat der Veranstalter erklärt, und der Symbolik: zwei Hasenohren, zwei Liebende.
Es geht jetzt Schlag auf Schlag. Der Immobilienmakler greift zum Mikrofon: "Werdet heute ein Paar, und kauft morgen eine Wohnung!" Dann dürfen zwei Männer ihrer Favoritin einen Bären mit Münzschlitz überreichen. Stille im Saal. Der erste, im blauen Polo-Shirt, spurtet nach vorn, alle schauen ihn an, Herzrasen. "Hol sie zu dir!", fordert die Moderatorin. Er sagt: "Sie ist gerade auf Toilette." Der zweite, im grünen Polo-Shirt, spurtet nach vorn. Kniefall. Bären-Übergabe. Kreischen. Dann wieder der erste, seine Traumfrau ist vom WC zurück. Er schluckt, singt: "Nichts dauert ewig", stockt, singt weiter, "doch manchmal möchte ich bleiben."
Die Lage ist schwierig für die Männer, und sie wird schwieriger. Es rächt sich, dass weibliche Föten oft unerwünscht sind in China, seit Jahren werden mehr Jungen als Mädchen geboren. Im Jahr 2020, heißt es, werden mehr als 24 Millionen Junggesellen keine Frau finden. Die Verlierer sitzen schon heute auf dem Land, arm, ungebildet, sie können die Frauen nicht becircen, also kaufen sie sie. Verschleppt, gelockt, verheiratet - so endet manche Burmesin oder Nordkoreanerin bei einem chinesischen Bauern. Der Alptraum, der jetzt schon diskutiert wird: Horden frustrierter Männer, die in Städte abwandern, zu Prostituierten gehen, HIV-Raten in die Höhe treiben, kriminell werden. Scharen von Unzufriedenen, die allein zurückbleiben in der Provinz, ohne Kinder, ohne Altersvorsorge, abgehängt von Menschen mit Chancen, von Menschen wie Xin.
Xin, der Mann mit dem Chevrolet, besitzt bereits eine Wohnung. Er hat einen Abschluss in Industriedesign von einer berühmten Kunstakademie, dazu einen guten Job. Xin sagt: "Jeder weiß, dass ich nicht groß genug bin." Schon die Mutter seiner Ex-Freundin fand das, schob aber lieber die chinesischen Tierkreiszeichen vor und faselte so lange von Hund-und-Hahn-Kämpfen, bis Xin, der Hund, ihre Tochter, den Hahn, verließ. Die jungen Chinesen sind direkt, sie fragen einfach, ironisch und doch todernst: Gehörst du zum Erscheinungsbild-Komitee? Und wollen damit wissen, ob man auch die Hässlichen lieben könnte.
Xin sagt, er gehöre dazu. Ohne gutes Aussehen keine Anziehungskraft. Seine künftige Frau solle, nein, müsse zwischen 1,58 und 1,62 Meter groß sein. Leider, sagt Xin, wollten diese Frauen gern Männer, die mindestens auf 1,70 kommen. Xin ist vier Zentimeter zu klein für seine Traumfrau. Das ist das Problem.
Soll er sich also auch die Beine brechen lassen für 100 000 Yuan, nur um sechs oder acht Zentimeter zu wachsen? Ein Jahr lang die Schrauben im Knochen drehen, nur damit er eine andere Zahl in sein "Ehrlichkeits-Formular" bei der Singleparty schreiben kann? Eine andere Zahl als 1,66 Meter.
Ein neues Augenlid, eine neue Nase reichen nicht mehr, längst gehen junge Chinesen zur Beinverlängerung zum Chirurgen, auch die Männer. Alles soll optimiert werden in diesem Land. Doch je makelloser die Menschen werden, desto gnadenloser werden die Kriterien, und manche Männer bringen vor Angst kein Wort mehr heraus. Sie alle könnten jetzt freier sein als früher, als das Nachbarschaftskomitee noch mitsprach bei Heirat und Scheidung, stattdessen machen sie sich gegenseitig die Liebe zur Qual.
Es gibt Nachhilfekurse im Flirten. Da sitzen sie dann, Informatiker zumeist, Ende zwanzig, nicht operiert, und schreiben mit: "Gesichtsmaske benutzen. Nasenhaare kürzen. Mundgeruch?" Sie lernen, dass es zwei Sorten von Frauen gibt: giftige Pilze, die dich töten können, und gute Pilze, die Leben bringen. Die giftigen Pilz-Frauen wollen nur, dass der Bewerber die Getränke bezahlt. Die Männer müssen schwören, im Chor und im Stehen: "Ich werde jedes Mädchen, mit dem ich geflirtet habe, gut behandeln."
Xin gehört nicht zu den schweren Fällen. Xin steckt am liebsten in seinem Calvin-Klein-T-Shirt, und er kennt die Regeln: Männer tragen nicht Lila. Männer tragen keine Blumenhemden. Männer gehen nicht im Schlafanzug auf die Straße. Natürlich sind die Bürgersteige in Shanghai voll mit Schlafanzugträgern, daran konnte auch das staatliche Pyjama-Verbot zur Expo nichts ändern, als man dazu aufrief, sich "zivilisiert" zu zeigen. Aber diese Männer sind altes China, keine Konkurrenz für Xin.
An einem Sonntag im Sommer stieß Xin auf ein China, das er selbst nicht kannte. Runzlige Männer und Frauen, die mit Notizbüchern vor Anzeigenwänden standen, hinter aufgespannten Regenschirmen hockten, auf jedem Schirm ein Zettel, auf jedem Zettel ein Angebot. Es waren Eltern, die ihre Kinder priesen. Sie sahen aus wie seine Eltern.
Jedes Wochenende kommen Mütter und Väter in den Volkspark, auch heute. Eine Frau in roter Seidenbluse, die sofort die Telefonnummer einer Anzeige wählt und die Daten ihres Sohnes ins Handy spricht: "Er ist 1975 geboren, Informatiker, macht 17 000 im Monat, vor Steuern, ich bin Lehrerin, mein Mann war Arzt, schon gestorben, lassen Sie uns nächste Woche treffen und Bilder von unseren Kindern mitbringen."
Ein Mann in Bundfaltenhose, der die Visitenkarte des Sohnes bei sich trägt und ein Fotoalbum, sein Junge, Geige spielend, sein Junge mit Doktorhut. Er tauscht Telefonnummern mit anderen Eltern, jedoch nur, wenn es passt, immerhin hat sein Junge in Melbourne studiert und ist jetzt Manager bei Nokia.
Manche Eltern haben den Steckbrief ihres Kindes mit Wäscheklammern an Sträuchern befestigt. Sie wedeln mit dem Fächer, der Schweiß läuft ihnen in den Kragen, steht in Perlen auf ihrer Lippe, sie tupfen ihn ab mit ordentlich gefalteten Waschlappen. Die Arbeit nimmt ihnen fast die Luft.
Sie haben ihr Kind, ihr einziges, behütet und verwöhnt, haben alles in dieses Kind investiert, in seine Klavierstunden, seine Mathe-Olympiaden, seine Auslandssemester. Über 20 Jahre lang haben sie ihr Kind begutachtet und gegossen wie eine kostbare Orchidee, haben dem Sohn sogar noch ein "Hochzeitsapartment" finanziert. Natürlich wollen sie auch jetzt das Beste für dieses Kind, und natürlich glauben sie, dass es ohne ihre Hilfe nicht geht. Denn sie haben ja gesehen, wie ihr Kind älter wurde, aber nicht erwachsen, zu verzärtelt fürs Leben, also ist es doch ihre Verantwortung, ihre Pflicht und auch ihr Recht, sich um die Ehe ihres Kindes zu kümmern.
Xin hofft, dass seine Eltern nicht heimlich in den Park gehen. "Mir gefällt das nicht", sagt er. All diese "Tigermamas", diese strengen chinesischen Mütter, die aus ihrem Tigerbaby ein attraktives Paket machten, um es hier zu verkaufen.
Er war zwölf Jahre alt, als sein Vater begann, das Paket Xin zu schnüren, und ihn beim Malkurs anmeldete. Xin wäre gern draußen herumgezogen, stattdessen kopierte er Landschaften vom Foto auf eine Leinwand, zeichnete Gläser, die auf Tischdecken stehen, jedes Wochenende, von morgens bis abends, drei Jahre lang. Sein Vater saß neben ihm. Manchmal flüchtete Xin zu den Computerspielen, aber sein Vater fand ihn immer. Ein paar Schläge, dann war Xin zurück auf seinem Stuhl.
Xin sagt: "Ich sage nicht, dass es schlecht für mich war. Ich habe so meine Designausbildung begonnen." Gestanden hat er es nie, dass er den Unterricht hasste. Er murmelte nur: "Ich habe kein Talent." Woraufhin der Vater meinte: "Dann musst du dich mehr anstrengen."
Für Frauen wird es nicht leichter, je schlauer sie werden. Shan Lina macht gerade ihren zweiten Uni-Abschluss, in Finanzmanagement. Eine Quälerei, erst Arbeit, dann Abendschule, und wofür? Drei Jahre Universität erwarte der moderne Chinese von seiner Frau, sagt sie, alles darüber mache ihm Angst. "Dann denken die Männer, dass die Frau zu stark ist."
Shan aber denkt an ihre Karriere, bloß nicht abhängig werden von einem Kerl. Es ist verzwickt, einerseits soll ihr Mann Geld haben, andererseits haben reiche Männer oft Affären. In China wird viel über die "kleine Dritte" gesprochen, die, jung und schön, am Arm des Erfolgreichen hängt. Manche Studentin regelt die Beziehung sogar schriftlich, zweimal die Woche Sex, nur mit dem Vertragspartner, gegen 6000 Yuan monatlich, ein Apartment und Geschenke zum Valentinstag.
Shan glaubt: "Wenn ich arbeite, respektiert mich mein Mann mehr und verliert nicht das Interesse an mir." Schon die Vorstellung, sie allein zu Hause mit dem Kind, und das Kind ist nicht Klassenbester, nein, die Vorwürfe vom Ehemann will sie sich ersparen. Die Ernüchterung der Chinesinnen ist zu zwei Weisheiten geronnen. "Vom Sklaven zum General" nennen sie die wundersame Verwandlung vieler Männer nach dem Jawort. Hochzeit, Schwangerschaft, Ehe heißt: "Einen Tag Prinzessin, zehn Monate Königin, ein Leben lang Putzfrau." Also versuchen die Frauen, so viel Prinzessin wie möglich aus diesem einen Tag herauszuholen.
400 000 Yuan, rund 46 000 Euro, kostet eine Vermählung in Shanghai schnell, Bankett im Luxushotel, Cocktail auf dem Helikopterlandeplatz, Flitterwochen auf den Malediven, unter 150 000 läuft nichts. Und da sich die Jungen ihre eigenen Ansprüche nicht leisten können, zahlen die Eltern und zeigen so, zu welcher Klasse man gehört.
Shan würde gern in Venedig heiraten, aber auch sie wird nicht um das übliche Glück in China herumkommen: die Glückssüßigkeiten, die an die Hochzeitsgesellschaft verteilt werden, die Glückszigaretten, die die Braut einer roten, glückbringenden Schachtel entnimmt. Shan sagt: "Die Gäste essen doch sowieso die ganze Zeit." Doch ihre Eltern wollen das Spektakel, und für eine "nackte Heirat", die neue Gegenbewegung für Liebe ohne Haus, ohne Feier, ohne Ring, ist Shan auch nicht der Typ. Schließlich hat sie selbst schon so viele Umschläge mit Bargeld bei Hochzeiten verschenkt, da hätte sie jetzt gern welche zurück.
Noch am selben Abend, nach der Party, hat Shan "Beide Hände in den Hosentaschen" geschrieben, ihrem Favoriten. Im Internet ist sie der "Paradiesvogel".
Paradiesvogel, 21.19 Uhr: "Bist du online?"
Er, sechs Minuten später: "Was hast du heute Abend gemacht?"
Sie, elf Sekunden später: "Weißt du nicht mehr, wer wer ist? Ich bin Lina."
Er, eine Minute später: "Ich wusste, dass du es bist."
Bis dahin schien alles in Ordnung. Er fragte sogar, was sie studiert, und Shan Lina, der Paradiesvogel, zwitscherte aufgeregt, schickte ihm immer neue Wörter auf den Bildschirm, im Sekundentakt, zu ungeduldig, um seine Antworten abzuwarten. Am folgenden Tag probierte sie es wieder.
Paradiesvogel, 21.12 Uhr: "Schaust du zu Hause ,China hat Talent'"?
Er: "Ja."
Zwei Tage später, sie, 23 Uhr: "Gerade zurückgekommen?"
Er: "Nee, schon länger."
Am Ende hatte Shan 15 Fragen gestellt und er 3. Und als sie ihm nach ein paar Wochen ein Smiley sandte, da antwortete er gar nicht mehr.
Xin Yunyue aber hat sein Herz verschenkt, in Silber, es hängt jetzt um den Hals einer tollen Frau. Studiert ist sie, mit Pferdeschwanz und türkisfarbenen Fingernägeln, der Vater Fabrikbesitzer. Xin hofft, dass er sie heiraten darf. "Deadline ist 2013", sagt er. Aber er sagt auch: "Ich war noch nicht bei ihrer Familie eingeladen, deshalb weiß ich es nicht sicher."
Jetzt kommen erst einmal ihre Fotos an die Wand, sie beide beim Ausflug, stolz, weil sie vor einem geliehenen Sportwagen stehen, glücklich, weil eine Nacht im Hotel vor ihnen liegt. Sie wohnen ja noch zu Hause, das schafft Probleme für Sex vor der Ehe.
Kennengelernt haben sie sich schon vor Jahren auf einem Fest, doch außer Sympathie war da nichts. Dann zog Xin in ihre Nachbarschaft, und es kam dieser gewisse Tag. Er wählte mittags ihre Nummer, vergebens. Sie rief ihn abends an, ohne von seinem Anruf zu wissen. Sie findet das schicksalhaft. Sie findet, dass sie seitdem ein Paar sind. Er rechnet seit dem ersten Mal Händchenhalten, das geschah zwei Monate später, und dann vergingen noch einmal drei Wochen bis zum ersten Kuss.
Heute ist Xin froh, dass es damals nichts wurde mit den fremden Frauen von "Blitzheirat", dass er das Glück nicht erzwang, sondern es wachsen ließ. Es war ja schon in seiner Nähe. Jetzt haben seine Freundin und er dieselbe Clique, und er kann seine Bekannten löchern, wie seine zukünftige Frau so tickt. Über eines aber haben Xin und seine Freundin nie gesprochen. Er hat sie nie nach ihrer Größe gefragt. Sie hat ihn nie nach seiner Größe gefragt. Sie haben sich einfach geküsst, in seinem alten silbernen Chevrolet, während die Sonne unterging.
Von Sandra Schulz

DER SPIEGEL 46/2011
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