14.11.2011

IRLANDHärter als hart

Vorbildlich sparen die Iren gegen die Krise an. Doch um das Exportland dauerhaft zu retten, sind sie auf Wachstum angewiesen - in der Euro-Zone und in den USA.
Mittwoch wird ein Feiertag für Enda Kenny, 60. Da fliegt der Premierminister des Fast-Pleitestaats Irland nach Deutschland und trifft sich mit Angela Merkel. Wenn die beiden vor die Presse treten, wird die Kanzlerin nicht geizen mit Lob für ihren Gast.
Für Merkel ist Kenny der Anti-Papandreou. Der ehemalige Grundschullehrer, seit acht Monaten im Amt, spart härter als vereinbart und bemüht sich, seinen Haushalt rasch zu sanieren. Trotz der Ausgabenbremse wächst Irlands Wirtschaft, wenn auch minimal. Und sein Volk schmeißt keine Brandsätze. Es leidet leise, schränkt sich ein und fügt sich in das Unvermeidliche.
Wo er kann, verbreitet Kenny Optimismus. Vielleicht schon kommendes Jahr, so hat er angekündigt, werde sein Land probeweise an den Kapitalmarkt zurückkehren. Für Merkel ist Irland der Beweis dafür, dass EU-Rettungsschirme funktionieren können.
Doch ist dieser Beweis wirklich schon erbracht? Reichen die 85 Milliarden Euro, die ihre EU-Partner und der Internationale Währungsfonds IWF den Iren vor einem Jahr aufgedrängt haben, um die Insel zu retten?
Alle drei Monate fliegt derzeit eine Abordnung der Troika nach Dublin, rund 50 Kontrolleure von IWF, Europäischer Kommission und der Europäischen Zentralbank EZB. Zehn Tage lang beugen sie sich über die Bücher, knöpfen sich Beamte und Politiker vor und sagen ihnen, was als Nächstes zu geschehen hat.
Die Atmosphäre, lobt ein irischer Finanzbeamter, sei stets "ruhig und professionell". Bisher ist die Troika jedenfalls immer zufrieden abgereist. Auch wenn es weh tut - Irland kommt eisern allen Verpflichtungen nach, um seinen Ruf wiederherzustellen.
Das Land sei "ganz anders als die anderen Peripherie-Staaten", sagt Olivier Blanchard, Chefvolkswirt des IWF. Die Insel hat die jüngste Bevölkerung Europas, und die meisten jungen Iren sind sehr gut ausgebildet. Großkonzerne wie der Chip-Hersteller Intel oder der Pharma-Riese Pfizer betreiben hier exportstarke Ableger. Die Insel werde sich erholen und als "keltischer Tiger" aus der Krise hervorgehen, sagt der US-Investor Wilbur Ross voraus.
Aber noch ist von der Rückkehr des Tigers nicht viel zu sehen. Die tiefste Rezession der irischen Geschichte hält das Land fest im Griff. Fast alle Bauunternehmer sind bankrott. Zimmerleute, Maurer, Elektriker haben nichts mehr zu tun. Die Ruinen des irischen Baubooms, der 2008 einbrach, stehen immer noch trostlos herum.
Die Arbeitslosigkeit beträgt immer noch mehr als 14 Prozent - und sie wäre noch höher, wenn nicht wöchentlich mehr als 800 Iren auswandern würden. Wer bleibt, verdient empfindlich weniger als vor Ausbruch der Krise und hütet sich, sein Geld auszugeben. Die Binnennachfrage ist eingebrochen, Banken vermitteln kaum noch Kredite. Selbst der Durst der Iren scheint nachgelassen zu haben, viele Pubs mussten schließen.
In den Boomjahren hatte Irland den ehrgeizigen Plan gefasst, jährlich rund 25 Milliarden Euro in seine Infrastruktur zu investieren. Das schien den Politikern damals leicht bezahlbar. Ihre Nachfolger streichen nun mit spitzer Feder: Dublins erste U-Bahn, seit Jahren geplant, wird ebenso wenig gebaut wie bereits in Auftrag gegebene Gefängnisse. Und auch eine Autobahn nach Nordirland ist dem Spardiktat zum Opfer gefallen, obwohl sie fest zugesichert worden war.
Im Finanzministerium verweist ein Beamter auf die Zahlenreihen, die Regierung und Troika ausgearbeitet haben. Was da steht, wirkt vielversprechend. Das gewaltige Haushaltsdefizit schmilzt rasch. Die Gesamtverschuldung steigt zwar bis 2013 noch an, danach aber soll auch sie abnehmen und um 2026 ein gesundes Niveau erreichen. Aber wie realistisch sind solche Projektionen? "Da sind auch wir vorsichtig", räumt der Beamte ein.
Die offiziellen Szenarien gehen davon aus, dass die irische Wirtschaft, vom Export beflügelt, mit bis zu drei Prozent im Jahr wächst. Nur unter dieser Voraussetzung können Haushaltsdefizit und Verschuldung nennenswert sinken und Irland so am Kapitalmarkt rehabilitieren.
Doch sein Exportwachstum kann Irland selbst nur teilweise beeinflussen. Das Land ist abhängig von der Konjunktur in Europa und den USA. "Der Plan setzt voraus, dass ganz Europa seine Probleme in den Griff bekommt und wieder wächst", mahnt John FitzGerald, Ökonom am renommierten Economic and Social Research Institute in Dublin.
Als die EZB Irland vor einem Jahr unter den Rettungsschirm holte, verlangte sie, dass das Land alle Eigner von Bankanleihen bedient - auch Anleihen jener Banken, die vor der Krise hemmungslos zockten und deshalb verstaatlicht werden mussten. Für den Wirtschaftsprofessor Brian Lucey ist das eine Ungeheuerlichkeit: "Wir müssen jedes Jahr mehr als drei Milliarden Euro erwirtschaften und an Leute überweisen, die in Pleitebanken investiert haben." Solche Glücksritter, unter denen auch viele deutsche Banken sind, hätten das irische Steuergeld nicht verdient. Für Irland sei das ein gravierendes Problem.
In Berlin werde der Premier dieses Thema aber kaum vorbringen, vermutet Lucey: "Enda Kenny müht sich zu sehr, artig zu sein."
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 46/2011
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