14.11.2011

NUKLEARWAFFENMilitärische Dimension

Ein außergewöhnlich scharfer Bericht der Wiener Atomenergiebehörde legt nahe, dass die Teheraner Regierung an der Atombombe arbeitet. Womöglich schon in einem Jahr könnte die Führung den Befehl geben, einen Sprengsatz zu bauen.
Olli Heinonens schlichtes Chefzimmer bei der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien hatte zwei Besonderheiten: einen kleinen Perserteppich vor dem Schreibtisch ("privat in Iran bezahlt, um das gleich klarzustellen") - und einen riesigen Safe, versteckt hinter einer Bücherwand. In dem bewahrte der stellvertretende Direktor der IAEA, zuständig vor allem für die Nichtverbreitung von Kernwaffen, seine geheimen Unterlagen auf: Verdächtiges über nordkoreanische Nuklearexperimente oder über pakistanische Schwarzmarktgeschäfte mit hochgefährlicher Atomtechnologie.
Das brisanteste Material betraf Heinonens immer stärkeren Verdacht, dass Irans Nuklearprogramm nicht nur, wie stets beteuert, zivilen Zwecken diente, sondern die Regierung auch heimlich an der Entwicklung einer Atombombe arbeiten ließ. Doch immer, wenn Heinonen versuchte, in einem Anhang zu einem der etwa vierteljährlichen IAEA-Berichte die von ihm recherchierten oder seinen Leuten zugetragenen konkreten Verdachtsmomente zur iranischen Nuklearwaffe aufzulisten, bremste der Boss.
Der Ägypter Mohamed ElBaradei sah die große Gefahr, dass die IAEA-Veröffentlichung durch einen Präventivschlag Israels einen Krieg in Nahost auslösen könnte. Vor allem in seinen Amtsjahren nach der Verleihung des Friedensnobelpreises 2005 hatte für den gelernten Diplomaten ElBaradei die Friedenssicherung oberste Priorität.
Doch das Zeitalter vorsichtiger Formulierungen ist bei der IAEA zu Ende gegangen, seit der Japaner Yukiya Amano, 64, Jurist und Abrüstungsexperte, im Dezember 2009 die Behörde übernommen hat. Amano und seine IAEA-Crew sehen sich als Dienstleister der Welt, nicht als ihre politischen Mitgestalter. Er werde die "Missstände benennen", hatte er Anfang dieses Jahres in einem SPIEGEL-Interview angekündigt.
Schon die ersten Iran-Berichte der neuen Führung fielen schärfer aus als die früheren. Der jüngste Report jedoch, den Amano in dieser Woche dem Gouverneursrat, der obersten Mitgliedervertretung in der IAEA, vorlegt, kommt einer Zeitenwende gleich. "Das Uno-Team findet Beweise für einen iranischen Bombenplan", titelte die "International Herald Tribune".
Zwar fehlt immer noch die "smoking gun", der letzte, unwiderlegbare Beweis, aber ähnlich wie bei einem Indizienprozess schließt sich die Kette: Die Fachleute der IAEA sind aufgrund eigener Recherchen und von Geheimdienstberichten aus zehn verschiedenen Staaten zu dem Schluss gekommen, dass Teheran nach "glaubwürdigen Informationen" so gut wie sicher an einem militärischen Atomprogramm gearbeitet hat und dies wahrscheinlich noch heute tut.
Ihre Einschätzung belegt die IAEA in einem Anhang zum Bericht mit penibel angeführten Hinweisen:
‣ Iranische Techniker haben Arbeiten zur Entwicklung eines nuklearen Sprengmechanismus durchgeführt.
‣ Sie haben Versuche vorbereitet oder unternommen, die es ermöglichen sollten, einen nuklearen Test zu simulieren.
‣ Sie haben Nutzlastkammern einer Schahab-3-Rakete so umgebaut, dass sie einen Atomsprengkopf über längere Strecken transportieren kann.
‣ Sie haben eine Neutronenquelle, geeignet für die Auslösung einer Nuklearexplosion, produziert.
‣ Sie haben sich einen "ausländischen Fachmann" ins Land geholt, der ihnen gezielt bei besonders schwierigen Experimenten helfen sollte - beispielsweise bei der Konstruktion eines Zündsystems für Atombomben.
Ganz offensichtlich handelt es sich dabei um den russischen Nanotechnik-Experten Wjatscheslaw Danilenko, der nach Geheimdienstinformationen von deutschen Experten enttarnt und über einen auf verschlungenen Wegen erworbenen Computer identifiziert worden ist (SPIEGEL 24/2010).
Innerhalb der IAEA, besonders aber unter den Botschaftern der Mitgliedsländer, war schon seit dem Sommer um den Wortlaut des Berichts gerungen worden. Vor allem Russland, das mit Iran Geschäfte in Höhe von vielen Milliarden Euro betreibt, soll Amano unter Druck gesetzt haben, die Beweiskette abzuschwächen. Moskau will dem Westen keinen Vorwand liefern für eine neue Sanktionsrunde im Sicherheitsrat.
Den USA wiederum soll der Bericht nicht scharf genug gewesen sein. Die Amerikaner hätten sich eine "noch robustere Schlussfolgerung" gewünscht, heißt es in der IAEA. Washington missfällt, dass Amano in seinem Bericht nur von einer "möglichen" militärischen Dimension des Nuklearprogramms ausgeht. Mit Geheimdienstmaterial vertraute Experten schätzen, dass den Wiener Atomwächtern bislang allenfalls ein Fünftel der tatsächlichen Erkenntnisse der USA, aber auch Israels zur Verfügung gestellt wurden.
Ob sich der Gouverneursrat bei seinen Sitzungen am Donnerstag und Freitag dieser Woche tatsächlich entschließt, den Report an den Sicherheitsrat weiterzuleiten und damit konkrete Überlegungen für eine weitere Sanktionsrunde anstößt, ist offen. Vieles deutet darauf hin, dass Iran - wieder einmal - mit einer Mahnung an seine Verpflichtung zu "umfassender Kooperation" davonkommt. Genau daran aber mangelt es. Seit 2008, so ein IAEA-Mitarbeiter, habe sich Iran "nicht mehr auf uns zubewegt".
Umso eifriger trieb Teheran die durch eine Resolution des Weltsicherheitsrats untersagte Urananreicherung voran. Weil Brennstäbe für einen Forschungsreaktor in Teheran fehlen, hat die Regierung begonnen, die Anreicherung auf 20 Prozent hochzufahren. Das könnte aber auch ein wesentlicher Schritt in Richtung auf einen möglichen Kernwaffenbau sein.
Anfang Juni 2011 verkündete der Chef der iranischen Atomenergieorganisation zudem, dass die Produktion angereicherten Urans von Natans nach Fordow verlegt werden solle. Dort wären die Zentrifugen in einem Berg versteckt und bei einem Militärschlag nur schwer zu treffen.
Heinonens Nachfolger, der Belgier Herman Nackaerts, könnte dennoch schon bald wieder nach Iran aufbrechen. Eine Einladung aus Teheran liegt der IAEA bereits vor. Dass der Inspektionsbesuch den Nuklearkonflikt einer Lösung näherbringt, ist allerdings wenig wahrscheinlich.
Anders als die IAEA wagt der Proliferationsexperte Heinonen, heute Gastprofessor an der Harvard-Universität, eine konkrete Vorhersage: "Wenn Iran seine fortgeschrittenen Zentrifugen erfolgreich einsetzen kann, dann könnten sie bis Ende 2012 den kritischen Zeitpunkt erreicht haben, von dem an sie in der Lage sind, über den Bau einer Bombe zu entscheiden. Noch haben wir ein wenig Zeit - aber die Uhr tickt."
Von Dieter Bednarz und Erich Follath

DER SPIEGEL 46/2011
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