14.11.2011

KRIEGSVERBRECHENCharismatisches Monster

Sühne für ungezügelte Mordlust: Ein Militärgericht spricht dem Anführer des Kill Teams, das in Afghanistan willkürlich Zivilisten tötete, die Hauptschuld zu.
Er sitzt einfach nur da, tagelang, reglos wie ein Fels, den Blick immer nach vorn gerichtet, und hört den Aussagen zu, die ihn als Ungeheuer beschreiben. Vor ihm nehmen nacheinander die Zeugen Platz, Soldaten, die in Afghanistan einmal seine Kameraden waren und die ihm jetzt auch das geringste Maß an Menschlichkeit absprechen.
16 Verbrechen werden ihm vorgeworfen, darunter drei Morde, die er an Afghanen begangen haben soll, einfach so, weil er Spaß daran gehabt habe. Es sind grausame Zeugenaussagen, und grausamer noch ist nur sein starrer Blick, die klinische Kälte, die maschinenhafte Gleichgültigkeit, mit der er diese Aussagen erträgt.
Erst an einem der letzten Verhandlungstage erhebt sich der Angeklagte Sergeant Calvin Gibbs zum ersten und einzigen Mal während des zweiwöchigen Prozesses vor dem Militärgericht im Armeestützpunkt Lewis-McChord bei Seattle, um selbst das Wort zu ergreifen. 26 Jahre ist er alt, fast zwei Meter groß, sein Schädel geschoren. Mit seinen breiten Schultern wirkt er noch genauso durchtrainiert, genauso imposant wie damals in Afghanistan, wo er als Feldwebel einen Infanterietrupp der 5. Stryker-Brigade kommandierte.
Gibbs streitet den dreifachen Mordvorwurf ab. Er habe sich keineswegs zum Anführer des sogenannten Kill Teams gemacht, jener Gruppe von Soldaten, die 2010 in der Region Kandahar stationiert war, einer der Hochburgen der Taliban, und die dort drei Afghanen willkürlich getötet hat. Nur dass er einen Kameraden verprügeln ließ, gibt er zu, und dass er Leichen von Afghanen verstümmelt hat, ihnen Finger abgeschnitten oder auch einen Zahn herausgebrochen hat.
Das sind, auf der Liste der Anklagepunkte, die geringen Verbrechen. Aber selbst wenn er über sie spricht, geht ein Schauer durch den Gerichtssaal. "In meiner Vorstellung war das nichts anderes, als einem erlegten Hirsch das Geweih abzutrennen", sagt er und versucht seine Taten mit einer Kaltschnäuzigkeit zu erklären, die kaum zu überbieten ist: "Man muss irgendwie klarkommen mit dem, was man tut. Leute zu erschießen ist schließlich keine leichte Angelegenheit."
Drei der fünf Mitglieder des Kill Teams haben bereits gestanden und Gefängnisstrafen von 3 bis 24 Jahren erhalten. Sie gaben zu, ihre Opfer willkürlich ausgewählt zu haben, darunter einen 15-jährigen Bauernjungen und einen Geistlichen. Bei ihren Taten hätten sie den Eindruck erweckt, als stünden sie unter Beschuss und müssten sich wehren. Es waren perfekt geplante Täuschungsmanöver, bei denen sie, angeblich auf Gibbs Geheiß, einmal auch eine alte, von den Taliban benutzte Kalaschnikow nachträglich neben den Toten legten, um Ermittlern vorzugaukeln, das Opfer sei bewaffnet gewesen.
Im Prozess läuft alles auf die Frage hinaus, welche Rolle Gibbs, der Anführer des Trupps, gespielt hat. War er der Anstifter, wie die anderen Mitglieder des Kill Teams behaupten? Hat er sie sogar gezwungen zu töten? Hat er ihnen gedroht, sie umzubringen, wenn sie nicht bereit waren, mitzumachen?
Es ist ein Prozess ohne forensische Beweise, es werden keine DNA-Spuren vorgelegt, es geht um Charaktere, um Plausibilitäten, um die Frage, wer glaubwürdig erscheint und wer lügt, und es geht um die Fotos jener Leichen, die Gibbs verstümmelt haben soll; um die Bilder von Fingern toter Afghanen, die Gibbs abgeschnitten und als Trophäen gesammelt haben soll; um Fotos, die einen afghanischen Leichnam zeigen, dem Gibbs in den Kopf geschossen hatte. Es geht um die erschütternden Aufnahmen, auf denen der Truppenführer und seine Soldaten mit den Leichen wie mit Jagdtrophäen posieren. Die US-Armee hat diese Fotografien auf den Laptops der GIs sichergestellt und sie so lange unter Verschluss gehalten, bis der SPIEGEL im März einige davon veröffentlichte (12/2011).
Jetzt werden die Fotos noch einmal gezeigt, im Gerichtssaal, vergrößert bis zur Unerträglichkeit. Jedes Detail wird besprochen, Einschusswunden, abgetrennte, verwesende Körperteile, und kein einziges Mal verzieht Gibbs dabei sein Gesicht. Er starrt immer nur durch alles hindurch, wie er durch die Zeugen hindurchstarrt, seine einstigen Untergebenen. Er sieht sich offenbar noch immer als Chef, als einzigen Erwachsenen unter hysterischen Kids, die den Härten des Kriegs nicht gewachsen waren. Das ist seine Verteidigungslinie.
28 Zeugen sagen gegen ihn aus, darunter Mitglieder des Kill Teams. Von ihnen, von ihrer Glaubwürdigkeit, hängt nun ab, ob Gibbs zur Verantwortung gezogen wird.
Es ist die Strategie der Verteidigung, die Zeugen auseinanderzunehmen, ihre Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Kann ein Zeuge überhaupt vertrauenswürdig sein, der selbst schon Verbrechen gestanden hat? Zeugen wie Jeremy Morlock, der 23-Jährige aus Wasilla, Alaska, der als Mitglied des Kill Teams an allen drei Morden beteiligt war. War er nicht womöglich der Haupttäter? Ein dreifacher Mörder? Zwei Tage lang nimmt ihn die Verteidigung ins Kreuzverhör, er scheint Gibbs' beste Chance zu sein, den schwerwiegendsten Anklagepunkten zu entkommen.
Andere Aussagen belasten den Angeklagten umso stärker. Der Sanitäter Alexander Christy etwa gibt zu, Gibbs habe sich über ihn lustig gemacht, weil er sich weigerte, einem toten Afghanen den Finger abzutrennen. Er habe außerdem gesehen, wie pietätlos er mit der Leiche eines seiner Opfer umgegangen sei, wie mit einer Puppe habe er mit ihr gespielt.
Der Stabsgefreite Justin Stoner berichtet, wie Gibbs ihn verprügeln ließ, weil er Drogenmissbrauch seiner Kameraden auffliegen ließ. Der Angeklagte sei dann später noch einmal zu ihm ins Zimmer gekommen und habe ihm drohend zwei abgeschnittene Finger von Afghanen gezeigt.
Von da an, sagt Stoner, sei er nicht mehr schlafen gegangen. Er habe sich angezogen, als würde er auf Patrouille gehen, und sich in voller Kampfmontur samt griffbereitem Gewehr neben sein Bett gesetzt. Er hatte plötzlich mehr Angst vor Gibbs als vor den Taliban.
Es ist auch diese Angst fast aller Zeugen, die Gibbs am Ende zum Verhängnis wird. "Gibbs hat das Charisma. Er hat eine Führer-Persönlichkeit", sagt der Ankläger Robert Stelle in seinem Schlussplädoyer und schreibt ihm die Verantwortung zu, seine Untergebenen angestiftet zu haben.
Als das Gericht am vergangenen Donnerstag das Urteil verkündet, "schuldig in allen Anklagepunkten", und als Strafmaß "lebenslänglich" verhängt, sitzt Gibbs mit offenem Mund auf seinem Stuhl. Auch jetzt sagt er kein Wort. Er bewahrt Haltung. Es ist das Letzte, was ihm noch geblieben ist.
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 46/2011
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