14.11.2011

Mit Lenins Hilfe

Global Village: Wie der deutsche Schauspieler Armin Mueller-Stahl Ehrenbürger von Tilsit wurde
Im Rathaus von Sowjetsk, 3. Etage, Zimmer 316, herrscht Verwirrung. Es ist Montag, der letzte Oktobertag, auf dem Tisch liegt ein Brief. Anschelika Schpiljowa, die Chefin des Stadtmuseums, hat ihn angeregt, Bürgermeister Nikolai Woischtschew ihn geschrieben, er war bereits unterwegs an eine Postfach-Adresse im schleswig-holsteinischen Neustadt. Aber plötzlich ist er wieder da, ein Bumerang, "unzustellbar", lautet der Vermerk, und nun sitzen die beiden ratlos in Woischtschews Büro.
In dem Brief geht es um eine Ehrenbürgerschaft, ausgerechnet eine, die sie erst nach langem Kampf durch den Stadtrat bekommen haben. Denn der Geehrte ist kein Bürger von Sowjetsk. Es ist der deutsche Schauspieler Armin Mueller-Stahl.
Woischtschews Blick wandert aus dem Fenster hinaus über die Dächer der Stadt, die einst Tilsit hieß und in der Napoleon 1807 mit Zar Alexander I. den Tilsiter Frieden schloss, die heute aber zu Russland gehört und nun den Namen Sowjetsk tragen muss.
Von hier oben sind die verwinkelten deutschen Straßen noch gut erkennbar, nur führt das Kopfsteinpflaster oft ins Nichts - ab und an ein stehengebliebener Hinterhof, dann ein Plattenbau oder, als Solitär, ein Gründerzeithaus. Die Kirchen sind weg, das Gymnasium steht noch, die alte Post, die Königin-Luise-Brücke auch, die über die Memel hinüber nach Litauen führt. Und jenes Jugendstilhaus in der Lomonossowstraße, die früher Lindenstraße hieß.
In Nummer 15, damals Nummer 24, wohnten der Bankangestellte Alfred Mueller-Stahl und Gattin Editha, eine Baltendeutsche, die 1918 aus Petrograd nach Tilsit geflohen war. Hier wurde 1930 Sohn Armin geboren. Acht Jahre später zog die Familie nach Prenzlau fort, Armin Mueller-Stahl kam nie wieder hierher.
In Sowjetsk hat sich niemand je für diese Personalie interessiert, bis Anschelika Schpiljowa, 41, voriges Jahr das Stadtmuseum übernahm. Anschelika Schpiljowa ist eine hübsche Frau mit kupferfarbenem Haar, die mehr Hartnäckigkeit besitzt, als ihre zarte Erscheinung vermuten lässt. Sie hatte die Geschichte Mueller-Stahls in einem deutschen Buch entdeckt; kaum zur Museumsdirektorin ernannt, versuchte sie, den Einwohnern von Sowjetsk auch diesen Teil der Stadtgeschichte nahezubringen.
Mueller-Stahl, sagt sie, sei Schauspieler, Schriftsteller, Maler und Musiker, "ein universelles Talent der deutschen Kultur wie Hermann Hesse oder Ernst Barlach". Derlei Persönlichkeiten würden nicht so oft geboren, einer wie er schmücke die Stadt, dem müsse die Ehrenbürgerwürde zuerkannt werden. Voriges Jahr reichte sie den Antrag beim Stadtrat ein.
Der hielt das für eine Provokation. Es gab bis dahin elf Ehrenbürger: Kriegsveteranen, Lehrer oder Ärzte, die sich um Sowjetsk verdient gemacht hatten. Mueller-Stahl aber stand fürs ostpreußische Tilsit, in dem Hitler Ehrenbürger war und das die Rote Armee 1945 erst nach schwerem Bombardement niederrang. Für Sowjetsk hatte Mueller-Stahl nichts getan. Der Stadtrat antwortete nicht einmal.
Frau Schpiljowa begann mit der Lobbyarbeit für ihren Kandidaten. Im Lübecker Kunsthaus entlieh sie 40 seiner Lithografien, brachte sie nach Sowjetsk und stellte sie dort aus. Und sie zeigte im Museum Filme mit Mueller-Stahl: die "Buddenbrooks" und "Shine - Der Weg ins Licht".
Aber eine Museumschefin hat keine Macht, auch nicht in Sowjetsk. Da traf es sich gut, dass der Bürgermeister wechselte.
Nikolai Woischtschew, 42, war früher beim Zoll und erfolgreicher Unternehmer. Die Einrichtung seines Büros im einstigen Amtsgericht ist Programm. An der Wand hängen große Fotos aus dem alten Tilsit:
die Deutschordenskirche, das Elchdenkmal vor dem Grenzlandtheater oder die Flaniermeile Hohe Straße, deren Prachtbauten er gerade renovieren lässt.
Eben erst war er in der Schweiz, um mit der "Tilsiter Switzerland GmbH" die Eröffnung einer Käsemanufaktur in Sowjetsk zu vereinbaren, in der endlich wieder Tilsiter Käse hergestellt werden wird. "Sowjetsk kennt niemand im Westen, wenn ich aber sage, ich komme aus Tilsit, wissen alle Bescheid." Ob die Stadt je ihren alten Namen zurückerhalte? "Es ist eine Frage der Zeit", sagt Woischtschew.
Von Mueller-Stahl hörte er vor zwei Jahren zum ersten Mal, er hielt ihn lange für einen zweitrangigen Mimen, er wusste nicht, dass der Deutsche eine Hollywood-Größe ist. Dann aber erkannte er den Wert dieses Namens und ermutigte Frau Schpiljowa, ihren Antrag erneut einzureichen.
Es ging wieder schief.
"Die Kommunisten wollten nicht", sagt Woischtschew, "und meine Partei Einiges Russland war bei der Abstimmung nicht vollständig im Saal." Ein paar Wochen vergingen, dann wurde sie wiederholt, und plötzlich klappte es, sogar die Kommunisten stimmten nun zu. Wie das?
"Demokratie lebt vom Geben und Nehmen", sagt Woischtschew grinsend. Voriges Jahr zum Jubiläum der Oktoberrevolution habe er die von den Kommunisten gewünschte Demonstration noch verboten, dieses Jahr aber zugestimmt. "Es sind ja nur ein paar Hanseln, nicht gefährlich für die Stadt."
Das sei alles gewesen? "Nein", sagt der Bürgermeister, "die Kommunisten haben auch den Lenin, der im Zentrum steht, neu anmalen wollen, aber das Geld dafür nicht gehabt. Wir haben nun die obere Hälfte des Revolutionsführers gestrichen, die Kommunisten die untere. Dafür haben sie der Causa Mueller-Stahl zugestimmt."
Wegen seines "Beitrags zur Weltkultur" ist der Schauspieler nun Ehrenbürger von Sowjetsk, er darf kostenlos die städtischen Busse benutzen, bekommt Rabatt bei kommunalen Dienstleistungen und monatlich 6000 Rubel, 143 Euro.
Vorausgesetzt, er erfährt von seiner Ehrung. Der Bürgermeister will einen zweiten Brief schicken.
(*) Vor dem Geburtshaus von Armin Mueller-Stahl.
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 46/2011
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