14.11.2011

FUSSBALLMorgen ein Weltstar

Der Dortmunder Mario Götze wird als Jahrhunderttalent gefeiert. Sein Vater, ein Professor für Datentechnik, plant und lenkt die Karriere. Er will dafür sorgen, dass der Sohn möglichst normal und die Familie in der Balance bleibt. Von Jörg Kramer
Als der deutsche Fußballstar Mario Götze drei Jahre alt war, spielte er Baseball und sprach Englisch. Er wohnte in Houston, Texas, dorthin war der Vater von Ronsberg im Allgäu aus mit der Familie gezogen, weil er von der Humboldt-Stiftung ein Forschungsstipendium bekommen hatte, für digitale Signalverarbeitung. Als nach eineinhalb Jahren der Älteste, Marios Bruder, in die Schule kam, ging es ins Allgäu zurück, und anfangs sprachen die Kinder dort im östlichen Günztal immer noch Englisch.
Jetzt lehnt Mario Götze, 19, an der Wand in einem Raum der Kölner Agentur, die ihn in Werbe-, Kommunikations- und Vertragsfragen berät, die Hände in den Taschen der stilecht zerrissenen Jeans, schwarzes T-Shirt, schwarzes Blouson, das Gesicht noch gepudert, gerade hat er im Nebenraum ein Fernsehinterview gegeben. Vor der Kamera hat er verraten, wie er auf dem Fußballplatz Entscheidungen treffe: "intuitiv".
Am Tisch sitzen nun Volker Struth, der Agenturchef, und der Vater Jürgen Götze, Professor an der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik - der Vater isst gerade eine Portion Nudeln vom Lieferservice. Sie erörtern die Frage, ob Mario gut genug Englisch spreche, um dem britischen Fernsehen ein Interview zur Champions League zu geben. Der Spieler erzählt, dass er mal eine Vorlesung des Vaters besucht und so gut wie kein Wort verstanden habe. Die Vorlesung war auf Englisch, aber das war nicht das größte Problem. Es ging um Modellierung und Simulation von mobilen Kommunikationssystemen.
Berater Struth schlägt vor, dass er demnächst mal mit Mario ein Übungsinterview auf Englisch macht, mit Kamera. Der Vater grinst belustigt.
Er war damals, als Mario in Texas Baseball spielte, schon Träger des ITG-Preises, den gibt es von der Informationstechnischen Gesellschaft für außergewöhnliche Leistungen des akademischen Nachwuchses. Seine Karriere und das Leben der Familie drehten sich um Zahlen, Daten, Signale, das Tempo wurde von Gleitkommaoperationen pro Sekunde bestimmt, dem Maß für die Leistungsfähigkeit von Rechnersystemen. Jürgen Götzes Welt ist die Anwendung von Mathematik auf technische Fragen.
Sein Sohn Mario erhielt 2009 die Fritz-Walter-Medaille in Gold, die bekommt der beste deutsche Nachwuchsspieler des Jahrgangs. Sie ist der ITG-Preis des Fußballs. Und sie veränderte alles, auch für den Vater.
In seiner Freizeit fuhr Jürgen Götze stets seine drei Jungen zum Sport. Doch mit dem Gewinn der Walter-Medaille nahm die Karriere des mittleren Sohns unkontrolliert Fahrt auf, in irrem Tempo wurde er Bundesliga-Profi und Nationalspieler, Deutscher Meister mit Borussia Dortmund und ein Star. Man nennt ihn ein Jahrhunderttalent.
Arsenal London soll schon 40 Millionen Euro Ablöse für Mario Götze geboten haben. Wäre er eine Aktie, würde man von unbegrenzter Wachstumsphantasie sprechen.
Auf so hohem Niveau ist selten eine Profilaufbahn gestartet. 11,5 Millionen ARD-Zuschauer sahen im August das Länderspiel gegen Brasilien, damit ging der Hype um "Götzinho", wie ihn der Boulevard nennt, richtig los. Ausrüster Nike schickte zu Vertragsgesprächen den Weltfußballchef des Unternehmens. Gegen Österreich sorgte Mario Götze im September als Einwechselspieler für einen Höhepunkt der Saison: Er verwandelte eine Flanke im eingesprungenen Spagat, volley.
Solch ein Jahrhunderttalent muss gepflegt werden, will gut beraten sein, man darf jetzt nichts falsch machen. Deswegen sitzt der Vater mit seinen Nudeln neben Struth in der Agentur. Es gibt neue Werbeangebote.
Jürgen Götze, 51, will über alles Bescheid wissen. Der kometenhafte Aufstieg seines zweitältesten Sohns hat das Leben der Familie durcheinandergewirbelt. "So normal wie möglich" soll alles bleiben, das ist seine Formel, er wiederholt sie wie ein Mantra. "So normal wie möglich weiter", sagt er, wie um sich selbst zu ermutigen.
Beide, Vater und Sohn, haben es in ihrem Beruf mit Problemlösungen zu tun. Der Fußballer geht intuitiv vor, weil auf dem Platz alles schnell gehen muss. Der Vater hat sich neulich ein paar dieser Computerdiagramme angeschaut, die es jetzt von den Laufwegen der Bundesliga-Profis gibt und die aussehen wie Wollknäuel. Er fragt sich, ob man da eine mathematische Gesetzmäßigkeit ableiten, irgendeine Vorhersage treffen könne, "eine Prädiktion".
Der Professor, ein freundlicher Mann mit randloser Brille, sitzt bei Verhandlungen mit dem Verein und Sponsoren mit am Tisch, und er liest jetzt regelmäßig den "Kicker". Er verfolgt die Debatten über passives Abseits und sagt: "Ich wundere mich manchmal, wie wichtig das alles ist." Es amüsiert ihn.
In der Dortmunder Universität hat er einen kleinen Raum im Physikgebäude, vierter Stock. Im Fahrstuhl warnt ein Hinweisschild vor Erstickungsgefahr wegen Transports flüssiger Gase.
Die Studenten wissen inzwischen, dass der Mann ein berühmter Vater ist. Manchmal kommen jetzt Menschen, die er nie zuvor gesehen hat, nur für ein paar Minuten in seine Vorlesungen.
Das Büro des Professors dominiert ein gerahmtes Dortmund-Trikot mit den Autogrammen der Spieler, das Meistertrikot. Auf dem Schrank stehen taiwanische Drachenfiguren, es gibt derzeit ein gemeinsames Forschungsprojekt mit Studenten aus Taiwan; von dort kommen die Computerchips, aus Dortmund die Software mit Götzes Algorithmen.
Im Nebenraum sitzen zwei taiwanische Studenten unter einem Kabelsalat, gegenüber liegt das Labor. Aus dessen Fenster blickt man auf das Dortmunder Bundesliga-Stadion sowie auf die Gegend von Lücklemberg, wo die Familie Götze ihr Reihenendhaus hat. Mario, der Star, bewohnt die obere Etage mit eigenem Bad und Balkon.
Jürgen Götze redet über Fußball mit den gleichen Formulierungen, mit denen er über seine Datentechnik spricht. Er fragt nach Wahrscheinlichkeiten, und häufig beginnt er Sätze mit: "Unterm Strich …"
Er ist C3-Professor, rund 6000 Euro Monatsgehalt brutto, sein Sohn verdient jetzt jährlich 1,5 Millionen Euro allein mit dem Nike-Vertrag. Das Grundgehalt bei Borussia Dortmund liegt bei jährlich einer Million Euro, der nächste Profivertrag wird wohl das Fünf- bis Zehnfache bringen. Vater Götze kann darüber lachen. Er wollte mal Tennisprofi werden.
Die Werte haben sich bereits verschoben. Die Signale und Daten, die sie einst nach Amerika führten und 1997 wegen der Professur dann nach Dortmund, sind nicht mehr der Mittelpunkt der Familie. Als der Professor bei der Europäischen Signalverarbeitungs-Konferenz in Barcelona war, ging er abends zum Fußball ins Stadion Nou Camp. Als sein Sohn in der Champions League bei Olympique Marseille spielte, reiste er im Fanflieger mit, nachts um vier war er zurück.
Fürs Marseille-Spiel habe Mario im "Kicker" nur die Note 3,5 bekommen, für die Begegnung in Mainz allerdings eine 2, solche Sachen interessieren den Vater jetzt. Er muss aufpassen, dass der Wirbel um den Hochbegabten nicht alles absorbiert, er hat noch zwei andere Söhne.
Für Fabian, 21, sei das alles "nicht einfach", räumt Jürgen Götze ein; der Älteste stand schließlich selbst kurz vor der Profikarriere. Fabian war als Erster vom Dortmunder Stadtteilclub Eintracht Hombruch zur großen Borussia gewechselt. Mario folgte ein Jahr später, in der D-Jugend war das. Sie wollten ihn beim BVB schon viel früher, doch dem Vater war die Wichtigtuerei bei solch einem Proficlub anfangs suspekt.
Der Konkurrenzkampf war sofort hart, das Training anspruchsvoll, doch die beiden Brüder setzten sich durch. Noch 2009 standen sie gemeinsam in der A-Jugend-Elf beim verlorenen Endspiel um die Deutsche Jugendmeisterschaft.
Doch als Mario, der Spielmacher, Ende 2009 seine ersten Einsätze bei den Profis bekam, wechselte der Verteidiger Fabian Götze zu Mainz 05. Er wurde krank, war verletzt, fand den Weg in die Trainingsgruppe der Profis nicht mehr zurück. Jetzt kickt er beim VfL Bochum II in der Regionalliga.
Schafft er den Sprung in die Zweitligamannschaft nicht mehr, wird er wohl Sport studieren, erklärt der Vater. Er will den Eindruck vermitteln, dass man sich keine Sorgen um Fabian machen müsse, dann formuliert er aber eine irritierende Marketingidee: Mit dem Familiennamen könne man sich inzwischen gut verkaufen, eine Fußballschule eröffnen zum Beispiel.
Wie vermeidet die Familie, dass sie aus der Balance gerät, dass der Regionalliga-Spieler Fabian sich geringgeschätzt fühlt? "Indem wir versuchen, das andere, das mit Mario, nicht zu hoch zu hängen", sagt der Professor und zuckt mit den Schultern. Leicht sei das nicht.
In Dortmund wird Mario wie ein Popstar belagert. Experten verglichen seine Balltechnik mit der von Lionel Messi. Joachim Löw, der Bundestrainer, schwärmt von seiner Spielintelligenz.
Professor Götze personifiziert das "intakte Umfeld", von dem alle sprechen, wenn sie ihre Zuversicht ausdrücken wollen, dass das Jahrhunderttalent nicht abhebt. Der Anspruch ist hoch.
An einem windigen Samstagmorgen steht Jürgen Götze an einem Kunstrasenplatz in Düsseldorf-Flingern. Es beginnt das Auswärtsspiel des U-14-Teams von Borussia Dortmund bei Fortuna Düsseldorf. Mit der Nummer 6 im defensiven Mittelfeld: Felix Götze, 13. Nach einer Verletzungspause wegen Wachstumsstörungen ist Mario Götzes kleiner Bruder wieder fit. Er spielt mit Handschuhen.
Während der ersten Halbzeit klingelt beim Vater das Handy. "Er spielt", erklärt Jürgen Götze seiner Frau. "Sechserposition, ganz normal. Aber er läuft nicht ganz rund."
Am Spielfeldrand stehen ein paar platinblonde Fußballmütter, man kennt sich. Hier ist es alles noch so normal wie möglich, wie früher, als Jürgen Götze einfach nur seinen Söhnen zuguckte. Als sie nach Dortmund zogen, hatten sie sich noch gewundert, dass es nicht überall Rasenfußballplätze gab; aus dem Allgäu kannten sie nur grüne Wiesen.
Vater Götze ist froh, dass Mario direkt vom Elternhaus aus in den Profibetrieb einsteigen konnte. Und dass er nicht in ein Fußballinternat einer fremden Bundesliga-Stadt musste oder womöglich ins Ausland. Mit 15, 16 Jahren war er oft monatelang verletzt, muskuläre Sachen waren das, ein Syndesmosebandanriss, ein instabiles Sprunggelenk. Gut, dass er da seine Schule noch hatte, meint der Vater. Andere Talente auf diesem Niveau haben außer Fußball nichts.
Dortmunds U 14 gewinnt 3:0. Eigentlich hätte Jürgen Götze jetzt das Heimspiel von Bochum II in der Regionalliga angeschaut, aber Fabian ist krank. So geht es zu Mario: Bundesliga, Dortmund gegen den 1. FC Köln.
Solche Autofahrten kann der Professor inzwischen von der Steuer absetzen. Gemeinsam mit dem Spielerberater Volker Struth hat er die Götze Marketing GmbH gegründet, er und Struth sind die Geschäftsführer.
Der Spieleragent trägt weiße Sneakers zur zerschlissenen Jeans, lässiges Hemd, so sehen viele Agenten aus, als ob sie so die Altersdifferenz zu den Klienten verringern könnten. Struth, 45, legt zwei Telefone auf den Tisch in einem Hamburger Hotel. Er lässt die Handys eingeschaltet, knapp 4000 Nummern sind darauf gespeichert, Struth arbeitet nach einem Prinzip: "Die Schnellen fressen die Langsamen" nennt er es.
In seiner Heimatstadt Köln veranstaltete er früher Herrenabende mit Honoratioren aus Politik, Sport und Karneval. Vor dem Weltjugendtag 2005 lernte er den Fußballmanager Reiner Calmund kennen, der einen speziellen Auftrag hatte: Pelé wollte den Papst treffen. Struth konnte mit seinen Kontakten helfen.
Später half ihm Calmund, ins Fußballgeschäft einzusteigen. Struths erster großer Spielertransfer war der von Mladen Petrić von Dortmund zum Hamburger SV.
Seine Agentur SportsTotal hat neben Götze einige der meistgefragten jungen Wilden im Portfolio: Marco Reus, Sidney Sam, auch Toni Kroos von Bayern München. Struth war es gelungen, seine Widersacher im Rennen um Kroos abzuhängen, weil er dessen Vater überzeugte.
Ähnlich lief es mit Götze. Struth nennt diese Akquise seinen "Königstreffer".
Eine Woche lang nahm er den Professor zu allen Terminen mit, sie trafen sich mit drei Bundesliga-Clubs, die Mario Götze umschwärmen. So wollte Struth dem Vater zeigen, welchen Stellenwert der Sohn besitzt. Den Vater interessierte daran mehr, dass er dabei sein durfte. Er möchte die Geschicke seines Sohnes nicht einfach aus der Hand geben.
Struth sagt, dass er einen "Bauchladen voller Dienstleistungen" anbiete, er hat 19 Mitarbeiter. Sie besuchen sogar das Training der Klienten. Und sie betreuen Fabian Götze in der Regionalliga West.
Im vergangenen Sommer flog Struth zu seinem Königsspieler Mario Götze in dessen Ibiza-Urlaub. Sie besprachen, was nach der Dortmunder Meistersaison so alles auf den Jungstar zukommen würde, jetzt, da er ein Weltklassespieler sei. Sie fuhren Fahrrad auf der Nachbarinsel Formentera wie zwei Freunde. Solche Kameradschaft kann Struth helfen, wenn entschieden wird, ob er das nächste große Geschäft abwickeln darf. 2014 läuft Götzes Dortmunder Vertrag aus.
Nach den Gepflogenheiten der Branche müsste der Spieler 2013 den Club wechseln. Üblich wären zehn Prozent des neuen Spielergehalts für den Agenten, der den Deal abschließt. Das gilt auch, wenn der Profi in Dortmund verlängert.
Mario Götze soll sich nur aufs Fußballspiel konzentrieren und dabei irgendwie gelassen bleiben. Doch im Spiel gegen Bayer Leverkusen handelte er sich den ersten Platzverweis seines Lebens ein. Sein wilder Tritt hatte keinen Gegenspieler getroffen, der Schiedsrichter bestrafte eine vermutete Absicht. Er stellte wohl in diesem Moment Götzes ganze Wut in Rechnung, die Fouls und Provokationen erkennbar in ihm ausgelöst hatten.
Seither provozieren die Gegner erst recht. Götze hat das registriert, er ist nicht dumm und auf alles vorbereitet.
Womöglich wird er künftig Neider haben, vielleicht wird er polarisieren wie Real Madrids Pomadenhengst Cristiano Ronaldo. Mario Götze sieht nicht mehr so normal wie möglich aus, dafür sind die Augenbrauen zu perfekt modelliert, ist der Oberkörper zu üppig gestählt. Die Strähnchenfrisur ist sorgsam zurechtgepflegt wie ein Blumengesteck, wenn er vom Training kommt. Mittags beim Italiener trägt er ein enges, hauchdünnes Shirt, dazu Silber am Hals und am Handgelenk.
Er bestellt gegrillte Gambas mit Salat und offenbart eine dezidierte Meinung. Dass er es ohnehin nicht jedem recht machen könne und daher am besten auftrete, wie er es für richtig halte - "ich gehe nicht danach, ob es möglicherweise viele Fans nach sich zieht oder nicht".
Mario Götze spricht kultiviert und eine Spur zu erwachsen ("Man ist ja Fußballer durch und durch"). Er pflegt seine Freundschaften aus der Schule und befolgt Vaters Rat, sich nicht jeden Wunsch zu erfüllen. "Wenn ich jetzt schon das größte und schnellste Auto fahren würde, gäbe es keine Steigerung mehr", findet er. Er fährt einen Audi A5. Mit einem kleineren würde er sich am Trainingsplatz lächerlich machen.
Mario Götze wird wohl die nächsten 12 bis 15 Jahre dieses Leben als Fußballstar führen. Als kleiner Junge hat er sich das anders vorgestellt, als "etwas Unerreichbares", sagt er. "Doch wenn man selbst dort ist, fühlt man sich trotzdem noch als normaler Mensch."
Es ist aber nicht die normale Welt. Nach dem Spiel wird er von einer Traube Journalisten erwartet, die ihm auch Fragen entgegenwerfen, die sie sonst nur Trainern stellen. Ob man jemanden "herausheben" könne aus seinem Team, will einer nach dem 5:0 gegen Köln wissen.
Es ist eine Welt, in der jedes Talent, das es nach oben schafft, etwas von einem Musterschüler hat. Die Zeiten, in denen schlampige Genies als cool galten, sind im Fußball vorbei. Heute sind die Streber angesagt, "leistungsorientiert" nennen die Clubmanager sie.
Mario Götze sagt, es komme immer darauf an, "wie sehr man es will". Als er merkte, wie verletzungsanfällig er war, ging er in den Ferien nach Donaustauf ins Reha-Zentrum von Klaus Eder, dem langjährigen Physiotherapeuten der Nationalmannschaft. Da war er 16. Der DFB hatte den Aufenthalt angeboten. In Donaustauf wurden Dysbalancen und körperliche Schwächen aufgespürt. Seither geht Götze jeden Tag vor dem Mannschaftstraining in den Kraftraum.
Als er mit 17 Jahren zu den Profis kam, sah er, wie fit die anderen waren und dass es ihm für die Zweikämpfe der Bundesliga weiter an Kraft fehlte. Weil das notwendige Zusatztraining Zeit in Anspruch nehmen würde, bat er die Eltern, die Schule nach dem Fachabitur verlassen zu dürfen. Nach einigem Ringen gab auch Professor Götze nach.
In einem Besprechungsraum der Dortmunder Geschäftsstelle sitzt Lars Ricken. Er war einer der Vorgänger Götzes als Supertalent, eines der ersten Teenie-Idole des deutschen Fußballs. 1997 schoss Ricken ein Traumtor gegen Juventus Turin im Finale der Champions League, die Borussia-Fans wählten es zum Jahrhunderttor.
Ricken, 35, ist heute Nachwuchskoordinator des Vereins, er handelt mit Eltern und Beratern der jungen Talente die Verträge aus. Die Belastung für Jugendspieler sei ungleich höher als zu seiner Zeit, sagt er, "auch vom Kopf her". Bei dem Spieltempo, den geforderten Laufleistungen sei extreme Disziplin gefragt, "man braucht einen gewissen Fanatismus".
Ricken erkannte, dass Mario Götze mit 16 Jahren in der U 17 unterfordert war, und schickte ihn ins nächsthöhere Team, die U 19. Und er entdeckte bei Götze eine besondere Begabung, die ihn von allen anderen unterschied: "Je wichtiger die Spiele, desto stärker war er."
Lars Ricken ist auch für seinen Werbespot bekannt. Als Jungstar sprach er im Fernsehen verächtlich von "Typen in Nadelstreifen", die er im Stadion sehe, "Geschäftemacherei ohne Ende". Er kann diesen Nike-Spot auswendig.
Damals wurde er als vorlauter Bengel kritisiert, der die Hand beißt, die ihn füttert. Ricken behauptet, dass ihn dieses Echo stärker gemacht habe. Nach dem Nike-Spot habe man ihn endlich "als erwachsen wahrgenommen".
Vor ein paar Wochen bat ihn Jürgen Götze um einen Rat. Nike hatte mit Mario einen provokanten Spot gedreht, der ihn als "Supermario" zeigte, von oben herab die Kollegen anderer Teams betrachtend, die von Bayern München zum Beispiel. Die Frage war, ob man den Spot für die Werbung freigeben sollte.
Ricken riet ab. Er wird jetzt nicht gezeigt, hat der Professor entschieden. ◆
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 46/2011
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