14.11.2011

BÜCHERLesen im Schwarm

Elektronische Bücher könnten im Weihnachtsgeschäft den Durchbruch schaffen, mit besseren Geräten, riesigem Angebot und fallenden Preisen. Pioniere gründen bereits Lesezirkel im Internet: „Social Reading“-Portale, in denen sie Zitate, Kommentare und Empfehlungen austauschen.
Erin Kissane schwärmt für Bücher. Sie sitzt in Great Harry's Bar in Brooklyn. Die elegante Mittdreißigerin mit dem kreischend-rot gefärbten Haar hat Literatur studiert, berät Verlage und kommt gerade von einer Lesung. Ihre Handbibliothek hat sie immer dabei - auf ihrem iPad, als E-Books.
Ist das die Zukunft des Lesens? Um diese Frage soll es heute bei Great Harry's gehen. Und die besten Argumente in der Diskussion sind nicht Bücher, sondern Apps, die sich die Freunde auf Handys und Tablets herumzeigen.
"Ich liebe Papierbücher", sagt Kissane. "Nur leider funktionieren sie nicht so gut; man kann Zitate und Anmerkungen nicht einfach mit Freunden teilen. Der Text ist ein Gefangener des Papiers."
Kissane ist Teil einer subversiven Befreiungsbewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, dieser Gefangenschaft ein Ende zu setzen. Sie zählt zu einer neuen Generation von Buch-Nerds, die schwärmen vom Lesen im Schwarm.
Der Buchclub im Great Harry's kennt sich schon seit knapp einem Jahr, doch persönlich sehen sich Kissane und die anderen heute zum ersten Mal. Ihr Le-sezirkel trifft sich nicht nur einmal im Monat, sondern rund um die Uhr, insgesamt hat er 10 000 Mitglieder aus Amerika, aus Asien, aus Europa. Sein Name: Readmill.
Readmill ist eine Art Facebook für Buchfreunde, ein "Social Reading"-Portal im Netz. Tag und Nacht speist Kissane neue Textstellen und Kommentare ein, ihre 102 "Follower" wissen genau, was sie gerade liest und was sie davon hält. Sie wiederum "folgt" den Lektürespuren von 73 anderen Readmill-Mitgliedern.
Als zum Beispiel am 24. Oktober die neue Biografie über Apple-Mitgründer Steve Jobs erschien, entbrannten im globalisierten Lesekreis sofort Debatten über Vorzüge und Schwächen, teils nur dahergeschwafelt, teils akribisch belegt.
Lange Zeit waren elektronische Bücher ein Nischenhobby, das Angebot war klein, das Lesegerät teuer, die Bedienung oft kompliziert. Aber das hat sich geändert. Große Anbieter wie Apple, Amazon und Libri bieten inzwischen immerhin über 80 Prozent der SPIEGEL-Bestsellerliste in elektronischer Form an; die kleinen spezialisierten Lesegeräte wie Kindle, Nook und Sony PRS sind leicht, schnell und einfach zu bedienen und ab 60 Euro zu haben. Hinzu kommen Tablet-Computer wie iPad, Playbook oder Kindle Fire, die zusätzlich Video-, Web- und E-Mail-Funktionen bieten.
Der Marktanteil elektronischer Bücher liegt in den USA bei über acht Prozent, Tendenz rasant steigend. Amazon verkauft schon heute mehr E-Books als Papierbücher; über zwölf Prozent der erwachsenen US-Bevölkerung geben an, einen E-Book-Reader zu besitzen.
In spätestens 20 Jahren werden Papierbücher fast verschwunden sein, das zumindest glaubt jeder dritte Deutsche unter 30 Jahren laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom. Skeptiker bezweifeln diese Zwangsläufigkeit, andere sprechen von "Biblionekrophilie".
Doch selbst ihnen fällt es schwer, die Vorteile des elektronischen Lesens zu leugnen: Beim neuen Kindle-Gerät zum Beispiel genügt ein Tippen auf den Touchscreen, und wenige Sekunden später ist das erste Kapitel des neuen Umberto Eco als Leseprobe auf dem Schirm. Noch ein Antippen: Das Buch ist gekauft. Leichter als viele Taschenbücher, lässt es sich bequem einhändig lesen; außerdem erweist sich im Bett die wahlweise integrierte Lampe als nützlich.
Auch lassen sich interessante Passagen markieren und nach Wunsch auf einen Rechner exportieren oder einzelne Wörter in eine andere Sprache übersetzen. Manch einer, der nach einem E-Book-Reader wieder zu einem Papierbuch greift, ertappt sich dabei, wie er vergebens versucht, die Schriftgröße mit einer Fingergeste zu verstellen.
Und doch ist all das für Visionäre wie Kissane schon wieder veraltet. Spezialgeräte wie der Kindle bieten für ihren Geschmack viel zu wenig Gelegenheit, sich mit anderen Lesern auszutauschen. "Amazon und viele andere beschränken künstlich das, was man mit elektronischen Büchern machen kann", sagt sie.
Die derzeit größte Hürde für das soziale Lesen ist der Dschungel aus inkompatiblen Formaten und hinderlichem Kopierschutz. Damit versuchen sich Verlage gegen Piraterie zu wehren - das ist verständlich, aber vergebens: Abertausende Raubkopien vagabundieren im Netz und bezeugen, wie leicht es für Kriminelle ist, den Kopierschutz zu knacken.
"Der Bücherbranche geht es so wie der Musikbranche Ende der Neunziger mit den Tauschbörsen, sie erlebt gerade ihr Napster", sagt Henrik Berggren, einer der Gründer von Readmill.
Berggren, ein schmaler Mann Anfang dreißig mit militärisch streng rasiertem Blondschopf, sitzt in Berlin auf dem alten Ledersofa im Büro, das er sich mit dem Empfehlungsdienst "Amen" teilt. Im Nachbarhaus probt das Berliner Ensemble, im Stockwerk unter ihm unterhält der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sein Berliner Büro.
"Das hier ist mein Bücherregal", sagt Berggren und klappt seinen mit bunten Aufklebern gepflasterten Laptop auf. Derzeit liest er das neueste Buch des Ex-Hackers Kevin Mitnick, an einer Stelle hat er notiert: "Hier bekomme ich eine Gänsehaut." Einem Freund geht es ähnlich - Lesenotizen können banal sein, aber auch intim wie ein Tagebuch.
"Ich bin kein Bücher-, sondern ein Lesefreund, ich will verlinken, teilen, diskutieren, hacken", sagt Berggren. In seiner Berliner Wohnung hat er nur ein einziges Papierbuch: ein Kochbuch. Es war ein Geschenk.
Wenn er sich ein E-Book kauft, lädt er es nicht etwa auf einen Kindle, sondern crackt es erst einmal: Er entfernt den Kopierschutz, mit kostenloser Software wie etwa Calibre. Ob das legal ist, weiß keiner genau. Sicher ist nur, dass das Einspeisen in eine Tauschbörse verboten wäre.
Aber dazu ist Readmill ja auch gar nicht ausgelegt, sondern nur zum Austauschen von Zitaten und Anmerkungen. Es ähnelt einem Karteikartensystem und greift ein Anliegen auf, das einst die Väter des Internets hatten: gemeinsam an Dokumenten arbeiten. Social Reading wäre somit eine Revolution im Wortsinne: zurück zu den Wurzeln des Internets.
An der Wand von Berggrens Büro hängt das Foto einer Ausgabe von "Ulysses", dem legendären Roman, den James Joyce 1922 veröffentlichte. Die Ränder sind mit Anmerkungen und Notizzetteln übersät. Berggren machte den Schnappschuss, als er die Flickr-Mitgründerin Caterina Fake in San Francisco besuchte. Sie hat das Buch fünfmal gelesen, konnte aber ihre Gedanken mit niemandem teilen, weil sie eben am Papier hafteten. Inzwischen ist auch Fake Readmill-Mitglied, in ihrem Profil nennt sie sich "The Casanova of Book Lovers".
Doch die Konkurrenz schläft nicht, auf der Konferenz "Books in Browsers" Ende Oktober traten in San Francisco etliche andere Pioniere auf. Portale wie Copia, Shelfari, BookGutton oder Library Thing betreiben jeweils eigene Systeme, teils mit eigenem integriertem Buchladen. Bis Ende 2012 will die amerikanische "National Information Standards Organization" einen gemeinsamen Standard für das Schwarmlesen definieren.
Wie wichtig Social Reading werden könnte, zeigt der Überraschungserfolg der kanadischen Firma Kobo, die erst 2010 mit einem Lesegerät auf den Markt kam. Kobo macht Lesen zum Leistungssport: Wer besonders viele Seiten pro Stunde schafft, darf das auf Facebook posten, und wer nachts liest, dem wird der "Geisterstunde"-Orden verliehen.
Berggren hat für derlei Spielereien nur Verachtung übrig: "Fürs Lesen braucht man keine Belohnung, Lesen ist per se schon Belohnung", sagt er. In wenigen Wochen soll Readmill nach dem Testbetrieb auch für die Öffentlichkeit freigeschaltet werden.
"Es ist schon ironisch, dass eine Plattform wie Readmill ausgerechnet in Deutschland entwickelt wird", sagt Ansgar Warner, Betreiber des Fach-Blogs "E-Book-News". Der promovierte Germanist sitzt in seinem Büro am Ende einer Sackgasse in Kreuzberg, einem idyllischen Biotop für allerlei Start-ups.
Der deutsche Buchmarkt hinke den USA um ungefähr fünf Jahre hinterher, sagt er. Hier hängen viele Verlage der Lebenslüge an, dass die Digitalisierung der Buchbranche vielleicht am Land der Dichter und Denker vorbeigehen werde. "Entsprechend schlecht sind auch manche deutsche E-Book-Reader gemacht", sagt Warner, "das sind richtige Netzhaut-Peitschen."
In Great Harry's Bar plaudert Erin Kissane unterdessen mit ihrem Internet-Buchclub darüber, wie sich Leben und Lesen ändern: Werden Schwarmbücher dem Buchmarkt schaden, oder reizen sie eher zum Kauf an? Wie lässt sich vermeiden, dass die Leute im Lesezirkel so schrecklich mit ihren Lesefrüchten prahlen? Und wie umgehen mit dem Befremden von Papierfreunden, wenn es statt einer Seitenzahl in der Readmill-Gemeinde nur heißt: "Das steht irgendwo bei 37 Prozent des Romans"?
"Social Reading spart mir viel Zeit", meint Kissane, Sachbücher könne sie viel schneller überfliegen, wenn sie den Zitaten und Anmerkungen anderer Leser folge. "In Romanen dagegen sind die Unterstreichungen anderer oft die Hölle." Manchmal schaltet Kissane die Gruppendiskussion ab und schreibt nur für sich selbst Notizen - "als Erinnerung für ein späteres Ich".
Nur einer der Freunde kann auch ein schweres Manko des digitalen Lesens erkennen: "Wie", so grübelt er, "soll ich eine Frau beeindrucken mit meiner Buchsammlung, wenn sie nur auf dem iPad existiert?"
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 46/2011
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