14.11.2011

KRYPTOZOOLOGIENachtwandern für Freaks

Hobby-Forscher in den USA fahnden nach dem Bigfoot. Angeblich verrät sich die Kreatur durch Schreie und Spuren. Doch entdecken lässt sich das Affenwesen nicht.
Wie Wehklagen hallen die Rufe durch den Wald, ein dumpfes "Whoop", dreimal hintereinander. Brandon Kiel hält inne und lauscht in die Nacht hinein. Dann saugt er erneut Luft in seine Lungen.
Nochmals hält Kiel die Hände wie einen Trichter vor den Mund: "Whoop, whoop, whoop." Deutlich schallt das Echo zurück. Doch sonst nur Stille: Der Bigfoot antwortet nicht.
"Die Jahreszeit ist eigentlich günstig", sagt Kiel enttäuscht. Die Blaubeeren seien reif, die Kälber des Wapitihirschs, eine Lieblingsspeise des Bigfoot, noch nicht ausgewachsen. "Aber es kann natürlich immer sein, dass die Tiere gerade nicht in der Gegend sind."
Kiel, 41, ist Feldforscher der US-amerikanischen "Bigfoot Field Researchers Organization" (BFRO). Das Wesen, das er sucht, soll schlau, scheu und heimlich sein - ein Champion der Tarnung. Doch hier in den Redwood-Wäldern Nordkaliforniens hofft Kiel auf Weidmanns Glück. Mit 20 Gleichgesinnten ist er auf einer Expedition, um den Bigfoot zu finden.
"Squatch" nennt Kiel das ominöse Wesen, kurz für "Sasquatch", den "wilden Mann aus den Wäldern". Der wundersame Zottel - halb Affe, halb Mensch - schleicht angeblich muskulös, zweieinhalb Meter groß und bis zu 230 Kilogramm schwer durch die Wälder Nordamerikas. Ein Beweis für die Existenz der vermeintlichen Primatenart steht bislang aus. Noch nie geriet ein Exemplar in Menschenhand - weder tot noch lebendig.
Doch erfahrene "Squatcher" wie Kiel sind sich sicher: Das Tier gibt es wirklich. Schon die Indianer der Gegend besangen den mysteriösen Mini-King-Kong. Dutzende Fußabdrücke der Schuhgröße 60 plus sind sichergestellt. Von British Columbia bis hinunter nach Florida wollen Hunderte Augenzeugen die Kreatur gesichtet haben, unter ihnen Polizisten, Parkaufseher und Professoren. Sogar von Haarbüscheln und einem Bigfoot-Zehennagel, geborgen in der Nähe des Grand Canyon, ist in der einschlägigen Literatur die Rede.
"Ich bin überzeugt davon, dass der Sasquatch existiert", sagt der Wildtierbiologe John Bindernagel aus der kanadischen Provinz British Columbia. Der Akademiker setzt schon seit Jahren seine Reputation in der Fachwelt aufs Spiel, weil er nicht nur an den Sasquatch glaubt, sondern ihn auch noch studiert. "Ich schätze die Population des Tiers auf mehrere tausend Exemplare", sagt Bindernagel, der schon einige Bücher zum Zottel verfasste.
Bindernagel hat auch eine Theorie, wie der Bigfoot in die amerikanische Wildnis gelangte: Demnach sei der heute ausgestorbene Riesenaffe Gigantopithecus einst aus Asien über jene Landverbindung in der Beringstraße eingewandert, über die auch die ersten Menschen nach Amerika gelangten.
Als Hotspot der Bigfoot-Verbreitung gilt die Gegend um den Ort Klamath in Nordkalifornien, an dem sich an diesem Tag im Oktober eine Schar von Wagemutigen versammelt hat. Die Tarnanzug-Dichte ist hoch, die Stimmung euphorisch. Wer fleißig war, hat das "Expeditionshandbuch" der BFRO studiert. Mit "type 1 inspections" müsse gerechnet werden, heißt es darin: dem Besuch von "einem oder mehreren" Bigfoots im Zeltlager, während alle schlafen - "meist zwischen zwei und fünf Uhr nachts".
Dass das Tier existiert, stellt hier niemand mehr in Frage. Stattdessen wird die Biologie der Spezies diskutiert. "Überwiegend nachtaktiv" sei der Squatch, berichtet Kiel. Er lebe in Gruppen und "stinke nach Moschus". Zu seiner Nahrung gehörten "Wurzeln, Schnecken, Frösche, Rehe, Hirsche, Fische, Pilze und Beeren". Nach "Stinktierkohl" lecke er sich geradezu die Finger.
Kiels Gesicht ist rund, sein Haupthaar kurzgeschoren. Um den Mund trägt er
einen Jägerbart. Ob er selbst der Kreatur schon begegnet sei? "Natürlich", sagt der 41-Jährige, "erst vor wenigen Wochen."
Am Bluff Creek - kaum 20 Meilen nach Osten über die Berge - trafen sich die Squatcher Ende Juli. "Wir waren etwa anderthalb Meilen gelaufen, als jemand plötzlich sagte: ,Da sitzt ein Sasquatch am Wegesrand'", berichtet Kiel. "Ich glaubte ihm nicht und fragte: ,Ist es ein Bär?', doch er blieb hartnäckig."
Kiel nahm eine Infrarotkamera zur Hand und spähte hindurch: "Da sah ich etwa 50 Meter entfernt die Wärmesignatur eines großen Tiers, das mit dem Rücken zu uns saß, ohne Hals, mit gewaltig breiten Schultern und nach oben spitz zulaufendem Kopf. Ich war baff." Zweimal habe sich die Kreatur umgedreht und ihn angeblickt, sagt Kiel. Etwa 15 Minuten dauerte der intime Blickwechsel. Dann beschloss der Expeditionsleiter abzurücken: "Ich wollte respektvoll sein."
Die Gegend am Bluff Creek ist in Bigfoot-Kreisen gut bekannt. Dort entstand am 20. Oktober 1967 jener legendäre Amateurfilm, in dem für Sekunden ein bulliges, behaartes Wesen durch ein Flussbett schlendert.
Filmexperten analysierten den verwackelten Streifen immer wieder. Selbst Trickspezialisten des Disney-Konzerns beugten sich schon über die grobkörnige Sequenz. Die Beweislage ist unübersichtlich. Ist das Geschöpf ein Mensch im Affenkostüm oder eine kryptozoologische Weltsensation? Der Urheber des Werks, ein Rodeoreiter namens Robert Patterson, verbürgte sich noch 1972 auf dem Sterbebett für die Echtheit des Films.
Im kalifornischen BFRO-Camp hegt niemand Zweifel an der Authentizität des Patterson-Films. Ohnehin hat hier fast jeder schon einmal einen Bigfoot gesehen. "Ich war auf der Hirschjagd", erzählt etwa Rey Lopez, ein Beamter aus der Nähe von Sacramento, "erst dachte ich, es wäre ein anderer Jäger; dann aber sah ich, dass es ein Sasquatch war - mit grauweißem Haar."
Mit Lopez' bulligem Pick-up-Truck geht es hinaus in die Nacht. Nach ein paar Meilen stoppt der Wagen auf einem Parkplatz mitten im Wald. Die Stirnlampen werden auf Rotlicht umgeschaltet, damit das Biest sich nicht erschreckt. Ein kurzer Test der Walkie-Talkies - dann sind alle bereit fürs "Squatching", den nächtlichen Streifzug durchs Bigfoot-Habitat.
Flüsternd und stolpernd geht es in den kommenden Stunden voran. In diesen Wäldern wurden Sequenzen von Steven Spielbergs "Jurassic Park" gedreht. Das Dickicht ist feucht. Wurzeln lassen sich im Rotlicht meist nur erahnen. Immer wieder bleibt Expeditionsleiter Kiel stehen und ruft seine "Whoops" in die Nacht. Alternativ stößt er scharfe Pfiffe aus. Dann wieder nimmt er einen kräftigen "Squatch-Knocker" (vulgo: Ast) zur Hand und schlägt auf Bäume ein. Der dumpfe Klang soll den Bigfoot anlocken.
Robert Collier aus der Nähe von Los Angeles lugt derweil unentwegt durch sein Nachtsichtgerät - "military grade", wie er stolz betont. Seine Augen leuchten grün im Schein der Apparatur. Squatching ist Nachtwandern für Freaks.
Das ganze Theater hat nur einen Sinn: Der Waldzottel soll sich melden. "Bigfoots sind bekannt dafür, dass sie uns antworten", sagt Kiel, "wir erleben immer wieder, dass Steine auf uns geworfen werden." Auch "Woodknocks", "Whoops" und "Screams" hallten regelmäßig aus dem Unterholz zurück.
Tatsächlich künden verrauschte Tonaufnahmen vom vermeintlichen Sprachschatz der Kreatur. Markerschütternde Schreie sind darauf zu hören, oder obskures Mickymaus-Gebrabbel. Besonders eifrige Squatcher wollen schon Fetzen von Russisch und Altchinesisch im Audiomüll erlauscht haben.
Sogar Erbgut des Wesens ist angeblich im Umlauf. Die texanische Veterinärmedizinerin Melba Ketchum habe Dutzende Haarproben analysiert, berichtet Kiel. Eine Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse stehe zwar noch aus. Doch in der Szene wird bereits gemunkelt, dass sogar Gewebe zweier toter Bigfoots im Eisschrank von Ketchums Labor im texanischen Timpson lagere. Ketchum selbst will dazu nichts sagen. Auch auf einschlägigen, jährlich abgehaltenen Bigfoot-Konferenzen warten die Squatcher bislang vergebens auf das Erscheinen der Tierärztin. Mehrere hundert Teilnehmer kommen regelmäßig zu den Treffen.
Ist das alles verrückt? Gewiss. Aber letzte Zweifel bleiben. Eine Nachricht aus dem Jahr 1992 zum Beispiel macht den Squatchern Mut: Damals wurde im südostasiatischen Dschungel eine neue Rinderart gefunden. Das Saola lebt in einer Gegend, die kaum weniger besiedelt ist als so mancher Wald in den USA.
Ist es da nicht vielleicht doch möglich, dass sich ein pfiffiger Riesenaffe seit Hunderten Jahren unentdeckt im amerikanischen Forst verbirgt?
"Das Ganze ist auch eine gute Entschuldigung, campen zu gehen", gesteht Kiels BFRO-Kollege Bill Brewer, der sich eine gewisse Rest-Skepsis bewahrt hat. Squatching, sagt er, sei vor allem ein großer Spaß.
In der nordkalifornischen Nacht trübt es die Begeisterung der Wandervögel daher nicht, dass der Wald bis zum frühen Morgen beharrlich schweigt. Immerhin gibt es damit einen guten Grund, bald wiederzukommen.
Und möglicherweise wollen die Squatcher das heimliche Wesen mit den breiten Schultern ja auch gar nicht finden.
"Ich mag den romantischen Aspekt der Suche, diese wunderbare Grauzone, in der wir uns befinden", sagt Kiel. Und wenn der Bigfoot eines Tages wirklich entdeckt wird? "Dann ist das hier alles vorbei."
(*) Szene aus dem Patterson-Film von 1967.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 46/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KRYPTOZOOLOGIE:
Nachtwandern für Freaks