14.11.2011

LITERATURDer Kampf der Krähe

Vier Jahre hat es gedauert bis zu diesem neuen Roman von Julia Franck. 2007 hatte die Schriftstellerin für "Die Mittagsfrau" den Deutschen Buchpreis gewonnen, das Buch verkaufte sich daraufhin fast eine Million Mal und wurde in 33 Sprachen übersetzt. In "Rücken an Rücken" schreibt Franck nun ihr übergreifendes Thema fort, die Erzählung emanzipatorischer Frauengeschichten. Dabei stellt sie immer auch die Frage nach der Rücksichtslosigkeit und dem Schmerz, den diese Geschichten bergen. Der neue Roman spielt Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre in der DDR. Im Mittelpunkt steht die Bildhauerin Käthe, Mutter von vier Kindern, die verschiedene Väter haben. Zwei Mädchen hat sie ins Kinderheim gegeben, die anderen beiden, Ella und Thomas, bleiben sich selbst überlassen. Sie stehen Käthes Wunsch nach Unabhängigkeit im Weg. Die zärtlichste Begegnung zwischen der alleinerziehenden Mutter und ihrem Sohn entsteht, als dieser ihr Modell sitzt für eine neue Skulptur. Erst als sie ihn mit den Augen der Bildhauerin betrachtet, empfindet sie so etwas wie mütterliche Gefühle. Die Kinder versuchen alles, um Käthes Liebe zu erlangen. Einmal verschwinden sie tagelang, doch die Mutter bemerkt ihre Abwesenheit nicht einmal. Wie schon in "Die Mittagsfrau" geht Franck unerbittlich weit in der Schilderung der monströsen Seiten ihrer Heldin. Wie nebenbei lässt sie Zeitgeschichtliches einfließen, etwa den Bau der Mauer. Und doch ist "Rücken an Rücken" ein angestrengtes Buch geworden. Manche Bilder sind in ihrer Passgenauigkeit aufdringlich: Nach einem Streit mit der übermächtigen Mutter beobachtet der Sohn den Kampf zweier Vögel, eines Habichts und einer Krähe. Auch sprachlich ist dem Roman zu sehr das Bemühen anzumerken, die Zeit, in der er spielt, zu spiegeln. Franck ist eine starke Erzählerin, diesmal fehlt jedoch die Leichtigkeit.

DER SPIEGEL 46/2011
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LITERATUR:
Der Kampf der Krähe

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