14.11.2011

AUTORENKnallt sie ab!

Der Dissident Liao Yiwu wird für sein Buch über seine Haft mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Sein Bericht zeigt, dass sich deutsches Lob für Chinas Kommunisten verbietet.
Der alte Mann wirkte unerschütterlich, als er es sagte. Er saß in einem Rollstuhl, seinen Holzstock griffbereit, er trug den dichten silbergrauen Schopf wie immer gescheitelt. Er redete über China, gab sich als Kenner, 12- oder 15-mal sei er dort gewesen: "Ich bewundere, was die Chinesen nach dem Tode Mao Zedongs 1976 zustande gebracht haben."
Und er hörte nicht auf. Es stimme, sagte er, dass China keine Demokratie sei, aber trotzdem hätten die Chinesen es fertiggebracht, einen wirtschaftlichen Aufschwung in Gang zu setzen, der dazu geführt habe, "dass es unter den heute lebenden Chinesen kaum einen einzigen gibt, dem es heute nicht bessergeht als jemals vorher in seinem Leben". Das sei "eine gewaltige Leistung", der chinesische Kommunismus sei "erfolgreich". Dann sagte er den letzten Satz zu diesem Thema, hob den Zeigefinger und stieß ihn in die Luft: "Die haben das Recht, nach ihrer eigenen Fasson selig zu werden."
Der 92-jährige Mann saß nicht in einer entlegenen Stube am Kachelofen, er ist auch nicht irgendwer: Er ist der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, gefeiert als Über-Großvater der Nation. Helmut Schmidt saß, während er all dies von sich gab, in der wichtigsten deutschen Talkshow. Ihm gegenüber der angesehenste deutsche Moderator: Günther Jauch. Ihm zur Seite der Mann, der die nächste Kanzlerschaft beansprucht: Peer Steinbrück. Der angesehenste deutsche Moderator sagte gar nichts zu Schmidts Thesen und wechselte schnell das Thema. Der nächste mögliche Kanzler sagte, diese Thesen seien "ergänzungsbedürftig" und pries gewunden westliche Rechtsstaatlichkeit.
Schmidt kam durch mit seinen Sätzen. Ungescholten. Vor mehr als fünf Millionen Zuschauern. Und im Saal Applaus.
Schmidt machte einen rüstigen Eindruck in der Talkshow vor drei Wochen, und weil er wohl viel unterwegs ist und Leute trifft, könnte er sich doch - nur mal so als Vorschlag - Zeit nehmen für einen interessanten Gesprächspartner, einen freundlichen Chinesen, 53 Jahre alt, der das brutalste und erschütterndste Buch des Jahres geschrieben hat und darauf besteht, dass jedes Wort in diesem Buch wahr sei(*). Es sind Erinnerungen an seine Zeit in chinesischen Gefängnissen, in denen er insgesamt fast vier Jahre einsaß. Liao Yiwu war verhaftet und verurteilt worden, weil er ein Gedicht geschrieben hatte, "Massaker": 1989 zur blutigen Niederschlagung der Proteste auf dem Pekinger Tiananmen-Platz.
Liao Yiwus Buch "Für ein Lied und hundert Lieder" ist ein Zeugenbericht aus dem Epizentrum der Menschenverachtung, strotzend vor Blut, Urin und Kot.
"Bewunderung" für China? "Jeder nach seiner Fasson"? "Selig"?
Liao Yiwu reagiert verwundert, als er von den Aussagen des Ex-Bundeskanzlers erfährt. Er fragt nach, ob diese Worte wirklich so gefallen seien, und schüttelt den Kopf. Es ist der Donnerstag der vergangenen Woche, gerade ist Liao von einer Lesetour in den USA nach München
geflogen, hier bekommt er am Montag dieser Woche für sein Gefängnis-Tagebuch den Geschwister-Scholl-Preis. Er hat sich übernächtigt und fröstelnd in einem Restaurant im Englischen Garten eingefunden, um ein Interview zu geben, und als man ihm Schmidts Sätze vorliest, ist er plötzlich hellwach. Leute, die so redeten, wollten den Handel mit China nicht gefährden, sagt er. Sie brächten aber "schlechte Gedanken in die Welt". Wenn der Handel wichtiger sei als die Menschenrechte und die Würde, "dann ist der Tag des Weltuntergangs gekommen". Niemand solle sich täuschen in der Kommunistischen Partei: "Sie hat einen Körper aus Gold und zwei Seiten. Mit der grimmigen Seite schaut sie auf die Chinesen, mit der lieben Seite in den Westen."
Liao Yiwu beschreibt in seinem Buch die grimmige Seite. Ihm war verboten worden, das Buch in China oder im Ausland zu publizieren. Der deutsche S. Fischer Verlag aber wollte es herausbringen, in diesem Jahr im Sommer. Schon ein anderes Buch Liao Yiwus, "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser", war vor zwei Jahren in Deutschland gut aufgenommen worden. Darin hatte Liao Yiwu seine Begegnungen mit den Armen und Entrechteten Chinas geschildert, den Kloputzern, Wanderarbeitern und politisch Verfolgten.
Von seinem Gefängnisbericht hatte Liao mehrere Fassungen schreiben müssen. Die erste handschriftliche - ein Unikat - war von der Polizei beschlagnahmt worden. Die zweite auch. Die dritte Fassung hatte er dann auf einem Computer schreiben können, hatte Sicherungskopien angelegt, und da er am Ende so viele Jahre Arbeit investiert hatte, wollte er unbedingt, dass der deutsche Verlag es nun druckt. Anfang Juli floh er aus China nach Berlin. Mitte Juli erschien das Buch.
Seine Flucht habe das Buch gerettet und ihn selbst auch, sagt er. Wäre er in China geblieben, hätte es nicht erscheinen können. Wäre es trotzdem erschienen, hätte man ihn vor Gericht gestellt. Und alles wäre von vorn losgegangen.
Ein "Romantiker" sei er gewesen, bevor er ins Gefängnis kam, schreibt er im Buch. Ein erfolgreicher junger Poet im China der achtziger Jahre, begabt, aber naiv und unpolitisch.
Am 4. Juni 1989, mit dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz, kommt der Wendepunkt: Die Worte fallen aus ihm heraus, "Massaker" entsteht.
"Schießt! Schießt! Auf die Alten, die Kinder, schießt auf die Frauen! Auf die Studenten, auf die Arbeiter, auf die Lehrer, schießt auf die Straßenhändler! Knallt sie ab! Knallt sie ab! … Liquidiert die Blume, den Wald, den Campus, die Liebe, die Gitarre, die zu reine Luft! Liquidiert die Gedanken, die Gut und Böse begreifen wollen! Knallt sie ab! Knallt sie ab! Stillt eure Sucht!"
Er nimmt das Gedicht auf Tonband auf, es kursiert in Dissidentenkreisen, 1990 wird Liao festgenommen und in ein Untersuchungsgefängnis gebracht. "Mein Kopf war entblößt, und auch mein Körper wurde entblößt. Die Rotfelle prüften Kleidung und Hose, die sie mir vom Körper gerissen hatten, Zentimeter für Zentimeter, stapelten sie neben sich und machten sich erst dann daran, meinen Mund, meine Achselhöhlen und meine Fußsohlen zu untersuchen. Ich griff mit beiden Fäusten leer an meine Seiten, machte instinktiv eine Bewegung, mir die Hosen hochzuziehen, als mir der Anführer der Rotfelle befahl, das Gesäß hinauszustrecken - mit äußerster Sorgfalt fuhr er mir mit einem Bambusstäbchen in den Anus."
"Seit meinen Babyzeiten war ich nicht mehr ohne einen Faden am Leib den Blicken anderer ausgesetzt gewesen, die Exhibition dauerte etwa sieben Minuten, aber das war länger als ein ganzes Leben … Verdammte Scheiße, ich hätte nicht gedacht, dass ich schon beim ersten Schlag zu Boden gehen würde."
Er haust in Zellen in der Nähe von Latrinen, von dort wird er zu Verhören abgeführt, die Wächter traktieren ihn mit Elektroknüppeln, einmal mit 100 Schlägen pro Verhör, ein anderes Mal 20 Minuten lang, ohne abzusetzen. Seine Hände sind auf dem Rücken gefesselt, einmal 23 Tage lang. Die Handschellen sind oft zu eng, damit die Hände anschwellen und der Rost ins Fleisch dringt.
Unter den Gefangenen, um die 20 auf "etwas über 20 Quadratmetern", herrscht eine klare Hierarchie. Es gibt die Oberen, die sich von den Niederen bedienen lassen, es gibt das "Vergnügungsgesindel", feminine junge Männer mit hübschen Gesichtern, die für die Oberen singen und tanzen, nackt bei ihnen schlafen und sie sexuell befriedigen. Und dann gibt es die Folterknechte, die die Wehrlosen quälen.
Eine sogenannte Speisekarte mit 45 Gerichten kursiert unter den Gefangenen - jede Foltermethode ein Gericht. "Zweimal gebratenes Fleisch, auf der Eisenplatte serviert: Mit Bambusnadeln wird wahllos auf den nackten Rücken des zu Bestrafenden eingestochen, Tausende Einstiche entstehen, in sie wird Salz gestreut und das Ganze mit Heftpflaster verklebt. Wenn das Blut geronnen ist, werden die Pflaster heruntergerissen."
Liao Yiwu verlässt das Gefängnis als gebrochener Mann, verfeindet mit China. In einem Gedicht bezeichnet er sein "Vaterland" als "Land der Verbrecher" und ruft ihm zu: "Ich will dich im Kerker sehen, auch du sollst spüren, wie Rückenfesseln schmecken." Er fragt, ob das Land es wolle, dass "dein Volk dich liebt nach Freierart".
Das Schreiben kann ihm Würde geben. Furcht kennt er nicht mehr. Leben ist nur noch Überleben.
Verlorenheit umgibt ihn auch in den Tagen in München vor der Preisverleihung, obwohl Freunde da sind. Aber wie soll er fröhlich sein bei seiner Geschichte? Wie, wenn ein Freund, dem er sich seit 30 Jahren verbunden fühlt, im Gefängnis sitzt? Der Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo ist 2009 wegen "Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt" zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Er gehört zu den Unterzeichnern des Bürgerrechtsmanifests "Charta 08". Jeden Tag muss Liao Yiwu an seinen Freund denken. Wird er mit Elektroknüppeln gefoltert? In dieser Minute?
Zum Essen im Münchner Restaurant hat sich Liao einen Fischeintopf bestellt. Er lässt ihn halb stehen. Eine Freundin, die neben ihm sitzt, sagt: "Es sind die Kartoffeln. Im Gefängnis gab es dauernd Kartoffeln. Er kriegt sie nicht mehr hinunter."
(*) Liao Yiwu: "Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen". Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 592 Seiten; 24,95 Euro.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 46/2011
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