14.11.2011

Die Freiheit wird siegen

Von Liao Yiwu
Am frühen Morgen des 4. Juni 1989 habe ich ein langes Gedicht über die blutigen Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens geschrieben und mir laut vorgelesen, es trägt den Titel "Massaker", und seine letzte Zeile lautet: "Dieses Massaker überleben nur Hunde."
Ein Wort, das sich als prophetisch herausstellen sollte. Ich bin tatsächlich herabgesunken zu einem "Hund" meines eigenen Staates und in einen Käfig gesperrt worden. Ich saß eingezwängt zwischen zwei zum Tode verurteilten Männern und fand nächtelang keinen Schlaf. Ich habe den Kopf gegen die Wand geschlagen, um mich umzubringen, ich war blutüberströmt, und meine Mitgefangenen standen um mich herum, inspizierten meine Wunden und spotteten, ich sei ein "ausgezeichneter Komödiant".
War das Leben ein Theater? Wenn man im Gefängnis ist und sterben will und es nicht schafft, ist das auch eine Posse. Und wenn für die Todeskandidaten, denen man hier den Rest gibt, die Stunde naht, sie nicht mehr bei sich sind und aus der Zelle getragen werden, ist das noch possenhafter.
So ist der Hund langsam herangewachsen. Einmal haben sie mich so gereizt, dass ich einem Wärter in den Finger gebissen habe, das hat im ganzen Gefängnis für Aufsehen gesorgt. Sie haben mich beschimpft, ich sei ein tollwütiger Hund, und es war mir auch selbst bewusst, dass ich meine Würde verloren hatte.
Ich muss das alles festhalten und dabei steigen hunderterlei Gefühle in mir auf. Ich denke daran, dass die Kommunistische Partei Chinas nach 1949 mit Mitteln des Terrors wie Mord, Gefängnis, Hunger, Verbannung und Gehirnwäsche dafür gesorgt hat, dass ungefähr 65 Millionen Chinesen eines nicht natürlichen Todes gestorben sind und einige Generationen ihrer Würde beraubt wurden.
Ich denke daran, dass es vor über 2000 Jahren einen Historiker namens Sima Qian gegeben hat, den der Tyrann der damaligen Dynastie hat entmannen lassen, nur weil er sich für Wahrheit und Gerechtigkeit einsetzte. Und Konfuzius, der vor noch längerer Zeit lebte als Sima Qian, musste seine Heimat verlassen, weil er die alten Traditionen wiederbeleben wollte, und irrte über ein Jahrzehnt von Land zu Land.
Ich bin in den vergangenen 22 Jahren weder entmannt noch vertrieben worden, aber meine Manuskripte wurden zweimal von der Polizei beschlagnahmt. Mir blieb nichts anderes als die enervierende Arbeit, alles noch einmal und noch einmal zu schreiben. Da ich keine Leser hatte, habe ich meine früh verstorbene Schwester zu meiner Leserin gemacht. Da ich kein Honorar bekam, habe ich mich am Bodensatz der Gesellschaft herumgetrieben und mich als flötespielender Straßenmusiker durchgeschlagen.
Mein Gedächtnis wurde dadurch gehärtet, und ich habe mich schrittweise von einem hochnäsigen Poeten zu einem synchronen Aufnahmegerät meiner Zeit gewandelt.
In China gibt es keine orthodoxe Kirche, und ich bin kein Solschenizyn; und mein Buch "Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen" ist auch kein "Archipel Gulag" - auch wenn ich Solschenizyn verehre und eine entfernte geistige Beziehung zu ihm nicht bestreite.
Ich erinnere an die dunklen Seiten der Kommunistischen Partei, ich bin ein Schriftsteller vom Bodensatz der Gesellschaft, der sich auf diese Weise die Schmach abwäscht, ich bin anders als die Geschwister Scholl, die heldenhaft in den Tod gingen und die in ihrem Vaterland jeder kennt. Ich bin wie ein Straßenköter überall untergekrochen, ich hatte mit allen möglichen Spitzeln zu tun. Immer wieder bin ich verhaftet, immer wieder bin ich aus anderen Städten nach Hause verfrachtet, immer wieder bin ich unter Hausarrest gestellt worden.
Ich musste Geduld haben, ich musste die Polizei hinters Licht führen und immer wieder versichern, dass ich im Ausland keine Bücher veröffentlichen werde, die gegen chinesische Gesetze verstoßen. Am Ende musste ich mein Handy und meinen Computer ausschalten und wie ein streunender Hund aus meiner Heimat fliehen - nun, vielleicht war das nicht richtig, als ein Mensch muss man sich ehrlich verhalten und die Konsequenzen auf sich nehmen, wie Ai Weiwei es tut, der wegen seiner Appelle spurlos verschwand, oder wie Liu Xiaobo, der wegen der "Charta 08" wieder im Gefängnis sitzt.
Ich bin noch am Leben. Ich hätte nicht geglaubt, dass mein Buch "Für ein Lied und hundert Lieder" gleichzeitig in Deutschland und Taiwan erscheinen und in einem anderen Land als meinem eigenen zu einem Bestseller werden würde. Und nun stehe ich hier, werde von Herta Müller, der Autorin der tiefgründigen "Atemschaukel", laudiert und erhalte einen Preis, der nach den Geschwistern Scholl benannt ist, einen Preis für Literatur im Widerstand, mit dem an die Würde des Menschen erinnert wird.
Ich stehe beschämt vor den Geschwistern Scholl, die in diesem Sinne Märtyrer gewesen sind. Vielleicht ist die diesjährige Entscheidung der Jury ja aber auch als Botschaft gedacht, als Botschaft an die Schriftsteller im chinesischen Untergrund, dass am Ende die Freiheit siegen wird?
Dankesrede des Geschwister-Scholl-Preisträgers Liao Yiwu, die er an diesem Montag in München halten wird. Aus dem Chinesischen übersetzt von Hans Peter Hoffmann.
Von Liao Yiwu

DER SPIEGEL 46/2011
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