14.11.2011

MUSIKERWeltgeist auf zwei Rädern

In den Achtzigern war David Byrne der ironisch-sarkastische König des Pop. Nun schildert er in einem Buch, was seine Künstlerseele antreibt - und warum er begeistert Fahrrad fährt.
Ende August tanzte er beim Filmfestival in Venedig als Juror über den roten Teppich, zuvor aber war David Byrne unterwegs auf der seltsamsten Tournee seines Lebens. Sie führte ihn durch Lateinamerika, in Städte wie Bogotá, Lima oder Santiago de Chile. Er hatte viele Zuhörer dort und bekam netten Applaus, wie schon oft. Nur eines war anders: "Ich habe keinen Ton Musik gemacht und kein Kunstwerk präsentiert, sondern nur über Fahrräder geredet."
David Byrne ist 59 Jahre alt, er stand vor rund 40 Jahren zum ersten Mal auf einer Konzertbühne, und er hat es als Musiker, bildender Künstler, Filmschaffender zu Weltruhm gebracht. Doch jetzt, sagt er, "trete ich plötzlich auf als Experte für moderne Großstädte und für Verkehr. Das ist ein Job, den ich mir nie hätte träumen lassen. Ich finde ihn großartig".
Byrne sitzt am Konferenztisch seines Büros im New Yorker Stadtteil SoHo und lässt ein helles, gackerndes Lachen hören. An der Wand über dem Tisch hängt ein meterlanger ausgestopfter Fisch, in den Ecken stehen anatomische Modelle für die monströs vergrößerten Innereien eines Regenwurms und Papierrollen mit Entwürfen für diverse Kunstobjekte.
Zwei junge Frauen und ein Mann arbeiten an großen Schreibtischen in Byrnes Büro, er selbst kommt nicht jeden Tag hierher aus seiner Wohnung in einer anderen Ecke Manhattans. Aber wenn, dann mit dem Fahrrad. Eines der Objekte, die er hier ersonnen hat, ist ein Fahrrad, das mit glitzernden Edelsteinen überzogen ist wie Damien Hirsts berühmter Totenkopf. Im Fall von Byrnes Luxusfahrrad sind es Modeschmuck-Klunker.
Nun hat Byrne ein Buch geschrieben, das Kritiker ein "Manifest" nennen. Es erzählt - nicht auf allen, aber auf vielen Seiten - vom Radfahren. Das Buch heißt, auch in der deutschen Ausgabe, "Bicycle Diaries", Fahrrad-Tagebücher(*). Der Autor tritt auf als Streiter für umweltfreundlichen innerstädtischen Nahverkehr.
Es ist eine viele Verehrer überraschende Rolle, die Byrne da spielt. Er, der Chef der im Jahr 1975 gegründeten und 1991 aufgelösten Band Talking Heads, ist bis heute berühmt als komischer Heiliger der Achtziger-Jahre-Popkultur. In Songs wie "Psycho Killer" oder "Road to Nowhere" feierte er die Neurosen der westlichen Zivilisation. Im Film "True Stories" reiste er in ein fiktives texanisches Kaff, und in Jonathan Demmes "Stop Making Sense" hampelte er in einem Riesenanzug vor der Kamera.
In den deutschen Kinos ist gerade ein wunderbar irrer Film angelaufen, der eine Huldigung an diese Ära ist und an Byrne selbst. "Cheyenne - This Must Be the Place", benannt nach einem Song der Talking Heads, ist das Werk eines Fans. Der Italiener Paolo Sorrentino lässt darin den Schauspieler Sean Penn als gruftigen Ex-Rockstar durch Amerika reisen. Byrne hat die Musik zum Film komponiert, er tritt als Darsteller seiner selbst in einer längeren Szene auf, und im Grunde sieht das ganze Werk so aus, als knüpfe es direkt an Byrnes Ironie-Brüller "True Stories" an.
In Byrnes eigenem Werk finden sich mittlerweile viele kuriose Triumphe: 1988 gewann er einen Oscar für die Musik zu Bernardo Bertoluccis Historienfilm "Der letzte Kaiser", später gründete er eine eigene Plattenfirma, seine Kunst zeigte er in wichtigen Galerien und Museen. Als Musiker machte er zuletzt 2010 mit dem Konzeptalbum "Here Lies Love" Furore, dessen Songs, verfasst von Byrne und Fatboy Slim, sich dem Leben der Diktatorengattin Imelda Marcos widmen. Demnächst will er den Stoff verfilmen.
Im Hauptberuf ist Byrne seit bald vier Jahrzehnten der Prototyp des New Yorker Gesamtkunst-Nerds schlechthin; mag er auch aus Schottland stammen und seine Jugend in Baltimore verbracht haben. Er ist Kumpel vieler wichtiger Musiker und Künstler, von Brian Eno über Matthew Barney bis Bob Wilson.
Byrnes Buch heißt "Bicycle Diaries", weil der Autor darin schildert, wie er durch Berlin, Manila oder London mit einem sogenannten Faltrad fuhr, das sich auf Koffergröße verpacken lässt. Der Titel ist aber auch eine Anspielung auf die "Motorcycle Diaries" von Che Guevara. Man merkt also: Hier kokettiert einer mit dem Mythos des Revolutionärs.
In den "Motorcycle Diaries" hat der junge Che in den fünfziger Jahren seine Abenteuer bei der Durchquerung Südamerikas auf dem Motorrad festgehalten, hat notiert, wie er mit der Verknechtung vieler Latinos konfrontiert wurde, mit dem Unrecht der Welt. In den "Bicycle Diaries" schildert Byrne, wie er auf dem Sattel seines Fahrrads lernte, die Welt der großen Städte mit neuen Augen zu sehen. Mit den Augen eines Weltverbesserers.
Denn die Missstände, die er entdeckte, haben Byrne zu einem politischen Kämpfer gemacht. Im Buch beschreibt er diesen Erkenntnisprozess eingangs eher hochtrabend. "Sich mit dem Fahrrad durch eine Stadt zu bewegen ist wie das Navigieren durch die kollektiven Nervenbahnen eines riesigen globalen Gehirns", heißt es da.
Er kann es auch einfacher formulieren. "Wer auf einem Fahrrad fährt, der empfindet das Gefühl einer Befreiung. Und er beginnt nachzudenken über demokratischere Formen des Transports", sagt Byrne am Konferenztisch seines Büros.
"Mein Buch soll kein Manifest und keine Kampfschrift sein. Das ist Quatsch." Er sei kein Fahrradfanatiker, sagt Byrne. Spandex-Kleidung zum Beispiel findet er total uncool, die meisten Helme ließen einen leider scheiße aussehen. Als er im New York der achtziger Jahre angefangen habe, auf dem Fahrrad herumzurollen, "da hielten die Leute mich für einen Verrückten". Heute gibt es in New York auf dem Times Square eine breite quietschgrüne Fahrradspur, in Parks und auf einigen Avenuen wurden Radwege eingerichtet, viele Büromenschen, sogar Banker, fahren mit dem Rad zur Arbeit oder zum Dinner. "Früher hätte man endlos über dieses Abenteuer geredet, heute ist es selbstverständlich."
In "Bicycle Diaries" berichtet Byrne, mal begeistert, mal belustigt, was er zu dieser Veränderung beitrug. Im Jahr 2007 hat er einen Aktionsabend organisiert, der in der New Yorker Town Hall das Rad als Großstadt-Transportmittel anpries. Er hat bei lokalen Politikern für die Vorschläge von europäischen Experten getrommelt, wo man ja viel weiter sei als in Amerika. Er musste einsehen, "dass sich die Dinge nicht über Nacht ändern", wie er schreibt; und er hat sogar selbst ein paar lustige Fahrradständer entworfen.
Byrnes Modelle, von denen einige als Unikate tatsächlich aufgestellt wurden, sind am Ende der "Bicycle Diaries" abgebildet. In der Wall Street steht ein Stahlgerüst in Form eines Dollarzeichens, der Fahrradständer vor einem Luxuskaufhaus sieht aus wie ein Comic-Damenschuh, das Exemplar im hippen Stadtteil Williamsburg hat die Umrisse einer Gitarre.
Vermutlich ist es ein Glück, dass nur der kleinere Teil von Byrnes Buch wirklich von seinem Job als Fahrradlobbyist handelt. Denn den größeren Charme des Tagebuchs machen jene Beobachtungen und Gedanken aus, in denen der Autor sich als globaler Flaneur gebärdet, für den die Art der Fortbewegung zweitrangig ist.
In Sydney, Istanbul oder San Francisco nämlich kommen die alten Obsessionen des Künstlers Byrne zum Vorschein, sein Schmetterlingssammlerblick für Absurditäten, für die Schönheit des Hässlichen und den Zauber bizarrer Alltagsmomente. Einmal beschreibt er gerührt und fasziniert, wie sich ein Zuckerkranker mitten in einem Restaurant eine Insulinspritze setzt.
Überhaupt ist an die Stelle jenes ebenso allumfassenden wie folgenlosen Spotts, mit dem er einst der Spießerheimeligkeit und der Warenwelt begegnete, eine Nachdenklichkeit getreten, die einen als Leser irritiert und verzückt. Kann es sein, dass der Mann, den Abertausende Fans ein Jahrzehnt lang dafür verehrten, wie er die Affirmation, die sarkastische Zustimmung zu allen Segnungen der Moderne, als die schärfste aller Waffen gebrauchte, nun einen Hang zum Moralisieren offenbart?
So erinnert sich Byrne im Berlin-Kapitel seines Buchs, wie er in den siebziger und achtziger Jahren zu Besuch und zum Arbeiten in Westberlin war. Ein "aufgeblasener, pseudokünstlerischer kapitalistischer Schaukasten" sei die Stadt gewesen und eine trübe "Oase für verrückte Künstler und Musiker von zweifelhaftem Talent". Im vereinten Berlin der nuller Jahre fühlt er sich besser aufgehoben. Er berichtet vom Wiederaufbau der Stadt, dem Kampf um die Stasi-Akten, von der Entschädigung jüdischer Alteigentümer; und weil plötzlich "das Vergessene oder Vergrabene wieder präsent" sein dürfe, sei "ein Zentrum der europäischen Kultur wieder zum Leben erwacht".
Auch in Kunstfragen erweist sich Byrne als Sittenrichter mit strengen Maßstäben. Er selbst war jahrelang mit der Fotokünstlerin Cindy Sherman zusammen (die er im Buch meist "meine Freundin C" nennt), und einmal beschreibt er die Arbeit zweier Künstler, die angeblich die "Ausbeutung der unteren Klassen" anprangern, indem sie Verlierertypen aus der Dritten Welt vor einer Kamera für Geld sinnlose Sätze sagen oder Sand schaufeln lassen. Der Akt, diese Videos am Ende dann an kunstbegeisterte Milliardäre zu verkaufen, findet Byrne, sei eine Provokation - aber "auf eine traurige, beschissene Weise".
In London besucht er eine Kuriositätenausstellung im British Museum und sinniert über die Grenzen der aufklärerischen Vernunft: "Ich habe das Gefühl, dass die Welt doch traumhafter, metaphorischer und poetischer ist, als wir uns vorstellen können." Dann folgert er: "Die Welt ist nicht logisch, sie ist ein Song."
Nostalgie ist der Feind, sagt David Byrne. "Ich finde, die Verherrlichung der siebziger und achtziger Jahre hat einen Punkt erreicht, an dem sie nur noch nervt." Eine elegante Traurigkeit und ein schöner Ernst zeichnen sein Buch aus, sie passen sehr gut zu seinem Äußeren. Seine Haare sind fast weiß geworden und stets verstrubbelt, seinen durchtrainierten, asketischen Leib kleidet er häufig in hellen Farben.
Er lacht oft und laut am Konferenztisch in seinem Büro, er redet über die Ruhe der genauen, vorurteilsfreien Beobachtung, die er zu schätzen gelernt habe zum Beispiel im Werk des deutschen Schriftstellers W. G. Sebald. Anders als früher sei er nicht mehr versessen auf grelle Sensationen und abstruse Abwege. In der Musik, in der Kunst, aber auch in seinem Radfahrerleben. Früher habe er eine merkwürdige Lust dabei empfunden, durch Stadtviertel voller verlassener Fabrikhallen und abgewrackter Wohnsilos zu fahren, heute radle er lieber durch Wiesen oder an Flussläufen entlang. "Manche der Gründe dafür sind stinklangweilig: Ich fahre lieber im Grünen, weil es dort sicherer ist und ich älter geworden bin. Ich habe aber auch endlich kapiert, dass es okay ist, die Freuden der Welt zu genießen, Sonnenschein, Blumen und Gras zum Beispiel. Ich muss nicht mehr immer nur Zerstörung angucken, weil ich begriffen habe, dass das auch nur eine Art von Vergnügen ist."
Mitten im australischen Outback, als er zurückkehrt vom Ausflug zu einer Felsformation, die "so aussieht, als würde man in eine riesige Po-Ritze wandern", überkommt den Autor Byrne in "Bicycle Diaries" beim Anblick eines Ameisenhügels aus heiterem Himmel der große Blues. Vielleicht sei ihm dort seine "heilige Bedeutungslosigkeit" bewusst geworden, überlegt er. "Die beiden größten Selbsttäuschungen sind, dass das Leben einen Sinn hat und dass jeder von uns einzigartig ist", schreibt er im Buch. Immerhin könne es sein, dass gerade diese Selbsttäuschungen uns "erleichtern, weiterzumachen, zu funktionieren, uns zu begnügen". Auf jeden Fall saß er dort im australischen Outback und weinte.
Eine Wiedervereinigung der Talking Heads übrigens schließt David Byrne kategorisch aus.
(*) David Byrne: "Bicycle Diaries". Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 368 Seiten; 19,95 Euro.
Von Wolfgang Höbel

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