14.11.2011

LITERATURLiebe Kinder!

Eine Fabel von Leon de Winter
Es war einmal ein Wald, in dem die wilden Tiere in Frieden lebten. Die kleinen Tempelmäuse brauchten keine Angst vor den Makkaronifrettchen zu haben, und die Makkaronifrettchen brauchten keine Angst vor den Tapasstieren zu haben, und die Tapasstiere hatten Frieden geschlossen mit den Knoblauchhähnen und den Kreidefelsenterriern.
Sie machten nicht mehr Jagd aufeinander, sondern grüßten freundlich, wenn sie einander begegneten, und seit es auch keine Reviergrenzen mehr gab, konnten sich Knoblauchhähne, Weißwurstschweine und Makkaronifrettchen sogar überall im Wald blicken lassen, ohne dass sie befürchten mussten, gefressen zu werden.
Warum Friede war? Die Führer sagten, das komme daher, dass die Führer so weise seien, nachdem sie die Lehre vom Großen Schlachthaus gelernt hätten. Am Großen Schlachthaus waren die Weißwurstschweine schuld gewesen, das war klar, aber das war schon lange her, und jetzt waren die Weißwurstschweine reich, und alle wollten die besten Freunde der Weißwurstschweine sein.
Andere sagten: Unsinn, unsere Führer sind nicht weise geworden. Sie sind noch genauso dumm wie früher, aber seit wir Verhütungsmittel haben, haben wir alle nur noch ein Junges, und dieses Junge wollen wir schützen, so gut es geht - also fressen wir auch nicht die Jungen anderer Tiere auf.
Was immer Grund für den Frieden sein mochte, er war da, und alle waren froh darüber.
Wer waren die Führer des Waldes? Die Führer. Eine seltsame Antwort: Die Führer waren die Führer. Niemand hatte diese Führer gewählt, aber es gab sie, und sie trafen Entscheidungen, denn das tun Führer. Warum sie Entscheidungen trafen? Weil sie die Führer waren. Und warum sie die Führer waren? Weil sie die Entscheidungen trafen. Für die Tiere im Wald hörte sich das logisch an - in Logik waren sie nicht sonderlich gut.
Nun, da sie nicht mehr Jagd aufeinander machten, sondern nur noch auf die Tiere außerhalb des Waldes, wollten alle Mitglied ihres Bundes werden, ihrer Tierunion. Denn bei ihnen war es ruhig, und sie konnten reichlich Futter für magere Jahre horten.
Und da kamen die Führer auf eine Idee.
Sie sagten: Wir führen eine Währungsunion ein.
Eine Währungsunion?
Ja. Die Führer sagten: Warum sollen die Weißwurstschweine ihre Schweinemark behalten und die Knoblauchhähne ihren Hahnenfranc und die Makkaronifrettchen ihre Frettchenlira?
Hm, piepsten manche Tiere, ist das denn klug? Was haben wir von einer neuen Währung?
Ihr begreift das nicht, ihr dummen Tiere, sagten die Führer. Wenn wir alle ein und dieselbe Währung haben, sind wir alle
wirklich gleich. Dann kann jeder überall mit der Waldwährung
bezahlen, und dann bekommen wir noch mehr Frieden, und dann kann es nie wieder ein Großes Schlachthaus geben.
Besonders die Tempelmäuse waren sehr froh über die Idee mit der Waldwährung. Die Führer der Tierunion sagten: Wenn wir die Waldwährung einführen, können die Tempelmäuse von den Schweinen und den Hähnen Waldmünzen leihen, und dann essen sie ganz viel, und wenn sie das lange genug machen, werden sie genauso groß wie die Katzen, und dann können sie ganz schnell rennen und viele auswäldische Tiere fangen, und dann werden sie die Besten sein, so wie schon vor 2500 Jahren.
Genau!, sagten die Führer der Tempelmäuse, dann können wir unsere Wettbewerbssituation verbessern! Genau!, sagten auch die Führer der Tierunion. Mit den kurzen Mäusebeinchen kommt man in der Welt außerhalb des Waldes nicht weit. Da draußen laufen Tiere mit ganz langen Beinen und großen Pranken herum, denkt nur an den Roten Drachen! Wenn der sich in Bewegung setzt, zermalmt er die Mäuse, ohne es zu merken, so groß ist der Drache. Also, liebe Mäuse: Geld leihen und viel, viel fressen und groß werden, dann könnt ihr das geliehene Geld danach leicht zurückzahlen, denn - jetzt kommt's! - ihr habt als kleine Maus geliehen, und ihr zahlt als große Katze zurück!
Also fraßen die Mäuse drauflos. Und was sie nicht alles fraßen! Sie liehen sich Waldmünzen und kauften viele Leckerbissen und machten Urlaub bei den Tapasstieren und den Kreidefelsenterriern, die sich zwar nicht an der Währungsunion beteiligt hatten - Terrier sind nun mal eigensinnig -, die Mäuse aber mit offenen Armen empfingen, solange sie nur mit Waldmünzen bezahlten.
Und wurden die Tempelmäuse so groß wie Katzen?
Nein.
Die Tempelmäuse wurden dick und faul. Und sie bekamen schrecklichen Durchfall von der ganzen Fresserei. Sie entdeckten, dass sie sich so viel Waldmünzen geliehen hatten, dass sie die Kredite mit ihrer Mäusearbeit niemals abbezahlen konnten.
Sie waren Mäuse geblieben, Mäuse mit Durchfall, und keiner von ihnen war eine Katze geworden. Die Waldführer sagten: Wie kann das sein? Der Plan war perfekt!
Eine freche Maus entgegnete: Aus Mäusen können keine Katzen werden. Halt den Mund!, brüllten die Waldführer. Alles ist machbar!
Eine andere freche Maus sagte: Vielleicht war die Waldwährung gar keine so gute Idee.
Du bist der Feind des Waldes!, beschimpften die Waldführer sie. Du willst wohl wieder ein Großes Schlachthaus, in dem jeder Jagd auf jeden macht, was? Wünschst du dir etwa die Zeit zurück, da wir gegenseitig Jagd aufeinander machten und der Starke immer über den Schwachen siegte?
Nein, nein, piepste eine Maus, das will ich nicht, aber eine Maus kann nun mal nicht durch viel Essen zu einer Katze werden. Und wisst ihr was? Ich will auch eigentlich gar keine Katze werden. Ich bin eine Maus!
Genau!, riefen andere Mäuse. Wir sind Mäuse und keine Katzen!
Die Führer des Waldes gerieten in Panik. Den Mäusen war mit der Vernunft der Tierunion nicht beizukommen.
Was wurde jetzt aus den Krediten? Jetzt, da die Tempelmäuse keine Katzen geworden waren, würden sie die geliehenen Waldmünzen nicht zurückzahlen können, das stand fest.
Die Mäuse hatten sich viele Waldmünzen von den Knoblauchhähnen geliehen. Und die Knoblauchhähne hatten sich die Waldmünzen von den reichen Weißwurstschweinen geliehen. Alle hatten einander Waldmünzen geliehen, weil sie alle fest darauf vertraut hatten, dass aus Mäusen Katzen werden konnten.
Die Weißwurstschweine sagten zueinander: Wenn die Tempelmäuse ihre Kredite bei den Knoblauchhähnen nicht abbezahlen können, können die Knoblauchhähne uns nichts zurückzahlen, und dann haben wir all die Jahre umsonst so hart gearbeitet, und alle unsere Ersparnisse sind weg. Und was nun? Was sollen wir essen, wenn wir keine Waldmünzen mehr haben? Vielleicht essen wir dann Knoblauchhähne. Oder Käsekopfhamster!
Die Knoblauchhähne sagten: Die Weißwurstschweine müssen den Tempelmäusen helfen, ihre Katzenkredite an uns zurückzuzahlen, denn sonst sind wir arm, und die Weißwurstschweine können mit uns machen, was sie wollen, und das wäre schlimm.
Es gab einen ziemlichen Tumult im Wald.
Eine verirrte Eule aus dem Osten rief: Ich dachte, diese Waldwährung würde den ewigen Frieden bringen, und jetzt sieh sich einer das an! Im Wald fliegen wieder die Fetzen, weil ihr unbedingt davon träumen wolltet, dass eine Maus keine Maus ist und eine Katze keine Katze!
Aber keiner hörte auf die Eule. Die Tempelmäuse beschwerten sich bei den Weißwurstschweinen: Warum habt ihr uns Waldmünzen geliehen? Und die Weißwurstschweine schimpften die Tempelmäuse aus: Warum habt ihr unsere Waldmünzen denn angenommen? Und die Knoblauchhähne jammerten: Wer hilft uns, wenn wir die verliehenen Waldmünzen nicht von den Tempelmäusen zurückbekommen? Und die Makkaronifrettchen, die sich auch viele Waldmünzen geliehen hatten, gestanden beschämt: Wir tun so, als wären wir stolze Frettchen, aber eigentlich sind wir arme Läuse, und wer hilft uns, wenn wir die geliehenen Waldmünzen nicht zurückzahlen können?
Die Führer des Waldes konnten vor Sorgen kaum noch schlafen. Sollten sie zugeben, dass die Waldwährung doch keine so gute Idee gewesen war? Aber das hieße ja, dass sie einen furchtbaren Fehler gemacht hatten, als sie die Waldwährung erfunden hatten. Und wenn sie das zugaben, würde man sie verjagen. Was aber sollten Führer machen, wenn sie keine Führer mehr waren? Nein, das kam gar nicht in Frage. Sie mussten sich etwas einfallen lassen.
Angela die Muttersau, die Führerin der Weißwurstschweine, und Nicolas der Obergockel, der Chef der Knoblauchhähne, griffen zu einer List. Sie taten so, als hätten sie viele, viele Waldmünzen in einer Kiste gehortet, und gaben im ganzen Wald bekannt: Wir haben einen Garantiefonds von tausendtrillionenmillionenunddrei Münzen, der ausreicht, um alle Kredite aller Tiernationen unserer Tierunion zu decken! Hipphipphurra!
Dass die Kiste eigentlich so gut wie leer war und alle Tiere gesehen hatten, dass die Kiste so gut wie leer war, brauchte kein Problem zu sein. Denn alle Tiere spielten mit. Solange sie träumen konnten, dass die Kiste voll war, konnten alle erleichtert aufatmen.
Die Tempelmäuse waren glücklich. Sie bekamen die paar Waldmünzen aus der Kiste, die die Knoblauchhähne und die Weißwurstschweine auch tatsächlich hineingelegt hatten, und die zahlten sie den Weißwurstschweinen und den Knoblauchhähnen zurück. Die bekamen also von den Tempelmäusen ihre eigenen Waldmünzen zurück.
Zahlten die Tempelmäuse damit ihre Kredite ab? Nein! Aber alle taten so, als ob! Und wenn alle mitmachen, ist die Illusion genauso stark wie die Wirklichkeit.
Es funktioniert!, dachten Angela die Muttersau und Nicolas der Obergockel.
Solange alle glauben, dass die Kiste voll ist, ist der ganze Wald glücklich und zufrieden.
Aber dann … Aber dann … wollte einer der Führer der Tempelmäuse ein Referendum über die Frage abhalten lassen, ob die Tempelmäuse in Zukunft vielleicht doch irgendwann Katzen werden oder womöglich gar aus der Tierunion austreten wollten.
Die Führer des Waldes schrien Zeter und Mordio.
Welcher Führer hält schon ein Referendum ab? Ein wirklicher Führer führt und fragt nicht sein Volk um Erlaubnis!, riefen die Führer der Tierunion beunruhigt. Wer will denn schon wissen, was die Tempelmäuse denken und meinen? Niemand!
Und was, wenn die Tempelmäuse tatsächlich entscheiden, dass sie aus der Tierunion austreten wollen? Wer zahlt dann die Waldmünzen aus der Zauberkiste zurück?!
Aber es kam noch schlimmer …
Plötzlich konnten auch die Makkaronifrettchen ihre Kredite nicht mehr bezahlen. Ihr Führer, Silvio das Frettchen mit den sieben Penissen, klopfte bei der Zauberkiste an, die die Waldführer in den Brüsseler Wald gestellt hatten. Er klopfte und klopfte, aber es kam keine einzige Waldmünze herausgerollt. Da nagte er sich durch das Holz der Kiste hindurch und sah, dass die Kiste leer war. LEER!
Er eilte zu Angela der Muttersau und Nicolas dem Obergockel. Außer Atem erzählte er ihnen, dass die Kiste leer sei. Ja, das wissen wir, flüsterten Angela die Muttersau und Nicolas der Obergockel. Wir hatten keine andere Wahl, wir mussten das tun, um die Ruhe im Wald zu bewahren. Sie beschworen ihn, den Mund darüber zu halten. Und dann kam ihnen eine Idee! Es gab nur ein einziges Tier, das die Kiste füllen konnte …
Der Rote Drache aus dem Osten.
Dieser Drache war zwar nicht mehr so grausam wie früher, aber ein Drache spuckt nun mal Feuer, sehr viel Feuer, und wenn man den mitten in den Wald zwischen die Bäume setzte, dann …
Wie das ausgehen würde, liebe Kinder, ist nicht schwer zu erraten.
Und was ist die Moral von dieser Geschichte?
Wer glaubt, dass aus Mäusen Katzen werden können, wenn man den Mäusen nur genug zu fressen gibt, wird eines Tages in Flammen aufgehen.
Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter, 57, lebt zurzeit in Kalifornien. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Das Recht auf Rückkehr" (Diogenes Verlag).
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers.
Von Leon de Winter

DER SPIEGEL 46/2011
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