14.11.2011

KINOLetzten Endes

Der deutsche Regisseur Andreas Dresen hat mit „Halt auf freier Strecke“ einen großen Film über das Sterben gedreht.
Wenn der Regisseur Andreas Dresen nach einer Vorführung seines Films "Halt auf freier Strecke" auf die Bühne geht, hat er ein wenig Angst. Nicht davor, dass sein Publikum ihn beschimpfen wird, sondern Angst davor, dass er dann in verweinte Gesichter von Menschen blicken muss, die noch um Fassung ringen, weil das Saallicht sie viel zu früh aus dem Kinodunkel gerissen hat.
Das erste Mal war das so im Mai, beim Festival in Cannes, wo "Halt auf freier Strecke" erstmals gezeigt wurde. Rund eintausend Kritiker, von Berufs wegen abgebrüht, saßen im Festivalpalais und fanden keinen Schutz gegen diesen Film. Beim Abspann klatschten sie frenetisch, als ob sie froh wären, ihr Schluchzen endlich übertönen zu können.
"Wenn man da so steht und die ganzen Tränen sieht, kommt man sich fast pietätlos vor", sagt Dresen. "Als ob man bei einer Beerdigung spricht. Sehr seltsam. Ist doch alles nur ein Film."
Nein, ist es nicht.
In "Halt auf freier Strecke", der diese Woche ins Kino kommt, erzählt der 48-jährige Regisseur von dem Berliner Familienvater Frank Lange (Milan Peschel), der mit Anfang vierzig sein Todesurteil hören muss. Ein Arzt erklärt ihm, dass er einen Gehirntumor hat und in ein paar Monaten sterben wird. Der Rest des Films ist Agonie; ein bitteres, aussichtsloses, verlustreiches Rückzugsgefecht des Lebens gegen den Tod.
Dresen zeigt den Verfall, über hundert Minuten lang, den körperlichen und den geistigen, Schmerzattacken, Tobsuchtsanfälle. Es gibt zig Gründe, sich diesen Film zu ersparen, aber zwei Gründe, ihn sich anzuschauen: "Halt auf freier Strecke" ist einfach grandios; und es könnte sein, dass er seine Zuschauer zu stärkeren Menschen macht.
Dresen ist ein Filmemacher, der ins Leben geht, dem Tod ins Auge blickt und dem Zuschauer sagt: Wenn ich den Mut dazu habe, hast du ihn auch.
Wenn Frank aus dem Fenster schaut und die Bäume betrachtet, die ihr Laub abgeworfen haben, weiß er, dass er die kommende Blüte nicht mehr erleben wird. Wenn er seine Kinder ansieht, seine 14-jährige Tochter Lilli (Talisa Lilli Lemke) und ihren 8-jährigen Bruder Mika (Mika Seidel), kann er sich noch überlegen, was er ihnen zu ihrem nächsten Geburtstag schenkt, und er kann diese Geschenke auch noch kaufen. Aber er wird nicht mehr da sein, wenn sie sie auspacken.
Diese Gewissheiten sind absolut qualvoll. Und doch kann es sein, dass die Dinge, wenn man weiß, dass man sie zum letzten Mal erlebt, eine geradezu ungeheuerliche Intensität gewinnen. Obwohl Frank schon sehr geschwächt ist, schläft er ein letztes Mal mit seiner Frau Simone (Steffi Kühnert). Dresen zeigt nur, wie sich die beiden ineinanderkrallen, ihre Gesichter, gezeichnet von größter Verzweiflung und größtem Glück, und man begreift, worum es beim Sex letztlich geht: darum, sich ganz und gar im anderen aufzulösen.
Den Liebesfilm gibt es als Genre, den Todesfilm nicht. Dabei erzählt das Kino mindestens so häufig vom Tod wie von der Liebe, aber sie lieben lange im Kino, und sie sterben schnell. Dresens "Halt auf freier Strecke", der sich in einer Ausschließlichkeit mit dem Sterben beschäftigt wie kaum ein Film vor ihm, zeigt, wie der nahende Tod eine große Liebe gebiert: zwischen Frank und der Familie.
Während der Tumor Frank zerfrisst, wächst die Familie enger zusammen. Am Anfang fragt Simone den Arzt, gespielt von einem Laiendarsteller, einem Neurochirurgen, ob man den Kindern sagen solle, wie es um ihren Vater steht. Wenn Kinder etwas wirklich wissen wollten, sagt der Arzt, dann fänden sie auch irgendwie einen Weg, es zu ertragen.
So schieben Simone und die Kinder Frank nicht ins Hospiz ab, sondern behalten ihn bei sich, in ihrem neuen Einfamilienhaus am Rande der Stadt, in dem es noch nach frischer Farbe riecht. Doch die Krankheit macht Frank immer unberechenbarer, aggressiv, er brüllt Simone an, er pinkelt in Lillis Zimmer, weil er die Toilette nicht mehr findet.
Um ihm die Orientierung zu erleichtern, bringen sie bunte Zettel an markanten Punkten des Hauses an, eine Szene, so fröhlich und unbeschwert wie ein Kindergeburtstag. Einer der Zettel an der Haustür warnt ihn, nicht allein die Wohnung zu verlassen. Dann pappen sich alle Namensschilder an, "Papa" steht krakelig auf einem Post-it auf Franks Stirn.
Dies ist ein sehr heiterer Moment und ein sehr bitterer: Denn Frank weiß selbst nicht mehr, ob auch wirklich noch drin ist, was draufsteht.
Doch während er sich in einen anderen Menschen verwandelt, in einen, den man leicht hassen kann, schafft es die Familie, in ihm immer noch den Mann zu erkennen, der er war. Das ist der heroische Kampf, von dem der Film erzählt.
Am Ende lieben Simone und die Kinder Frank mehr denn je. Es ist furchtbar, wenn man seine eigene Identität verliert. Es ist beglückend zu wissen, dass die anderen sie für einen bewahren können.
Natürlich ist dies für Dresen ein sehr persönlicher Film. Sein Vater starb vor zehn Jahren an einem Gehirntumor, in nur zwei Wochen. "Halt auf freier Strecke" mag auch von der Sterbenszeit handeln, die Dresen mit seinem eigenen Vater nicht teilen konnte.
Den Film entwickelte Dresen gemeinsam mit seinen Mitarbeitern, mit denen er sich seit Jahren umgibt. Dazu gehören die Schauspieler Steffi Kühnert, Ursula Werner und Thorsten Merten, Kameramann Michael Hammon, Cutter Jörg Hauschild, vor allem aber Co-Autorin Cooky Ziesche. Wie schon bei den Filmen "Halbe Treppe" (2002) und "Wolke 9" (2008) entstand jede Szene, jeder Dialogsatz zusammen mit den Darstellern.
Das Kino, so wie man es kennt, skelettiert Dresen in "Halt auf freier Strecke". Der Film hat nur einen einzigen "plot point", gleich in der ersten Minute, die tödliche Diagnose. Es gibt auch keine Musik außer der, die der Held selbst spielt, zur Gitarre singt er Neil Youngs "Dead Man", was gar nicht sinnfällig verkrampft wirkt, sondern überaus natürlich.
Dresen gönnt seinen Zuschauern kaum einen Augenblick der Behaglichkeit. Als Frank die CD eines Hypnotiseurs einlegt und auf dem Sofa der wohligen Stimme lauscht, folgt ein rüder Schnitt auf seine Tochter, die gerade im Hallenbad von einem Turm ins Wasser springt. Der Film ist extrem schnell: Es ist das Tempo, mit dem Frank stirbt. Es ist das Tempo, mit dem das Leben seiner Familie weitergeht.
"Wirst du sterben?", fragt Mika seinen Vater, als der schon auf dem Totenbett liegt. Frank wendet den Kopf und nickt. "Kann ich dann dein iPhone haben?", fragt der Junge. Wenn Kinder etwas wirklich wissen wollen, finden sie auch einen Weg, es zu ertragen.
"Halt auf freier Strecke" ist ein Film für Menschen, die es wissen wollen.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 46/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KINO:
Letzten Endes

  • Europawahl und Bremen: Zwischen Jubel und extremer Enttäuschung
  • Ganz stark: Vierbeiniger Roboter zieht Flugzeug
  • Mutter und Topsportlerin: "Wie wäre es, wenn wir wirklich verrückt träumen?"
  • 1,9 Millionen Euro pro Dosis: Teuerste Arznei der Welt zugelassen