14.11.2011

Magische Hände

Kunstkritik: Eine Londoner Schau über den Perfektionisten Leonardo da Vinci will das Wesen seines Genies erfassen.
Schon der erste Raum wirkt wie eine Kapelle, das Licht gedämpft, die Wände in dunklem Violett. Dort hängt das Porträt eines jungen Mannes mit roter Kappe und blonden Locken, in der Hand hält er ein Blatt mit Noten. Ein Heiliger ist er nicht, aber das Werk hat etwas Weihevolles.
Ein erstaunliches Bild. Keine Katalogabbildung kann wiedergeben, was die Anziehung, die Aura dieses Gemäldes und seiner hauchfeinen Malerei ausmacht. Seine Wirkung entfaltet es nur im Original.
Die Kunstgeschichte kennt diesen Mann als "Der Musiker". Seine Haltung ist ruhig, fast starr, und trotzdem von großer Lebensnähe, als ob man seinen Charakter erkennte, als ob er mit uns spräche. Ein besonnener Mensch, von gelassener Willensstärke.
Dieses Gemälde entstand im späten 15. Jahrhundert. Gemalt hat es Leonardo da Vinci, und er war damals wohl der einzige Maler, der zu einer solchen Leistung fähig war. Die Kunstgeschichte hat ihn oft zum größten aller Maler erklärt, und eine Ausstellung in der Londoner National Gallery will nun zeigen, wie er das wurde.
Fünf Jahre haben die Kuratoren an dem Projekt gearbeitet. Sie haben, neben vielen Zeichnungen, 9 Gemälde zusammengetragen. Das ist eine eindrucksvolle Menge, denn der Künstler hat im Laufe seiner 50-jährigen Karriere nur 20 Bilder gemalt beziehungsweise begonnen. Gerade einmal 15 von denen, die heute noch existieren, gelten als einigermaßen unumstritten.
Die Londoner Schau will klären, wie Leonardo da Vinci, der uneheliche Sohn eines Notars und einer Magd, es so weit bringen konnte, irgendwann Werke wie die 1503 entstandene "Mona Lisa" zu erschaffen. Man zeigt dieses Gemälde nicht, weil es den Louvre ohnehin nicht verlassen dürfte, aber man braucht es auch nicht.
Die National Gallery beschreibt den Weg Leonardos dorthin, hin zur Entfaltung eines Genies. Die Ausstellung beschränkt sich auf die Zeit vor 1500, auf Leonardos Aufenthalt in Mailand. Er zog 1482 in die Lombardei, er kam als Maler, Ingenieur und Künstler, er blieb 18 Jahre. Dann wurde der Sforza-Herzog Ludovico, dessen Hofmaler er geworden war, von den Franzosen verjagt.
In Mailand, so lautet die These, sei Leonardo der geworden, als der er in die Geschichte einging: einer, der mehr aus der Malerei herausholte als jeder andere. Einer, der die Malerei erneuerte, weil er aus einem Handwerk so etwas wie Philosophie machte - und erstaunlicherweise gelingt es den Museumsleuten, diese Haltung nachvollziehbar zu machen.
Das Musikergemälde ist, in vielerlei Hinsicht, der Ausgangspunkt. Im nächsten Saal folgen die Porträts zweier Frauen, von denen mindestens eine die Mätresse von Leonardos Dienstherrn Ludovico Sforza war. Und hier, in diesem Raum, wird das Genie endgültig sichtbar.
Man erkennt, wie sich der Künstler gesteigert hat, wie er die Grundlage schuf für eine Generation jüngerer Künstler und wie er doch der Größere blieb.
Leonardo, der Perfektionist, hat diese Bilder regelrecht konstruiert. Er erfand neue Posen, verstärkte die Dramaturgie durch Licht und Schatten, er idealisierte immer stärker, er suchte nach der Formel der Schönheit. "Die Schönheit, die der Maler erschaffen hat, überdauert die Zeit", so schrieb er.
Zugleich war er eben wie kein anderer in der Lage, den Menschen etwas Menschliches zu verleihen. Leonardo wusste, dass jedes Bild einen Zauber braucht.
Bei einigen Werken in der Ausstellung fehlt der Zauber. Da wäre zum Beispiel die "Madonna Litta", die so kalt wirkt, dass man sich fragt, ob sie vielleicht von einem Schüler stammt.
Als von Leonardo ist das Gemälde trotzdem ausgewiesen, der Eigentümer, die Eremitage in St. Petersburg, wollte es so. Doch in London hängt es zwischen den Werken von Leonardo-Mitarbeitern.
Umstritten ist auch ein Gemälde, das, vorausgesetzt, es ist wirklich von Leonardo, das Bild Nummer 16 seiner heute noch existierenden Bilder sein müsste: "Salvator Mundi".
Der amerikanische Händler Robert Simon präsentierte es vor ein paar Jahren dem Museumsmann Nicholas Penny, der einige Zeit später Direktor der National Gallery in London wurde. Das Gemälde, das Christus in strenger Frontalansicht als leicht entrückten Weltenretter zeigt, wurde restauriert, nach London geschickt, gewichtigen Experten vorgeführt und für echt befunden.
Erstmals bekommt nun die Öffentlichkeit das Werk zu sehen. Trotz der Arbeit der Restauratoren ist es in keinem guten Zustand, der Kopf wirkt wegen des starken Abriebs verschwommen. Es sind wohl die Hände, die die Fachleute überzeugt haben.
Leonardeske Hände?
Letztlich sind die Wissenschaftler auf ihre Kennerschaft, auf ihre Intuition angewiesen: darauf, dass sie die Magie eines Leonardos spüren oder auch nicht. Aber kann man die Magie von Händen spüren?
Diese Ausstellung ist keine von denen, die alle Fragen beantworten und das Publikum durch einen Parcours der Gewissheiten schleusen. In London werden die Grenzen der Kunstgeschichte deutlich.
Die Besucher müssen sich selbst auf die Suche nach dem Zauber machen. Es ist, gerade auch deshalb, eine fesselnde Schau.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 46/2011
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