14.11.2011

JOURNALISTENEnthüllte Enthüller

Das Netzwerk Recherche leidet unter dem, was seine Mitglieder sonst anderswo anprangern: Überforderung, Intransparenz, Machthunger.
Wenn Journalisten die vergiftete Atmosphäre im politischen Betrieb schildern wollen, greifen sie gern zur Steigerung: Feind, Todfeind, Parteifreund. Wer sich derzeit hinter den Kulissen des investigativen Journalistenclubs Netzwerk Recherche umsieht, könnte eine neue Reihe eröffnen: Feind, Todfeind, Kollege.
Seit publik geworden ist, dass der Verein Zuschüsse von der Bundeszentrale für politische Bildung erhalten hat, die ihm gar nicht zustanden, tobt unter den Netzwerkern eine Schlammschlacht, die auch Berliner Politiker nicht besser inszenieren könnten. Deutschlands Top-Rechercheure zerfleischen mal nicht andere, sondern sich selbst - anonymes Geraune, Vereinsmeierei und schlimmste Intrigenvorwürfe inklusive.
Am Freitagvormittag vergangener Woche saß der SWR-Reporter Thomas Leif im Arbeitszimmer seines Hauses in Wiesbaden auf dem Ledersofa. Für den Abend war die Mitgliederversammlung des Netzwerks angesetzt, doch er selbst würde nicht dabei sein. Ausgerechnet Leif, der den illustren Reporterclub vor zehn Jahren mitgegründet hat und lange als Vorsitzender dirigierte.
Ausgerechnet er, der SWR-Chefreporter mit eigenem Polit-Talk, der aus dem Netzwerk eine durchaus machtvolle Vereinigung schuf, die sich zu Recherche-Workshops traf, medienpolitische Statements verbreitete und auch einen frechen Preis verlieh - die "Verschlossene Auster" -, der regelmäßig an Unternehmen und Personen mit besonders mieser Informationspolitik ging, ausgerechnet er hat den Verein in die aktuelle Krise gestürzt.
Leif wird vorgeworfen, Anträge falsch ausgefüllt und Umbuchungen verschleiert zu haben. Es geht um zu Unrecht erhaltene öffentliche Gelder der Bundeszentrale für politische Bildung, keine Kleinigkeit. Die Vorwürfe wurden mittlerweile von einer unabhängigen Kanzlei untersucht, inklusive Zinsen hat der Verein 85 000 Euro zurückgezahlt. So weit ist das meiste geklärt. Doch das Echo wirkt nach.
Umstritten ist die Art, wie es so weit überhaupt kommen konnte in einem Verein, der sich Transparenz derart dick auf die Fahnen geschrieben hatte. Leif wurde schon auf der Mitgliederversammlung im Sommer aus dem Amt gedrängt, eine öffentliche Demütigung. Nun sieht er sich endgültig als Opfer. Seine Gegner hätten die Sache hochgespielt, um ihn loszuwerden. Ein Gründervatermord gewissermaßen.
Von Anfang an sei es um eine "Konfliktinszenierung" gegangen, "nicht um die Lösung der Sachprobleme im Zusammenhang mit einem komplizierten bürokratischen Antrag". Alle "Abgrenzungsprobleme" hätten direkt mit der Bundeszentrale für politische Bildung geklärt werden können, sagt Leif.
"Es ist tragisch und traurig", sagt dagegen einer aus dem inneren Kreis des Netzwerks, der aber nicht genannt werden will, was wiederum vor allem zeigt, wie wichtig sich alle Beteiligten nehmen. "Er hätte von uns einen ehrenwerten Abschied bekommen, er hätte Ehrenvorsitzender werden können. Wir wollten ihm ja eine goldene Brücke bauen. Aber er hat alles selbst zerstört."
Dabei hätte Leif nur zurücktreten müssen. Also: den eigenen Fehler zugeben und überkompensieren, zerknirschter tun als nötig, um als geläuterter Täter wieder auf(er)stehen zu können. Mittlerweile ist die goldene Brücke allerdings komplett eingerissen.
Hans Leyendecker, Ressortleiter der "Süddeutschen Zeitung" und jahrelang zweiter Vorsitzender des Netzwerks, schreibt vom "größenwahnsinnigen Vorsitzenden" und davon, dass Leif "kriminell" sei, obwohl das eine unnötige Vorverurteilung ist. Es sei "sehr dumm" gewesen, Leif zu vertrauen.
Leyendecker verteidigte sich in der internen Mail vor allem gegen die Vorwürfe des ehemaligen Leipziger Journalistikprofessors Michael Haller, seinen Aufsichtspflichten im Netzwerk nicht nachgekommen zu sein. Als die Mail öffentlich wurde, kürte "Bild" Leyendecker schadenfroh zum "Verlierer" des Tages.
Am Freitagabend vergangener Woche kamen die Mitglieder des Vereins in Köln zusammen. Sie wollten endgültig abschließen mit der Ära Leif. Die Stimmung war angespannt. Mühsam wurde versucht, nach vorn zu gucken. Doch das ist schon deshalb schwer, weil die meisten der Anwesenden auch jene Mails kannten, in denen die Netzwerker schon seit Monaten übereinander herfallen.
"Unsere Satzung ist eine demokratische Katastrophe", heißt es da. Oder: Die Strukturen im Vorstand seien "verkorkst", es herrsche "keine Vertrauensgrundlage". Und: "Wir haben auch sehr viel getan, um uns selbst zu schonen. Wir hatten unsere Chance. Wir haben versagt."
In Köln wurde das alles noch einmal schmerzhaft dargelegt. Vieles im Verein war nicht in Ordnung, so der Tenor der Debatte. "Es war wie in einer kaputten Ehe, in der es Dinge gab, die sich eingeschliffen haben und die nicht in Ordnung sind", sagte Hans Leyendecker. "Menschlich" sei manches zu bedauern. Doch letztlich habe "die Krise den Verein vor dem Schlimmsten bewahrt". Am Ende, ein wenig ermattet von der komplizierten Debatte, stand dann der neue Vorstand: Oliver Schröm ("Stern") und Markus Grill (SPIEGEL). Ohne Leif. Ohne Leyendecker.
Die Journalisten vom Netzwerk - zu dem auch einige SPIEGEL-Redakteure gehören - lernen nun schmerzhaft, dass auch sie unter dem gleichen blinden Fleck leiden wie diejenigen, über die sie sonst oft schreiben. Selbsterkenntnis ist eine nicht immer einfache Sache. Das gilt nicht nur für Leif.
Zu viele gingen offenbar einfach davon aus, dass beim Netzwerk Mauscheleien ausgeschlossen seien, weil man selbst ja zu den Guten gehöre.
Effektive Kontrolle fehlte unter Leif. Der Vorsitzende war überarbeitet. Frust über sein Gebaren staute sich auf. Der Verein spaltete sich ganz allmählich in einen Pro- und einen Kontra-Leif-Flügel. Doch weil niemand je den Aufstand wagte - und auch keiner da war, der ihn hätte anführen können -, blieb das alles ungesagt wie schwelender Familienfrust, der auf einen Anlass wartet, um sich zu entladen. Der Fehler in den Finanzen wurde für manchen auch ein willkommenes Fanal, Leif loszuwerden. Das war kein Putsch, sondern einfach Gelegenheit.
Wer den Beteiligten länger zuhört, bekommt allerdings auch den Eindruck, dass es beim Netzwerk Recherche bislang stets um zwei Dinge gleichzeitig ging. Es ist die - dem Politikbetrieb sehr ähnliche - Gleichzeitigkeit von Eitelkeit und Auftrag, die den Verein antrieb, den Vorstand und auch den Vorsitzenden Leif. Eine Mischung, die schon am Anfang des Netzwerks stand, das stets auch der Treffpunkt einer Investigativ-Elite war, die nach Anerkennung gierte.
Mit dem Erfolg kamen Neid, Intransparenz, Missgunst und Streit. Am Ende waren alle überfordert. "Im Nachhinein ist mir klar, dass ich besser einen Wirtschaftsprüfer mit einem Stundenlohn von 500 Euro mit dem Ausfüllen der Anträge beauftragt hätte. Ich hätte es nicht selbst machen sollen", sagt Leif. Und sein scheidender Vize Leyendecker sagt, mit dem Erfolg sei der ehemals kleine sympathische Verein allen über den Kopf gewachsen.
Von Markus Brauck

DER SPIEGEL 46/2011
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