21.11.2011

BERLINFuror und Fußnoten

Eine Amerikanerin hat mit einer Biografie über den Sammler Heinz Berggruen Aufruhr ausgelöst. Sie nennt ihn einen Parvenu und Hochstapler.
Heinz Berggruen verließ Berlin im Jahr 1936 als junger Mann, seine Emigration rettete ihm das Leben. Als alter Mann kam er nach Berlin zurück, und er brachte seine Kunst mit, Werke von Picasso, Matisse, Giacometti und Klee.
2007 starb er in Paris, beigesetzt wurde er in Berlin, zu den Trauergästen gehörten die Kanzlerin und der Bundespräsident. Berggruen erhielt ein Ehrengrab. Nun, vier Jahre später, versucht eine Buchautorin, ihm in einer Biografie jegliche Ehre abzusprechen(*).
Die Frau heißt Vivien Stein, sie ist Amerikanerin, 60 Jahre alt, sie hat lange in Berlin gelebt und wohnt heute in Paris. Sie entstammt wie Berggruen einer jüdischen Familie. Am Telefon spricht sie schnell, im Ton ist sie freundlich, in der Sache unbarmherzig.
Dieses Buch ist ihr erstes. Stein erhebt darin schwere Vorwürfe, die sie nicht belegt. Steuerhinterziehung, unsaubere Geschäftsmethoden, so etwas. Und sie schreibt, Berggruen habe sich in Deutschland "Vorteile davon versprochen, auf die Judenkarte zu setzen".
Sie nennt ihn "Parvenu", "Hochstapler", "Hofjuden". Ihr Buch hat Furor, aber nur wenige substantielle Fak-ten, viele Fußnoten, aber keine Beweise. Und es hat sofort eine Debatte ausgelöst.
Berggruen machte in Paris als Kunsthändler Karriere, er sammelte selbst Werke der Moderne. Diese Kollektion, so hat er es sich in den neunziger Jahren gewünscht, sollte in Berlin gezeigt werden. Man verstand das dort als große Geste eines Emigranten.
Für die Hauptstadt, die sich gern als Kunststadt sieht,
war es eine Gelegenheit, die kunsthistorische Lücke in den Museumsbeständen zu schließen. Heinz Berggruen bekam im Jahr 2000 für 165 Werke 253 Millionen Mark, einen Preis, der hoch klingt, aber nichts mit dem tatsächlichen Wert zu tun hat. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr wurde eine einzige Skulptur Alberto Giacomettis für 74 Millionen Euro versteigert.
Berlin fühlte sich beschenkt. Im Stülerbau gegenüber dem Charlottenburger Schloss eröffnete man das Museum Berggruen. Zurzeit wird es erweitert. Es ist eine renommierte, staatlich getragene Institution, die es ohne Berggruens Kunst nicht gäbe. Stein jedoch erweckt den Eindruck, als sei Deutschland auf ihn hereingefallen. Man habe ihm dort ein Denkmal geschaffen, das er nicht verdiene.
Stein und Berggruen kannten sich, sie haben, sagt sie, zwei-, dreimal geplaudert, es waren offenbar freundliche Begegnungen. Im Buch aber skizziert sie ihn mit viel Häme als notorischen Trickser und Lügner, und sie fragt dort auch, ob sich die NS-Diktatur und der Zweite Weltkrieg "für ihn persönlich ins Glückliche gewendet" hätten. Dann zitiert sie Berggruen, der einmal gesagt hat, sein Leben sei eine Erfolgsgeschichte.
Die Kriegszeit verbrachte er in Kalifornien, in Paris wurde er zum Kunsthändler. Vielleicht war seine Verbindung zu Picasso nicht so eng, wie er es gern und oft darstellte. Genaues weiß Stein nicht. Sie vermutet viel in diesem Buch und macht aus allem eine Anschuldigung: Picasso, Berggruens Geschäftstüchtigkeit, den Deal mit Berlin, die Enttäuschungen der Museen in Genf und London, die auf die Kollektion gehofft hatten und mit denen der Sammler nicht einig geworden war.
Dass Berggruen ein Händler mit Leidenschaft war, bestreitet niemand. Die für das Museum zuständige Stiftung Preußischer Kulturbesitz gibt unumwunden zu, dass Berggruen vereinzelt Werke verkauft habe, die vorher als Leihgaben im exklusiven Stülerbau präsentiert worden waren. Vornehm ist das nicht, illegal allerdings auch nicht.
Bei Stein wird er zum Gauner. Es geht um vermeintlich dubiose Kunstverkäufe, um von ihr behauptete Steuerhinterziehungen. Sie deutet Gerüchte als Beweise. Stein schildert eine Szene, in der die US-Steuerfahnder in Berggruens Hotel in New York aufgetaucht seien, die Handschellen griffbereit - und nennt das selbst eine "Geschichte, wie sie in Kunsthandelskreisen zirkuliert". Berggruen habe sich vor dem Gefängnis retten können, indem er dem Metropolitan Museum in New York 90 Werke Paul Klees geschenkt habe.
Die Schenkung gab es wirklich. Und was ist mit dem von ihr erwähnten Steuerbetrug? Sie könne schwerlich die Steuererklärungen von Heinz Berggruen anfordern, sagt Stein im Gespräch. Das könne nur dessen Familie. Und so funktioniert das Buchprojekt - Stein beschuldigt den Sammler und wartet nun ab, ob jemand das Gegenteil beweist. Die Familie Berggruen sagt, sie wolle sich zu diesem Buch nicht äußern.
Stein widmet auch dem Firmenkonglomerat von Berggruens Sohn Nicolas - einem weltweit tätigen Investor und in Deutschland als Eigentümer von Karstadt bekannt - einige Seiten. Sie mutmaßt, das Geld des Vaters sei zu dessen Lebzeiten in die Firmen des Sohnes geflossen. Die Kunstsammlung sei "Verzierung für ein weltweites Finanzimperium" gewesen. Und sie deutet in diesem Zusammenhang Schwarzgeld an, denn sie erwähnt - dieses Mal ganz ohne Fußnote - "die vielen unregistrierten Verkäufe".
Stein, eine New Yorkerin, kam Anfang der siebziger Jahre nach ihrem Studium in Yale mit einem Stipendium nach Berlin und blieb viele Jahre. Sie hat dort auch für das Auktionshaus Villa Grisebach gearbeitet, ihr ehemaliger Chef ist im Buch ein wichtiger Zitatgeber. Heute ist sie in Paris in der Verwaltung der International Astronomical Union tätig, einer angesehenen Vereinigung von Astronomen.
Schon ihre Großeltern hatten eine Verbindung zu Berlin. Sie gehörten der Industriellen- und Bankiersfamilie Petschek an, die sich auch mäzenatisch hervortat, etwa das Deutsche Theater in Prag finanziell förderte. Steins Großvater lebte einige Jahre in Berlin, baute eine Villa am Wannsee.
Die Familie organisierte von Prag aus nicht nur die eigene Flucht, sondern auch die der gefährdeten Angestellten. Steins Mutter, zuvor Harvard-Studentin, ging nach Paris und half dabei, Familien zusammenzuführen, die durch den Krieg auseinandergerissen worden waren.
Berggruen, so meint Stein, habe in seinem Leben viel Glück gehabt, er habe aber nie eine Gegenleistung erbracht, habe sich nie engagiert. Irgendetwas scheint Stein anzutreiben, vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass der Name Berggruen heute so glänzt, wie einst der Name ihrer Vorfahren geglänzt hat, und offenbar findet sie nicht, dass die Berggruens diesen Glanz verdient haben.
Andere denken anscheinend ebenso. Der Zürcher Verlag, in dem die Biografie erschien, ist wohl eigens für diese Publikation gegründet worden, als Aktiengesellschaft. Die Verwaltungsräte sind die Sachbuch-Verlegerin Anne Rüffer, der emeritierte Professor Georg Kohler sowie der Besitzer einer Zürcher Anwaltskanzlei mit Schwerpunkt Internationales Wirtschaftsrecht und eine seiner Anwältinnen.
Kohler war früher Professor für politische Philosophie. Auf die Frage, warum er dieses Buch mitfinanziere, antwortet er, Berggruen werde in Berlin als Held verehrt, die Frage müsse erlaubt sein, ob das gerechtfertigt sei. Diese Biografie liegt jedenfalls nicht nur Stein am Herzen.
Es ist auffällig, wie häufig sich die Autorin in dem Buch auf Berggruens Judentum bezieht, darauf, dass er im Ausland angeblich zu wenig Jude gewesen sei und in Deutschland für ihren Geschmack zu viel. Am Ende hätten alle verloren, auch die "Menschen jüdischer Herkunft in der ganzen Welt, die sich in Deutschland von einem Mann repräsentiert finden, der stets nur die eigene Sache vertreten hat".
Fast hat man den Eindruck, Vivien Stein, eine Frau mit jüdischen Wurzeln, werfe ihm vor, Jude zu sein.
Sie zitiert in dem Buch polemische Äußerungen von Leuten, die sie dann nicht namentlich nennt, nur mit Initialen. Stein sagt, sie schütze diese Menschen. Doch es wirkt wie ein feiges Spiel.
Einer von denen, die sich als ihre Unterstützer verstehen, spricht am Telefon von einem "wildgewordenen Philosemitismus", für den der Umgang der Deutschen mit Heinz Berggruen ein Vorzeigebeispiel sei. Seinen Namen aber dürfe man nicht nennen.
(*) Vivien Stein: "Heinz Berggruen - Leben & Legende". Edition Alpenblick, Zürich; 576 Seiten; 28,90 Euro.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 47/2011
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