28.11.2011

BURMADas Wunder von Rangun

Taktische Wende oder Aufbruch in eine neue Zeit? Der einstige Pariastaat öffnet sich: Politische Gefangene werden entlassen, Investoren kommen, jetzt hat sich auch Hillary Clinton angesagt.
Auf diesen Tag musste der Engländer Andrew Rickards, 48, lange warten, doch nun steht er mit seinem weißen Bauarbeiterhelm im fünften Stock eines Rohbaus und blinzelt in die Sonne. Er schaut hinunter auf die trüben Wasser des Rangun-Flusses, dann hinüber zur prächtig strahlenden Shwedagon-Pagode und schließlich auf den Haufen unternehmungslustiger Investoren aus Singapur und Hongkong, die zum Ortstermin angereist sind und neben ihm stehen. "Der Goldrausch hat begonnen", sagt Rickards, "bald gibt es kein Halten mehr."
In nur wenigen Jahren soll hier, auf der grünen Wiese am Rande Ranguns, eine neue Stadt entstehen: ein 100-Millionen-Dollar-Projekt mit Fähranleger, 18-Loch-Golfplatz und 4000 Apartments. Bis zu 25 000 Menschen sollen dann an dieser Stelle leben. Die ersten 150 Einheiten seien verkauft, sagt Rickards, "ein komplettes achtstöckiges Haus".
Einer der Träger des Projekts ist "Yoma", eine an der Börse in Singapur notierte Firma, die sich mit burmesischen Partnern zusammengetan hat. Yoma, deren Geschäftsführer Rickards ist, hatte das 55 Hektar große Grundstück bereits vor acht Jahren erworben, doch die Geschäftsleute trauten den Generälen der Junta nicht und investierten lieber in ein ähnliches Projekt in der chinesischen Hafenstadt Dalian. Erst vor einem halben Jahr begannen die Arbeiten in Rangun. "Wir waren lange skeptisch, jetzt glauben wir an den Wandel", sagt Rickards.
Er steht mit seinem Optimismus nicht allein. Es geht voran in dem südostasiatischen Land. Bis vor kurzem machte Burma nur durch die blutige Niederschlagung von Mönchsprotesten und das rigorose Vorgehen gegen Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi Schlagzeilen. Jetzt aber bekommt Rickards kaum einen Flug nach Rangun, weil alles ausgebucht ist, es gibt fast keine freien Hotelzimmer, und auf ein Visum müsse man jetzt lange warten, so groß sei der Andrang. Noch lebt Rickards in Hongkong, doch bald wird er seinen Wohnsitz nach Rangun verlegen.
In dieser Woche trifft auch die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton zu einem Besuch in Burma ein. Präsident Barack Obama hatte aus seiner Air Force One persönlich bei Suu Kyi angefragt, ob Clintons Besuch auch im Sinne der burmesischen Opposition sei. Die Politikerin riet zu, sie selbst will mit ihrer Partei Nationale Liga für Demokratie (NLD) an Nachwahlen zum Parlament teilnehmen. Es geht zwar nur um 48 von 664 Sitzen, doch das Eis zwischen der Parteichefin und dem Regime scheint zu brechen.
Es ist ein kleines Wunder. Bis vor einem Jahr hatten die burmesischen Generäle, die das Land jahrzehntelang mit eiserner Faust regierten, jegliche Opposition im Keim erstickt. Die Parlamentswahlen vor einem Jahr, die die Macht der Militärs eher zementierten, waren von Wahlbeobachtern noch als Farce bezeichnet worden - als Versuch der Machthaber, sich einen demokratischen Anstrich zu geben.
Suu Kyis Partei NLD boykottierte den Urnengang. Auch als die "Lady", wie das Volk die Tochter des burmesischen Unabhängigkeitshelden Aung San nennt, im November 2010 aus ihrem letzten, über sieben Jahre währenden Hausarrest entlassen wurde, glaubte kaum einer der internationalen Beobachter an die Redlichkeit des Regimes. Ein Jahr später scheint nun alles anders.
Dem Volk wurde der Zugang zu bislang blockierten Internetangeboten wie denen von Yahoo, Gmail oder der BBC gestattet. Auf den Straßen Ranguns werden Poster mit dem Porträt von Suu Kyi verkauft, und im Oktober begann das Regime damit, 6300 Gefangene freizulassen, darunter 200 politische Häftlinge - auch den berühmtesten Satiriker des Landes, Zarganar.
Burmas oberster Zensor, Tint Swe, erklärte öffentlich, dass die Zensur der Medien mit demokratischen Gepflogenheiten nicht mehr vereinbar sei. Im August kam es gar zu einem Treffen zwischen Suu Kyi und Burmas neuem Präsidenten, Thein Sein.
Ende September schließlich stoppte die Regierung ein beim Volk und der Opposition ungeliebtes Staudammprojekt. Der 3,6 Milliarden Dollar teure Damm sollte den Irrawaddy-Fluss stauen und ursprünglich von den Chinesen finanziert werden. Im Gegenzug hätte Peking 90 Prozent des Stroms importieren dürfen. Burmas Opposition lief Sturm gegen das Projekt; sie befürchtete dramatische Umweltschäden, 10 000 Menschen hätten umgesiedelt werden müssen. Mit dem Baustopp verärgerte die Regierung ihre Partner in Peking, auf deren Geld sie bisher nicht verzichten mochte.
Kaum ein Thema scheint im Moment noch tabu. Im Parlament werden Menschenrechtsverstöße debattiert, Gewerkschaften sollen zugelassen werden. Das Wahlgesetz wurde so geändert, dass es der NLD die Teilnahme an Urnengängen ermöglicht. Als die Vertreter des südostasiatischen Staatenbunds Asean kürzlich in Anwesenheit Barack Obamas auf der indonesischen Insel Bali zusammenkamen, entschieden sie, dem bisherigen Pariastaat Burma den Asean-Vorsitz im Jahr 2014 zu überlassen.
Schon werden auch in Europa und den Vereinigten Staaten Stimmen laut, die gegen das Regime verhängten Sanktionen zu lockern. Nur bei der früheren Kolonialmacht Großbritannien stellen sich Politiker noch quer: Sie wollen am Exportverbot für burmesische Edelsteine und den Reisebeschränkungen für Regierungsmitglieder festhalten.
Der deutsche Entwicklungsminister Dirk Niebel kommt im Februar nach Burma, um sich ein Bild von den Veränderungen zu machen. "Große Reformen sind im Gange", lobt die sonst notorisch skeptische "International Crisis Group", und der amerikanische Sondergesandte für Burma, Derek Mitchell, sprach nach einer Burma-Reise im September von Hoffnung "auf Wandel, echten Wandel".
Sind diese Veränderungen "Auswirkungen des Arabischen Frühlings auf Südostasien", wie Myo Yan Naung Thein vermutet? Der 37-Jährige steht an diesem Mittwoch mitten in einer Menschenmenge, die sich um Suu Kyi gebildet hat. Er trägt den landesüblichen Longyi, den Wickelrock für Männer, und ein schlichtes beigefarbenes Hemd.
Naung Thein hat im Alter von 21 Jahren Studentenproteste gegen das Militärregime angeführt und dafür sieben Jahre Haft erhalten; nach seiner Teilnahme an der sogenannten Safran-Revolution 2007 verbrachte er weitere zwei Jahre in einem der berüchtigten Foltergefängnisse. Vor einem Jahr hat ihn die Lady zum Leiter jener Internate ernannt, in denen die NLD ihren Nachwuchs schulen will. Drei dieser Bayda-Institute gibt es bereits: in Rangun, Mandalay und im Shan-Staat. Mehr als 200 Schüler werden dort ausgebildet und politisch geschult. Eingemischt hat sich das Militär bislang nicht. "Auch das wäre bis vor kurzem undenkbar gewesen", sagt Naung Thein.
Die Schule in Rangun begeht jetzt ihren ersten Geburtstag, und deswegen ist Suu Kyi heute persönlich erschienen. Es geht wie überall, wo die 66-Jährige in diesen Tagen auftritt, hoch her. Plakate mit ihrem Porträt und dem Bild ihres Vaters werden hochgehalten, Blumengebinde überreicht. Jeder möchte den Star berühren, und Suu Kyi, die so lange in der Isolation verbracht hat, genießt das Bad in der Menge. "Wir gehen das Risiko ein, mit der Regierung zusammenzuarbeiten, aber wir gehen es für die Menschen dieses Landes ein", ruft sie. Die Menge jubelt, Luftballons steigen auf.
"Die Menschen spüren den Aufbruch", sagt Naung Thein. Er sei vor allem der Hartnäckigkeit Suu Kyis zu verdanken, die im Dialog mit dem Regime nie ihre Position verraten habe. Möglicherweise wolle sich die Regierung aber auch aus der Umklammerung Chinas befreien.
Den großen Nachbarn hält Naung Thein für eine "Macht, die uns kolonialisiert", die Millionenstadt Mandalay sei "praktisch eine chinesische Enklave". Die Chinesen würden die Bodenschätze ausbeuten und den Handel kontrollieren. Gut möglich, meint der Schuldirektor, dass das mittlerweile auch die Regierung so sehe: "Wenn sie engere Beziehungen zum Westen knüpft und versucht, sich aus der Abhängigkeit von China zu lösen, muss sie das Land zwangsläufig auch demokratisieren."
Natürlich hat Naung Thein zu viel erlebt, um den Herrschern blind zu vertrauen. "Bislang haben die Generäle immer nur getan, was ihrer Machterhaltung diente", sagt er und verweist auf die über 1700 politischen Gefangenen, die noch in burmesischen Gefängnissen sitzen. Und doch werde es der Regierung schwerfallen, "die Tür wieder zu schließen, die sie nun geöffnet hat".
Im Savoy, einem kleinen, von Deutschen geleiteten Hotel in Rangun, lässt der Niederländer Erik Schoevers seinen Geschäftstag ausklingen. Es gibt Thunfisch-Carpaccio, australisches Tenderloin-Steak mit Senfsauce und südafrikanischen Wein. Der Geschäftsmann ist bereits seit mehreren Jahren in Burma aktiv, er führt mit einheimischen Partnern eine Beratungsfirma, sein Tag heute ist gut gelaufen. "Nachdem sie den Staat jahrelang ignoriert haben, zeigen die multinationalen Konzerne plötzlich an Burma Interesse", sagt er. Der Wandel erinnere ihn an die Öffnung des kommunistischen Vietnam vor 25 Jahren.
"Das Potential in Burma ist riesig", sagt Schoevers: "Das Land hat 54 Millionen Einwohner, ist größer als Thailand, attraktiv für Touristen und verfügt über Bodenschätze." Man müsse sich nur beeilen: "Niemand will jetzt der Letzte sein."
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 48/2011
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