28.11.2011

LITERATURQuendel spricht

Der Nobelpreis für Tomas Tranströmer hat die Scheinwerfer der literarischen Öffentlichkeit neuerlich auf die Lyrik gerichtet, diese verschwiegene Art der Mitteilung, die sich neben den prosaischen Blockbustern rätselhafterweise behauptet. Nun ist das erste Buch eines Lyrikers aus Mazedonien ins Deutsche übersetzt, das ähnliche Qualitäten zeigt wie das Werk des betagten Schweden: Die Gedichte Nikola Madzirovs, 38, sind unverkünstelt und offen, bauen keinerlei Hürden auf außer Einfühlung und Konzentration. Nur ist ihr Kosmos von Detonationen durchzogen. "Ich erbte ein unbezeichnetes Haus mit / einigen zerbröckelten Nestern und / Rissen in der Wand wie Sehnen / eines erregten Liebhabers. / In ihnen schlafen der Wind / und die Wörter kondensierter / Abwesenheiten. Es ist Sommer, / und es riecht nach zertretenem Quendel." So beginnt ein Gedicht mit dem Titel "Der Himmel tut sich auf", eine kurze Erzählung von einem Leben, das mit verlassenen Mauern vorliebnehmen muss und da auf den Quendel trifft, den wilden Bruder des Heilkrauts Thymian. Der wächst in Mitteleuropa, und zwar dort, wo es anderen Pflanzen zu karg, zu sonnig und steinig ist: in der Verlassenheit. Die komplizierte Geschichte des multiethnischen Kleinstaats Mazedonien, ehemals das südliche Grenzland Jugoslawiens, taucht in diesem Buch nur in Andeutungen auf, aber deren Hallraum ist groß. Das lyrische Ich Madzirovs, der aus einer Familie griechischer Vertriebener stammt, ist auf der Suche nach einem Heimatgefühl, das keine Mauern mehr braucht. "Weit entfernt sind alle Häuser, von denen ich träume, / weit entfernt ist die Stimme meiner Mutter, die mich / zum Abendbrot ruft, doch ich renne auf die Weizenfelder zu." Für diese Verse eines Südosteuropäers, der zum Weltbürgertum gezwungen ist, hat sein Übersetzer Alexander Sitzmann, Skandinavist und Slawist, lehrend in Wien, die richtige Sprache gefunden: empfindsam, aber nicht sentimental.

DER SPIEGEL 48/2011
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