12.12.2011

REICHTUMAus ganzem Herzen Hass

Vor drei Jahren flog Bernard Madoff als größter Betrüger der Finanzgeschichte auf. Nun rechnet seine Schwiegertochter mit ihm ab - und liefert Einblicke in eine bizarre Familie.
Stephanie Mack ist vor einigen Monaten umgezogen in ein erheblich kleineres Apartment im Schatten der Wall Street. Sie konnte einfach nicht mehr länger dort leben, wo sich ihr Ehemann mit einer Hundeleine erhängt hatte.
Dort, wo sie alles nur an die schlimmste Zeit ihres Lebens erinnerte. Als die Paparazzi auf die gegenüberliegenden Dächer kletterten, um durch die Fenster ihre Fotos schießen zu können. Als sie sich "eingesperrt wie im Gefängnis" fühlte. Damals, in den Wochen nach dem 11. Dezember 2008, als ihr Schwiegervater Bernard Madoff, genannt Bernie, als größter Betrüger der Finanzgeschichte entlarvt worden war und die ganze Familie mit in den Abgrund riss.
"Bizarr" sei diese Zeit gewesen und "surreal". Wie ihr gesamtes Leben mit der Familie Madoff: "ein einziger großer Maskenball". So sagt es Stephanie Madoff Mack, 37, heute. Sie ist die Witwe von Mark Madoff, Bernies Sohn, der sich am zweiten Jahrestag der Enthüllung das Leben nahm, weil er die Demütigungen und die Scham nicht mehr ertrug.
Über ihre Jahre mit den Madoffs hat sie nun ein Buch geschrieben, es soll Therapie sein für sie selbst, und es soll ihrem toten Mann "eine Stimme geben", um "diesen Alptraum" endlich loszuwerden(*). Den Nachnamen Mack hat sie schon vergangenes Jahr angenommen, denn Madoff empfindet sie als Schandmal, ein Name, der auf alle Zeit diskreditiert sei durch "den meistgehassten Mann in New York", wie ihn US-Zeitungen nennen.
Auch Mack hasst den Großvater ihrer beiden Kinder "aus ganzem Herzen", sie sagt es immer wieder. Dafür, dass er ihr Leben zerstört hat, und dafür, dass auch sie selbst sich so von ihm hat täuschen lassen.
Madoff hatte alle getäuscht. 65 Milliarden Dollar hatte er über Jahrzehnte hinweg eingesammelt, von Prominenten wie Steven Spielberg oder Elie Wiesel, von wohltätigen Organisationen und jüdischen Gemeinden, von Banken und Finanzprofis, aber auch von Freunden und eigenen Verwandten.
Sie alle wollten bei der großen Geldvermehrung des Bernie Madoff dabei sein, der vorgab, jedes Jahr mit seinen Geldanlagen Renditen von bis zu 20 Prozent zu schaffen, aber in Wirklichkeit das größte Schneeballsystem der Welt aufgezogen hatte. Mit dem Geld neuer Anleger bezahlte er am Ende nur noch die Träume der alten, bis vor der Kulisse der Finanzkrise 2008 alles zusammenbrach.
Dabei galten die Madoffs lange als die Größten der Wall Street. Und Mack hielt sie für "die perfekte Familie". Den Thronfolger Mark hatte sie 2002 kennengelernt, ein Blind Date, vermittelt durch eine Freundin.
Sie war damals 27, zierlich und hübsch. Ein "Jeansgirl", das als Assistentin in der Modebranche arbeitete, "keine reiche Prinzessin von der Upper East Side". Die High-Society-Welt der Madoffs war ihr fremd, die Yachten, die Villen, die Reisen in die Karibik.
Aber sie mochte Bernie und seine Frau Ruth "vom ersten Moment an". Er sei "bodenständig, charmant, ruhig und freundlich" gewesen, sie "lebhaft, mit scharfem Humor". Ruth erzählte in großer Runde gern Sottisen wie die, als ihr Bernie eines Morgens auf der Yacht eines Freundes aufgewacht sei mit braunen Streifen im Bett - bis sich herausstellte, dass er nur auf Pralinen eingeschlafen war.
Es war eine Welt, in der teure Kinderpsychologen entschieden, wie und wann Marks Kinder aus erster Ehe die neue Frau
des Vaters kennenlernen durften. Anfangs musste Stephanie Mack im Bedienstetenzimmer übernachten, Freunde der Familie hielten sie für die neue Nanny.
Zur Hochzeit der beiden kaufte ein Madoff-Kunde das komplette Porzellan für viele tausend Dollar. Die Geschenke kamen von Tiffany, Hermès, Cartier. Bei einem Shopping-Trip warf Bernie die Kreditkarte auf den Tisch und sagte den Verkäufern mit Blick auf seine Schwiegertochter: "Alles, was sie anfasst, kriegt sie."
Stephanie Mack ist charmant und lebhaft, wenn sie solche Anekdoten erzählt, fröhlich sogar. In anderen Momenten bricht sie in Tränen aus, immer wieder.
Die Konflikte seien groß in ihr, sagt sie. Auf der einen Seite die Erinnerung an den Schwiegervater, der die Mittagspause nutzte, um Macks neugeborener Tochter, seiner Enkeltochter, die Flasche zu geben. Und dann "das Monster", das "gezielt die eigene Familie hintergeht und ruiniert".
Sie selbst habe nichts geahnt, Madoff sei nun mal eine Legende in Finanzzirkeln gewesen. Er hatte es geschafft, bis in die höchsten Sphären der New Yorker Gesellschaft, in den exklusiven Club der Geld-Größen, dorthin, wo man Leute wie ihn nicht gewollt habe - "den kleinen Juden aus Brooklyn", so erzählt er es selbst.
Madoff stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Er wuchs im New Yorker Stadtteil Queens auf, das Sportgeschäft seines Vaters ging pleite. 1960, mit 22 Jahren und 500 Dollar Startkapital, gründete er eine Börsenmaklerfirma. Er lebte zunächst von kleinen Geschäften, Krümeln, die übrig gelassen wurden von den großen Wall-Street-Firmen. Doch seine Nische baute er beständig aus.
Lange ist die Vermögensverwaltung nur ein Nebengeschäft. Erst in den frühen neunziger Jahren fängt der große Betrug an, als immer mehr Milliarden fließen. Als es heißt, Madoff habe ein goldenes Händchen. Doch die angeblich hohen Gewinne zahlte er mit immer mehr neueingesammeltem Geld aus. Hinterher wird Madoff sagen: Alle hätten es wissen müssen, die Banken, die Investoren. Aber viele seien reich geworden durch ihn, sie seien gierig gewesen, und letztlich selbst schuld. Scham oder Reue zeigt er bis heute nicht.
Nun sitzt er in einem Gefängnis in North Carolina, Gefangener Nummer 61727-054, verurteilt zu 150 Jahren Haft. Seine Schwiegertochter Stephanie Mack hat ihm ins Gefängnis geschrieben über das Unglück, das er in seiner Familie angerichtet habe, sie wollte "ihn quälen" und ihm ein schlechtes Gewissen machen.
Doch Madoff schickt ihr Antwortbriefe zurück, die Handschrift schwungvoll, in denen er beschreibt, wie "respektvoll" er behandelt werde im Gefängnis. Er sei eine Berühmtheit, wie "ein Don der Mafia". Das Gefängnis sei sicherer als die Straßen von New York. Er habe "viele Freunde".
Mack sagt, das seien wahnhafte Wahrnehmungsstörungen, "krank" sei der Vater ihres toten Mannes. Nun soll es bald einen Film geben, Robert De Niro ist für die Bernie-Rolle vorgesehen. Mack kann es nicht verstehen: "Das befeuert doch nur seinen krankhaften Narzissmus."
Dann erzählt sie von seinem obsessiven Ordnungs- und Reinlichkeitswahn. Wie Hermès-Hemden und Prada-Anzüge in den begehbaren Kleiderschränken streng nach Farben sortiert werden mussten. Dass fast nie Gäste willkommen waren im Luxus-Penthouse der Madoffs, damit sie bloß nichts dreckig machten. Dass Besucher die Familien-Yacht nur mit gewaschenen Füßen betreten durften.
Viele Geschichten, die Mack jetzt aus der abgeschirmten Welt der Madoffs erzählt, klingen wie Episoden aus "Denver" oder "Dallas". Sie handeln vom dünnen Firnis des amerikanischen Superreichen-Kosmos, unter dem Hass, Betrug und Bösartigkeit blühen.
Beim Abendessen wird über die Hausangestellten hergezogen. Es wird intrigiert und gemobbt. Als der Betrug öffentlich wird, beginnt die Familie, sich selbst zu zerfleischen.
Die Söhne zeigen den Vater an, die Mutter habe emotionslos und ferngesteuert "wie ein Zombie" reagiert. Nach dem Selbstmord des Sohnes wird sogar noch um die Asche gestritten.
Die beiden Söhne Andrew und Mark leiteten die Börsenmaklerabteilung ihres Vaters, die unabhängig von der Vermögensverwaltung lief. Die Staatsanwaltschaft wirft keinem der beiden eine Mitwisserschaft vor. Mack sagt, ihr Mann sei eigentlich ein "Held" gewesen, schließlich zeigten er und sein Bruder den eigenen Vater noch am selben Tag an, als er ihnen seinen Betrug gestand. "Stattdessen hat er alles verloren, seinen Ruf, seine Familie." Und sein Leben.
Mack verklärt den Selbstmord ihres Mannes nicht, sie verurteilt ihn. Dafür, dass er sie und die Kinder zurückgelassen hat auf so furchtbare Art. Dafür, dass er nicht um seinen Ruf kämpfte. Inzwischen habe sie wenigstens ihm weitgehend vergeben, aber "es gibt diese Tage, da kommt noch die Wut".
Zu ihrer aktuellen finanziellen Lage will sie nichts sagen, "aus juristischen Gründen". Sie ist nicht verarmt. Ihr Apartment im New Yorker Stadtteil Tribeca ist schick und groß. Doch der Treuhänder von Bernard L. Madoff Investment Securities ist auch hinter dem restlichen Vermögen der Familienmitglieder her.
Um 67 Millionen Dollar geht es allein bei Mark Madoff. Nachdem der Skandal aufflog, wurden alle Konten eingefroren, die erlaubten Ausgaben gerichtlich festgesetzt.
Inzwischen hat Stephanie Mack den Kontakt zu allen Madoffs abgebrochen, aber sie lässt eine Tür offen, zumindest für Schwiegermutter Ruth, "wenn meine Kinder ihre Großmutter kennenlernen wollen". Bernie dagegen sollen sie nie mehr zu Gesicht bekommen.
(*) Stephanie Madoff Mack: "The End of Normal". Blue Rider Press, New York; 253 Seiten; 18,95 Euro.
Von Thomas Schulz

DER SPIEGEL 50/2011
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