12.12.2011

WIKILEAKSGelungener Streich

Held oder Saboteur? Das Verfahren gegen Bradley Manning, den mutmaßlichen Urheber der Enthüllungsserie, wird wohl mit einem Schuldspruch enden.
Mit Helden kennt Daniel Ellsberg sich aus - viele Amerikaner halten ihn selbst für einen. Als Mitarbeiter eines wichtigen Think-Tanks für das US-Militär kopierte er einst die sogenannten Pentagon-Papiere, 7000 Seiten streng geheimer Analysen und Dokumente, die belegen, dass Amerikas Politiker genau wussten, wie hoffnungslos die Lage in Vietnam war. 1971 spielte er die Geheimdokumente der "New York Times" zu, ihr Abdruck öffnete seinen Landsleuten endgültig die Augen für den verhängnisvollen Krieg.
Doch wenn Ellsberg, 80, weißes Haar, aber immer noch lebhaft, über Helden spricht, denkt er nicht länger an gestern. Als "Helden" bezeichnet er heute Bradley Manning, die vermeintliche Quelle für die WikiLeaks-Veröffentlichungen im vorigen Jahr über Amerikas Militärs und Diplomaten. Was habe er da nicht alles aufdecken können, fragt Ellsberg und fängt an aufzuzählen. Hätte es den arabischen Frühling geben können ohne die WikiLeaks-Berichte über die Korruption arabischer Potentaten? Hätte irgendjemand über Kriegsverbrechen amerikanischer Soldaten im Irak gesprochen ohne die Dokumente über die Misshandlung von Gefangenen? Wäre das Massensterben von Zivilisten in den Kriegsgebieten ohne WikiLeaks jemals ein Thema gewesen?
Für Ellsberg steht fest: Der Gefreite Manning, damals gerade 22 Jahre alt, hat wie er selbst Geschichte geschrieben, und wie ihn selbst wollen die Mächtigen nun auch Manning dafür bestrafen. Präsident Richard Nixon drohte einst, Ellsberg ins Gefängnis zu werfen. Doch den höchsten Gerichten war die Wahrheit wertvoller als das Staatsgeheimnis, Ellsberg und die "Times" kamen ohne Strafe davon - der Enthüller avancierte zum Urtyp des Whistleblowers, eines Verräters, der sein Wissen aus moralischem Antrieb preisgibt.
Von Freitag an will Ellsberg dazu beitragen, dass Manning genauso ohne Strafe bleibt wie er selbst. Denn dann beginnt im Armeestützpunkt Fort Meade nahe Washington das öffentliche Militärstrafverfahren gegen den mutmaßlichen WikiLeaks-Informanten. 34 Vorwürfe haben die Ermittler zusammengetragen, der gravierendste lautet: "Hilfe für den Feind".
Manning droht wegen des Vorwurfs, Hunderttausende Dokumente aus Militärcomputern im Irak weitergeleitet zu haben, lebenslange Haft. Die wichtigsten Depeschen waren im vorigen Herbst auf der Internetplattform des Australiers Julian Assange sowie in den Medien, darunter auch im SPIEGEL, veröffentlicht worden. Die Dauer des Verfahrens ist noch nicht abzusehen.
Das Lager des Beschuldigten ist ebenfalls bestens vorbereitet: 48 Entlastungszeugen hat sein Anwalt David Coombs geladen, darunter US-Präsident Barack Obama, Außenministerin Hillary Clinton - und eben Daniel Ellsberg. Hunderte Journalisten aus aller Welt werden erwartet, dazu Tausende Demonstranten, wenn es um die Klärung der Frage geht, ob Manning ein verantwortungsloser Hacker ist oder ein Held.
Für die Militärstaatsanwälte scheint der Fall klar: Sie wollen den Gefreiten als kleinen Computerschnüffler darstellen, der aus Geltungsdrang mit seinem Download die gesamte US-Diplomatie lahmlegen wollte. Die Ermittler stützen sich auf ein Video, das zeigt, wie sich Manning mit Hackern in Boston trifft, und sie präsentieren Chat-Protokolle, in denen ein "Bradass87" - mutmaßlich Manning - seinen Datenklau als einen gelungenen Streich bejubelte: "Hillary Clinton wird einen Herzinfarkt bekommen, wenn sie davon erfährt."
Anwalt Coombs, ein nüchterner Ex-Offizier, wird wohl nicht bestreiten, dass "Bradass87" Manning ist. Doch er sagt auch, dass die Chat-Beiträge von "Bradass87" eher einen Whistleblower kennzeichnen als einen auf Chaos versessenen Hacker. "Ich möchte weltweit politische Debatten und Reformen anzetteln", behauptete der Angeklagte im Chat von sich.
Ansonsten versucht Coombs nachzuweisen, dass die WikiLeaks-Enthüllungen den Vereinigten Staaten kaum geschadet hätten, mehr noch, dass Amerikas Militärs selbst schuld seien am Geheimnisverrat.
Für die erste Behauptung hat Coombs einen Kronzeugen, wie es ihn überzeugender nicht geben kann: das Weiße Haus. Ein hoher Beamter in der Regierungszentrale habe mit Hilfe vieler Mitarbeiter die Geheimdokumente sorgsam durchgesehen, behauptet der Anwalt. Und, siehe da, als Schlussfolgerung der Untersuchung sei herausgekommen, dass die Dokumente "der nationalen Sicherheit keinen wirklichen Schaden zugefügt" hätten.
Gelingt es Mannings Verteidigung, die Veröffentlichung dieses bislang noch vertraulichen Berichts durchzusetzen, könnte sie den Vorwurf der "Hilfe für den Feind" zumindest abschwächen. Aus diesem Grund wollte Coombs Außenministerin Clinton vor Gericht befragen, ob die US-Diplomatie nach der Veröffentlichung der WikiLeaks-Dokumente nicht eigentlich genauso reibungslos funktioniere wie zuvor. Doch seinen Antrag, Clinton sowie ihren Chef Obama persönlich einzuvernehmen, hat die Regierung inzwischen abgelehnt.
Überhaupt, argumentiert Coombs, hätte Amerikas Militär die ganze Blamage selbst verhindern können. Schließlich habe sich Manning - der wegen seiner Homosexualität dem Spott seiner Kameraden ausgesetzt war - schon früh so auffällig verhalten, dass er nie als Militärgeheimdienstler nach Bagdad hätte geschickt werden dürfen. Ein Psychologe werde aussagen, dass er ihn als "Risiko für sich und andere" eingestuft habe: Man müsse ihn von scharfen Waffen fernhalten.
Aber nicht von Staatsgeheimnissen. Wie eklatant die Kontrollmechanismen im Fall Mannings versagten, hat das US-Militär indirekt sogar eingeräumt: 15 Vorgesetzte, die Mannings zuweilen bizarres Verhalten ignorierten, mussten Disziplinarstrafen hinnehmen.
US-Juristen halten eine Verurteilung des Beschuldigten dennoch für sicher, zu eindeutig seien die Belege für dessen Geheimnisverrat. "Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass er davonkommt?", fragt der Militärrechtsexperte Philip Cave. Sicher, Versäumnisse seiner Vorgesetzten könnten sich strafmildernd auswirken - möglicherweise auch die Motive seines mutmaßlichen Verrats. Aber eine lange Haftstrafe scheint dennoch wahrscheinlich.
"Er hat das Gesetz gebrochen", hat Präsident Barack Obama, vor seiner Wahl noch ein Fürsprecher von Whistleblowern, schon entschieden. Anwalt Coombs will diese Einschätzung als unzulässige Beeinflussung der Militärrichter anprangern. "Wird sich nicht jeder, der noch Karriere machen will, an die Vorgabe des Oberbefehlshabers halten?", kritisiert auch der Manning-Freund Kevin Zeese.
Obama sagte zudem, Manning könne nicht straffrei davonkommen wie einst Ellsberg, der Enthüller der Pentagon-Papiere, die Fälle seien zu verschieden. Ellsberg, der in Manning seinen Nachfolger sieht, kann das so nicht akzeptieren. Nur in einem Punkt, sagt er, habe der Präsident zweifellos recht: "Manning hat geheime Informationen enthüllt. Ich habe streng geheime Informationen enthüllt."
Von Marcel Rosenbach und Gregor Peter Schmitz

DER SPIEGEL 50/2011
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