23.12.2011

NACHRUFVáclav Havel

1936 - 2011
Schon an seinen Freunden lässt sich ablesen, dass er ein etwas anderer Politiker war: Wer mit dem Drehbuchautor Tom Stoppard und dem Dalai Lama über Gott und die Welt diskutiert, mit dem Kultmusiker Frank Zappa und dem Rock-Idol Mick Jagger fachsimpelt, der gehört nicht zu den Allerweltskarrieristen im Parteienbetrieb, der denkt anders als in Machtkonstellationen und Koalitionen. Am nächsten ist Václav Havels Vorstellung von einer Res publica wohl Platon mit seinem Konzept vom Philosophenkönig gekommen - Havel war ja als Schriftsteller und Moralist und Präsident auf der Burg selbst so einer. Aber der Idealstaat des Griechen setzt voraus, dass alle Bürger die gleiche Auffassung des Guten teilen - kein Platz für Dissidenten.
Und da beginnt das kleine Dilemma dieses großen Mannes: Er war zeitlebens nicht in Kästchen einzuordnen und wohl auch deshalb ein ebenso liebenswerter wie durchaus schwieriger Charakter. Eine Lichtgestalt, die viele verwirrte, vor allem diejenigen, die nicht einmal einen Schatten warfen.
Eindrücke von einem Treffen im Juli 1989, Besuch in seinem bescheidenen Sommerhaus im ostböhmischen Dorf Vlčice: eisgrau sein Schnurrbart, zerknittert das markant männliche Belmondo-Gesicht, zittrig die Hand mit der Dauer-Zigarette. Hatte er gerade wieder einmal eine Nacht in der Zelle hinter sich? Eines dieser Zwölf-Stunden-Verhöre, zu dem sie ihn damals mit besorgniserregender Regelmäßigkeit abholten?
Nein, erzählte Havel, die letzte lange Nacht habe er mit den Solidarnoś ć-Freunden diskutiert. "Die Polen sind weiter als wir", knurrte er, verkatert, aber hellwach. "Wenn man mich wieder einsperren sollte, an Z. übergeben", stand auf einem Umschlag in der Küche zu lesen, wo sich die Wodkaflaschen türmten. Im Umschlag war der Entwurf für Havels Rede in Frankfurt, mit der er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennehmen wollte. Er vermutete zu Recht, dass ihm das Husák-Regime die Ausreise verweigern würde.
Fünf Monate später hatte die "Samtene Revolution" gesiegt, und Havel stand auf dem Balkon am Wenzelsplatz, am 29. Dezember 1989 zog er als vom Bürgerforum nominierter Erster Mann im Staate auf der Burg ein. Es war ein Volksfest. Der Dichterpräsident malte rote Herzchen auf Hunderte entgegengestreckte Hände. Anschließend jagte er übermütig mit dem Tretroller durch die Gänge des ehrwürdigen Hradschin. Der oberste Totengräber des Kommunismus hatte anders als viele osteuropäische Regimegegner nie zuvor mit den Machthabern geliebäugelt - was auch an seiner großbürgerlichen Herkunft gelegen haben mag. Das Bourgeoise war für ihn Bürde wie Privileg, hat seinen Werdegang wesentlich beeinflusst, seine Sinne und seine Urteilskraft geschärft.
Václav Havel wurde 1936 als Sohn eines wohlhabenden Architekten und Grundbesitzers geboren, sein Onkel war einer der wichtigsten Produzenten des tschechischen Films. Als die Familie 1948 durch die Kommunisten enteignet wurde, war es vorbei mit dem sorglosen Leben; der Vater musste sich als Bürogehilfe, die Mutter als Fremdenführerin durchschlagen. Václav, an der höheren Schulbildung gehindert, begann als Chemielaborant. Er besuchte aber heimlich ein Abendgymnasium, holte sein Abitur nach und konnte Verkehrswirtschaft studieren, ein Fach, für das gerade ein Studienplatz frei war. Seine Bewerbung an der Akademie der Musischen Künste scheiterte an seiner politischen Unzuverlässigkeit. Der Theaterbegeisterte betätigte sich als Beleuchter und Kulissenschieber, begann ein Fernstudium der Dramaturgie.
Und nebenher begann er zu schreiben. Von Eugène Ionesco angeregt, aber vor allem von dem surrealen realexistierenden Sozialismus um ihn herum verfasste er satirische Komödien wie "Das Gartenfest", die ihm international Achtung und zu Hause Ächtung einbrachten. Auch Essays zur Verteidigung des Einzelnen gegen den Totalitarismus machten ihn bekannt, führten ihn in den Redaktionsrat der Zeitschrift "Tvar" und ließen ihn mit einer Rede wider die Zensur auf dem Schriftstellerkongress 1967 ein wesentliches Signal für den "Prager Frühling" geben. Als die Reformbewegung dann ein Jahr später von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurde, bekam Havel Publikationsverbot.
Er saß insgesamt 50 Monate lang im Gefängnis. Während der Haft in einer nasskalten Zelle verfasste er seine bewegenden "Briefe an Olga", seine 1964 zur ersten Ehefrau gewordene Studienfreundin (nach deren Tod 1996 heiratete er die Schauspielerin Dagmar Veškrnová). Wenn der Bürgerrechtler in Freiheit war, beschattete ihn der Geheimdienst rund um die Uhr, selbst während seiner Hilfsarbeiterzeit in einer Brauerei. Manchmal hatte er Mitleid mit seinen Häschern und bat die Schlapphüte offensiv zum "Pivo" ins Wirtshaus; wenn Nebel aufkam und er sich über die Schatten ärgerte, versuchte er sie auf der Landstraße mit kühnen Fahrmanövern abzuhängen. Dieses absurde Theater verarbeitete Havel, indem er absurdes Theater schrieb sowie kluge Denkstücke ("Versuch in der Wahrheit zu leben"): Variationen zur Selbstfindung in einem deprimierenden Spitzelstaat.
Die "Charta 77", deren Mitinitiator er war, machte ihn zur Hauptfigur der Bürgerrechtsbewegung. Seinen Freunden im Westen versuchte Havel, der ewige Kämpfer gegen das Duckmäusertum, aber auch gegen das schwejksche Durchlavieren, immer klarzumachen, dass "Freiheit" nur dann eine Bedeutung hat, wenn man den Begriff mit Leben füllt. "Die mir auswichen aus Furcht, dass sie durch einen wie immer gearteten Kontakt" die Regierung in Prag "überflüssigerweise provozieren und damit die zerbrechlichen Fundamente der aufkeimenden Entspannung bedrohen könnten" - sie taten ihm eher leid, "denn nicht ich war es, sondern sie, die freiwillig auf ihre Freiheit verzichteten".
Er war nie ein überzeugter Katholik, aber er tat sich mit Leuten festen Glaubens zusammen, wie Václav Malý, dem Untergrundpriester. Die Schikanen der Husák-KP schweißte sie zusammen und gab ihrem Leben, wie Havel selbst später sagen sollte, "eine Richtung, einen Sinn" - schlechte Zeiten: gute Zeiten. Maly hat dann 1989 die Kundgebungen zum Sturz der KP-Diktatur mitorganisiert und stand am Ende neben dem Freund auf dem Balkon am Wenzelsplatz. Und in den ersten Amtsjahren leistete Havel Außerordentliches. Er vereinbarte mit Michail Gorbatschow den Abzug der Sowjettruppen, hielt als überzeugter Europäer eine umjubelte Rede vor dem Europaparlament, schloss mit den Deutschen einen Freundschaftsvertrag und entschuldigte sich wegen der Vertreibung der Sudetendeutschen ("moralisch verwerflich") - eine in seiner Heimat nicht gerade populäre, großherzige Geste.
Doch auch der Dichter-Staatsmann geriet in die Niederungen der Alltagspolitik; gerade weil er sich so wenig mit dem Kleingedruckten beschäftigte, machte er Fehler. Seine laienhafte Bemerkung zum Verfassungssystem der ČSSR und dass der sonst so Bescheidene trotz Bedenken eine Gesetzesnovelle für "Beleidigung des Staatsoberhaupts" unterzeichnete, ließ erste Zweifel aufkommen, ob er müde geworden war, ein Gefangener seines Amtes. Schmerzlich zeigte sich, wie schizophren die Doppelfunktion Präsident und Künstler, Realpolitiker und Moralist war.
Havel konnte die Teilung der ČSSR nicht aufhalten, blieb dann noch zehn Jahre lang Präsident Tschechiens und führte sein Land in die Nato. Seine Kompetenzen würden aber immer mehr eingeschränkt, klagte er gegenüber dem SPIEGEL 1999, es sei "schwierig, in der Wahrheit zu leben, wenn sich die meisten anderen in ihren Lügengebäuden eingerichtet haben". Eine herzliche Abneigung verband ihn mit Václav Klaus, der sein Nachfolger auf der Burg wurde. Der knallharte Thatcher-Bewunderer verhöhnte Havel, der weitsichtig gegen den "Mafiakapitalismus" gewettert hatte, als weltfremdes "Kasperl".
2003 nahm Havel seinen Abschied, kein verbitterter, aber ein ernüchterter Präsident: "Sie haben mich zum Mythos gemacht, und Mythen zerstört man gern." Seine hohe moralische Autorität sicherte ihm auch weiterhin höchste Aufmerksamkeit, wenngleich er im Ausland als Prophet inzwischen mehr galt als in der Heimat. Immer wieder, erzählte ein sichtlich abgemagerter Präsident bei einem letzten Treffen im vorvergangenen Jahr, "ist der Tod um mein Bett geschlichen". Er konnte ihn immer wieder fortjagen. Anfang Dezember wollte er noch einmal den Dalai Lama sehen. Es war ihm vergönnt. Am vergangenen Sonntag starb Václav Havel, 75, im Schlaf - ein politischer und moralischer Riese in den Zeiten von Pygmäen.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 52/2011
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