02.01.2012

EINHEITFrontbesuch in Seoul

Deutsche Revolutionsveteranen sollen den Koreanern helfen, ihre Wiedervereinigung voranzutreiben. Auf dem letzten Schlachtfeld des Kalten Krieges werden sie hofiert wie Staatsmänner.
Ein paar Wochen bevor Kim Jong Il, der "Geliebte Führer" Nordkoreas, während einer Zugfahrt an Herzversagen starb, bestieg Lothar de Maizière, der letzte Ministerpräsident der DDR, eine Lufthansa-Maschine nach Südkorea, um noch einmal in die Weltgeschichte einzugreifen. Begleitet wurde de Maizière auf seiner Mission von Rainer Eppelmann, dem letzten Verteidigungsminister der DDR.
De Maizière ist heute 71 Jahre alt und hat einige Kilo zugelegt seit den Herbsttagen 1989. Eppelmann ist 68 und trug an diesem Tag eine Schirmmütze, wie sie Helmut Schmidt und Rentner gern tragen. De Maizière und Eppelmann machten ein bisschen den Eindruck, als könnten sie auf den weiten Straßen von Seoul verlorengehen. Aber sie flogen ja nicht allein.
Sie waren Teil einer gut 20-köpfigen Delegation unter Führung von Christoph Bergner, dem Ost-Beauftragten der Bundesregierung, und die Frage ist natürlich: Warum schickt man ein Flugzeug, vollgeladen mit deutschen Ex-Revolutionären und Vereinigungsexperten, nach Korea? Die kurze Antwort lautet: damit sich Geschichte wiederholt. Die etwas längere: Es war eine Idee von Kim Chun Sig.
Das ist der südkoreanische Vize-Wiedervereinigungsminister. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist Korea geteilt. Der kommunistische Norden hat ein Atomwaffenprogramm und wird von Russland und China gestützt. Der kapitalistische Süden wird von den Vereinigten Staaten unterstützt. Korea ist das letzte Schlachtfeld des Kalten Krieges. Ein Land, einst aufgeteilt, im Kampf der Ideologien.
In Südkorea möchte man das ändern, gut 60 Jahre nach der Teilung. Es gibt dort den großen Traum von der Wiedervereinigung. Vor über einem Jahr verständigte man sich mit der Bundesregierung auf die Schaffung einer Expertenkommission, die den sperrigen Namen "Koreanisch-Deutsches Konsultationsgremium zur Wiedervereinigung" trägt. Deutschland stellt dafür seine erfahrensten Kräfte aus Ost und West zur Verfügung, die erklären sollen, wie man erfolgreich wiedervereinigt. "Kein Land versteht unseren Vereinigungswunsch so gut wie Deutschland", sagt Kim Chun Sig, der Vize-Wiedervereinigungsminister.
Im luxuriösen "Lotte-Hotel" von Seoul nimmt Kim Chun Sig nun die erschöpften deutschen Delegationsmitglieder in Empfang. Sie sind zwölf Stunden über die Mongolei und China durch die Zeit geflogen. Jetzt sitzen alle zum Welcome-Dinner in der "Garnet Suite", 37. Stockwerk. Sie werden drei Tage in der Stadt bleiben und an Koreas Zukunft arbeiten. Aber erst mal schauen sie durch die riesigen Glasfenster auf die Stadt dort unten. Seoul glitzert in der Nacht. Seoul sieht von oben ein bisschen so wahnsinnig und vermessen aus wie Manhattan.
Zur Delegation gehören auch Horst Teltschik, 71 Jahre alt, und früher außenpolitischer Berater von Helmut Kohl; Richard Schröder, 68, SPD-Fraktionschef in der DDR-Volkskammer; der Generalleutnant a. D. der Bundeswehr und Minister in Brandenburg Jörg Schönbohm, 74 Jahre alt; sowie Wissenschaftler, Ex-Minister und eine Stasi-Unterlagen-Beauftragte aus Thüringen.
"Man muss natürlich sehen, watt man erreichen kann", sagt Lothar de Maizière nach dem Sechs-Gänge-Dinner und tupft sich den Mund ab. "Ick kann nur erzählen, wie ditt bei uns ablief. Die Schlüsse müssen die Koreaner selbst ziehen." Kennt er eigentlich jemanden aus der südkoreanischen Delegation? De Maizière schaut sich um, schaut in fremde südkoreanische Gesichter. "Nee", sagt er.
Am nächsten Tag gibt es ein erstes Arbeitstreffen zwischen Südkoreanern und Deutschen in der "Peacock Suite" im 36. Stock. Das Thema lautet: "Die deutsche Wiedervereinigung und der Prozess der deutschen Einheit - Voraussetzungen. Abläufe, Ergebnisse und Probleme". Sie sitzen sich an einem langen Tisch gegenüber, 14 Deutsche und 14 Südkoreaner. Vielleicht, denkt man, wird das ja mal ein historisches Bild. So wie die Bilder von Runden Tisch in Ost-Berlin oder von Helmut Kohl und Michail Gorbatschow im Kaukasus. Kohl und Gorbatschow trugen Strickjacke und Strickpullover, gingen im Sommerlicht am Fluss spazieren und besprachen die deutsche Einheit.
Das Seltsame ist: Man hatte nie den Eindruck, die koreanische Wiedervereinigung könnte bevorstehen. Kurz- oder auch mittelfristig. Gab es Anzeichen in letzter Zeit? Glasnost in Pjöngjang? Weder vor noch nach dem Tod von Kim Jong Il, der immer so aussah, als hätte sich Hollywood einen Diktator ausgedacht, gab und gibt es solche Anzeichen. Es gibt wohl keinen Staat der Erde, über den man so wenig weiß wie über Nordkorea. Selbst in Südkorea.
1953 endete der Korea-Krieg mit einem Waffenstillstand. Ein Friedensvertrag wurde nie geschlossen. Nordkorea hat mit rund 1,2 Millionen Soldaten eine der zahlenmäßig stärksten Armeen der Welt. Erst vor gut einem Jahr, im November 2010, beschoss Nordkorea die südkoreanische Insel Yeonpyeong. Zwei Soldaten und zwei Zivilisten starben, die USA schickten den Flugzeugträger USS "George Washington", südkoreanische Parlamentarier forderten einen Luftangriff. Noch immer ist die Stimmung zwischen Nord und Süd ungefähr so gut wie zwischen der Sowjetunion und den USA während der Kuba-Krise 1962.
Die Sowjetunion gibt es längst nicht mehr, die USA haben einen schwarzen Präsidenten, und Seoul ist auch nicht West-Berlin, die Frontstadt des Kalten Krieges. Aber die Wege sind ähnlich kurz. In einer Stunde ist man an der nordkoreanischen Grenze. In drei Stunden wäre man in Pjöngjang. In West-Berlin konnte man Ostfernsehen gucken, in Seoul und Südkorea aber empfängt man kein einziges nordkoreanisches Fernsehprogramm. Alles, was von drüben kommt, wird staatlich geblockt, aus Angst vor Propaganda, heißt es im Wiedervereinigungsministerium. Briefverkehr zwischen Nord und Süd gibt es nicht. Telefonverkehr auch nicht, nur über Umwege. Der Reiseverkehr sieht so aus, dass 2010 rund 130 000 Südkoreaner in den Norden reisten. 132 Nordkoreaner reisten nach Südkorea.
In Deutschland sprach man gern vom Eisernen Vorhang, der das Land teilte. Verglichen mit der Lage in Korea war es nur ein Holzlattenzaun. Was kann man also tun? Ist das überhaupt realistisch, eine Wiedervereinigung?
Am Abend sitzt Lothar de Maizière in einem gesichtslosen Restaurant in Downtown Seoul. "An die deutsche Einheit hab ick ja auch nicht geglaubt. Und dann kam sie doch", sagt er. Es ist bereits de Maizières fünfte Reise nach Südkorea seit der Wende. Er sprach schon vor Studenten, Wissenschaftlern, Regierungsbeamten. "Ick erlebe jetzt meinen vierten oder fünften koreanischen Vereinigungsminister. Das ändert sich bei denen ständig. Ick kann mir die Namen nicht mehr merken", sagt de Maizière. "Die Gesichter auch nicht", ergänzt Jörg Schönbohm.
"Es kommen immer die gleichen Fragen", sagt de Maizière. "Auch heute wieder. Die Koreaner wollen vor allem, dass die Einheit nicht zu viel kostet, und ick sage dann, sie kostet viel mehr, als ihr euch vorstellen könnt." Rainer Eppelmann nickt. "Die Südkoreaner, ditt wurde mir klar, überlegen, wie man es schafft, dass die Nordkoreaner nach der Vereinigung im Norden bleiben", sagt Eppelmann. "Die Südkoreaner sprachen von Grenzkontrollen. Du lieber Himmel! Die wollen allen Ernstes die Grenzen schließen, nachdem die Mauer gefallen ist!"
Eppelmann schaut, als hätte man ihn persönlich beleidigt. Als Ostdeutscher ist man gefühlt eher Nordkoreaner. Lothar de Maizière starrt in sein Bier. Jörg Schönbohm stochert in der Kimchi-Schale. "Ditt Gremium soll sich jetzt fünf Jahre lang treffen", erklärt de Maizière. "Ick habe den Südkoreanern aber gesagt: Wollt ihr wirklich solange warten mit eurer Wiedervereinigung?"
Im Osten ging alles wahnsinnig schnell. Innerhalb eines Jahres verschwanden die DDR und die sozialistischen Bruderländer. Ein paar Monate später verschwand die Sowjetunion. Man konnte damals die ganze Welt verändern, als Bürgerrechtler aus Ost-Berlin. An Korea aber beißen sich alle noch immer die Zähne aus.
"Ick habe gefragt: Wisst ihr überhaupt, was die Nordkoreaner wollen? Wonach sehnen die sich? Aber ditt wissen die Südkoreaner nicht", sagt Lothar de Maiziere. "Die sagen: Das Problem mit der Einheit müssen wir im Süden lösen. Wir haben das Geld. Na ja, war bei uns nicht anders. War ja auch das deutsche Problem. Ditt Gefühl der Kolonialisierung kann anschließend sehr groß sein." Eppelmann nickt. Schönbohm schweigt. "Historische Brüche hinterlassen immer eine verlorene Generation", sagt de Maizière. "Das ist tragisch. Aber Geschichte war noch nie eine gerechte Veranstaltung." Vielleicht spricht de Maizière über Korea. Vielleicht über sich. Er ist ein feiner, kluger Mann, und man kann sich vorstellen, wie er darunter litt, dass man ihn nach dem 3. Oktober 1990 eigentlich nicht mehr brauchte. Neben Helmut Kohl, dem Kanzler der Einheit, war kein Platz. Für niemanden. Gut möglich, dass die Deutschen auch deswegen hier sind. Vor allem die Ostler. Sie wollen ihren Platz zurückerobern, ihre historische Rolle. Südkorea ist noch weich, formbar und hält eine Aufgabe bereit. Die Koreaner sprechen de Maizière bereits mit "Excellence" an und "Prime Minister", so, als wäre er wieder im Dienst. Bei Rainer Eppelmann hat man das Gefühl, als wäre seit der Ankunft sein Bart gewachsen. Er hat jetzt wieder Bürgerrechtler-Länge.
Als es Nacht ist in Seoul, treten alle vor das Restaurant. Der koreanische Wirt macht ein Foto von der deutschen Delegation. Die Stimmung ist nicht schlecht, nach Reiswein und ein paar Bier. De Maizière pfeift eine Melodie aus "Fidelio", einer Oper, sagt er, die in der DDR verboten war, wegen der Zeile: "Oh, welche Lust, in freier Luft den Atem leicht zu heben!" Johannes Ludewig, der alte Bahn-Chef und Ost-Beauftragte, ruft dem koreanischen Wirt zu: "Und das nächste Mal sehen wir uns dann in Hanoi!"
Die ganze Gruppe lacht.
"Nee, Mensch, du meinst Pjöngjang!"
"Ja, richtig, Pjöngjang", sagt Ludewig.
Sie wirken alle so spürbar fremd hier.
Ein paar Stunden später sitzen sie wieder an dem langen Tisch im Lotte-Hotel, 36. Stock, Peacock-Suite - neuer Tag, neue Gespräche. Das Arbeitsthema lautet: "Wie können Deutschland und Korea zusammenarbeiten, um die Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel zu fördern?" Überall wuseln Leute vom Wiedervereinigungsministerium herum, tragen Papiere in den Raum oder Getränke.
Das Wiedervereinigungsministerium gibt es seit 1969, es ist das Herz der südkoreanischen Vereinigungsbemühungen und hat seinen Sitz zehn Autominuten vom Tagungshotel entfernt, gleich neben dem Außenministerium. Zwei Etagen in einem Bürogebäude, in denen 500 Leute arbeiten. Nur woran eigentlich?
"Wir entwerfen Visionen, wie Korea nach der Vereinigung aussehen könnte. Und wir kümmern uns um die nordkoreanischen Überläufer", sagt Kim Chun Sig, der Vize-Wiedervereinigungsminister.
Er ist 55 Jahre alt und arbeitet seit 27 Jahren im Ministerium, in denen er, sagt Kim Chun Sig, bereits unter rund 15 Wiedervereinigungsministern diente. Seit zwei Monaten ist Kim Chun Sig Vizeminister, er hat sich hochgearbeitet. An den Wänden hängen ein paar Drucke mit koreanischen Wasserfällen und Gebirgsimpressionen, Kim Chun Sig spricht leise aus einem Sessel heraus, die Hände vor dem Bauch gefaltet. Vor allem aber ist Kim Chun Sig sehr, sehr vorsichtig.
Ein falscher Halbsatz führt schnell zu innerkoreanischen Komplikationen. So ähnlich muss sich auch Hans-Dietrich Genscher immer gefühlt haben. Kennt er Genscher? "Oh ja, natürlich! Genscher. Auch Schäuble. Die sind berühmt. Ich hätte sie eingeladen in unser Gremium, nur sie sind jetzt schon sehr alt, oder?" Kim Chun Sig taucht ein Stück Zucker in seinen Tee. "Sehen Sie, wir brauchen die Kooperation mit Deutschland. Wie gleicht man die Systeme an? Wie kommen die Bürger miteinander klar? Was passiert mit den Armeen? Die Deutschen haben das gut gemacht. Aber es hätte besser sein können. Man muss immer gut vorbereiten, für den Fall, dass es losgeht."
Und wann geht es los?
Kim Chun Sig lächelt. "Sie werden verstehen, dass ich dazu nichts sagen möchte. Aber ich werde die koreanische Vereinigung noch erleben." Aber wie soll sie ablaufen? Gibt es eine Art Plan?
"Wir wünschen keinen Zusammenbruch des Nordens. Unser Plan sieht vor: erst Frieden herstellen, dann Kooperation, dann Konföderation, dann Einheit."
Und wenn der Norden doch zusammenbricht? Wenn es zu einer Revolution kommt, so wie in Deutschland? Wird Südkorea dann die Grenzen öffnen für eine Wiedervereinigung?
"Das ist auch eine sehr empfindliche Frage. Sagen wir mal so: Vielleicht könnten die Nordkoreaner in ihrer Heimat bleiben, ja? Und wir helfen ihnen."
Südkorea ist die viertgrößte Volkswirtschaft Asiens. Ein Boom-Land. In Nordkorea sind sechs Millionen Menschen von Hunger bedroht, schätzt die Uno. Schwer vorstellbar, dass die Nordkoreaner im Norden bleiben. Wenn es eine Lehre der deutschen Einheit gibt, dann vermutlich: Der Ostler geht nach Westen. Schnell, in großer Anzahl und unaufhaltsam.
Wollen die Nordkoreaner überhaupt eine Wiedervereinigung? "Wir haben darüber keine Informationen", sagt Kim Chun Sig. "Wir wissen es nicht. Wir haben nur die Überläufer, die sagen, dass die Zustände im Land sehr schlecht sind."
Rund 3000 Nordkoreaner flüchten jedes Jahr. Meist über China, dann weiter über Vietnam oder Thailand nach Südkorea. Hier kümmert sich das Wiedervereinigungsministerium um die Flüchtlinge. Zuerst folgen Geheimdienstverhöre, um sicherzustellen, dass der Flüchtling kein Spion ist. Anschließend wartet "Hanawon" - ein Lager außerhalb von Seoul.
Drei Monate lang wird dort der Weg in die südkoreanische Gesellschaft trainiert. Das Lager darf nicht verlassen werden, die Flüchtlinge stehen unter Aufsicht. Sie lernen die Landesgeschichte neu. Zum Beispiel, dass der Norden den Korea-Krieg begonnen hat. Sie lernen, wie man einen Bankautomaten bedient. Sie lernen, wie man ein Auto fährt. Sie lernen sogar sprechen: südkoreanisch.
Einen Nordkoreaner erkenne man sofort an der Sprache, sagt Sang Don Park, im Ministerium zuständig für Flüchtlingsfragen. Nordkoreaner benutzten keine Anglizismen, stattdessen politische Begriffe, die im Süden niemand kenne. Vermutlich sind es ähnliche Begriffe wie LPG, FDGB, PGH, ABV und Sero-Annahmestelle, mit denen die Ostler 1989 den Westen stürmten. Ein Nordkoreaner verstehe oft nur 60 Prozent des Südkoreanischen, sagt Sang Don Park. Dazu kämen eine andere Intonation und Dialekte. Und die gesundheitlichen Probleme. Die Nordkoreaner haben schlechte Zähne, aufgrund des Nahrungsmangels. Viele leiden an Depressionen oder anderen psychischen Problemen, wenn sie im Süden ankommen. Fünf Jahre wird ein nordkoreanischer Flüchtling finanziell unterstützt, nachdem er das Lager verlassen hat. Es gibt Hilfe bei der Arbeitssuche, der Wohnungssuche, der Ausbildung.
Wahrscheinlich haben sie im Süden Angst, dass sie ein ganzes Volk umerziehen, finanzieren und zum Zahnarzt schicken müssen, falls die Einheit kommt.
"Die Kosten schrecken leider die südkoreanische Jugend ab", sagt Vizeminister Kim Chun Sig und nennt eine Zahl: Nur rund 35 Prozent der 19- bis 40-Jährigen sähen in der Wiedervereinigung noch ein wichtiges Thema der Politik.
Der Vereinigungswunsch nimmt stetig ab. Die Älteren haben sich längst auseinandergelebt. Die Jüngeren haben sich nie kennengelernt. Vom Süden betrachtet, ist Nordkorea ein weit entfernter, unbewohnbarer Planet. Man kann noch nicht mal hinfahren und kurz hineingucken, so wie auf den Klassenfahrten, die westdeutsche Schüler nach Ost-Berlin führten.
Aber jetzt sind ja zum Glück die Deutschen hier. Kim Chun Sig hofft, dass sie das Feuer neu entfachen.
An einem Nachmittag halten zwei schwarze Hyundai-Limousinen vor der "Ewha Womans University" in Seoul. Lothar de Maizière und Jörg Schönbohm entsteigen wie Staatsmänner. Kurze Zeit später sitzen sie in zwei weißen Ledersesseln auf einer Bühne und schauen in die Augen von 500 Studenten. Die Veranstaltung heißt "Dialogue with the World's Leaders", was so klingt, als würde auch Barack Obama vorbeikommen.
Aber es sitzt dann doch nur Kim Sun Uk auf der Bühne, die Präsidentin der Universität. "Wir rechnen mit der koreanischen Wiedervereinigung in den nächsten 20 Jahren", sagt sie. "Wir brauchen einen großen solidarischen Akt."
Das ist das Stichwort für de Maizière und Schönbohm. Sie sollen eine Brücke schlagen zwischen Deutschland und Korea, Vergangenheit und Zukunft. Sie sollen die Herzen der Jugend erreichen.
De Maizière beginnt mit dem Mauerfall, erwähnt die Volkskammerwahl, Joachim Gauck, die neue Kommunalverfassung, das Land Mecklenburg-Vorpommern, die Währungsunion und erzählt, wie er nach der Unterzeichnung des Zwei-plus-vier-Vertrags im September 1990 in Moskau seinen Füllfederhalter einsteckte. Als Erinnerung. Jörg Schönbohm, einst damit beauftragt, die Nationale Volksarmee friedlich aufzulösen, erwähnt den Tagesbefehl von Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg zum 3. Oktober 1990 und zählt das Waffenarsenal der NVA auf. "1,4 Millionen Handfeuerwaffen, 7800 Schützenpanzer, 82 Kriegsschiffe …"
Die Studenten im Saal tragen Kopfhörer, die Reden werden simultan übersetzt. Mecklenburg-Vorpommern? Gerhard Stoltenberg? Füllfederhalter?
De Maizière und Schönbohm sitzen auf der Bühne wie zwei guterhaltene deutsche Ausstellungsstücke. "Stimmt es, dass Sie am gleichen Tag Geburtstag haben wie Michail Gorbatschow?", fragt ein Student. De Maizière lächelt versunken. "Ja, das stimmt. Wir sind beide Sternzeichen Fische. Er nennt mich scherzhaft Jugendlicher. Ich nenne ihn Micha Sergejewitsch." Jörg Schönbohm erzählt von einem Wiedervereinigungsbuch, das er geschrieben hat. "Es heißt ,Zwei Armeen und ein Vaterland'. Ist aber vergriffen."
Manche Studenten schlafen. Manche spielen mit ihren iPhones. "Haben Sie einen Rat für Korea?", fragt jemand. "Seien Sie nicht kleinmütig", sagt Lothar de Maizière. "Reden Sie nicht von Kosten. Reden Sie von Investitionen in die Zukunft!" De Maizière und Schönbohm wirken, als könnten sie jederzeit noch mal losreiten, sollte im Norden eine Revolution aufziehen. Aber wahrscheinlich ritten sie allein.
"Die Südkoreaner haben doch alle Schiss", sagt Schönbohm enttäuscht, als sich die Delegationen nach Abschluss der Gespräche am Abend zum Empfang in der deutschen Botschaft treffen. "Ich war kürzlich auch in Kairo. Ich hab da einen Vortrag gehalten. Die Araber sind jetzt auch sehr an unseren Erfahrungen interessiert. Wie man mit den alten Kadern umgeht und das alles." Vielleicht ist Nordafrika eine Alternative, der Arabische Frühling, wenn in Korea nichts passiert.
"Die Koreaner planen und planen. Aber so funktioniert das nicht", sagt Horst Teltschik, der alte Berater von Helmut Kohl. Er hat Magenprobleme und isst nur ein bisschen Brot. "Man muss flexibel sein, beobachten und die Zeichen lesen", sagt Teltschik. Die Zeichen lesen?
"Regimewechsel sind in kommunistischen Diktaturen immer eine Zeit der Instabilität", sagt Teltschik. "Das kann in Nordkorea bald eine Chance sein."
Es ist, als hätte Horst Teltschik schon vor ein paar Wochen alles geahnt.
Jetzt ist Kim Jong Il verstorben. Sein Nachfolger heißt Kim Jong Un, der jüngste Sohn, über den der Westen noch nicht mal weiß, wie alt er ist, vermutlich keine 30. Er trägt die Frisur seines Vaters und wird unterstützt von seinem Onkel Chang Song Thaek und seiner Tante Kim Kyung Hee. Die Welt rätselt, ob der neue Kim eine Marionette des Militärs ist oder ein Reformer sein könnte oder weder - noch. Aber auch die CIA weiß nichts Genaues. Und Horst Teltschik?
"Wer nicht an das Unmögliche glaubt, ist kein Realist", sagt Teltschik an diesem Abend in der Botschaft in Seoul, an dem er noch nicht wissen kann, dass Kim Jong Il vier Wochen später sterben wird.
Vielleicht geht alles ganz plötzlich, ganz schnell, könnte das heißen.
Die Deutschen stehen jedenfalls bereit. Auch Rainer Eppelmann. "Im Frühjahr kommen die Südkoreaner erst mal zu uns nach Berlin", sagt er. "Weiterführende Gespräche uff Regierungsebene."
Es ist der Morgen vor dem Abflug, Eppelmann steht in einer Ladenstraße, sucht nach einem Geschenk und hat Zeit für ein politisches Resümee. Eppelmann kauft ein Massageöl für seine Frau, und man will ihn gerade fragen, ob die Reise aus seiner Sicht ein Erfolg war. "Ick brauch noch einen Messerblock", sagt Rainer Eppelmann. Weiß der Teufel, wie er jetzt darauf kommt.
"Messerblock?", fragt er den Begleiter vom Wiedervereinigungsministerium, der neben ihm steht und ein paar Brocken Deutsch versteht. "M-e-s-s-e-r-b-l-o-c-k?", wiederholt Eppelmann und spricht noch deutlicher. Der Koreaner starrt ihn an. Eppelmann zieht einen Zettel aus der Hosentasche, malt mit ein paar Strichen einen Messerblock aufs Papier. "Hier, Messerblock? Für Messer …?"
Dann gehen sie gemeinsam die Straße hinunter, gemeinsam auf der Suche nach einem Messerblock. Der letzte Verteidigungsminister der DDR und ein junger Mann vom Wiedervereinigungsministerium der Republik Korea. Eigentlich ist das kein schlechtes Schlussbild in einer Geschichte über Annäherungen.
Rainer Eppelmann kauft schließlich ein paar koreanische Stäbchenhalter.
"Ooch schön", sagt er.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 1/2012
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