02.01.2012

AUSBLICK„Erde vor dem Ende“

Am 21. Dezember 2012 endet der Maya-Kalender, Untergangspropheten rechnen an diesem Tag mit dem Weltuntergang. Doch kein Grund zur Panik: Die Medien werden auch dieses Ereignis sicher im Griff haben, wie ein Blick in die Zukunft zeigt.
9.00 Uhr. Als erster Sender weltweit zeigt RTL Live-Bilder vom Weltuntergang. Starreporterin Antonia Rados war zufällig in der Nähe von Yucatán, als sich im ehemaligen Maya-Gebiet die Erde aufzulösen begann. Die Nachricht nimmt zunächst niemand ernst, da RTL die Einblendung: "Alle handelnden Personen sind frei erfunden" aus technischen Gründen nicht löschen kann.
9.18 Uhr. CNN blendet ins Programm ein Laufband ein: "Erde vor dem Ende. Weißes Haus in Sorge."
9.19 Uhr. Im ZDF geht Claus Kleber mit einem "heute-journal - spezial" auf Sendung: "Heute ist ein Tag, der in den Geschichtsbüchern stehen wird, wenn es morgen Geschichtsbücher überhaupt noch geben wird. Leider blieb mir keine Zeit mehr, um ein passendes Goethe-Zitat rauszusuchen."
9.20 Uhr. In der ARD läuft: "Rote Rosen".
9.22 Uhr. Die "Bunte" meldet, dass Starregisseur Dieter Wedel überlege, den Weltuntergang zu verfilmen.
9.28 Uhr. Ein altes Amateurvideo von einer untergehenden Ente wird zum Hit auf YouTube und #duckokalypse zum Trending Topic bei Twitter.
9.30 Uhr. Die ARD sendet jetzt ein Laufband. "US-Kreise: Weltuntergang hat offenbar begonnen - mehr dazu auf unserem Ereigniskanal Phoenix." Intern streiten SWR und WDR, in wessen Zuständigkeit die Apokalypse fällt.
9.31 Uhr. Günther Jauch erhält zwei SMS. Eine kommt von der ARD: "Brauchen Sie für Sondersendung!" Eine kommt von RTL: "Planen heute Abend RTL-Rückblick mit Ihnen!" Er sagt beiden zu.
9.50 Uhr. Nachrichtenticker auf den Online-Nachrichtenseiten in aller Welt melden, dass Nachrichtenticker auf den Online-Nachrichtenseiten in aller Welt ihren Betrieb aufgenommen haben.
10.00 Uhr. In der SPIEGEL-Ressortleiterkonferenz entbrennt ein erbitterter Streit um die Frage, ob für "die Geschehnisse in Yucatán" eine Titelgeschichte in Auftrag gegeben werden soll. Die Wissenschaftsredaktion spricht von "Panikmache". Das Hauptstadtbüro drängt zur Eile. Argument: "Das könnte das Ende der Kanzlerin sein." Man entscheidet, die Sache weiter im Auge zu behalten und "je nach Lage" zu reagieren.
10.08 Uhr. Im Ersten immer noch keine aktuellen Bilder aus Yucatán. Stattdes-sen sendet die ARD live von der Frankfurter Börse. Expertin Anja Kohl berichtet: "Aktien von Versicherungen gaben nach. Die Münchener Rück verlor zeitweise 17 Prozent. Baufirmen und Ausrüster legen zu."
10.09 Uhr. Hape Kerkeling gibt laut dpa bekannt, dass er zur Moderation des Weltuntergangs nicht zur Verfügung stehe: "Nein, ich möchte nicht."
11.23 Uhr. "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner stellt seine "Post von Wagner" online. Diesmal an den "lieben Gott": "Das ist der Jüngste Tag. Bald sehen wir zwei uns. Zwei Götter. Ich habe vielleicht manche Pointe versemmelt. Aber du die ganze Welt."
12.05 Uhr. Im RTL-Mittagsmagazin "Punkt 12" sagt ein Mann auf der Straße, er hätte das kommen sehen; eine Frau meint, das sei typisch deutsch; zwei lachende Teenager hatten bis gerade noch nichts vom bevorstehenden Weltuntergang gehört. Vor der Werbung ein Quiz: "Was geht heute zu Ende? A) 'Gute Zeiten, schlechte Zeiten'. B) Die Welt." Im Jackpot sind 5000 Euro.
13.00 Uhr. Programmdirektor Volker Herres eröffnet die telefonische Schaltkonferenz der ARD-Chefredakteure mit der Bemerkung, er sehe keinen Grund für einen "Brennpunkt". Die ARD habe leider keinen eigenen Korrespondenten vor Ort. "Ich sehe nicht, was wir über das, was wir in der ,Tagesschau' haben, noch Neues berichten können." Er schlägt stattdessen eine bunte Gala vor. Die Chefredakteure protestieren nur schwach.
14.14 Uhr. Laut einer Vorabmeldung der "Bild"-Zeitung fordert die FDP angesichts der drohenden Katastrophe eine grundsätzliche Neuordnung der Rundfunkgebühren und die Abschaffung der GEZ. Burkhardt Müller-Sönksen, der medienpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, sagte dem Blatt: "Es ist nicht einzusehen, warum die Einnahmen von ARD und ZDF als Einziges von der völligen Auslöschung der Welt verschont bleiben sollen."
14.17 Uhr. ARD und ZDF warnen in einer gemeinsamen Stellungnahme vor voreiligen Schlüssen. Sie verweisen auf ein Gutachten, wonach öffentlich-rechtlicher Rundfunk gerade in postapokalyptischen Zeiten unverzichtbar sei. "Gerade wenn es nichts mehr gibt, ist es wichtig, dass es wenigstens verlässlichen öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt", erklärt ZDF-Intendant Thomas Bellut. Auf Nachfragen von Journalisten, ob die Apokalypse Auswirkungen auf die weiter anhaltende Suche nach einem Nachfolger für Thomas Gottschalk als Moderator von "Wetten, dass …?" haben werde, reagiert Bellut ausweichend.
14.20 Uhr. "Focus" bereitet eine Sonderausgabe vor. Titel: "So retten Sie Ihr Geld".
14.55 Uhr. Heiner Geißler fordert Gott nach dem Scheitern von Schlichtungsgesprächen via N24 zum Rücktritt auf.
15.05 Uhr. "Maybrit Illner - spezial" geht auf Sendung. Einziger Gast: Richard David Precht. Passenderweise hat er gerade das Buch zum Thema geschrieben. "Geht 2012 die Welt unter? Und wenn ja, bin ich dabei?" Precht fordert: "Eine neue Welt muss besser gegen solche Vorkommnisse geschützt sein."
15.07 Uhr. Heiner Geißler fordert Gott nach dem Scheitern von Schlichtungsgesprächen via dpa zum Rücktritt auf.
15.20 Uhr. Der Hessische Rundfunk verschiebt "Hessens tiefste Ackerfurchen" zugunsten einer aktuellen Ausgabe der "Hessenschau". Holger Weinert fragt: "Was bedeutet die Apokalypse für Hessen?"
15.30 Uhr. Gegenüber dpa rechtfertigt ARD-Programmdirektor Volker Herres, den großen Jahresrückblick mit Thomas Gottschalk schon vor zwei Wochen gezeigt zu haben. "Richtig ist", so Herres, "dass wir den Weltuntergang dadurch nicht mehr berücksichtigen konnten. Andererseits hätte ein Jahresrückblick, der die Apokalypse enthält, ja vermutlich gar nicht stattgefunden."
15.45 Uhr. In einer Online-Umfrage erklären sich 54 Prozent der Teilnehmer unzufrieden mit dem bisherigen Verlauf der Apokalypse. Ein knappes Viertel zeigte sich besonders enttäuscht über die Auftritte der apokalyptischen Reiter.
16.00 Uhr. Heiner Geißler fordert Gott nach dem Scheitern von Schlichtungsgesprächen via Phoenix zum Rücktritt auf.
16.01 Uhr. Gott verweigert der dpa ein Interview zu den Geißler-Vorwürfen und verweist auf seine Anwälte. Die weisen alle Vorwürfe zurück. Erstens habe Gott stets auf die Möglichkeit einer Apokalypse hingewiesen (Bibelauszüge seien als Schutzschrift bei Gericht hinterlegt); zweitens sei es nicht Gott selbst, sondern seine Frau gewesen.
16.02 Uhr. Der zu einer dringlichen Sondersitzung einberufene ZDF-Fernsehrat beschäftigt sich mit Vorwürfen, der Sender habe die Nachricht von der bevorstehenden Apokalypse erst Minuten nach RTL im Programm vermeldet. Chefredakteur Peter Frey macht Verzögerungen bei Malerarbeiten im virtuellen Nachrichtenstudio für die Verzögerungen verantwortlich. Man werde aber die Abläufe genau prüfen, um bei einem weiteren Weltuntergang besser gerüstet zu sein.
16.03 Uhr. Das Onlineportal "Der Westen" berichtet, dass Filmregisseur Roland Emmerich vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf eine einstweilige Verfügung gegen den Weltuntergang erwirkt habe. Eine Justizsprecherin betont, dass es sich nicht um ein endgültiges Verbot handele. Angesichts der bekannten Informationen sei aber davon auszugehen, dass der geplante Weltuntergang dem Szenario in Emmerichs Film "2012" zum Verwechseln ähnle. Man habe nun Zeit gewonnen, in Ruhe die Plagiatsvorwürfe zu prüfen. "Es ging uns vor allem darum, zu verhindern, dass durch die Apokalypse Fakten geschaffen werden, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können", erläutert die Sprecherin.
16.30 Uhr. In der Titelbildredaktion des SPIEGEL werden erste Ideen für Titelzeilen diskutiert: "Die Weltentwertung", "Apocalypse now", "Maya-Nnaise" und "Tschüs!".
17.02 Uhr. "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher entscheidet sich, mit der Veröffentlichung seines Textes nicht mehr bis zur Printausgabe des folgenden Tages zu warten, und stellt seinen furiosen Artikel sofort online. "Realität ist Ramsch - warum die Welt an Boden verloren hat". Seine Deutung: "Dass die lange nicht für voll genommene Prophetie eines atavistischen Kalendariums unserer Kultur den Schlusspunkt setzt, die sich Jahrzehnte und Jahrhunderte lang vor ganz anderen Apokalypsen gefürchtet hat, ist nicht nur ironisch. Es ist zum Kaputtlachen komisch. Und dieses Lachen wird bleiben, wenn unser Planet und wir alle längst nicht mehr sind."
17.03 Uhr. Für das "SZ-Magazin" wird eine Fotostrecke produziert: "Die passenden Schuhe für den letzten Schritt".
18.00 Uhr. "Günther Jauch - extra" geht in der ARD auf Sendung. Zu Beginn zeigt er in einem Einspielfilm eine Familie, die ihre Gefühle am heutigen Tag schildert. Sie sitzt danach im Studio und wird von Jauch aufgefordert, "ihre Gefühle am heutigen Tag" zu schildern. In der Talk-Runde empfiehlt Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière, "nicht in Panik zu geraten". Zum Eklat kommt es, als Heiner Geißler Gott erneut zum Rücktritt auffordert und der das Studio daraufhin wortlos verlässt.
19.05 Uhr. In "Galileo" auf ProSieben erklären Forscher, wie man jetzt am effektivsten seine Koffer packt. Außerdem: "Antizyklisch reisen: Jetzt nach Yucatán".
20.00 Uhr. Marc Bator begrüßt die Zuschauer der "Tagesschau". Weil die ARD keine eigenen Bilder hat, gibt er gleich ab nach Berlin. Ulrich Deppendorf fasst die Reaktionen der Politik zusammen. "Was das alles für die Koalition bedeutet, ist zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer zu sagen."
20.15 Uhr. Sat.1 wiederholt "Kevin allein zu Haus".
20.15 Uhr. RTL beginnt mit der Ausstrahlung der "Ultimativen Chart-Show". Der Sender hatte in einer großen Werbekampagne darauf hingewiesen, dass der Titel erstmals stimme. Ebenso erstmals könnte man auch wirklich die größten Hits "aller Zeiten" vorstellen.
21.45 Uhr. Bei der großen Benefizgala "Wir warten auf den Weltuntergang" im Ersten kommt es zum Eklat, als Jürgen Fliege versucht, sich mit Gewalt und mehreren Kanistern von ihm besprochenem Untergangswasser Zutritt zur Bühne zu verschaffen.
22.50 Uhr. Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt warnt im Gespräch mit Sandra Maischberger vor Panikmache. Ihm sei nicht bang vor dem Weltuntergang, raucht er, da habe er schon ganz andere Dinge erlebt.
23.15 Uhr. In der "Harald Schmidt Show" tritt Harald Schmidt als Biene Maya auf.
23.45 Uhr. In einer Sonderausgabe von "Markus Lanz" kocht Alfons Schuhbeck "10 leckere Henkersmahlzeiten", bei "Beckmann" macht Hans-Olaf Henkel den Sozialismus "für alles" verantwortlich und hat "Stern"-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges "diese Sache da" immer schon kommen sehen.
0.00 Uhr. Der Planet Erde verschwindet.
In der Woche darauf erscheint die "Zeit" mit einem umfangreichen Vorabdruck aus einem Buch. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hatte an der Autobahnraststätte Secchia Ovest bei Modena zufällig Gott getroffen. Der Inhalt der Gespräche soll in einem Buch unter dem Titel "Vorerst gescheitert" veröffentlicht werden.
Zwei Monate später druckt der SPIEGEL eine "Rekonstruktion der Ereignisse", ein Team von zwölf Reportern schildert auf 42 Seiten die "dramatischen letzten Stunden der Erde". Beigelegt ist eine DVD.
Zum ersten Jahrestag verleiht der Burda-Verlag einen Untergangs-Bambi an die Azteken.
Von Markus Brauck und Stefan Niggemeier

DER SPIEGEL 1/2012
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