02.01.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ich hasse mich“

Der frühere Weltmeister Mike Tyson, 45, schildert seinen Aufstieg und seinen Fall als Boxer, seine Drogensucht und sein neues Leben als Veganer und Schauspieler.
Die Fahrt zu Mike Tyson dauert keine halbe Stunde. Etwa 22 Kilometer sind es vom South Las Vegas Boulevard, dieser "The Strip" genannten Straße mit ihren Casinos, Clubs und Hotels, wo es rund um die Uhr glitzert und dröhnt, wummert und kreischt. Da sind das Mirage, das MGM Grand, das Caesar's Palace, diese Zirkuspaläste, in denen er durch den Ring fegte wie ein Wirbelsturm und boxte. Und die, so sagt Tyson es selbst, sein Verderben waren.
Der Weg führt über die Interstate-215 West, durch das Zentrum von Henderson, einen Hügel hoch, vorbei an einem Golfplatz bis zur Schranke mit dem Wachhaus. Die Dame von der Security kontrolliert den Ausweis, notiert das Nummernschild, telefoniert. Langsam öffnet sich ein grünes Eisentor: Seven Hills ist eine geschlossene Wohnanlage mit Palmen, akkurat geschnittenen Hecken und gepflegtem Rasen.
1294 Imperia Drive, eine weiße Villa mit Flachdach, hier wohnt Michael Gerard Tyson, bekannt geworden als "Iron Mike". Jüngster Weltmeister in der Geschichte des Schwergewichts. Drei Jahre Gefängnis wegen Vergewaltigung. 58 Kämpfe, 50 Siege, 44 durch Knockout. Konvertierter Muslim. Dreieinhalb Monate Gefängnis wegen Körperverletzung. Erster unumstrittener Weltmeister dreier Boxverbände. Ohrenbeißer. Familienvater. Taubenzüchter. Drogensüchtiger. Filmschauspieler.
Seine Frau öffnet, Lakiha Tyson, für alle nur "Kiki", sie trägt eine lila Jogginghose und Plüschpantoffeln. Eine Brücke aus Plexiglas führt über einen Teich mit Koi-Karpfen ins Wohnzimmer, links eine Vitrine mit Tysons Trophäen, rechts eine Büste des Champs. Schuhbank mit Löwenköpfen, chinesischer Teppich, Kronleuchter. Die beherrschenden Farben sind Braun, Beige und Pflaume.
Mike Tyson hat 400 Millionen Dollar verdient mit dem Boxen, musste aber im
August 2003 seinen Bankrott erklären, 27 Millionen Dollar Schulden. Das Haus kann er sich nur leisten, weil sein Finanzberater einen Deal mit der Steuerbehörde geschlossen hat.
Kiki sagt, man solle sich Wasser aus dem Kühlschrank nehmen oder den Fernseher einschalten, sie müsse sich um ihre Haare kümmern, Mike komme gleich, er trainiere noch.
Nach zehn Minuten taucht Tyson auf, in schwarzen Shorts, er hat dünne Beine, aber einen mächtigen Oberkörper, er ist nassgeschwitzt, grüßt freundlich, "Gentleman", sagt er und ist auch schon wieder weg, duschen.
Noch einmal 20 Minuten später nimmt er dann in der Ecke des Sofas Platz. Weißes T-Shirt, Jeans, auf der linken Gesichtshälfte prangt die Maori-Tätowierung. Die Goldkappen an seinen Zähnen sind weg, er trägt überhaupt keinen Schmuck, auch den Tiger, den er sich als Haustier hielt, hat er nicht mehr. Seine Stimme klingt tiefer und rauer, als man sie aus dem Fernsehen kennt.
SPIEGEL: Mr. Tyson, vor gut 25 Jahren, am 22. November 1986, haben Sie Trevor Berbick besiegt. Der Kampf dauerte keine sechs Minuten, Sie schlugen ihn in der zweiten Runde zu Boden und holten sich im Alter von nur 20 Jahren und 145 Tagen den Titel im Schwergewicht. Was für ein Mensch waren Sie zu dieser Zeit?
Tyson: Im Ring war ich ein Zerstörer. Ein Tier. Ich war darauf dressiert, alles auszuschalten, was sich bewegt. Mein Trainer sagte: "Mike, fass!" Und schon bin ich los.
SPIEGEL: Und außerhalb des Rings, wie waren Sie da?
Tyson: Da war ich ein Ruhm-Junkie ohne ein Fitzelchen Selbstwertgefühl. Ich war ein Niemand. Geld war mir egal, nur Ruhm konnte meine innere Leere füllen. Ich dachte, Geld sei etwas für die Schwachen. Für die Idioten, die nicht mit Armut umgehen können. Ich war völlig übergeschnappt. Mir war bewusst, dass ich am Ziel wäre, wenn ich gegen Berbick gewinnen würde. Ich wäre berühmt. Ich wollte es unbedingt schaffen. Ich erinnere mich noch, dass ich Tripper hatte, ich muss vor dem Kampf bei einer Prostituierten gewesen sein. Es hat gebrannt wie die Julisonne.
SPIEGEL: Sind Sie stolz darauf, der jüngste Weltmeister geworden zu sein?
Tyson: Damals war es für mich das Größte überhaupt. Aber jetzt? Heute interessiert mich nur noch, wie ich meine Rechnungen bezahlen kann, ich habe jede Menge Schulden. Meine Titel bedeuten mir gar nichts.
SPIEGEL: Warum haben Sie dann die Gürtel aufbewahrt, die Sie gewonnen haben?
Tyson: Keine Ahnung. Sie gehören in den Müll. Wissen Sie, was das Beste war, das ich jemals getan habe?
SPIEGEL: Nein.
Tyson: Vom Boxen zurückzutreten. Ich hätte es jedoch früher tun sollen. Schon beim Fight gegen Lennox Lewis vor zehn Jahren ging es mir nur noch um den Scheck, ich wusste, dass ich keine Chance haben würde. Boxen hat mich verrückt gemacht. Mein Ego hat mich verrückt gemacht. Ich war mein leidenschaftlichster Fan. Die größte Konkurrenz für jede Frau, die mich angemacht hat, war ich selbst. Ich war zu jung, alles ging viel zu schnell, ich hatte keine Chance, mich zu entwickeln. Ich war ein Arschloch, ein Spinner, ein Verrückter, ein besessener Irrer, ein retardierter Psychopath, ein hemmungsloses Stück Scheiße. Im ersten Teil meines Lebens war ich dabei, mich selbst zu zerstören. Ich hätte nie gedacht, dass ich 30 werde. Ich bin froh, dass ich noch lebe.
SPIEGEL: Was haben Sie sich für den zweiten Teil Ihres Lebens vorgenommen?
Tyson: Ich möchte ein guter Vater sein. Es ist mir wichtig, dass meine Kinder eine gute Meinung von mir haben, denn ich habe keine gute Meinung von mir. Ich hasse mich. Wenn ich in den Spiegel gucke, sehe ich ein Schwein. Ich versuche, mich zu wandeln, ich will ein demütiger, ein bescheidener Mensch sein, der anderen mit Respekt begegnet. Das ist anstrengend, aber ich gebe mir wirklich sehr viel Mühe, und ich denke, ich bin auf einem guten Weg. Ich werde reifer. Vielleicht sogar endlich erwachsen.
SPIEGEL: Wie sieht ein typischer Tag von Ihnen aus?
Tyson: Ich stehe früh auf, so gegen drei Uhr nachts. Zuerst bete ich, danach gehe ich sehr lange in der Nachbarschaft spazieren und höre dabei R & B auf meinem iPod. Wenn ich zurück bin, wecke ich meine Frau, füttere meine Tauben, dann jogge ich eine Stunde lang auf dem Laufband, niedriges Tempo. Anschließend mache ich 400 Bauchpressen und arbeite mit Gewichten, 1500 Armstrecker mit einer 4,5-Kilo-Hantel in jeder Hand.
SPIEGEL: Trainieren Sie noch an der Boxbirne?
Tyson: Nein, das ist vorbei. Nach dem Frühstück kümmere ich mich um die Kinder, gehe mit ihnen ins Kino oder in den Zirkus. Ich telefoniere viel, suche Jobs, spreche mit meinem Anwalt. Wenn ich unterwegs bin, nehme ich mir vor, zu Hause zu sein, bevor es dunkel wird. Das hilft, den Verlockungen der Stadt zu widerstehen. Spätestens um halb zehn bin ich im Bett. Das ist meine Routine, sie verlangt Disziplin von mir. Und Disziplin heißt, etwas, das man hasst, so zu tun, als liebte man es.
SPIEGEL: Sie gehen gar nicht mehr aus?
Tyson: Ab und zu sind wir bei Freunden zum Dinner. Oder wir treffen uns, um "Trivial Pursuit" zu spielen. Früher war ich nie zu Hause, jetzt eigentlich nur noch. Früher hatte ich stets ein Gefolge aus Schmarotzern. Ich mache ihnen keinen Vorwurf, sie haben nur die Trauben gepflückt, die ich hingehalten habe. Ich habe zu diesen Parasiten keinen Kontakt mehr. Wenn die Band aufhört zu spielen, will auch niemand mehr tanzen.
SPIEGEL: Hört sich langweilig an.
Tyson: Mag sein. Aber Langeweile bedeutet für mich Sicherheit. Ich bin ein Extremist, kenne nur schwarz oder weiß. Ich trinke keinen Alkohol, rauche nicht, nehme keine Drogen. Ich ernähre mich vegan, kein Fleisch, keine Milch, keine Eier. Ich esse Rosinen, Tomatensuppe, trinke Kamillentee. Ich wiege 100 Kilo, vor zwei Jahren waren es noch 160. Ekelhaft. Ich war das Gegenteil von dem, was ich jetzt bin. Ich war exzessiv. Der wahre Mike.
SPIEGEL: Wie ist der denn?
Tyson: Der echte Mike, befreit von seinen Fesseln? Der feiert zu viel, der geht um Mitternacht auf die Piste und macht durch bis zum nächsten Abend um zehn, schläft zwei Stunden - und dann alles wieder von vorn. Der säuft, der kokst, der lädt alle ein, der geht zu Nutten. Der vögelt die aber nicht, weil er zugedröhnt ist, sondern weil das seiner Persönlichkeit entspricht. Meine Mutter war eine Hure, mein Vater ein Zuhälter, ich komme aus einer harten Gegend, Brownsville in Brooklyn, in New York. Ich habe oft Sätze gehört wie "Lutsch meinen Schwanz" oder "Zeig mir deine Möse". Was sollte ich anderes werden als ein geiler Bock?
Mike Tyson hat acht Kinder gezeugt, mit vier Frauen. Er ist zweimal geschieden. Seine jetzige Ehefrau Kiki ist 35, die beiden kennen sich seit fast 20 Jahren, sie waren in der Vergangenheit immer mal wieder ein Paar. Kiki ist sich im Klaren über die Fehler ihres Mannes: "Mike hat mit jeder Sorte Frau geschlafen, die man sich vorstellen kann", sagt sie.
Kiki Tyson, geborene Spicer, saß vor drei Jahren für sechs Monate im Gefängnis, wegen Betrugs. An Weihnachten 2008 brachte sie Tochter Milan zur Welt. Am 6. Juni 2009 haben Mike und Kiki in Las Vegas geheiratet, in der Kapelle des Hilton Hotel, Paradise Road. Vergangenen Januar kam Sohn Morocco zur Welt. "Ich liebe Mike wirklich sehr", sagt sie. "Wir sind eine glückliche, scheinbar gestörte, aber tatsächlich sehr funktionale Familie."
Während des Interviews hält Kiki sich im ersten Stock der Villa auf, manchmal schreit Morocco, zwischendurch kommt Milan runter, drückt ihren Papa und fährt auf einem Bobby-Car durch die Küche. Je länger Tyson redet, desto stärker lispelt er, auch das Nuscheln wird schlimmer. Er beginnt zu schwitzen.
SPIEGEL: Wie wichtig ist Kiki für Ihren Lebenswandel?
Tyson: Ich verdiene sie und die Kinder nicht. Mir ist nur klargeworden, dass ich mit dem ganzen Mist aufhören muss, damit unsere Ehe eine Zukunft hat. Manchmal ist es schwer für Kiki, damit zurechtzukommen, wer ich wirklich bin. Sie achtet darauf, dass nicht zu viel auf mich einprasselt. Kiki steht nur mein Bestes zu, emotional, körperlich, geistig. Seit wir verheiratet sind, habe ich sie nicht betrogen, nicht geschlagen. Ich fühle mich verantwortlich für sie und die Kinder, und Verantwortung gibt mir Orientierung. Ich bin ein besserer Mensch geworden. Wissen Sie, ich bin nicht Mutter Teresa, aber Charles Manson bin ich auch nicht.
SPIEGEL: Zehn Tage vor Ihrer Hochzeit mit Kiki ist eines Ihrer Kinder gestorben, ein Mädchen aus einem anderen Verhältnis. Ist das auch ein Grund für Ihren neuen Lebenswandel?
Tyson: Ich weiß nichts über das Leben, ich weiß nur, dass es keine Garantie für ein Morgen gibt. Lassen Sie uns über etwas anderes reden, über etwas Gutes.
SPIEGEL: 2005 haben Sie Ihre Boxkarriere beendet, durch Ihren Kurzauftritt in der Komödie "Hangover" sind Sie vor zwei Jahren zurück ins Rampenlicht getreten. Haben Sie damit gerechnet, dass der Film so erfolgreich wird?
Tyson: Blödsinn. Ich habe die Rolle doch nur angenommen, damit ich meine Sucht finanzieren konnte. Ich dachte, ich könnte vielleicht ein paar Kopien auf der Straße verkaufen. Was cool ist: Es gibt Leute, die kennen mich nur aus dem Film, die haben mich nie kämpfen sehen, die haben nie mitgekriegt, wie ich jemanden als "Wichser" beschimpfte oder als "weiße Drecksau", die wissen nicht, dass ich Leuten damit gedroht habe, sie so lange in den Arsch zu ficken, bis sie mich mögen. All diese ekligen, hässlichen Wörter, die ich im Mund hatte.
SPIEGEL: Sie haben dann auch im zweiten Teil von "Hangover" mitgespielt, und Sie hatten eine eigene Show im Fernsehen, in der es um Ihr Hobby ging, um Tauben. Gibt es schon ein neues Projekt?
Tyson: Spike Lee wird einen Film drehen, er soll "Da Brick" heißen und basiert lose auf meiner Biografie. Ich bin der Co-Produzent. Wenn der Film gut läuft, wird er vielleicht der Start zu einer Serie sein. Es wäre ein Traum, wenn ich im Unterhaltungsgeschäft Fuß fassen könnte. Ich hätte gern ein eigenes Produktionsstudio.
SPIEGEL: Wie geht es Ihnen finanziell?
Tyson: Weiß nicht. Es würde mir bessergehen, wenn ich für dieses Interview Geld bekommen hätte. Aber das ist alles unerheblich. Entscheidend ist, dass ich die Kurve gekriegt habe.
SPIEGEL: Als Sie noch geboxt haben, galten Sie als depressiv. Wie würden Sie nun Ihre seelische Verfassung beschreiben?
Tyson: Es wird nie mehr einen Boxer geben, der mehr Pillen schluckt, als ich es getan habe. Heute nehme ich nichts mehr. Ich fühle mich vom Glück geküsst. Ich war ein zorniger junger Mann, ein Rebell, jetzt bin ich … wow, was bin ich eigentlich? Ich denke, ich bin eine Pussy. Ich gebe ein Interview, ohne bei so einer Frage wie ein Kampfhund auf Sie loszugehen. Wenn Sie so wollen, ist das meine aktuelle Depression.
In der Woche, in der dieses Interview stattfindet, trifft sich der Boxverband WBC zu einem Kongress im Mandalay Bay, einem Hotel-Casino auf dem Strip. Während der Konferenz verkauft Tyson jeden Tag Kappen und T-Shirts mit seinem Namenszug, er gibt Autogramme. "Meet Mike Tyson" steht auf dem Plakat neben seinem Stand. Ein Foto mit ihm kostet 55 Dollar, seine Unterschrift auf einem seiner Boxhandschuhe 250 Dollar.
Vielleicht 50, 60 Menschen drängeln sich eines Mittags vor ihm, aber das Geschäft läuft schlecht. Die meisten Leute sind nicht gekommen, weil sie Tyson als Boxer schätzen, sondern weil sie einen Blick auf den Freak werfen wollen, auf den "baddest man on the planet", wie Tyson genannt wurde. Schon eine Stunde vor dem geplanten Ende packt Tyson ein.
Dann trifft er später bei einer Veranstaltung auf Evander Holyfield, dem er 1997 im Ring ein Stück Ohr abgebissen hat. Tyson wurde daraufhin seine Boxlizenz entzogen, er musste drei Millionen Dollar Strafe zahlen und galt in der Öffentlichkeit endgültig als wahnsinnig.
Holyfield ist vier Jahre älter als Tyson, sieht aber zehn Jahre jünger aus. Sie geben sich die Hand wie zwei dicke Kumpel, und dann bindet Holyfield einen Weltmeister-Gürtel der WBC um Tysons Hüfte, Tyson hatte seinen alten verloren. Tyson lacht, es klingt kindlich und erwachsen zugleich, verletzlich und gemein.
SPIEGEL: Warum haben Sie Holyfield ins Ohr gebissen?
Tyson: Es war der zweite Kampf gegen ihn, und ich war so wütend. Das war ein Fehler, ein Boxer darf nicht wütend sein, er kann dann nicht gewinnen.
SPIEGEL: Warum waren Sie wütend?
Tyson: Im ersten Fight hat Holyfield mir ständig Kopfstöße verpasst, und der Ringrichter hat nichts unternommen. Im zweiten Kampf genauso, Kopfstoß nach Kopfstoß. Er hat mir absichtlich weh getan, und das wollte ich auch mit ihm machen. Ich hätte das nicht tun dürfen. Ich habe mich benommen wie ein beschissenes Kind.
SPIEGEL: Jedenfalls haben Ihre Kämpfe die Zuschauer noch fasziniert. Stimmen Sie zu, dass sich das Schwergewicht in einer Krise befindet?
Tyson: Jeder sagt, die Klitschkos seien langweilig, weil sie wissenschaftlich boxen. Die Leute wollen einen Champ, der vernichtet. Aber das ist nicht objektiv. Im Boxen geht es ums Gewinnen, und was tun Vitali und Wladimir? Sie gewinnen. Sie machen kaum Fehler, sie warten auf ihre Chance wie eine Kobra. Das sieht nicht spektakulär aus, ist aber erfolgreich. Fighter, die schön boxen, sind wie schöne Frauen: Man kann sie sich gut angucken, aber sie haben nicht unbedingt Qualität.
SPIEGEL: Bei Ihren Kämpfen hatte man oft den Eindruck, dass Sie den Gegner schon geschwächt hatten, bevor es überhaupt losging. Wie haben Sie das gemacht?
Tyson: Mein erster Schlag war, meinem Gegner in die Augen zu gucken. Sobald ich in den Ring gestiegen bin, habe ich ihn fixiert, permanent, ich habe ihn mit meinem Blick verfolgt. Wenn er zu Boden geschaut hat, wusste ich: Ich habe ihn. Und er wusste es auch. Ich hatte eben einen guten Lehrer. Alles, was ich übers Boxen weiß, habe ich von ihm.
SPIEGEL: Sie meinen Cus D'Amato?
Tyson: Er war wie ein Vater für mich.
SPIEGEL: Als Sie zwölf Jahre alt waren, hatte die Polizei Sie schon 38-mal aufgegriffen, Sie kamen in eine Schule für schwererziehbare Kinder, wo Sie anfingen zu boxen. Der Trainer dort brachte Sie zu D'Amato. Wie hat der Sie geformt?
Tyson: Cus hat mir eine Gehirnwäsche verpasst. Ich war 13, als er sagte: Du wirst mal Weltmeister. Er hat mir ständig Komplimente gemacht, ich dachte schon, er sei schwul. Dabei hatte Cus einfach nur hohe Ziele für mich, und um die zu erreichen, musste ich mich besser und größer sehen, als ich war. Aus dem Straßenjungen sollte ein Fighter werden, dem es nur darum geht, den anderen zu verwüsten. Und ich wäre lieber gestorben, als Cus zu enttäuschen. Er hat mir beigebracht, dass man ohne spirituelle Kraft, ohne Willen und Entschlossenheit kein Kämpfer wird. Sein Credo war: Um regieren zu können, musst du gedient haben. Er war mein König.
SPIEGEL: Er hat Ihren Boxstil entwickelt, den er "Peek a Boo" nannte, abgeleitet vom Kinderspiel Guck-Guck.
Tyson: Ich war für einen Schwergewichtsboxer leicht und klein, 98 Kilo bei einsachtzig. Um den Nachteil auszugleichen, sollte ich die Deckung sehr hoch nehmen, dann … warten Sie, ich zeig's Ihnen …
Tyson steht schwerfällig auf, als wäre er 70, ballt die Fäuste, hebt sie auf Augenhöhe, und dann beginnt er, mit einer Leichtigkeit und in einem atemberaubenden Tempo, mit dem Oberkörper zu pendeln, er weicht imaginären Schlägen aus, taucht unter ihnen hindurch und feuert in hoher Frequenz seine Hiebe ab.
Tyson: Es sieht etwas dämlich aus, am Anfang haben sich auch alle lustig gemacht, aber ich habe dafür gesorgt, dass ihnen das Lachen vergeht. Heute kann das keiner mehr, den Boxern fehlt die Koordination. Geschwindigkeit ist wichtig, Geschwindigkeit tötet. Ein Boxer muss wie Wasser sein: Wasser kann jede Form annehmen, es ist unzerstörbar und vernichtend, wenn es schnell genug anrauscht.
SPIEGEL: 1990 haben Sie gegen den 1:42-Außenseiter James "Buster" Douglas verloren, es war Ihre erste Niederlage als Profi, zum ersten Mal überhaupt gingen Sie k.o. Wie konnte das passieren?
Tyson: Weil ich verrückt war, Mann. Cus war tot und ich ein blasierter Kotzbrocken. Die Leute, die früher noch nicht einmal auf mich gespuckt hätten, wollten auf einmal meine Füße küssen. Ich dachte, ich sei der König der Welt. Ich habe Partys gefeiert, statt zu trainieren.
SPIEGEL: Nach wie vor verbindet fast jeder mit Ihrem Namen die Gefängnisstrafe wegen Vergewaltigung. Denken Sie noch oft an die drei Jahre hinter Gittern?
Tyson: Nein. Ich habe im Loch gesessen und mich dumm gefühlt. Ich habe mich gefragt: Was mache ich hier? Dann habe ich viel gelesen, Che Guevara und Mao Tse Tung. Mao sagt: "Wer eine Sache nicht untersucht hat, der hat kein Recht mitzureden." Das gefällt mir.
SPIEGEL: Sie sind während der Haft zum Islam konvertiert, Ihr muslimischer Name lautet Malik Abdul Aziz. Als Sie rauskamen, sind Sie als Erstes in eine Moschee gegangen. Wie religiös sind Sie?
Tyson: Ich war kein guter Christ, und ich bin wahrscheinlich auch kein guter Muslim, obwohl ich 2010 nach Mekka gepilgert bin. Aber ich glaube, es gibt jemanden, der mein Schicksal lenkt.
SPIEGEL: Haben Sie sich frei gefühlt, als Sie entlassen wurden?
Tyson: Ich fühle mich bis heute nicht frei. Das hat nichts mit körperlicher Freiheit zu tun. Ich habe im Knast Typen getroffen, die sitzen für den Rest ihres Lebens, aber die waren trotzdem frei - im Geist. So gesehen bin ich ein Gefangener, wahrscheinlich für den Rest meines Lebens.
SPIEGEL: Seit Ihrer Kindheit züchten Sie Tauben. Was bedeuten Ihnen die Tiere?
Tyson: Als Junge war ich kurzsichtig und dick, ich hatte Asthma. Eines Tages war da so ein Kerl, der hat mich drangsaliert, der hat mich gezwungen, seinen Taubenschlag zu säubern. Ich habe das gemacht und mich dabei in die Vögel verliebt. Ich bin dann immer freiwillig zum Putzen gekommen, weil ich zu den Vögeln wollte. Als ich etwas älter war, habe ich mir selber welche gekauft. Die Tauben beruhigen mich. Wenn ich bei ihnen bin, fühle ich mich geborgen, ich gehöre dahin.
SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie sich wegen einer Taube zum ersten Mal geprügelt haben?
Tyson: Ein Junge aus der Nachbarschaft hatte eine meiner Tauben geklaut. Als ich ihm sagte, er solle sie mir wiedergeben, hat er ihr den Hals umgedreht. Da habe ich ihn vermöbelt.
SPIEGEL: Wissen Sie noch, wie der Junge hieß?
Tyson: Gary Flowers. Den Namen werde ich nie vergessen.
SPIEGEL: George Foreman hat mit 48 noch geboxt. Können Sie sich vorstellen, wieder in den Ring zu steigen?
Tyson: Nein, ich bin kein Boxer mehr. Ich bin ein anderer Typ geworden. Ich bin nicht mehr in der Lage, jemanden einzuschüchtern, ich flöße niemandem mehr Angst ein mit meiner Erscheinung. Ich habe den Biss nicht mehr.
SPIEGEL: Welchen Platz werden Sie in den Annalen des Boxens einnehmen?
Tyson: Keinen besonders guten, nehme ich an. Ich hätte der Größte werden können, aber ich habe es versaut.
SPIEGEL: Bereuen Sie irgendetwas?
Tyson: Nein, nichts.
SPIEGEL: Mr. Tyson, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte der Redakteur Maik Großekathöfer.
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 1/2012
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