02.01.2012

Mitleid verboten

FILMKRITIK: „Ziemlich beste Freunde“ verwandelt das Drama eines Rollstuhlfahrers in eine Komödie.
Paris bei Nacht, ein Sportwagen fährt durch die Avenuen, ein schwarzer Maserati, viel zu schnell. Der Fahrer ignoriert rote Ampeln, er rast, er hat offenbar viel Spaß: Im Autoradio läuft Earth, Wind & Fire auf voller Lautstärke. Es dauert nicht lange, bis die Polizei hinter dem Maserati her ist, mit Blaulicht. Was die Polizisten nicht ahnen: Sie verfolgen gerade einen Behindertentransport.
Mit dieser Szene beginnt "Ziemlich beste Freunde", eine Komödie aus Frankreich, dort der erfolgreichste Kinofilm des Jahres 2011, seit Anfang November 16 Millionen Zuschauer, eine Sensation. Im Original heißt der Film "Intouchables", die Unberührbaren, gemeint sind der Fahrer des Maserati und sein Passagier, zugleich ein Abbild der Pariser Klassengesellschaft, wie es so im französischen Kino noch nie zu sehen war, schon gar nicht in einer Komödie.
Am Steuer des Maserati sitzt Driss, ein junger Schwarzer mit der Statur eines Zehnkämpfers, kahlrasiertem Schädel und einem kleinen Brillanten im linken Ohrläppchen. Als ihn die Polizisten schließlich stoppen können und mit vorgehaltener Pistole zum Aussteigen zwingen, bleibt Driss cool; er hat erkennbar Routine im Umgang mit Polizisten.
Auch Philippe, der Beifahrer und Eigentümer des Wagens, ein Herr von Anfang fünfzig, soll aussteigen. Er würde es gern, er kann aber nicht. Philippe ist querschnittgelähmt, seit einem Unfall beim Gleitschirmfliegen vom Hals an abwärts paralysiert. Im Kofferraum liegt sein Rollstuhl.
Philippe (François Cluzet) und Driss (Omar Sy) sind in verschiedenen Welten zu Hause, der eine ganz oben, der andere in der Banlieue. Driss, geboren im Senegal, ist aufgewachsen in einem jener trostlosen Pariser Vorstadtghettos, deren Existenz die meisten Franzosen zu ignorieren versuchen, jedenfalls solange dort keine Autos brennen wie im Krawalljahr 2005. Nicolas Sarkozy, damals Innenminister, qualifizierte sich seinerzeit für höhere Auf-gaben mit dem Versprechen, er werde die
Banlieues "mit dem Kärcher vom Gesindel säubern". Er meinte Menschen wie Driss, der ein halbes Jahr im Knast war wegen Beteiligung an einem Raubüberfall.
Philippe, verwitwet, eine Adoptivtochter, lebt in einem Luxuskokon, einem Palais im Stadtteil Saint-Germain-des-Prés, umgeben von Antiquitäten, Ölgemälden und einer Schar Hausangestellter. Nur die Stelle des persönlichen Krankenpflegers ist gerade wieder vakant. Geduld ist nicht Philippes Stärke, der Umgang mit dem Rollstuhlfahrer eine Herausforderung fürs Personal.
Rückblende und Auftritt Driss, der nur deshalb zum Vorstellungsgespräch für den Pflegejob erscheint, weil die Bürokratie es so will. "Ich brauche drei Absagen fürs Arbeitsamt", erklärt er fröhlich. Driss hat gelernt, Zurückweisungen als Normalität zu betrachten. Er hat einen raubauzigen Charme, der ihm erlaubt auszusprechen, was er denkt. "Bleiben Sie sitzen, ich finde allein raus", sagt er zu Philippe. Doch der, genervt von den anderen Kandidaten, servilen Langweilern allesamt, lässt ihn nicht gehen. Driss bekommt den Job, zur Probe. Der junge Mann aus der Banlieue zieht in ein Gästezimmer des Palais.
Philippes Verwandtschaft ist entsetzt: "Sei vorsichtig, die Jungs aus der Vorstadt kennen kein Mitleid", warnt einer. "Genau das will ich: kein Mitleid", sagt Philippe.
Patient und Pfleger kommen sich schnell näher, es geht nicht anders. Driss muss Philippe morgens aus dem Bett wuchten, er muss ihn waschen, anziehen, in den Rollstuhl heben und dort festschnallen, damit er nicht herausfällt, er muss ihn füttern und ihm das Telefon ans Ohr halten. "An Ihrer Stelle würde ich mir die Kugel geben", sagt Driss. "Auch das ist schwer für einen Querschnittgelähmten", sagt Philippe. Beide lachen.
Es ist diese Art von Sarkasmus, die "Ziemlich beste Freunde" auszeichnet. Die konsequente Vermeidung von Rührseligkeit, der flapsige Ton wirken ansteckend. Der Krüppel und der Pfleger aus dem falschen Viertel teilen die Erfahrung, Außenseiter zu sein. Das verbindet.
Stellvertretend für die Zuschauer stellt Driss Fragen, die sonst im Umgang zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen meist taktvoll verschwiegen werden. Was, zum Beispiel, ist mit Sex? Die einzig verbliebenen erogenen Zonen, erklärt Philippe, seien seine Ohren: "Manchmal", juxt er, "sind sie morgens sogar ein bisschen steif." - "Alle beide?", fragt Driss.
Man könnte diese Geschichte leicht als Märchen abtun. Doch der Film, inszeniert vom Regisseur-Duo Olivier Nakache und Eric Toledano, beruht auf Tatsachen, auf der Autobiografie von Philippe Pozzo di Borgo, ehemals Chef der Champagner-Dynastie Pommery. 1993, im Alter von 42 Jahren, stürzte er mit dem Gleitschirm ab; seitdem ist er querschnittgelähmt. Kurz darauf heuerte er als Pfleger Abdel Sellou an, einen arbeitslosen Kleinkriminellen aus Algerien. Die beiden wurden Freunde.
Die große Resonanz des Films beim Publikum hat französische Kritiker dazu gebracht, "Intouchables" als "soziale Metapher" zu interpretieren: Das "in Privilegien erstarrte alte Frankreich" verbinde sich "mit der Lebenskraft junger Einwanderer", kommentierte "Le Monde".
Im wirklichen Leben hat Philippe Pozzo di Borgo diese Formel für sich optimiert: Er heiratete eine Marokkanerin und lebt heute mit ihr in Essaouira, Marokko.
Kinostart: 5. Januar.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 1/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Mitleid verboten

  • Neue iPhones im Test: "iPhone 11 ist ein No-Brainer"
  • Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle
  • E-Zigaretten-Verbote in den USA: Ist das Dampfen zu gefährlich?
  • Video aus Saudi-Arabien: "Man sieht sich als Opfer einer brutalen Anschlagsserie"