09.01.2012

„Dünnhäutig und nachtragend“

Sind Einschüchterungsversuche durch Politiker die Ausnahme oder Standard?
Die Präsidentenmaschine auf dem Rückflug von Kuwait nach Berlin, am Abend des 13. Dezember: Christian Wulff hat einen anstrengenden Tag hinter sich, nun zieht er die Bilanz seines Besuchs am Golf, stolz berichtet er von seiner Begegnung mit dem Emir.
Aber die mitreisenden Journalisten sind an seinem Hauskredit interessiert. Die Stimmung in der Kabine wirkt zunehmend aufgewühlt.
Da meldet sich eine Reporterin der Regenbogenpresse zu Wort. Sie will etwas über die schönen Dinge erfahren, die ihre Leserinnen interessieren. Also spricht sie über die Ohrringe von Bettina Wulff, in denen sie Brillanten mit Saphiren erkannt haben will. "Sind Sie so ein großzügiger Ehemann, wie ihn sich jede Frau wünscht? Oder ist das eine Leihgabe?", fragt die Journalistin sinngemäß.
Eine Wulff-Sprecherin kann dies nicht bestätigen, doch Teilnehmer erinnern sich: Der Bundespräsident habe genervt seine Stimme erhoben. Ihm reiche es jetzt, es müsse doch mal genug sein.
Nachrichten über ein umstrittenes Privatdarlehen des Bundespräsidenten waren zu diesem Zeitpunkt noch keine 24 Stunden alt, aber das Klima zwischen Wulff und Presse war offenbar bereits vergiftet. Oder fiel der frühere Landespolitiker nur in ein altes Muster zurück?
Christian Wulff und die Medien, dieses Thema reicht über das zunächst symbiotische und dann zerstörerische Verhältnis zwischen ihm und der "Bild"-Zeitung hinaus. Auch in der Regionalpresse, auch im Fernsehen gab und gibt es Beschwerden über den einstigen CDU-Ministerpräsidenten, über seine Einmischungs- und Anbiederungsversuche.
Prekäre Tauschgeschäfte, in denen Nähe und Exklusivität anscheinend gegen wohlwollende Berichterstattung zu haben waren, Drohungen, wenn es anders lief - all das offenbart ein merkwürdiges Verständnis von Pressefreiheit; darüber herrschte in den vergangenen Tagen schnell Konsens. Fraglich aber blieb, ob das Publikum ein einzigartiges Schauspiel erlebte. Oder ob es nur einen seltenen Einblick bekam in eine Welt, in der Politiker und Journalisten Allianzen schließen, von denen die Öffentlichkeit nichts erfahren soll.
"Die Einschüchterungsanrufe überraschen mich kein bisschen, er war schon immer so", sagt Paul-Josef Raue. Er war Chef der "Braunschweiger Zeitung", als Wulff in Niedersachsen regierte.
Unmissverständlich, so Raue, habe er damals in einem Kommentar Wulffs Nähe zur "Bild"-Zeitung kritisiert. Ihn störte besonders, wie verständnisvoll das Springer-Blatt - anders als bei anderen Politikern - dessen Scheidung begleitete und die neue Freundin Bettina einführte. Danach sei der niedersächsische Regierungssprecher Olaf Glaeseker auf ihn zugekommen, erinnert sich Raue: "Er hat mir mit harten Worten die Meinung gesagt", so der Journalist. "In der Folge kamen wir kaum noch an den Ministerpräsidenten heran." Glaeseker hat Fragen zu dieser Episode nicht beantwortet.
Sogar auf einer von der Zeitung 2008 organisierten Kinder-Pressekonferenz gab es Schelte vom Landesvater. "Ich bin bei Kritik, wenn sie unberechtigt ist, manchmal sehr grimmig", sagte er einer Schülerin. An kritische Berichte erinnere er sich sogar "noch 20 Jahre später": "Manchmal schocke ich Redakteure, die in der Zeitung etwas geschrieben haben, und sage: damals, 1981, linke Spalte, dritte Seite - und das nehmen die mir manchmal übel."
Das Fazit von Raue, heute Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen": "Wulff reagiert häufig dünnhäutig und nachtragend, das ist ein Charakterzug bei ihm."
Bürgermeister, Landräte, Ministerpräsidenten: Wer über sie kritisch berichtet, muss harsche Anrufe und Briefe der Betroffenen ertragen können. Das gehört zum Geschäft.
Trotzdem sind viele Chefredakteure erstaunt über die jüngsten Vorgänge. "Es kommt immer wieder mal vor, dass politisch Verantwortliche versuchen, über den Chefredakteur Berichte zu verhindern", gelungen sei das aber noch keinem, sagt Sven Gösmann von der "Rheinischen Post" in Düsseldorf: "Eine derartig dreiste Einschüchterung, wie sie jetzt offenbar vom Bundespräsidenten mit ,Bild' versucht worden ist, habe ich allerdings nie erlebt. Und ich kenne auch niemanden, der so dumm ist, Drohungen auf eine Mailbox zu sprechen."
Auch Rüdiger Oppers, Chef der "Neuen Ruhrzeitung/Neuen Rheinzeitung" (NRZ), musste schon mit wütenden Provinzfürsten kämpfen, als er über einen SPD-Spendenskandal in Moers berichtete: Der Verwaltungschef rief an und drohte, ähnlich wie aktuell Wulff, mit Klagen. SPD-Funktionäre forderten zum Boykott der Zeitung auf. Der Chefredakteur machte den Einschüchterungsversuch öffentlich. Am Ende entschuldigte sich die SPD.
Auf der Ebene der Landes- oder Bundespolitiker hingegen, sagt Oppers, seien ihm solche Einflussnahmen vor der Drucklegung "noch nie" begegnet. Diese Einschätzung teilen viele. "Je lokaler, desto gravierender", so bewertet auch Christoph Grote Versuche von Politikern, sich einzumischen. Grote ist Geschäftsführer der "Oldenburgischen Volkszeitung" in Vechta und kennt Wulff aus seiner Zeit als Chefredakteur der Hannoverschen "Neue Presse".
"So etwas wie Wulffs Anrufe habe ich in meinen 16 Jahren als politischer Berichterstatter nicht erlebt", erklärt auch Christoph Irion, Chefredakteur des "Reutlinger General-Anzeigers".
Sein Kollege vom mecklenburgischen "Nordkurier", Michael Seidel, beobachtet eine Professionalisierung im Umgang von Politikern mit Medien, umso mehr verstört ihn Wulffs Verhalten. Für den Bundespräsidenten hat er einen Rat, den er normalerweise nur erzürnten Lokalpolitikern gibt: "Entweder Sie kämpfen mit offenem Visier oder gar nicht."
Haben Seidel und seine Kollegen recht, dann hat sich Wulff im Umgang mit der Presse wie ein beleidigter Landrat verhalten, der vom Gemeindeblatt Gehorsam verlangt.
Allerdings reichen die Folgen solchen Verhaltens bei Wulff weit über den Dorfrand hinaus. Im Norddeutschen Rundfunk erinnert man sich noch heute daran, wie der damalige hannoversche Ministerpräsident mehr Berichte aus der Region verlangte, etwa über den "Tag der Niedersachsen". Auch Spiele aus der Fußball-Regionalliga sollten übertragen werden und abendfüllende Sendungen über die Kommunalwahl. Sigmar Gabriel, der vorher SPD-Ministerpräsident in Hannover war, konterte: Wulff wolle sich "die Medien zur Beute machen".
Natürlich setzt sich jeder Politiker für ein positives Image seiner Region - und seiner selbst - in den Medien ein. Wulff aber muss sich mehr Mühe als andere gegeben haben. Illustrierte waren begeistert über den Politiker, die "Bunte" druckte häufig Geschichten über sein junges Glück ("Muss Liebe schön sein").
"Für ,Bunte' ist ein relativ junger Bundespräsident mit einer attraktiven Frau ein Eyecatcher", sagt Chefredakteurin Patricia Riekel. "Da taucht eine sehr schöne, junge Frau auf, der Ministerpräsident trennt sich für sie von seiner ersten Ehefrau, das war für uns ein emotional guter Stoff."
Von Frank Hornig, Alexander Kühn, Marcel Rosenbach und Barbara Schmid

DER SPIEGEL 2/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Dünnhäutig und nachtragend“

  • DFB-Sieg gegen Nordirland: "Der Eindruck bleibt bestehen"
  • Pompeo zu israelischen Siedlungen: "Wir geben den Ansatz der Obama-Regierung auf"
  • Proteste in Hongkong: Studenten verbarrikadieren sich in Universität
  • Unwetter in Österreich: Lage entspannt sich, Gefahr bleibt