09.01.2012

Ein Herz für Tiere

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE: Warum eine römische Straßenkatze zehn Millionen Euro erbte
Wer in Rom nach einer Katze fahndet, die zur Millionärin geworden sein soll, landet bei Silvia Viviani. In den Tempelruinen am Torre Argentina hat die Signora, 72 Jahre alt, ehemals Sopranistin an der Oper von Rom, streunenden Katzen ein Heim geschaffen, es ist das bekannteste Katzenasyl der Stadt.
Silvia Viviani steht zwischen Säulenstümpfen in der Wintersonne, hat ein lilafarbenes Tuch um ihr Haar geschlungen, kratzt Futter aus Dosen und streicht über räudiges Fell, ihre glockenhelle Stimme klingt erregt.
Ja, sagt sie, von dieser Geschichte hat sie gehört: Eine anonyme Witwe habe ihrem Kater gut zehn Millionen Euro vererbt, so stand es in den Zeitungen; sie selbst habe E-Mails erhalten, von Katzenfreunden aus aller Welt, die wissen wollten, ob sie Details kenne. "Ich weiß nur", sagt Signora Viviani, "dass Katzen angefahren und ausgesetzt werden. Allein bei 'Aristocats' werden sie zu Erben." Sie glaube nicht an Märchen, sagt sie, so etwas machten vielleicht durchgedrehte Amerikaner, aber doch nicht Römer, die seien geizig und müssten sparen, vor allem jetzt, in der Krise.
Es klingt plausibel, was Viviani sagt, nach einem Besuch bei ihr glaubt man an eine Zeitungsente. Zwei Tage später allerdings ist ein Mann am Telefon, der behauptet, er sei der Testamentsvollstrecker. Giacinto Canzona, Anwalt, ist bekannt für seltsame römische Fälle, er hat einen Priester verteidigt, der betrunken Auto fuhr, nachdem er vier Abendmahlmessen hintereinander gehalten hatte, oder eine Nonne, deren Oben-ohne-Fotos bei Facebook landeten. Jetzt berichtet er von einer 94-jährigen Toten und ihrem steinreichen Kater.
"Von wegen Walt Disney, es ist wahr", sagt Canzona und fuchtelt in seiner Kanzlei mit einem Testament: Seine verstorbene Klientin heiße Maria, ihr Nachname, man möge Verständnis haben, bleibe anonym bis zur Testamentsvollstreckung. Ihr Mann, ein Bauunternehmer aus Potenza, sei vor 30 Jahren gestorben, es gebe keine Angehörigen. Die Witwe war getrieben von der Angst, der Staat könne sich ihr Geld unter den Nagel reißen, "diese Angst ist nicht ungewöhnlich in diesen Tagen", sagt der Anwalt. Sie lebte voller Sorge, dass der Kater nach ihrem Tod wieder dort landen könnte, wo sie ihn gefunden hatte, auf der Straße. Alle weiteren Details kenne Stefania C., die letzte Vertraute der Witwe.
Stefania C., 48 Jahre alt, ist Krankenschwester. Im Gegensatz zu dem Anwalt scheut sie die Aufmerksamkeit, keine Besuche, keine Fotos, sie spricht nur am Telefon. Sie sagt, sie fürchte den Neid der Nachbarn. Sie sei keine Erbschleicherin, sie habe jetzt viel Geld und viele Sorgen.
Sie habe die Witwe in einem Park im Norden Roms kennengelernt. Maria erzählte von ihrem Kater, den sie in einem Müllcontainer gefunden habe. Ein mageres pechschwarzes Junges, es kratzte an den Müllsäcken und miaute. Maria holte es in die große, leere Villa, das war vor vier Jahren. Sie sprach mit dem Kater wie mit einem Kind, das sie nie gehabt hatte, sagt Stefania, Maria nannte ihn Tommasino, kleiner Thomas, "sie tat mir leid".
Ob sie Tommasino nach ihrem Tod zu sich nehmen könnte, fragte Maria vor ein paar Monaten. Selbstverständlich, sagte Stefania. Sie hat eine behinderte Tochter, die Katzen liebt, nicht viel Platz, aber ein großes Herz.
Maria entschlief sanft am 23. November. Stefania ging zur Beerdigung, außer dem Anwalt und ihr war niemand da, er zeigte ihr das Testament, ein mit altmodischer Schrift beschriebenes Papier.
Alleinerbe, stand da, sei der Kater. Ihm stehen die Villa sowie Wohnungen in Rom und Mailand zu, Ländereien in Kalabrien und 1,5 Millionen Euro auf zwei Bankkonten. Weil aber auch in Italien Tiere nicht erbberechtigt sind, solle sie, die treusorgende Begleiterin, das Erbe verwalten. Zinsen und Gewinne aus Verkäufen solle sie gemeinnützigen Vereinen geben. "Ein Pelzmantel ist nicht drin", sagt der Anwalt, "nur Spenden für Tiere und Waisenkinder, so hat es die Witwe verfügt."
Stefania C. schluckt am Telefon, sie sagt, sie sei immer noch erschüttert. "Ich habe einen Kater geerbt - aber wer konnte ahnen, dass es ein gatto milionario ist", ein millionenschwerer Kater aus dem Müll?
Seit Weihnachten wohnt Tommasino bei ihr, und sie hat sich geschworen, so weiterzuleben wie bisher. Sie will Krankenschwester bleiben und den Kater mit Dosenthunfisch füttern. An das Erbe versuche sie nicht zu denken: "Das macht der Anwalt, für mich ändert sich nichts."
Als die Opernsängerin Silvia Viviani im Katzenasyl von Tommasino hört, als sie erfährt, dass es den Kater wirklich gibt in dieser Stadt, klagt sie im Sopran: "Uns laufen jedes Jahr über tausend Katzen zu, wir müssen sie füttern und kastrieren und bekommen keinen Cent vom Staat." Seine neue Besitzerin solle sich bei ihr melden, sie könne helfen, das Geld im Sinne der Verstorbenen zu verteilen.
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 2/2012
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