09.01.2012

ESSAYVom Schlingern der Galeere

Bio-philosophische Betrachtungen über die obskuren „Märkte“
Historische Umwälzungen kennzeichnen sich durch eine merkwürdige Ungleichzeitigkeit. Während man dabei ist, erscheint einem das Unvorhergesehene als eine Abfolge kleinerer Vorhersagbarkeiten, die Revolution oft nur als eine Summe von Reformen. Der Kairos, der historische Augenblick der Entscheidung, ist erst im Nachhinein erkennbar; im Leben der Gegenwart gibt es nur den Chronos, den immer gleichen Takt zerfließender Echtzeit.
Dass Angela Merkel und Nicolas Sarkozy derzeit versuchen, die Finanzmärkte gegen die Finanzmärkte zu retten, wird späteren Chronisten ein schulterzuckendes Lächeln abnötigen. Denn dass Europas Volkswirtschaften sich kranksparen sollen, um ihre Schulden gesundzuschrumpfen, ist eine historische Caprice, die schon heute zu Recht mit den unglückseligen Tagen und Taten des Reichskanzlers Heinrich Brüning verglichen wird: das Löschgerät im Einsatz als Brandbeschleuniger.
Das Prinzip, das hinter Merkels und Sarkozys Entscheidung steht, ist der Primat der nächstliegenden, vermeintlich risikoärmsten Entscheidung. Doch die Summe der naheliegenden Schritte ist oft ein Weg in die falsche Richtung.
Wenn Staaten sparen, schrumpfen Volkswirtschaften, sinkt die Kaufkraft, erhöht sich die Arbeitslosigkeit, verarmen die Mittel- und die Unterschichten, steigt das Risiko von Unzufriedenheit und von Unruhen. Unter den vier Möglichkeiten der Stunde - Sparen, Steuererhöhungen, Schuldenschnitt, gezieltes Herbeiführen von Inflation - ist Sparen letztlich sogar die gefährlichste.
Der Grund, warum die Verringerung der Staatsausgaben gleichwohl als einzige Lösung präsentiert (wenn auch nicht praktiziert) wird, ist die Angst vor etwas, was man in Vorständen und im Volksmund "die Märkte" nennt. Gemeint ist das Treiben der globalen Finanzwirtschaft, deren Macht beschworen und gefürchtet wird.
Die Frage aller Fragen, die erstaunlich selten gestellt wird, ist: Was tun die Märkte eigentlich von sich aus gegen ihren Zusammenbruch? Oder konkreter: Warum kommen die Pläne zur Rettung der finanzwirtschaftlichen Ordnung nicht aus der Finanzwirtschaft selbst? Denn wer sollte ein größeres Interesse daran haben, dass dieser Patient, der offensichtlich vor dem Exitus steht, weiter lebt, als die Finanzmärkte und ihre Protagonisten?
Doch statt guter Vorschläge herrscht das ganz große Schweigen! Womit haben wir es hier zu tun? Mit einem uneinsichtigen Raucher, der auch im Todeskampf von der Kippe nicht lassen will? Die Ideenlosigkeit von Banken, Versicherungen, Hedge- und Pensionsfonds, wenn es darum geht, die Zukunft ihrer eigenen Geschäfte zu sichern, ist frappierend. Das Versagen der oft beschworenen Selbstheilungskräfte des Marktes hat die handelnden Personen in Trotz erstarren lassen.
Als im 18. Jahrhundert in Europa offene Handelsstaaten und internationale Märkte entstanden, genährt aus dem Geist des Liberalismus, spielten die Liberalen, die Whigs, eine Trumpfkarte gegen das Gottesgnadentum der marktängstlichen Tories aus. Einen Gott nämlich, der sichtbar Werte schaffte: Fabriken, Profite und Renditen. Den Ökonomen jener Zeit erschien der Finanzmarkt nicht nur als ein Markt unter anderen, sondern als jener, der Märkte überhaupt erst ermöglichte, ein Markt der Märkte. Ohne Kredite keine Investitionen, ohne Banken keine Expansion. Dass der Aufstieg der Finanzhäuser und Bankverflechtungen mit dem Kampf um mehr Demokratie einherging, ist kein Geheimnis. Es gibt eine Vorliebe von Banken für Marktwirtschaft und Demokratie. Sie stellen - historisch belegt - die weitaus verlässlicheren Schuldner. In Monarchien und Aristokratien dagegen ging der zyklische Schuldenschnitt oft genug mit dem Tod des Regenten einher.
Doch was für ein Geflecht, welches "Monster" gar, wie Altbundespräsident Horst Köhler meinte, ist daraus mit der Zeit entstanden? Und ist nicht schon der Begriff "Markt" in seiner ganzen biedermeierlichen Beschaulichkeit von Wochen- und Jahrmarkt ein unpassendes Wortkleid für einen Vorgang ohne echten Raum und mit Geschäften in der Geschwindigkeit von Millisekunden?
Man wird dem Phänomen wohl nur gerecht, wenn man es bio-philosophisch mit dem Begriff der Emergenz erklärt. Was die englischen Psychologen Conwy Lloyd Morgan und Samuel Alexander in Bezug auf die Herausbildung des Bewusstseins annahmen - dass es mehr sei als die Summe seiner Teile -, gilt offensichtlich auch in sozialen und ökonomischen Systemen. Das Kennzeichen solcher Systeme: So, wie sich Organismen nicht auf die Eigenschaften ihrer Gene reduzieren lassen, so ist die Gesellschaft mehr als die Summe der an ihr beteiligten Menschen. Ihre Eigenschaften sind andere.
Auch Märkte, insbesondere die Finanzmärkte, verfügen über andere Eigenschaften als Banken, Schattenbanken, Zentralbanken, Versicherungen, Pensionsfonds oder öffentliche Finanzinstitute. Sie sind Prozesse kollektiven Handelns, die sich selbst organisieren, ohne dabei (anders als einzelne Akteure des Marktes) an einem kollektiven Ziel orientiert zu sein. Dass das Kapital mehr ist als die Summe der Kapitalisten, wusste schon Karl Marx. Seine politische Ökonomie freilich scheiterte an einem anderen Phänomen solcher Systeme, nämlich an deren Unvorhersagbarkeit. Die Summe der Einflüsse, Selbstverstärkungsprozesse und Rückkopplungen in ihnen sprengt jede Berechnung. Hier liegt der Grund für die gegenwärtige Konfusion in den Wirtschaftswissenschaften, die ja keine exakten Wissenschaften sind, sondern Schulen, Lehren und Glaubensgemeinschaften.
Kein Wunder auch, dass ein alter Banker wie Hilmar Kopper jüngst im SPIEGEL-Gespräch im Zweifelsfall anderen Marktteilnehmern wie den Pensions- und Hedgefonds die Schuld in die Schuhe schieben will. Diese hingegen werden mit gleichem Unrecht die Schuld vermutlich bei den Banken suchen. Dass dieses System keine Schuldigen kennt, ist zweifellos richtig. Dass "Geiz und Gier", wie Kopper meint, die Essenz der Märkte sein soll, erklärt allerdings auch nichts. Nicht um die Kapitalisten und deren wie auch immer gearteten Antriebe geht es in diesem Spiel - es geht einzig um das Funktionieren eines Systems.
Doch statt dieses System genauer zu beschreiben, wird es von Ökonomen, Politikern und Journalisten unzulänglich psychologisiert. Nichts Alberneres, als wenn vor den Fernsehnachrichten der Börsenausblick kommt wie danach der Wetterbericht. Die gleiche Präsentation, die gleiche Sprache. Der Wechselwind dreht die Kurse, die Märkte trüben sich ein oder spielen verrückt. Schicksalsergebenheit hier wie dort. Sandmännchen für Erwachsene.
In der Realität jenseits der Medien und Metaphern aber können Märkte gar nicht "nervös" und folglich auch nicht "beruhigt" werden; sie "misstrauen" auch nicht und "schöpfen keinen Verdacht", denn sie sind keine Individuen, nicht einmal ein Kollektiv von Individuen. Menschen haben Absichten, Interessen, Wünsche und Ängste - Märkte nicht. "Nervös" ist nicht der Markt, sondern es sind seine Analysten und Analytiker.
Dass der Markt der Märkte keine Psychologie im menschlichen Sinne hat, erkennt man an seiner grundsätzlichen Nichttherapierbarkeit. Die Tiefenpsychologie versagt. Weder Eros noch Thanatos treiben ihn an. Und das Unbehagen in der Kultur der Finanzmärkte folgt keinem unbefriedigten Lust-, geschweige denn einem Realitätsprinzip. Der Finanzmarkt ist auch nicht Folge einer kollektiven Zwangsneurose. Wäre der Finanzmarkt ein Subjekt, hätte er heute ein Identitätsproblem. Aber da er dies nicht ist, ist ihm nicht zu helfen mit strengeren Eigenkapitalvorschriften (zur Hebung des Selbstwertes), durch die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken (Totem und Tabu) oder die Einführung von Finanztransaktionsteuern (Resozialisierung).
Statt den Finanzmarkt als emergentes System zu begreifen, hat seine Personifizierung als Akteur, als Patient oder Monster einen Mythos geschaffen, der zugleich seine Unbesiegbarkeit gewährleistet. Entsprechend schicksalsergeben gebärdet sich die Politik. Überzeugte Atheisten und Atheistinnen knicken vor der unsichtbaren Macht der Märkte ein und sinken ergeben auf die Knie, wenn die Hohepriester des Mammons raunen, der Markt der Märkte habe sein Vertrauen in ihr Volk verloren. Die Crux dahinter ist leicht benannt: Wie will man einer Sache Herr werden, die man nicht einmal adäquat beschreiben kann?
Der erste Punkt, den es zu verstehen gilt, ist das Gesetz der Selbstorganisation. Nicht die Protagonisten der Finanzindustrie bestimmen den Finanzmarkt, sondern seine Regeln tun es. Schon aus diesem Grund reagieren Banker häufig empfindlich gegenüber dem Wort "Regulation". Der Finanzmarkt schafft seine Ordnung aus sich selbst. Dabei ist er gleichwohl auf Input angewiesen, nämlich auf die Nahrung aus der Realwirtschaft.
Es gehörte zu den gefährlichsten Mythen der jüngsten Vergangenheit anzunehmen, der Finanzmarkt schaffe aus sich selbst heraus Werte. Von Lobbyisten vorgesäuselt und von Politikern geglaubt, bleibt dies eine der absonderlichsten Wahnideen unserer Zeit. Doch was vor Jahrhunderten galt, gilt auch heute: Vom wechselseitigen Geldverleihen wird keiner reich.
Der Finanzmarkt ist an Bedingungen gebunden, die er nicht selbst frei erzeugen kann: an die Realwirtschaft und an eine bestehende Vertrauenskultur. Nur im Verbund mit beidem kann er erfolgreich zur Wirtschaftsleistung beitragen. Biologisch betrachtet ist er ein Paradox, er agiert parasitär symbiotisch.
Parasitär ist er, weil er sich aus der Realwirtschaft nährt, wobei der Wirt immer den Kürzeren zieht. Symbiotisch zur Realwirtschaft kann er gleichwohl sein, indem er ihre Samen weiterträgt und neues Terrain erschließt. Sein einziger Erfolgsmesser ist die Reproduktion in Form von Geld. Seine Qualität ist seine Quantität - nicht anders bewerten Biologen den Erfolg von Organismen. Gegenüber der Reproduktion steht jeder andere Gradmesser biologischer Fitness zurück - der Grad der Intelligenz, Kultur, Schönheit, Emotionalität, Moral. Ebenso in der Finanzwirtschaft. Wann immer eine Marktnorm auf eine Sozialnorm trifft, wird diese kannibalisiert.
Will man den Finanzmarkt mit einem Organismus vergleichen, so bietet sich naheliegend ein Vergleich aus der Welt der Hydrozoen an - zu den Siphonophoren. Diese auch "Staatsquallen" genannten Nesseltiere treiben freischwimmend im Ozean. Ihre berüchtigtste Vertreterin ist die gefürchtete Portugiesische Galeere (Physalia physalis), eine Seeblase. Siphonophoren sind einzelne Polypen, die sich zu einem hochkomplizierten Gesamtgebilde aus Hunderten oder Tausenden von Tieren zusammensetzen.
Sie betreiben, zoologisch beschrieben, "Stockbildung". Dabei spezialisieren sich die Einzeltiere auf bestimmte Funktionen. Manche sorgen für die Nahrungsaufnahme, andere für die Abwehr von Feinden, wieder andere bilden Fangfäden aus oder sind zuständig für die Fortpflanzung. Die einzelnen Tiere bilden damit einen Super- und Supraorganismus zugleich. Wie beim Finanzmarkt oder den Finanzmärkten kann man sich folglich nicht sicher sein, ob man im Singular oder Plural von ihm/ihnen sprechen soll.
Das Prinzip der "Arbeitstheilung" der Staatsquallen, wie der Zoologe Ernst Haeckel es im 19. Jahrhundert beschrieb, lässt bei gleichzeitigem Leben im Kollektivsingular der "leiblichen und geistigen Verschmelzung" zwei Selektionsmechanismen wirken: Spezialisierungs- und Konformitätsselektion. Wer mitmacht, muss sich beidem beugen, bei See- wie bei Finanzblasen. Niemand ist für das Ganze zuständig. Und ein Banker, der nicht nach Gewinnen giert, passt nicht zum Stock, er wird ausselektiert. Transaktionen auf dem Finanzmarkt sind keine Charakter-, sondern eine Systemfrage.
Die strukturelle Analogie von Finanzmarkt und evolutionärer Gruppenselektion systembildender Organismen erscheint weniger verblüffend, wenn man weiß, dass sie kein Zufall ist, sondern von Menschen gemacht. Die Finanzökonomie, die pures Wachstum zum Maßstab macht, steht in unmittelbarer Korrespondenz zur Entstehung der Evolutionstheorie. Denn Charles Darwin hatte sein Naturgesetz von der unbarmherzigen Selektion der Fittesten nicht nur nüchtern der Natur abgelauscht, sondern ebenso dem Zeitgeist des viktorianischen Englands.
Karl Marx, ein Kritiker unter Darwins Bewunderern, amüsierte sich darüber, wie dieser "unter Bestien und Pflanzen seine englische Gesellschaft wiedererkennt". Umgekehrt inspirierte Darwin die Theoretiker des imperialen Seehandels und der Finanzwirtschaft. Die Bewertung der Finanzmärkte ist bis heute unverändert viktorianisch: Quantität ist Qualität! Moral hat im Wettkampf der Banken mit Versicherungen und Fonds so viel verloren wie beim Mörderfrieden am Gartenteich: Der Frosch lauert auf die Libelle, die Ringelnatter auf den Frosch und der Graureiher auf die Ringelnatter.
Die Parallele zwischen Evolutionstheorie und modernem Banking reicht bis weit in die Gegenwart. Harry Markowitz' Portfolio-Theorie entwickelt sich in den fünfziger Jahren parallel zur Populationsbiologie Ronald Aylmer Fishers; das Capital-Asset-Pricing-Model über die Gleichgewichtskurse für Risikokapital zeitgleich mit der Diskussion um das ökologische Gleichgewicht (balance of nature) in den Sechzigern. Die Blasenbildung des Marktes zur monetären Überexpansion von Schulden wie Vermögen, die Überpopulation der Finanzgeschäfte nach Ausrottung regulierender Prädatoren in Form von Gesetzen und Steuern - all dies lässt sich in Begriffen der Biologie beschreiben.
Wie die Staatsquallen reagieren die ungestört ziellos umhertreibenden Märkte einzig auf Impulse, die als blitzschnelle Reize in Millisekunden weitergegeben werden. Hochpräzise im Detail, aber vollkommen gleichgültig gegenüber dem Ganzen. Dass der Mangel an Kontrolle zur Überpopulation, zu hochverdichteter Kreditintensität führt und diese unweigerlich zum Massensterben, sprich in die Rezession, ist seit den Tagen des Nobelpreisträgers James Tobin so bekannt wie ignoriert.
Auf den entfesselten Finanzmärkten lebt ein Rest von viktorianischem Sozialdarwinismus fort. Die Agenda der demokratischen Gesellschaften ist deshalb leicht formuliert: Es geht darum, die Moral der Finanzmärkte auf das Niveau unserer Zeit zu bringen. Diese Umkehr wird nicht von Ökonomen im Gewand sogenannter Technokraten gedacht und verantwortet werden können. Wer glaubt, in der gegenwärtigen Situation gehe es um die Beseitigung technischer Mängel in der Finanzwirtschaft oder in der Europäischen Union, unterschätzt die Lage.
Der Finanzmarkt in seiner gegenwärtigen Form gefährdet nicht nur Banken, Unternehmen, Institutionen und Staaten, er ruiniert zugleich unsere Alltagskultur. Der Siegeszug des Kosten-Nutzen-Kalküls als gesellschaftliche Leitvorstellung verdankt sich dem Leitbild von Bankern und Brokern seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Andere Leitkulturen vom Wertkonservativismus über alle Sozialutopien einschließlich des Christentums sind seine Opfer.
Eingeleitet werden kann diese Wende nur von Wissenschaftlern, deren Gegenstand die Gesellschaft, nicht der Markt ist. Die sozialen, politischen und moralischen Zusammenhänge, um die es geht, sind weit größer als die Ökonomie. Die Folgen der Verengung des politischen Handelns auf kurzfristige ökonomische Effizienz hat nicht nur Europa schief zusammenwachsen lassen. "Wirtschaftskompetenz" in den letzten Jahrzehnten in Westeuropa hieß: Märkte öffnen und Steuern senken. Wirtschaftskompetenz hieß: auf die Einflüsterer der großen Konzerne hören. Wirtschaftskompetenz hieß: sich von Marktforschern und lobbyfinanzierten Instituten die Zukunft vorhersagen zu lassen. Wirtschaftskompetenz hieß: gesellschaftliche, soziale und kulturelle Werte, ohne die unsere Marktwirtschaft langfristig gar nicht bestehen kann, zu vernachlässigen.
Mit einem vermeintlichen Gesundschrumpfen der westlichen Gesellschaften aber werden gerade jene immateriellen Qualitäten weiter zerstört. Wenn unsere zum großen Teil todkranken Kommunen in immer schnellerem Takt ihre Theater und Konzerthäuser schließen, ihre Jugendheime und Gemeindehäuser, wenn sie ihre Schulen verkommen lassen müssen, "weil sie über ihre Verhältnisse gelebt" haben sollen, während gleichzeitig die Gewinne der oberen Zehntausend sich vervielfachen, wird klar, worin der Lösungsvorschlag der Technokraten liegt. Was noch in Kommunal- oder Staatsbesitz ist und theoretisch renditefähig, soll veräußert werden.
Nicht die Quallen sollen also dezimiert, sondern deren Lebensräume vergrößert werden.
Die Alternative dazu gilt den Technokraten als Teufelswerk. Eine Politik mit einer Vision, einem demokratischen Ziel: eine europaweite Harmonisierung der Finanzsteuern. Ein verbindliches Signal gegen den volkwirtschaftlich schädlichen Unterbietungswettbewerb der Niedrigsteuerprostitution. Darüber hinaus dürften Banken, Fonds und Versicherungen in Zukunft den Staaten keine Anleihen mehr abkaufen. Das Wohl der europäischen Staatsbürger dürfte nicht weiter den Zuckungen des Marktes überlassen bleiben. Stattdessen liehe die Europäische Zentralbank (möglicherweise über den europäischen Rettungsschirm EFSF) den Staaten zu niedrigen Zinsen das benötigte Geld auf einem Markt, der kontrolliert ist, überwacht und vor allem: gemeinnützig.
Finanzgeschäfte, die volkswirtschaftlich gefährlich und ohne jeden Vorteil sind, wie etwa Hedgefonds, müssen, wo sie sich nicht verbieten lassen, geächtet werden! Für jede anständige Bank sollte gelten: So etwas tut man nicht! Nicht anders in der Welt der Schattenbanken. Wer Aktienpakete anonym kauft und verkauft, verstößt gegen die ehrbare Kaufmannsordnung - mit ihm treibt man keinen Handel.
Banken, Pensionsfonds und Versicherungen brauchen sich vor alldem nicht zu fürchten. Die Portugiesische Galeere wird nicht aussterben durch die scharfe Kontrolle ihres Bestands. Ganz im Gegenteil. Man muss sie vor sich selbst schützen. Ihr größter Feind sind ja gar nicht die Regulatoren, die ihre Fluktuation überwachen. Ihr größter Feind ist sie selbst, ihr bevorstehender Exitus durch Überpopulation.
Den Märkten kann man moralisch und regulativ alles antun - sie erleiden nicht mal Schmerzen dabei. Sie sind unverwundbar durch das Schwert wie ein Gott. Doch seine Schwäche ist auch ihre: Sie verschwinden mit jenen, die den Glauben verlieren.
Precht, 47, ist Bestseller-Autor ("Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?") und lehrt als Honorarprofessor an der Leuphana Universität Lüneburg.
Von Richard David Precht

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