09.01.2012

TÜRKEI„Europäisches Guantanamo“

Mahmut Şakar, 45, nach Deutschland geflüchteter An-walt des PKK-Führers Abdullah Öcalan, über die Haftbedingungen seines Mandanten und die jüngste Eskalation im Kurdenkonflikt
SPIEGEL: Die türkische Justiz hat 36 Anwälte verhaften lassen, die den PKK-Chef Abdullah Öcalan vertreten. Was wird ihnen vorgeworfen?
Şakar: Sie sollen Mitglieder einer terroristischen Organisation sein, wofür es keine Beweise gibt. Öcalan hat gegenwärtig keinen Rechtsbeistand und kann keinen Besuch empfangen. Seit Monaten wird er komplett von der Außenwelt isoliert. Sein Gefängnis auf der Marmara-Insel Imrali ist ein europäisches Guantanamo.
SPIEGEL: Ankara sieht Öcalan als Staatsfeind Nummer eins.
Şakar: Das hat die Regierung von Premier Recep Tayyip Erdogan aber nicht davon abgehalten, zwei Jahre lang Geheimgespräche mit ihm und parallel mit anderen Mitgliedern der PKK zu führen. Jeder weiß, dass für eine Lösung des Kurdenkonflikts kein Weg an Öcalan vorbeiführt.
SPIEGEL: Warum scheiterten die Gespräche?
Şakar: Die Regierung forderte eine sofortige Waffenniederlegung, die PKK mehr Demokratie und Autonomie für die Kurden. Das war Erdogan schon zu viel. Nach seiner Wiederwahl im Juni fühlte er sich offenbar stark genug, die Gespräche platzen zu lassen und neue Militäraktionen gegen die PKK durchzuführen.
SPIEGEL: Steuert die Türkei damit auf eine neue Welle der Gewalt zu?
Şakar: Die Lage ist äußerst verfahren. Ende Dezember starben 35 Zivilisten bei einem Luftangriff der türkischen Armee. Zugleich sitzen rund 5000 kurdische Politiker und Aktivisten im Gefängnis. Die Menschen sind frustriert und zornig. Damit schwinden von Tag zu Tag die Chancen, den Konflikt friedlich zu lösen.

DER SPIEGEL 2/2012
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„Europäisches Guantanamo“

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