09.01.2012

TRUPPENBETREUUNGAblenkungskräfte

Weil er findet, dass die deutschen Soldaten mit ihrem Krieg alleingelassen werden, fuhr der Schauspieler Clemens Schick über Weihnachten nach Afghanistan, um dort ein Stück aufzuführen.
Dass es auch bedrohlich werden könnte, das hatte man Clemens Schick vorher gesagt, aber was heißt eigentlich bedrohlich, wenn man irgendwo in Berlin beim Italiener sitzt?
Jetzt steht Clemens Schick auf dem militärischen Teil des Flughafens in Kabul. Grüner Helm, Splitterweste, Schutzbrille mit orangefarbenen Gläsern, die nicht zersplittern. Von seiner letzten Filmrolle trägt Schick noch einen Schnauzbart im Gesicht.
Ihm gegenüber ein Hauptfeldwebel der Bundeswehr, er sieht zäh aus, schwarzer Vollbart, bayerischer Dialekt, keine 30 Jahre alt. Er hat sechs Soldaten mitgebracht, zwei gepanzerte Fahrzeuge mit Maschinengewehr auf dem Dach, die "Dingo" heißen, sowie einen Jeep, der "Wolf" heißt. Sein Auftrag ist es, den Schauspieler Clemens Schick und seine Begleiter vom Flughafen durch die Stadt Kabul zum Camp Warehouse, wo auch die Bundeswehr stationiert ist, zu bringen.
Schick soll dort am Abend Theater spielen. Er findet, dass in Deutschland zu viel geschwiegen wird über das, was die Bundeswehr in Afghanistan tut, und dass die Soldaten mit ihrem Krieg alleingelassen werden. Schick weiß nicht, ob der Krieg richtig ist, ob er einen Sinn hat - ob, wie Peter Struck, der damalige Verteidigungsminister, es gesagt hat, hier die Sicherheit Deutschlands verteidigt wird. Das war vor rund acht Jahren, seither hat kaum jemand den Versuch unternommen, diesen Einsatz, jenseits der Floskeln von Stabilität und Bündnistreue, zu erläutern, nicht die Kanzlerin, nicht der Bundespräsident. Am Ende des Revolutionsjahres 2011, das der Welt neben Aufständen und Krisen auch das Ende Osama Bin Ladens gebracht hat, wirkt der Afghanistan-Krieg aus der Zeit gefallen. Er hat inzwischen seine eigene Wirklichkeit, die in Deutschland nur noch schwer vermittelbar ist.
Auf der Motorhaube des "Wolf"-Geländewagens hat der Hauptfeldwebel eine Straßenkarte von Kabul ausgebreitet. Die Straßen tragen Phantasienamen, die Soldaten nennen sie Desperado oder Bottle, die größte Straße heißt Highway 7.
Für den Highway 7 ist an diesem Morgen eine "Suicide Vehicle Borne IED" angekündigt, sagt jetzt der Hauptfeldwebel. IED meint eine selbstgebaute Taliban-Sprengladung; Vehicle Borne bedeutet Autobombe, und Suicide heißt, dass der Fahrer das Auto zum Explosionsort fährt, um dort zu sterben.
Der Hauptfeldwebel sagt, bei einer "Ansprengung" sollten Schick und seine Begleiter nicht vom "Kfz absitzen". Vielmehr würden seine Leute absitzen und den "Fünffünfundzwanzig" durchführen: den Explosionsort erst in einem Radius von 5, dann von 25 Metern sichern.
Schick schaut den Transportführer an. Vielleicht wird das immer Unbegreifliche des Kriegs ja ein bisschen erträglicher, wenn man ihn in eine Art Comicwelt überträgt. Desperado. Suicide Vehicle Borne IEDs. Fünffünfundzwanzig.
Schick hat schon zweimal in Militärcamp-Kulissen gedreht, einmal für seine Rolle im James-Bond-Film "Casino Royale", davor für den Zweiten-Weltkriegs-Film "Duell - Enemy at the Gates". Er spielt häufig abgründige, gewalttätige Figuren, oft übernimmt er die Stunts selbst. Er hat gelernt, wie man schießt, damit es cool aussieht. Er weiß, wie man aus Flugzeugen springt und dabei feuert und wie Nahkampfszenen realistisch wirken. Eigentlich kommt er vom Theater, vier Jahre Schauspiel Hannover, er hat den "Tod" im Salzburger "Jedermann" gespielt, und als er in den Neunzigern noch Barmann in Berlin war, hat die Heroin-Fotografin Nan Goldin ihn auf ihren Abgrundsbildern verewigt. Und in diesen Tagen kann man sich im Internet die überästhetisierte Hipster-Interpretation eines Softpornos herunterladen, Schick in der männlichen Hauptrolle. Er ist jetzt 39.
Auf diese Reise hat er zwei Freunde mitgenommen, Kameraleute, die ständig filmen. Das macht die Bundeswehr nervös. Die Soldaten sind angehalten, sich die Namensschilder, die mit Klettverschluss an ihre Brust geheftet sind, abzureißen. Werden Soldatennamen in dieser Geschichte genannt, sind sie verändert.
Und so entstehen hier verschiedene Wirklichkeitsebenen. Irgendwo ganz unten vergraben liegt die Wirklichkeit des Kriegs, die unbegreiflich bleibt. Darüber kommt das, was das Militärische daraus macht mit seiner eigenen Sprache, seinem eigenen Protokoll, den Phantasienamen. Und darüber schließlich liegt die Wirklichkeit, in der ein bekannter Schauspieler vorkommt, der dabei gefilmt wird, wie er ein Militärcamp besucht.
"Suicide Vehicle Borne IED", sagt Schick. "Aha."
"Außerdem wissen wir von einem grünen Pick-up, der seit Tagen präsent ist, meine Leute kennen den schon. Innerhalb der nächsten nunmehr noch 28 Stunden soll zusätzlich ein Toyota Corolla, Farbe Weiß, aktiv sein. Außerdem sind im Raum Kabul City heute Nacht zehn Insurgents aus Pakistan eingeflossen. Die sollen ebenfalls zur Umsetzung kommen."
Umsetzung? Anschlag.
Schick setzt sich in das Panzerauto mit dem Maschinengewehr auf dem Dach, ihm gegenüber der Gunner, der durch ein Periskop aus dem Wagen hinausguckt. Als der Konvoi den Flughafen verlässt, stellt der Soldat einen Kippschalter auf "Feuer". "Klar zum Gefecht", sagt er.
Es ist der Morgen des Heiligabend.
Der Schauspieler Schick ist nun ein Truppenunterhalter. Seine Freunde aus dem Berliner Kulturbetrieb, die natürlich gegen diesen Bundeswehr-Einsatz sind, verstehen ihn nicht. "Machst du jetzt die Marlene Dietrich?", hatten sie ihn gefragt. Marlene Dietrich ist die fleischgewordene Truppenbetreuung, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war sie fast dauerhaft mit den US-Truppen unterwegs und sang ihren "Boys" das Lied der Lili Marleen, das so etwas wie die inoffizielle Hymne des Kriegs wurde, so wie die Lieder von Jimi Hendrix der Soundtrack des Vietnam-Kriegs wurden. Vor der Reise hat Schick gehört, dass einige Soldaten gestänkert haben sollen. Ein Theaterstück? Sie hätten lieber ein paar Frauen. Oder wenigstens eine Band, Rammstein vielleicht.
Kann das funktionieren? In einem Militärcamp, mitten im Krieg, ein dreimal gebrochenes, ironisches, auf ein geschultes Großstadtpublikum zielendes Ein-Mann-Theaterstück aufzuführen, einen einzigen rasenden Monolog, mit einem Bühnenbild, das nur aus einem Tisch, einem Stuhl und einer Brille besteht? Das Stück heißt "Windows oder: müssen wir uns Bill Gates als einen glücklichen Menschen vorstellen" - allein dieser Titel muss jeden Soldaten, der sie noch alle beisammenhat, zusammenzucken lassen. Schick spielt es seit einigen Jahren, er hat es in Los Angeles und Chicago gespielt, in Bern und Berlin und vor drei Jahren schon einmal, ebenfalls vor Soldaten, in Kabul, Masar-i-Scharif und Kunduz.
Der Gunner hält in jeder Hand eine Kurbel. Mit der linken verstellt er sein Blickfeld nach oben oder unten, mit der rechten nach links oder rechts. Er hält Ausschau nach dem weißen Corolla und dem grünen Pick-up. Alle viereinhalb Millionen Einwohner Kabuls scheinen auf den Straßen zu sein. Die meisten reparieren irgendetwas, Auspuffe, Ketten, Lkw-Schläuche. Jeder scheint hier ein Auto zu besitzen, die meisten einen weißen Toyota.
Während der Ausbildung haben die Soldaten gelernt, Männer mit einem Handy am Ohr als Bombenzünder zu erkennen. Hier aber hat jeder ein Handy am Ohr. Die drei Bundeswehr-Fahrzeuge fahren dicht aufeinander und verschieben sich in den Kurven, "taktisches Fahren" heißt das in der Bundeswehr-Sprache. Der bayerische Hauptfeldwebel versucht vom Beifahrersitz Kindern am Straßenrand zuzuwinken. Ein etwa zwölfjähriger Junge hebt einen Stein aus dem Schutt und wirft ihn auf den Panzerwagen. Klonk. Als der Konvoi das Camp Warehouse, in dem 150 deutsche Soldaten stationiert sind, erreicht, sagt Schick: "Als ich 2008 hier war, war ich irgendwie idealistischer. Heute glaube ich, dass der Einsatz am Ende nichts gebracht haben wird." Er will das am Abend in seinem Stück sagen.
In dem Container, in dem Schick untergebracht ist, hat der Militärpfarrer einen Weihnachtsstern im Flur aufgehängt. An einem Durchgang, neben einem Aschenbecher, steht ein älterer Hauptfeldwebel. Er raucht und murmelt vor sich hin. Man sagt, dass in Kampfverbänden auf jeden körperlich Versehrten auch ein psychisch Versehrter kommt. Doch der Hauptfeldwebel ist nicht verrückt. Er übt für das Krippenspiel, das in der Christmesse aufgeführt werden soll. "So einen Scheiß muss man hier auch noch machen."
Aber Schick hört das nicht. Er ist nun angespannt. "Es ist Heiligabend, als Soldat riskiere ich hier mein Leben, und jetzt habe ich zwei Stunden, irgendwie runterzukommen. Und dann höre ich so einem Schauspieler zu, und wenn der dann schlecht ist: Natürlich bin ich als Soldat dann sauer."
Wolfshöhle, so nennt sich die deutsche Lagerkneipe, sie ist der Spielort. Um halb neun ist sie bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Soldaten tragen ihren Tarnanzug, manche dazu eine Nikolausmütze. Alle haben ihre Heckler&Koch-Pistole umgeschnallt und mindestens eine Bierdose in der Hand.
Als Schick auf die Bühne kommt, dreht er sich zum Publikum und deutet mit einem Kopfnicken auf einen Oberst: "Wer hat den denn eingeladen?"
Grölende Soldaten, blechernes Knacken der Bierdosen. Vielleicht ist dieser merkwürdige Schauspieler da oben, der 5000 Kilometer aus Berlin herfliegt, um sie über Weihnachten zu besuchen, ja doch nicht so verkehrt? Er sieht drahtig und muskulös aus, dieser stechende Blick, dieser Porno-Schnäuzer, die Tätowierungen auf Armen und Brust.
Das Stück ist schwer zu spielen. Schick schlüpft zeitweilig in die Rolle von Bill Gates und beschreibt dessen Leben mit Frau und Tochter in seinem computergesteuerten Haus. Es ist reines Kopfkino, immer wieder wiederholt Schick die Beschreibung seiner überdrehten Szenerie, "eine Glasfront, ein rosa Oleander und meine langen blonden Haare im Wind, meine gebräunte Brust". Später gesteht Gates' Tochter den Eltern, dass sie lesbisch ist, und Maria Callas stillt ein junges Reh an ihrer Brust - das ist das Spektrum des Irrsinns in diesem Stück.
Soldaten sind es gewohnt, jemandem zuzuhören, der ihnen knappe, zielgerichtete Informationen gibt. Schick macht das Gegenteil. Er nimmt ihre Zeit und entführt sie auf eine absurde Reise, er fordert die Soldaten heraus. Aber Schick erklärt auch, warum er hier ist, und er gibt zu, dass er nicht sagen könne, ob das noch ein friedenserhaltender Einsatz ist oder nicht. Die Soldaten klatschen, sie wissen es ja auch nicht. Fragt man sie, ob es sich lohne, für diesen Einsatz auch zu sterben, lautet die Antwort, sie konzentrieren sich auf ihren konkreten Auftrag. Über die großen Zusammenhänge sollen sie nicht sprechen. Schicks Abend aber reißt für einen Moment jenes geschlossene System auf, in der eine Armee nur funktionieren kann - jene Welt aus Suicide Vehicle Borne IEDs, Straßen, die Desperado heißen, riesigen Maschinengewehren auf "Dingo"-Autos. Vielleicht sind die Soldaten dankbar dafür, dass Schick mit seinen Irritationen die Glasglocke des Militärischen durchsticht, unter der die Unordnung und Unbegreiflichkeit des Kriegs nur zu ertragen ist.
Die kulturelle Truppenbetreuung soll "das Nervengleichgewicht der Soldaten stabilisieren und so ihre Leistungsfähigkeit aufrechterhalten", schreibt der Historiker Alexander Hirt in einer Untersuchung über die Truppenbetreuung im Zweiten Weltkrieg. Man wollte "den nervlichen Belastungen des Kriegs begegnen und möglichen psychogenen Auswirkungen vorbeugen".
Deshalb haben die Amerikaner Marilyn Monroe 1954 nach Korea gebracht, wo sie vier Tage lang vor insgesamt 100 000 US-Soldaten sang. Später im Vietnam-Krieg kamen Nancy Sinatra, John Wayne oder Clint Eastwood zu den GIs, und zu den jüngsten Anti-Terror-Kriegen reiste, solange es noch schick war, das halbe Hollywood- und Pop-Establishment an, Scarlett Johansson, Robin Williams, 50 Cent. Und natürlich Bruce Willis und Arnold Schwarzenegger. Die deutschen Truppen in Afghanistan bekamen Ralf Möller und Peter Maffay.
Aber die Amerikaner haben die United Service Organisation mit weltweit 160 Büros und einem Budget von über 100 Millionen Dollar. Die Deutschen haben für die Unterhaltung von Soldaten im Einsatz ein Büro in Deutschland und in Afghanistan zwei dafür abgestellte Soldaten.
Das sind der Oberfeldwebel Markus Grothe und der Oberleutnant Tim Langhammer. Sie sind in Masar-i-Scharif stationiert, in dem gigantischen Camp Marmal, von wo aus die Bundeswehr ihren Einsatz koordiniert. Hier leben nicht 150 deutsche Soldaten, sondern circa 2400, dazu über 1000 Amerikaner und Soldaten anderer Isaf-Nationen. Viele haben das Lager noch nie verlassen, die Soldaten hier kämpfen nicht gegen die Taliban, sondern gegen die Langeweile. Die israelische Armee hat einmal herausgefunden, dass in ihren Logistikeinheiten, die weitaus weniger Gefahr ausgesetzt sind, die Zahl der psychischen Erkrankungen dreimal so hoch ist wie in ihren Kampftruppen. Grothe und Langhammer, die Betreuungssoldaten, sollen sich darum kümmern, dass hier keiner ausflippt. Schick soll hier am nächsten Abend spielen.
"Ablenkungskräfte" sagen die Amerikaner zu den eingeflogenen Künstlern. "Scheiße, ich will ja eigentlich genau das Gegenteil", sagt Schick. Er will nicht ablenken, er will drauflenken.
Der Oberleutnant Langhammer ist auch erst seit wenigen Wochen in Afghanistan, die Auftritte von Clemens Schick sind sein erster großer Job, vorher hat er als Mitglied einer Spezialeinheit der Marine vor Somalia Piraten festgesetzt. Er weiß nicht so recht, wie das eigentlich geht: Truppenbetreuung. Bis vor ein paar Wochen hat er noch mit Maske auf dem Kopf Türen eingetreten. Jetzt trägt er in Listen ein, wer welchen Tischtennisschläger ausgeliehen hat.
An einem Freitagabend haben die Soldaten eine Disco organisiert. Ein paar hundert sind gekommen, viele Amerikaner, alle in Kampfanzug, manche haben ihr Gewehr dabei. Von weitem erinnert das Bild an das Rauchen, Saufen, Drogennehmen aus den Vietnam-Filmen. In Wirklichkeit haben nur die Deutschen eine traurige Dose Warsteiner in der Hand, den Amerikanern ist Alkohol verboten. Demjenigen aber, dem das Militärische nur medial und kulturell vermittelt wurde, also fast jedem, kommen die US-Soldaten wie die schlüssigeren Krieger vor. In ihrer Kampfmontur scheinen sie sich selbstverständlicher zu bewegen, ihre M-16-Gewehre wirken wie natürliche Extremitäten ihres Körpers.
Clemens Schick steht vor der Disco draußen unter dem schwarzen Himmel und raucht eine Zigarette. Er sagt: "Ich muss etwas gestehen. Ich finde, dass das hier auch alles eine wahnsinnige Schönheit hat. Es hat eine Sexyness, wie die Soldaten tanzen, eine Aufregung, die über allem liegt." Der New Yorker Journalist Sebastian Junger schrieb nach einem Jahr, das er mit US-Kampfeinheiten in Afghanistan verbracht hatte, von der "Maschine des Kriegs und dem Sound, den sie macht, und der Dringlichkeit ihrer Anwendung und den Konsequenzen von beinahe allem": Das gehöre zu den aufregendsten Dingen, die jeder im Krieg jemals erleben werde.
Der Auftritt in Masar-i-Scharif misslingt. Anders als die Männer in Kabul bleiben die Soldaten in Masar-i-Scharif ratlos. Die Soldaten in Kabul standen unter Strom, sie sprangen auf den Provokateur Schick an, denn er half ihnen, ihren Druck loszuwerden. Sie konnten ihn hassen, ihn belächeln, ihn bewundern. Die Soldaten hier in Masar-i-Scharif sind gelangweilt. Schick wird offensiver, er sagt zu einem Soldaten in der ersten Reihe: "Wenn Ihnen das nicht gefällt, können Sie gern gehen. Ich habe kein Problem damit." Der Soldat erwidert Schicks scharfen Blick, lehnt sich zurück und bleibt sitzen.
"Das war ein Nahkampf", sagt Schick nach der Vorstellung.
"Sie sind ein surreal freidenkender Provokateur", sagt ein Stabsoffizier. Schick fragt ihn, ob er ihm in drei Sätzen erklären könne, warum die Bundeswehr hier sei und was sie mache und ob das einen Sinn ergebe, in Deutschland wisse man das nämlich nicht. Das könne er, sagt der Oberst, und spricht dann etwa 100 bis 200 Sätze, die beim 11. September beginnen, von Bündnistreue und Governance handeln und die schließlich bei der Unterdrückung der Frauen und der Sicherheit auf den Straßen enden. Und dann? "Ich bin auch skeptisch", sagt der Stabsoffizier.
Am nächsten Tag, ein "böser Tag", wie es ein Offizier ausdrückt, macht im Lager die Nachricht die Runde, dass in Taloqan, einer Provinzhauptstadt östlich von Kunduz, 19 Menschen getötet und 50 verletzt wurden. Da war sie plötzlich, die Suicide IED. Außerdem haben in der Nähe des OP North, einem Außenposten der Bundeswehr, Soldaten aus dem Ausbildungs- und Schutzbataillon, der eigentlichen Kampftruppe, seit den vergangenen Tagen immer wieder neue Sprengfallen gefunden. In Deutschland liest man davon wenig, und auch hier in diesem Legoland Masar-i-Scharif kann man sich das nicht vorstellen. Wahrscheinlich liegt genau darin das immer schwer zu Begreifende des Kriegs.
Am späten Abend läuft Clemens Schick noch einmal durch das Lager. Er wirft sein Kostüm weg. Er hat beschlossen, dass er das Stück nie mehr spielen wird. Auf dem Weg zu seinem Container kommt er an einer Kapelle vorbei. Drinnen sitzt ein Soldat am Klavier. Es ist kurz vor Mitternacht am zweiten Weihnachtstag. Es ist kalt.
Dann sagt Schick: "Ich könnte mir vorstellen, in so einem System zu leben." Er erzählt, wie er vor vielen Jahren einmal in einem Kloster gelebt hat, wie er Mönch werden wollte und wie man ihm nach acht Monaten nahegelegt hat, er solle es vielleicht doch noch einmal mit einem anderen Beruf probieren. Der Soldat spielt Chopin. Clemens Schick stellt sich vor die Kapelle und hört zu. ◆
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 2/2012
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