09.01.2012

KUNSTLöcher im Palazzo

Ein Wissenschaftler will beweisen, dass ein zerstört geglaubtes Fresko von Leonardo in Florenz noch existiert. Ein solcher Fund wäre eine Sensation, dennoch ist das Projekt umstritten.
Die sechs Löcher in dem Wandbild sehen aus wie Einschüsse. Maurizio Seracini hat sie hineingebohrt, dann gab es Ärger, er musste seine Arbeiten, zumindest für einige Zeit, stoppen.
Man kann das verstehen. Es ist ein Fresko aus dem Jahr 1565, gemalt hat es Giorgio Vasari, der auch die anderen Wandbilder geschaffen hat im weltberühmten Saal der Fünfhundert im weltberühmten Palazzo Vecchio von Florenz, damals wie heute das Machtzentrum der Stadt. Es ist eins dieser monumentalen Schlachtenbilder, viele Soldaten, viele Schwerter. Einerseits.
Andererseits: etwas statisch in der Anmutung. Nichts Aufregendes in einer Stadt, die viele atemberaubende Kunstwerke besitzt. Und Vasari? In der Spätrenaissance ein gefragter Mann mit vielen Talenten, Schriftsteller, Architekt, aber eben nur ein mittelmäßiger Maler.
Und Seracini, ein Wissenschaftler, vermutet hinter Vasaris Schlachtenfresko eine zweite Wand und darauf das Werk eines wahren Genies: ein Gemälde Leonardo da Vincis.
Seit beinahe vierzig Jahren glaubt Seracini, dass Leonardos sagenumwobene "Schlacht von Anghiari" aus dem frühen 16. Jahrhundert dort verborgen und jederzeit freilegbar sei. Durch die Bohrlöcher hindurch will er erkunden, was genau sich dort befindet. Leonardos Gemälde zu finden, in seiner Bedeutung nur mit der "Mona Lisa" vergleichbar, wäre eine Sensation in der gesamten Kunstwelt.
Aber dort sind Seracini und seine Vorgehensweise nicht willkommen. 500 Menschen, vorwiegend Kunsthistoriker aus Europa und Amerika, haben eine Petition unterschrieben, die ihn stoppen soll. Sie alle sind der Meinung, Seracini gehe zu weit, er sei ein Fanatiker, willens, ein jahrhundertealtes Bild zu zerstören.
Seracini, vor 65 Jahren in Florenz geboren, ist eigentlich Ingenieur, aber der Gegenstand seiner Forschung ist das Erbe der Kultur, die Kunst der Vergangenheit. Auf alten Gemälden kann er Dinge sichtbar machen, die das Auge so nicht erkennt, Unterzeichnungen zum Beispiel. Er sei in der Lage, sagt er, Alter und Material, originale Zustände und spätere Veränderungen zu bestimmen. Das ist etwas, was Kunsthistoriker so exakt nicht beherrschen, sie können meistens nur Vermutungen anstellen.
In Florenz betreibt Seracini eine Firma, die Museen und Sammler berät, sie ist in einem Palazzo am Arno untergebracht, junge Leute sitzen dort vor Computern und über Mikroskopen. An der Universität im kalifornischen San Diego leitet er ein Zentrum, das sich mit der naturwissenschaftlichen Erforschung von Kunst, Architektur und Archäologie beschäftigt.
Als einer der Ersten setzte er Infrarot- und UV-Strahlen zur Untersuchung von Kunstwerken ein, längst nutzt er auch ganz andere technische Möglichkeiten, Neutronenscanner etwa. Sein Stellvertreter in San Diego ist ein Professor für Virtuelle Realität. Sogar in Dan Browns Bestseller "The Da Vinci Code" kommt der technologiebesessene italienische Professor vor. Im Palazzo Vecchio aber hat er eben auch eine Bohrmaschine benutzt.
Dabei zweifeln viele Kunstexperten, dass er überhaupt etwas finden könne. Gewiss ist, dass Leonardo tatsächlich sein Schlachtenbild an eine der Seitenwände im Saal der Fünfhundert gemalt hat. Wo genau, weiß man nicht. Leonardo, der ebenfalls fasziniert von Erfindungen aller Art war, ließ sich auf ein Experiment ein: Statt die Pigmente mit Wasser anzurühren, wie es bei Fresken üblich war, verwendete er Öl. Mit Hitze wollte er die eigens präparierte Wand und die Farben untrennbar miteinander verbinden.
Mit dem Ergebnis war Leonardo angeblich unzufrieden, die Farben waren teilweise wohl verlaufen, blätterten auch ab. Es gilt als sicher, dass er das Fresko nicht einmal vollendet hat. Womöglich sah das Wandgemälde innerhalb weniger Jahrzehnte endgültig ruinös aus.
Trotzdem muss die Komposition die Besucher des Palazzos tief beeindruckt, regelrecht aufgewühlt haben. Andere Künstler haben sie abgemalt. Rubens ließ sich ein Jahrhundert später von einer Kopie zu einer Zeichnung inspirieren.
Soldaten reiten da auf Pferden, die sich regelrecht zu winden scheinen. Die Männer gehen mit gezogenem Schwert aufeinander los, und die Mimik der Gesichter wirkt abschreckend entstellt in diesem Kampf auf Leben und Tod. Leonardo selbst schilderte in seinen Schriften die "angstvollen Augen", die er gemalt habe, einer der Männer nehme "mit Zähnen und Nägeln grausam wilde Rache".
Auch erhaltene Skizzen weisen darauf hin, dass diese Darstellung von Aggression und Angst damals keinem anderen Künstler so überzeugend gelungen war wie ihm. Diese Choreografie eines Kampfes habe, so schwärmen die Kunsthistoriker, den unwiderstehlichen Drang der Schöpfung zum Chaos verkörpert. Mehr ist kaum möglich.
Das Werk existierte nur für kurze Zeit, doch es hat die Kunst bereichert, es hat sie angespornt und vorangetrieben. Als aber in Florenz - nach dem faktischen Ende der Republik - die wiedererstarkten Medici in den Palazzo Vecchio einzogen, engagierten sie Giorgio Vasari für den Umbau und die neue Dekoration. Sie wollten ein Bildprogramm, das den eigenen Clan verherrlichte.
Wegen seiner "Viten", der von ihm verfassten Lebensgeschichten von Malern, gilt Vasari als Urahn der Kunstgeschichte, auch als jemand, der Maler zu Helden erhob und so die moderne Künstlerverklärung vorwegnahm. Leonardo etwa verehrte er als einen Meister, der wegen seiner vielen Vorzüge von Gott selbst beschenkt worden sei. Für Seracini ist der schwärmerische Vasari auch ein ernsthafter Denkmalschützer gewesen.
Er glaubt, Vasari habe das Meisterwerk Leonardos zuvor mit einer Schutzmauer und womöglich zusätzlich mit einer schützenden Farbschicht regelrecht konserviert. So habe er es auch mit einem Fresko in einer Kirche gehandhabt, das er für wichtig hielt: Florenz war nun einmal eine Stadt, in der stets neue Werke die ältere Kunst verdrängten. Doch Vasari schätzte das Vorhandene oft sehr, und er liebte Rätsel. An einer Stelle seines eigenen Wandbilds im Palazzo Vecchio brachte er eine Inschrift an, die Seracini für eine versteckte Botschaft hält: "Wer suchet, der findet." Hier, so vermutet der Wissenschaftler, sei für seine Suche die richtige Stelle.
Er hat den gesamten, mehr als tausend Quadratmeter großen Saal in den vergangenen Jahren auf jede denkbare Weise durchleuchten und ausmessen lassen, zuletzt mit einem Georadar, mit dem sonst ganze Erdschichten untersucht werden. Hinter dem Bereich der Seitenwand, auf dem sich Vasaris Spruch befindet, glaubt der Wissenschaftler einen schmalen Hohlraum entdeckt zu haben, der ein Hinweis darauf sein könnte, dass dort tatsächlich zwei Mauern hintereinanderstehen. Dann kam der Bohrer.
Aus Seracinis Sicht ist sein Vorgehen minimalinvasiv. Er und sein Team haben das Gerät an sechs Stellen angesetzt, an denen die Farbe von Vasaris Bild ohnehin abgeplatzt ist. Zwei der Öffnungen scheinen ein von Vasari gemaltes Pferd zu durchlöchern. Durch die Bohrungen wollte Seracini mit einem Videoskop - einer winzigen, in diesem Fall vier Millimeter breiten Kamera auf einem beweglichen Hals - in den Hohlraum hinter der Wand gelangen. Wegen der Petition gab es allerdings neue Auflagen, und die besagten, er dürfe das Objektiv nur durch zwei der sechs Löcher führen.
Seracini sorgt sich, dass seine Suche wegen dieser Einschränkungen leidet. Was er bislang gesehen habe, zeige ihm aber, dass er auf dem richtigen Weg sei. Mehr will er nicht verraten. Stattdessen verweist er auf die Untersuchungen der Gesteinsproben, die er entnommen hat und auf denen er Pigmente vom Leonardo-Fresko zu finden hofft. Noch arbeitet das Labor, in dieser Woche sollen die chemischen Analysen abgeschlossen sein.
Mit seiner Untersuchung zerstöre er nichts, sagt Seracini, er zünde ja keine Atombombe. Er versuche, Fakten zu liefern und so den Kunsthistorikern deren Forschung zu erleichtern, die selten auf Fakten beruhe. Auch der Kunstmarkt handle gern mit Werken, die nie eingehend geprüft worden seien. Der Kampf der Kunstwelt gegen ihn, sagt Seracini, sei ein Kampf gegen die Möglichkeiten der Wissenschaft.
Doch seine Gegner haben das Gefühl, dass da jemand Kunstgeschichte inszeniere. Die US-Mediengruppe National Geographic finanziert die Suche mit 250 000 Dollar. Als Gegenleistung durfte das Unternehmen die Spurensuche filmen und würde im Januar wohl auch gern Ergebnisse verkünden.
Matteo Renzi ist der junge Bürgermeister von Florenz. Von seinem mit feinster manieristischer Malerei ausgestatteten Büro im Palazzo Vecchio sind es ein paar Schritte zum Saal der Fünfhundert. Er hat den Vertrag mit National Geographic ausgehandelt, er nennt die Vorwürfe gegen Seracini "eine billige Polemik". Doch in der zuständigen Restaurierungsbehörde hat sogar die Abteilungsleiterin für Wandmalerei die Verantwortung für dieses Vorhaben abgegeben - sie brachte "ethische Gründe" an.
Der Bonner Kunstgeschichtsprofessor Georg Satzinger, einer der Unterzeichner der Petition, spricht von einem verantwortungslosen Vorgehen. Ohne Not werde ein intaktes Bild perforiert. Dabei sei das Charisma von Leonardos Schlachtenbild hinreichend dokumentiert - "die Idee lebt, auch ohne das Original".
Und was hätte es denn schon zu bedeuten, fragt Satzinger, wenn Seracini winzige Farbpartikel von Leonardos Bild fände? Solle man dann doch das Fresko Vasaris zerstören oder es zumindest aus einem in sich geschlossenen Bildprogramm reißen, um ein "schon zu Leonardos Zeiten verwestes Wandgemälde zu gewinnen"?
"Es ist so", sagt er, "als ob man eine Leiche zu retten versucht und dafür einen Lebenden im Stich lässt."
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 2/2012
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