09.01.2012

ZDF„Wir jagen nicht“

Moderator Rudi Cerne, 53, über sein Dienstjubiläum, zehn Jahre beim ZDF-Klassiker "Aktenzeichen XY" (Mittwoch, 11. Januar, 20.15 Uhr)
SPIEGEL: Macht es für den Zuschauer einen Unterschied, ob er einen Mord im "Tatort" miterlebt oder in Ihrer semidokumentarischen Verbrecherjagd?
Cerne: Der Gruselfaktor von "Aktenzeichen XY" ist höher, weil wir echte Fälle behandeln. Als Kind hat mich die Sendung irritiert. Ich war neun, als "XY" 1967 startete. Damals konnte ich nicht trennen zwischen Fiktion und Realität. Alle Krimis, die ich bis dahin gesehen hatte - ob es Edgar-Wallace-Filme waren, nach denen ich kaum einschlafen konnte, oder die US-Serie "Dezernat M" mit Lee Marvin -, endeten damit, dass der Täter gefasst wurde. Ich habe mich lange gewundert, warum sie das bei "XY" nicht hinkriegen, obwohl man den Schurken doch die ganze Zeit rumlaufen sieht.
SPIEGEL: Darsteller spielen echte Fälle nach - das zeigen Privatsender heute ganze Nachmittage lang, in Billigserien wie "K 11 - Kommissare im Einsatz" oder "Richter Alexander Hold".
Cerne: "Aktenzeichen XY" muss man als frühe Form von Reality TV sehen. Und es war eine der ersten interaktiven Sendungen: Die Zuschauer werden gebeten, die Ermittlungen der Polizei zu unterstützen. So etwas gab es vorher nicht.
SPIEGEL: Die Polizei fahndet mittlerweile sogar über das soziale Netzwerk Facebook. Wirkt "Aktenzeichen XY" dagegen nicht antiquiert?
Cerne: Wir haben eine Aufklärungsquote von 42 Prozent und um die fünf Millionen Zuschauer. Die Sendung hat sich ihrer Zeit immer angepasst.
SPIEGEL: Ist sie brutaler als früher?
Cerne: Wir wollen bewegen, nicht schockieren. Wenn Polizisten in einem ausrangierten Zug in einer Reisetasche den Torso einer Leiche entdecken, zeigen wir nicht den verstümmelten Körper, sondern die entsetzten Beamten.
SPIEGEL: In den ersten Jahren wurde "XY" als "Menschenjagd" kritisiert.
Cerne: Wir jagen nicht, wir suchen Täter. Schlimm ist es doch nur, wenn jemand zu Unrecht verdächtigt wird. Mir ist das selbst mal passiert. Ich weiß es genau, es war am 27. Dezember 1978, als ich am Flughafen Düsseldorf verhaftet wurde. Ein Herr hatte in mir den RAF-Terroristen Christian Klar erkannt. Tatsächlich gab es ein Fahndungsfoto, auf dem Klar mir ähnelte. Man hat mich schnell wieder laufenlassen.

DER SPIEGEL 2/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZDF:
„Wir jagen nicht“