09.01.2012

NIGGEMEIERS MEDIENLEXIKONBa|che|lor

der; sprich: "Bätscheler". Kuppelshow rund um einen ebenso benannten Schönling, dem 20 irgendwie paarungswillige Frauen zugeführt werden.
Es ist leicht, das Programm von RTL mit Niedertracht, Gier und Geschmacklosigkeit zu erklären. Dabei ließe es sich - fast - ebenso leicht als Ausdruck sozialen Engagements verstehen. Wie viele Menschen hat allein "Deutschland sucht den Superstar" von der Straße geholt und ihnen das Gefühl gegeben, wichtig zu sein und Talent zu haben (allen voran Dieter Bohlen). Schuldnern und Messies, Ausreißern und Hartz-IV-Empfängern, Bauern und Frauen - allen reicht RTL seine helfende Hand und seine Knebelverträge.
So darf man auch in der Wiederaufnahme der selig verdrängten Sendung "Der Bachelor" nicht allein ein Zelebrieren von Dekadenz, Oberflächlichkeit, Beklopptheit und den Werten der fünfziger Jahre sehen. Es ist auch ein Rettungsprogramm für Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind. Einige der 20 Ladys, die einen ihnen vorher unbekannten Mann um die Wette erobern, hatten schon seit langem keine richtige Beziehung mehr. Keine von ihnen hat bisher ihren Traummann gefunden, obwohl dessen wichtigste Qualitäten überschaubar scheinen: Groß soll er sein und sich von ihnen verwöhnen lassen.
So wie Paul (Bild). Sein Schicksal ist es, gepflegt, gebildet, durchtrainiert, kontaktfreudig und erfolgreich zu sein. Ein solcher Mann hat doch, wenn RTL nicht hilft, zwischen Beruf, Sport, Körperpflege, Sonnenbrilleaufsetzen, Strähnchenmachen, Föhnen, Föhnen und Föhnen keine Chance, die richtige Frau zu finden. RTL weiß, worauf es ankommt bei der Partnerwahl: auf "Charakter und innere Werte", wie der Samt-Sprecher aus dem Off raunt. Oder wie der Bachelor es später formuliert: "Waren einige Hot Chicks dabei."
Leider scheint es ein Naturgesetz zu sein, dass der Sender, wenn er seinem Helfersyndrom nachgibt, die Not nicht lindern kann, ohne sie zu vergrößern. So muss der Sprecher betroffen sagen: "Auch wenn der Bachelor wusste, was auf ihn zukommt - die Situation ist belastend." Die Situation nämlich, aus 20 Frauen, die ihre Restwürde komplett aufgegeben haben, um sich ihm an den Hals zu werfen, gleich am ersten Abend nicht mehr als 15 auswählen zu können. Mehr Mitleid als mit ihm hat man als Zuschauer nur mit sich selbst.

DER SPIEGEL 2/2012
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