16.01.2012

Tsunami über Hannover

Regierungschef McAllister kann zur Aufklärung der Affäre wenig beitragen. Wulffs Stab hinterließ ein aktenfreies Büro.
Manchmal reicht ein Mettbrötchen, um den Unterschied deutlich zu machen. Der niedersächsische Regierungschef David McAllister hatte beim Neujahrsempfang der Bremer CDU über die Energiewende gesprochen, die Euro-Krise, den Fachkräftemangel. Kurz vor Ende seines Vortrags aber erwähnte er wie zufällig einen Zeitungsartikel, den er gelesen habe. Darin seien Mettbrötchen vorgekommen. "Sie wissen alle", sagte er mit einer Kunstpause, "ich mag Mettbrötchen lieber als Kaviar." Die Zuhörer verstanden den Wink sofort - und klatschten begeistert.
McAllister, der Bodenständige. Wo immer der 41-Jährige in den vergangenen Tagen erschien, versuchte er mit solchen Anspielungen die Unterschiede zwischen ihm und seinem Vorgänger Christian Wulff herauszustellen, ohne illoyal zu wirken. Wulff, so seine Botschaft, mag rote Teppiche und reiche Freunde. Ich leiste mir allenfalls einen Strandkorb in Cuxhaven. Wulff laviert bei seinen Antworten auf Journalistenfragen herum. Ich habe nichts zu verbergen.
Dass Wulffs Kampf ums Präsidentenamt bis nach Hannover durchschlägt, davon wissen die Mitarbeiter der Staatskanzlei erkennbar genervt zu berichten. Sie sollen Hunderte Fragen zu der Causa beantworten, doch es fehlen wichtige Akten. Zudem hat Wulff seine wenigen Vertrauten mitgenommen, seinen Sprecher Olaf Glaeseker und Lothar Hagebölling, früher Chef der Staatskanzlei, nun Leiter des Bundespräsidialamts.
"Ich habe ein aktenfreies Büro übernommen", klagt Glaesekers Nachfolger in Hannover, Franz-Rainer Enste. Der 58-jährige Jurist ist ein freundlicher Mann, ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Doch nun habe sich ein regelrechter "Anfragen-Tsunami" über ihn ergossen, ohne dass er sich mit den Vorgängen auskenne.
Etliche Fragen etwa drehen sich um eine Megaparty, die Wulffs Duzfreund, der Eventmanager Manfred Schmidt, im Dezember 2009 veranstaltete. Glaeseker war maßgeblich eingebunden, hat Sponsoren gesucht und Schriftwechsel geführt. Enste gelang es, drei Blatt Papier aufzufinden, Wulffs damalige Rede. Der Rest blieb bislang verschwunden.
Abgetaucht ist auch Glaeseker selbst, seit Wulff ihn um die Jahreswende entlassen hat. Oft bleibe den Mitarbeitern nur, anhand Wulffs alter Terminkalender Begebenheiten zu rekonstruieren. Aber hat jeder dort eingetragene Termin wirklich stattgefunden? Und wie exakt ist der Planer geführt worden?
Mühsam gestaltet sich auch die Zusammenarbeit mit dem Bundespräsidialamt, das gibt schon das Protokoll vor. Alle Fragen müssen schriftlich nach Berlin übermittelt werden.
Ausgesprochen wissbegierig sind zudem die Oppositionsparteien. Die Grünen reichten einen Katalog mit 100 Fragen ein. Die SPD zog mit 62 Fragen nach. Bis Mitte dieser Woche soll alles beantwortet sein, verspricht McAllister. Niemand soll ihm vorwerfen, die Aufklärung zu verschleppen.
Die Fraktion der Linken treibt derweil die Eskalation weiter, ein Untersuchungsausschuss soll die Wulff-Regentschaft aufarbeiten. Dem aber dürfte kaum entsprochen werden. Die Juristen im Landtag haben herausgefunden, dass Wulff nicht nach Hannover zitiert werden kann. Der Bundespräsident dürfte allenfalls im Schloss Bellevue befragt werden, unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Die SPD wiederum fürchtet, dass die Regierungsparteien CDU und FDP in Sachen Wulff frühere sozialdemokratische Regierungschefs als Zeugen laden könnten. Auch die hatten bekanntlich gönnerhafte Freunde.
Von Michael Fröhlingsdorf

DER SPIEGEL 3/2012
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