16.01.2012

BRASILIENHerrschaft der Amazonen

Präsidentin Dilma Rousseff ist schnell aus dem Schatten ihres Vorgängers getreten. Nach einem Jahr im Amt ist sie beliebter, als Staatschef Lula es war. In Brasília regieren nun die Frauen.
Das Herz der Macht schlägt im vierten Stock des Palácio do Planalto in Brasília. Livrierte Kellner mit Kaffeetabletts huschen über die Gänge des Regierungspalasts, hohe Funktionäre warten in den Vorzimmern, in den Amtsstuben rauscht die Klimaanlage.
Planungsministerin Miriam Belchior eilt vorbei, sie besucht Kabinettschefin Gleisi Hoffmann, es geht um ein milliardenschweres Investitionsprogramm zur Armutsbekämpfung. Unterwegs grüßt Ideli Salvatti aus ihrem Büro, sie ist für die Beziehungen der Regierung zum Kongress zuständig. Zwei Stockwerke tiefer telefoniert Pressechefin Helena Chagas, mehrere Damen werten im Vorzimmer die Tagespresse aus.
Wo man auch hinkommt im weißen Marmorpalast: überall Ministerinnen, Beraterinnen, Referentinnen, Sekretärinnen. Nur die Kellner und die Sicherheitsleute am Eingang sind Männer, ansonsten ist Brasiliens Regierungszentrale in weiblicher Hand. Das ist das Verdienst von Staatschefin Dilma Rousseff.
Rousseff ist die erste Frau an der Spitze des größten lateinamerikanischen Landes, sie hat wichtige Posten ihrer Regierung mit Frauen besetzt. Zehn von ihnen sitzen im Kabinett, auch der innerste Zirkel der Macht besteht bis auf eine Ausnahme aus Frauen. Und das alles ohne Quotenregelung: "Wenn sie die Wahl hat zwischen einem Mann und einer Frau mit gleicher Qualifikation, zieht sie die Frau vor", sagt Gilberto Carvalho, der Chef des Präsidialamts.
Kompetente Frauen zu finden ist nicht schwer: Die Brasilianerinnen gehen länger zur Schule und studieren häufiger als die Brasilianer. Das Land ist zwar vom Machismus geprägt, aber die Gesellschaft trägt auch matriarchalische Züge: Der Mann hat auf der Straße das Sagen, ansonsten regiert die Frau.
Ein Drittel aller Familien wird von Frauen geführt, Männer treten oft nur als Erzeuger in Erscheinung. Die Sozialhilfe "Bolsa Família" wird bevorzugt an Frauen gezahlt, sie zeigen mehr Verantwortungsbewusstsein. Dennoch verdienen berufstätige Frauen ein Drittel weniger als Männer in gleicher Position. Nur in der Politik gibt es eine Quotenregelung: 30 Prozent aller Kandidaten für Bürgermeister-, Gouverneurs- und Abgeordnetenposten müssen Frauen sein. Bislang war das ein Lippenbekenntnis: "Die Parteien behaupten, dass sie nicht genügend qualifizierte Frauen finden", klagt Marta Suplicy, Vizepräsidentin des Senats. "Aber das ist ein Vorwand, sie bemühen sich nicht."
Suplicy gehört der regierenden Arbeiterpartei (PT) an, sie hat lange für die Gleichstellung der Geschlechter gekämpft. Bekannt wurde sie in den achtziger Jahren, als sie sich im Fernsehen für Homosexuelle einsetzte.
Später regierte sie die Millionenstadt São Paulo. "Bevor ich meine Antrittsrede hielt, kam ein befreundeter Politiker zu mir und erklärte: Du sagst ein paar nette Worte zur Begrüßung, ich erläutere anschließend die Haushaltslage. Ich habe ihm erst mal klarmachen müssen, wer von uns beiden zum Bürgermeister gewählt worden ist", sagt Suplicy.
Die erbittertsten Gegner jeglicher Frauenförderung sitzen im Kongress: Religiöse Gruppen und patriarchalische Männerbünde blockieren jede Liberalisierung, etwa in der Abtreibungsfrage. "Nur in der Regierung sind wir stark", sagt Suplicy. "Das haben wir allein der Präsidentin zu verdanken."
Der allseits beliebte Präsidialamtschef Carvalho ist eine Ausnahme. Acht Jahre lang hat er unter Rousseffs Vorgänger Luiz Inácio Lula da Silva gedient, niemand kennt sich im Labyrinth der Macht besser aus als er. Für Rousseffs Frauen ist "Gilbertinho", wie sie ihn nennen, eine Art großer Bruder: Zu ihm kommen sie, wenn sie sich in den Verästelungen des Apparats verlaufen haben; bei ihm beklagen sie sich, wenn die Präsidentin sie gerüffelt hat. "Ich bin hier für den weiblichen Part zuständig", sagt Carvalho.
Unter Präsident Lula hätten sich die Männer im Palast gern an Macho-Sprüchen erwärmt, bekennt er. Das habe Lula aber nicht gehindert, eine Frau als Nachfolgerin aufzubauen. Sein Instinkt hat ihn nicht getrogen: Rousseff regiert den Männerzirkus Brasília mit strenger Hand.
Sieben Minister hat sie bislang ausgewechselt, sechs wegen diverser Korruptionsskandale. Die Patriarchen der betroffenen Parteien aus ihrem Regierungsbündnis klagten und drohten, doch die Präsidentin ließ sich nicht einschüchtern. Das politische Großreinemachen zahlt sich aus: Keiner ihrer Vorgänger war nach einem Jahr Amtszeit so beliebt wie sie. Schnell hat sie sich aus dem Schatten des Volksidols Lula gelöst. Die beiden pflegen ein herzliches Verhältnis, einmal im Monat besucht die Präsidentin ihren Amtsvorgänger in São Paulo, wo er sich wegen Kehlkopfkrebses behandeln lässt.
Aber Brasiliens eiserne Lady pflegt einen anderen Regierungsstil als ihr jovialer Vorgänger. "Lula gehorchte seinen Eingebungen und Gefühlen", sagt Carvalho. Rousseff dagegen ist im Umgang mit ihren Mitarbeitern distanziert, sie hasst Kungeleien mit Parteigrößen, Gouverneuren und Abgeordneten.
Lula flog jede Woche in irgendeinen Winkel des Riesenlandes, in der Hauptstadt hielt er es selten länger als zwei Tage aus. Seine Nachfolgerin sieht man häufiger im Büro als im Regierungs-Airbus. Auch in außenpolitischen Fragen setzt Rousseff sich von ihrem Vorgänger ab: Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad, von Lula einst aufs herzlichste empfangen, machte bei seiner Lateinamerika-Reise letzte Woche einen weiten Bogen um Brasilien: Rousseff hat das Mullah-Regime schon vor ihrem Amtsantritt scharf für seinen mittelalterlichen Umgang mit Frauen kritisiert.
Rousseff wohnt - zusammen mit Mutter und Tante - im Alvorada-Palast, der offiziellen Residenz der brasilianischen Präsidenten. Engster Vertrauter ist Carlos Araújo, der Ex-Mann und Vater ihrer Tochter, ein Mitstreiter aus gemeinsamen Tagen bei der Guerilla.
Die Streitmacht der Staatschefin in Brasília werde von "PT-Amazonen" geführt, so die Zeitung "O Globo": der Kabinettschefin, der Planungsministerin und der Ministerin für Institutionelle Beziehungen, die den Kontakt zum Parlament hält.
Das bekannteste Gesicht des Trios ist die deutschstämmige Kabinettschefin Gleisi Hoffmann. Ihren ungewöhnlichen Vornamen verdankt sie einem Rechtschreibfehler im Geburtsregister, denn ihre Eltern wollten sie eigentlich Grace nennen, in Erinnerung an den Hollywood-Star Grace Kelly. Die Männer im Kongress verspotteten die blonde Frau mit den honigfarbenen Augen anfangs als "Dilmas Barbie". Das haben sie sich schnell abgewöhnt: Hoffmann ist eine kühl kalkulierende Managerin.
Sie soll vor allem jene Großprojekte der Regierung vorantreiben, die in der Bürokratie steckengeblieben sind oder an parlamentarischen Hürden zu scheitern drohen. Hoffmann überwacht die Finanzierung der Stadien für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 sowie den Ausbau von Häfen und Energieprojekten.
Als junges Mädchen wollte sie Nonne werden, später studierte sie Marx und Engels und schloss sich den Kommunisten an. Ende der achtziger Jahre trat sie Lulas Arbeiterpartei bei, später wurde sie Finanzdirektorin des großen Wasserkraftwerks Itaipú. Im Regierungspalast erzählt man sich, wie sie damals dem ehemaligen Präsidenten Itamar Franco die Unternehmensbilanz erläuterte. "Oh, Sie verstehen ja was von Mathematik!", rief der Alte überrascht - entschuldigte sich aber später für diesen Lapsus.
"Um als Frau dieselbe Anerkennung zu finden, muss man doppelt so viel arbeiten wie ein Mann", sagt Hoffmann. Von ihrem Amtszimmer im Präsidentenpalast blickt sie weit in die Savannenlandschaft, ein spektakulärer Wolkenhimmel wölbt sich über dem Grün. Auf der Fensterbank stehen Fotos ihrer beiden Kinder.
Selten kommt sie vor zehn Uhr abends nach Hause, die Kinder liegen dann schon im Bett, eine Hausangestellte kümmert sich um sie. "Das ist typisch für dieses Land: Frauen sorgen für Frauen", sagt Hoffmann. Etwa 7,5 Millionen weibliche Hausangestellte gebe es in Brasilien: "Sie arbeiten mehr und haben weniger Rechte als die meisten Arbeiter."
Die Putzfrau von Gleisi Hoffmann hat am Wochenende frei, dann teilt sich die Kabinettschefin die Hausarbeit mit ihrem Mann: mit Kommunikationsminister Paulo Bernardo. Zwar sei Gleisi am Kabinettstisch seine Vorgesetzte, sagt Bernardo, Kompetenzgerangel gebe es zwischen ihnen aber nicht. "Meine Gegner sagen, dass sich für mich nichts geändert hat. Gleisi habe auch zu Hause schon immer die Hosen angehabt."
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 3/2012
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